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Archive for April 2010

Fights…fangen wir bei einem an, der vielleicht keiner war. An mary geburtstag dinnierten wir in der tunza-lodge, einem wunderbaren plätzchen am see gelegen für einen wunderbaren sonnenuntergang (wenn wir denn nichzt zu spät gewesen wären)… mary, pura, jadida und ich genossen ein znacht mit einem, nur einem glas rotwein, sodass mary als gewohnte biertrinkerin schläfrig geworden mitten auf dem nachhauseweg anhält und ich über die buckelpiste nach hause rumpelte. Ich weiss nicht, ob es ein kampf war, nicht einzuschlafen und mir das vertrauen zu schenken, alle drei schliefen seelig…
Dann genoss ich den himmlischen kampf am tag darauf: wenn sich wo der himmel zerfetzt, dann wohl in kiseke! Das donnern ist kein donnern mehr, der blitz muss auch neu benennt werden. Ich erwache durch herannahendes aufbauschen, horche und geniesse! Ich setze mich in die mitte des hauses und schaue auf allen vier seiten dem spektaktel zu. Die spektakel steht in keinem bisher gekannten vergleich. Das donnergrollen eine herrliche quadrophonie; die blitze so grellgelb, das ganze quartier ist erleuchtet, als hätte jedes haus tausend glühbirnen brennen, du musst die augen schliessen, solange leuchtet es!

dann, lege dich nicht mit polizistinnen an! Friedlich im dala-dala-sitzend richtung city „kontrolle“. Wie das, der „busguide“ hievt leute rein und kassiert irgendwann mal während der fahrt mittels handzeichen (250 schilingi, 18 rp, egal ob für eine minute oder eine halbe stunde fahrt), quittung gibts keine. Aha, nicht wir sind die schwarzfahrer, sondern der busfahrer. Er ist nicht für diese strecke vorgesehen, er hat in anderem hoheitsgebiet gefischt! So müssen wir uns alle einen anderen dala-dala suchen und die polizistinnen fahren mit dem ganzen sünderbus zur station…
herrlich amüsant war der daraus resultierende kampf zwischen zwei busguides, welche die mwzungu unbedingt in ihrem gefährt haben wollten. Echt wie zwei kleine jungs haben sie sich im gras gerauft – und als ich mich entschieden hatte, gingen die partie parolenmässig lautstark an den immer zeitgleich frequentierten halteplätzen zwischen den beiden weiter…

Dem scheinbar nicht genug, werde ich „opfer“ eines verrückten. In der einen strasse, wo schon der dieb hinter mir her war, nahm ich rechts von mir wohl unbewusst aber doch richtig eine total schwarz gekleidete, vollbartige, wuschelhaarige kreatur war. Und reflexrichtig duckte ich mich, als die faust kam! Eeehh, klingt es aus den marktfrauenmünder. Ich laufe etwas im zickzack über die ausgelegte ware und merke, wie er mir folgt und schattenboxmässig auf mich einprügelt! Komisches gefühl, auf diese art von fights kann ich verzichten… mein innerer kampf wird nun sein, diese strasse zu meiden, zwei winks sollten genügen…

Dann ist da der kaum begonnene schon gewonnene kampf –zumindest die erste runde. Mary und ich haben bei der tour mit father georgy ein bijou entdeckt, welches sich hervorragend als museum eignen würde – auch etwas, das mzwanza nicht hat. Nach unseren erkundigen hiess es, das gebäude aus der deutschen kolonialzeit sei verkauft, werde verkauft, soll abgerissen werden, wir hätten so oder so keine chance, blablabla. Ich packte mary, als wir mal ein meeting ausgefallen ist, um beim city council vorzusprechen. Der war ganz „offen“, und schickte uns an eine weitere adresse. Dort stiessen wir auch auf offene ohren und erhielten eine adresse für unser gesuch. Ich machte mary eine laaange liste, mit „warum-ein-museum“ und schrieb auch punkte auf, die als gegenargumente kommen könnten und meinte, wir müssen vorbereitet sein und dürfen nicht gleich alle pluspunkte darlegen. Durch dies kam ihr die idee, bei jemandem bekannten anzufragen, was dagegen sprechen könnte. Ha, sie wurde von ort zu ort verwiesen und jetzt wird das gebäude auf unser gesuch hin offiziell von dar-es-salam aus unter denkmalschutz gestellt werden!!! Neben dem, dass die nutzung für ein museum greifbar nahe ist!! Ha, so macht kämpfen spass!!!

Der bevorstehende ist der, wie schaffe ich es, den gewissen herren meinen brand für mwanza zu verkaufen – aber da bin ich zuversichtlich, wie auch, dass es wohl „bald“ die ersten postkarten von dieser wunderschönen gegend geben wird…! …Ich habe noch fünf monate runden zeit……….
Und heute abend? der definitiv schwerste kampf für eine frau überhaupt: gehe clubben ins villapark – also, was ziehe ich an??????

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Tierisches und anderes Feines… Es summt und brummt. Immer wieder neue Geräusche und neue Gestalten. Mein erster ungebetener Besuch ist eine rote Hornisse, tief purpurrot. Nach zwei Tagen flirrend gegen die Fensterscheiben klirrend ist sie einfach tot. Die Speszies sei ungefährlich, was heisst, stechfrei. So bleibt der restliche Clan geduldet. Vor der Haustüre baumelnd entsteht deren weissgetünchter Wohnblock. Ebenfall die Farbe eingetauscht haben die vollwuscheligen Hummeln: in Weiss oder Knallorange, hübsch und laut. Dann sind da die unterschiedlichsten Heuschrecken und Grasshoppers: Kleine hellmaisgelbe doppelschnalzen beim Fortwärtshüpfen, kleine Grasgrüne halten rasensprengerklingend Rast und die fettdaumengrossen beigen Krickets dürfen nachts dezibelgrenzwärtig ihr Abschlusskonzert geben, bevor sie den Ameisen zum Frühstück verzehrt werden. Ich muss mir echt auf den Wegen zwischendurch die Ohren zuhalten!

Spinnen? Ja, selbstverständlich auch die gibt es; allerdings so flach, dass man sich zuerst fragt, ob man sie nicht selber plattgemacht hat. Und wenn du deine Schuhe vor der Haustüre platziert hast, dann schaue vor dem Reinschlüpfen rein: Ich hab gerade einen knorrigen kuglgen Riesenkäfer erwischt, wie der von der Decke fallend exakt einlochte.

Neben dem Dämmerungszirpen gibts daily das nervige Moskitosummen, der erste Hahnen-schrei vor drei Uhr morgens und das nächtliche Hundegeheul auch ohne Vollmond. Around sieben Uhr rufen die Stimmen der Gärtner, Handwerker und hausierenden Menschen „habari za asubuhi“. Ebenfalls Guten-Morgen. Ich schlafe wunderbar, gewöhne mich schnell an die natürliche Geräuschkulisse. Aber auch an die geräuschvolle Nachbarschaft. Das geht gar nicht anders: Bei durchluftigen Glasjalousiefenster und Moskitonetzrahmen wird kein Geräusch gedämpft und manchmal – egal welche Tages- oder Nachtzeit – hat der Mensch das Bedürfnis nach powerhaftem Sound…. Bongo-Gospel vom Feinsten gab es eine Stunde lang bei Josephines Rückkehr zur Geisterstunde – die ganze Siedlung (wohl alle achthundert Häuschen), weiss, dass sie gerade wieder da ist….

Ja, Musik. Das teilweise vertraute Vogelgezwitscher geniesse ich, auch die komplett neuen Kompositionen, wunderbar virtuos. Die Spatzen sind doppelt so fett wie die unsrigen. Mein gefederter Favorit ist ein kanarienkleines Vögelchen, oben anthrazit, bauchig rauchblau; das Männchen hat süsse knallrote Bäckchen.

Genauso unterschiedlich sind die Echsenarten. Die metergrossen im Wasser – was bin ich erschrocken, als es neben mir pflutscht – die fast visiblen sandbeigen Kleinen mit unschuldigen schwarzen Knopfaugen, die Braunen, die Grünen, die Gestreiften und dann die sonderbar knalligen Orange-Violetten…

Auch super gefallen mir auf dem Weg ins Village die Kuhherden. Sie sind gespickt mit Zieglein; beide jeglichen Alters und jeglicher glatter oder gesprenkelter Farbstruktur entweder mit langen Hörnern oder eben mit kurzen Stummeln. Friedlich sind sie alle und polepole lässt man diese fellfühlig links und rechts vorbeiziehen.

Und wenn wir schon bei diesen Viechern sind: Das Fleisch ist nicht immer gaumenzart, dafür garantiert Bio. Das Kuku (Huhn) ist mager, das Mishkaki (Rindsgeschnetzeltes) mitteltrocken und feisses Nguruwe (grunzgrunz) gibts juhee, eher selten und ist entsprechend teurer. Als Ausgleich kein Kommentar zu den geschmackvollen Ananas & Mangos & Friends. Von den Barschen, da schmeckt mir der Tilapia (Buntbarsch) sehr, seine Geräte sind stricknadel gross und dick. Der „böse“ Victoriafisch Sangala Nilbarsch, der, welcher nach seiner Aussetzung im Lake Viktoria von den über dreissig Fischsorten alle bis auf eine Handvoll ausrottend aufgefressen hat, den mag ich am liebsten geräuchert. Mein Glück, dass mangels Kühlschränke die Ware vielfach auf diese Weise frischgehalten wird. Dann gibts die getrockneten silbernen Frischwassersardinchen Dagaa – gar nicht mein Geschmack, ob jetzt in Suppen oder als Snack. Oft gibt es auch die roten Fürzli-Bohnen anstelle von Fisch oder Fleisch – zu meiner Freude werden sie ihrem Namen nicht gerecht. Was mir auch toll schmeckt ist der Kochbananeneintopf, je nach Tribe mit Erdnüssen gespickt. Reis ist die zweithäufigste Beilage, ich bevorzuge erstere: Ugali (Mais-, Kassawa, Etc- Brei). Und sowieso, mit den Händen essen – ein unbeschreiblicher Genuss! Ob zum Frühstück, zum Mittag- oder zum Abendessen überall gibts die bereits bekannte Omelette mit Kartoffeln (Chipsi Mayai); das Eigelb ist meistens auch weiss. Und bei meinem Frühstückshonig daheim wurden als Herstellergarantie gleich einige Produzenten mit in die Flasche gepackt. Für das Gemüse und die Früchte habe ich schon „meinen“ Stammstand wie auch für die leckeren handgerollten Sesam-in-Honig-Bällchen…

Trinken? Wasser, Wasser und nochmals Wasser; daheim abgekocht, draussen gekaufte Pet-flaschen. Bei einer Pause unterwegs gönne ich mir eine Coke (keine zero, light oder diet, gibts nur in überteuerten Supermärkten zu kaufen) oder ein Kest (Schweppes Tonic) oder Mirinda Erbeer“Coke“ oder Tangawizi Ingwersoda. Leckerer frischer Avocadosaft entdecke ich und abends gibst ein Bierchen. Ich als Biertrinkerin, was ganz Neues!!

Apropos Köstlichkeiten: die Fischaugen – ich konnte es mir doch nicht verkneifen – die schmecken wie weiches, Rosmarin-mariniertes Rindfleischmark…

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Andrea Wobmann, Mwanza Lake Victoria Tanzania - authentic Africa!Andrea Wobmann, Mwanza Lake Victoria Tanzania - authentic Africa!

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Einfach nett und goldig… So geht das! Zurück zu meinem nächtlichen Überraschungs-Swimmingpool. Nachdem mein Häuschen nach der Reparatur wieder blitzeblanke strahlt, die beigen Bodenplatten ihre erste Generalreinigung vorzeitig erhielten, gibt es zweitagelang keinen Strom. Mittig läuft wenigstens wieder Wasser. Aber nur solange, bis ich am Duschen bin! Also vollständig aufgeschäumt eingeseift (jetzt bitte nichts in die Augen), heisst es vorsichtig in die Küche tappsen, wasserschnapp und mit der (letzten vorrätigen) Einliter-Petflasche Shampoo und Seife rausbringen – wirklich, eine Meisterleistung! Noch ein weiterer Tag, es gibt wieder Wasser. Ich koche mir gutgelaunt meinen Morgenkaffee… möchte diesen kochen… Ich drehe den Küchenhahn auf und mit einem Riesenknall spickts den Hahnen weg und eine filmreife Wasserfontaine lässt mächtig Dampf ab. Ich, eine Lachhundert-selschreckenssekunde verdaddert mit dem aufgefangenen Hahnenknopf in der Hand, ver-suche diesen an seinen Platz zu drücken – no chance!! Was mache ich jetzt? Stehe ich nun dumm, schwertropfend klitschnass breitbeinig da und klemme händlings das Wasser ab – bis mal vielleicht per-äxgüsi irgendjemand vor meinem Küchenfenster vorbeigeht? Dieser Wasserstrahl, ich entleere ja noch den ganzen Viktoriasee, …nicht fluchen… Aber, knurzend, drehend, knickend, ich werde doch das doofe Teil draufkriegen…. Läuft denn niemand draussen vorbei… Himmel… Geistesgedankenblitz, der eine rote Drehhahn da draussen vor dem Haus könnte die Wasserleitung sein. – Et voilà! Es schletzt mich zwar ums eck-driffend auf dem Plättliboden fast auf die Schn…, aber es hört auf! Zumindest aus dem Anschluss. Rundum, von den Wänden und von der Diele tropft es unablässig. Ich steh da wie ein be-gossener Pudel; ein weiterer Lachanfall. Das kann ja heiter werden die nächsten Monate. Dann ist halt heute wieder nichts mehr mit Wasser und es dauert auch zwei Tage, bis (ein anderer) Fundi kommt. Dafür gibt es ein – wenn auch knapp zu kurzes – goldenes Hähnchen!

Mary is back. Wir fahren in die Stadt. Es steht eine weitere Sitzung an. Für mich ist es die erste für das erste öffentliche Büro „ITO Info Tourismus Office“ von Mwanza. Ich glaube, ich habe mit meinen Neulingsfragen einiges aufs Parkett gebracht. Mary hat eineinhalb Jahre für ein bestimmtes Gebäude gekämpft. Die behördliche Bewilligung ist endlich da. Der Raum steht schon lange leer, vielmehr wird von der Stadt als „Altpapierlager“ missbraucht. Er liegt perfekt eingangs Stadt zwischen der bekannten Ghandi-Hall und der mittelminderbeschäftigten Feuerwehr. Der Standort wird uns für vorerst eineinhalb Jahre zugesprochen, retour ab März 2010. Rückwirkend?! Da müssen wir uns aber beeilen. Beziehungsweise die Stadt soll schnell all die alten, abgelaufenen Wahlzettel entsorgen, all das Kistengestapel bis zur sechs Meter hohen Decke. Neue Ideen kommen auf den Tisch, neue Ämtli werden verteilt, wir treffen uns in zwei Wochen wieder.

Mein erster Bankbezug-Test mit der normalen EC-Card ist erfolgreich und die Pizza (Marys grösstes Glück) in der einzigen Pizzeria der Stadt schmeckt ganz gut. Allerdings gefällt mir der Bedienservice nicht so ganz. Die Kellnerinnen schauen dich an, jetzt musst du ein schlechtes Gewissen haben, dass sie was arbeiten müssen. Die Pizzeria liegt gleich neben der Indischen Bibliothek. Auf dessen Vorplatz wurde 1957 mit neun Staatsoberhäuptern (aus Kenya, Nyasaland, Tanganyika, Uganda, Zanzibar, Rhodesien) PanAfrican Freedom Movement of East and Central Africa (PAFMECA) gegründet. Das Pizzeriagelände gehört auch den Indern. Sie haben es zum Restaurant freigegeben unter der Voraussetzung, dass diese vegan bleibt. Beim Lunch lerne ich Mister Mmary kennen. Er ist der Geschäftsinhaber der Lederwarenfabrik Jaeldt. Qualitativ hochstehende Ware verkauft er in seinem Stadtladen, die Fabrik befindet sich Richtung Flughafen hinaus. Sein Sortiment geht über kleine Schlüsselanhänger, über Gürtel, zu massgeschneiderten Schuhen, Kosmetik- und Handtaschen und dergleichen, bis zu Bildern, Mobiliar und fein ausgestopften Safari-Tieren. Tanzania besitzt die drittgrösste Anzahl Vieh in Afrika, Leder ist einer der Hauptexportgüter. Mmary hat eine gewinnbringende Art an sich. Von seinem „europäischen“ Businessdenken profitiert die MTTF viel, und auf seinem kritischen Diskussionsniveau verstehe ich mich blendend mit ihm.

Mary fährt zu einem Arzttermin. Ich bleibe. Ich will mir noch ein langes Kleid kaufen – es sollten schon zwei im nicht vorhandenen Schrank hängen. Ich schlendere den offenen Marktständen entlang und mache schnell und ganz nett die eine oder andere Bekanntschaft. Kein Wunder, so als einzige Mzungu weit und breit. Rama, bei dem ich schliesslich was anprobiere und auch kaufe, macht mir ganz selbstverständlich ein Affärenangebot. Wie bitte? Erstens bist du über zehn Jahre jünger als ich und zweitens, lass mir doch etwas Zeit, die Angebote erstmal zu durchwühlen, lache ich ihn an. „Nein, warum“, kontert er charmant ungezwungen „Wir sind uns doch auf Anhieb sympathisch, da müssen wir nicht mehr lange rumschauen. Und schliesslich gehört sich eine Liason einfach.“ Na dann… aber ganz mein Typ bist du nicht und ich nehm auch nicht jeden, der mir gerade „sympathisch“ ist, wo käme ich da hin!

Auch nett und doch weniger schön ist dann, wie ein junger Mann mir auf dem äusseren Lebensmittelmarktareal nachrennt und mich eindringlich mahnt, „Mama, Mama, there’s a thief behind you“! Das ist er denn auch, der Dieb. Ich drehe mich weiter um und denke, soso, hat dir das vorhin Wegschubsen nicht gereicht. Dieser Typ tat so, als wäre er beim Testen eines Autoreifen versehentlich an mich geraten. Ich bleibe also wartend stehen und schaue ihn direkt an – er verlangsamt seinen Schritt… und senkt den Blick ganz schön tief, als er an mir vorbeigeht. Einige Marktfrauen lachen laut Beifall.

Nur nett ist dann im vollen Dala-Dala (Bus), wenn du stehst und ein sitzender Herr unaufge-fordert forsch dir die Einkaufstüte abnimmt. Er hütet diese auf seinem Schoss bis zum eigenen Aussteigen. Fast nur nett im Gedränge ist auch der wohlgeformt umfangreiche, feste und zugleich weiche Hinterteil, der sich von der vor dir stehenden Big-Mama in deinen Bauch bohrt. Weniger nett ist, dass du selber keinen Milimeter rückwärts rücken kannst, weil sonst der sitzende junge Mann hinter dir deinen Allerwertesten in seinem Gesicht hat. Und nett ist dann auch wieder, wenn du bei der Sabasaba Kiseke Kreuzung für die Weiterfahrt ein Pikipiki (Mototaxi) auswählen willst, dabei ein weiterer Dala-Dala um die Ecke prescht, deinen Namen rufend dich auflädt und ein dutzend verwirrte Mofafahrer zurücklässt…

Mit Nsajigwa besuche ich das tradtionelle Museum in Bujora Richtung Kisese. Ich finde es etwas ungewöhnlich, wie er sich ungelenk nach den richtigen Bussen durch die Stadt durch-fragen muss. Was hat er denn bisher gemacht. Lohn bezieht er, und verhältnismässig keinen schlechten… Soll nicht meine Angelegenheit sein. Die Dala-Dala-Fahrt zeigt mir wieder neue Gesichter der Stone-Town, andere Strassen, von Coke, Fanta&Co bemalte Reklamenhütten und Steine, neue Slums und Felsformationen. Auch den kurzen Freiluftteil auf dem Fahr-radtaxi geniesse ich – ich muss mich nicht in der brütenden Hitze abstrampeln.

Das Bujora Cultural Center steht seit den Fünfzigern unverändert da. Zu seinen Gründungs-zeiten hat es der canadische weisse Pfarrer Davide Clement vorbildlich geschafft, die Mzungu-Religion mit den traditionellen Riten zu vereinen. Er wollte explizit nicht, dass die Lo-kalbevölkerung die eigenen Traditionen und Riten zugunsten der Christlichen Religion voll-ständig aufgibt. Ein Vorzeigebeispiel ist die Kirche zwischen den mit Phytonleder und Fetisch ausgekleideten Lehmhütten und den Ahnengräber davor. In der Kirche sind die „Dekoration“ sowie auch das Taufbecken oder der Altar in traditionellem Sukuma-Stil, stammtypisch gemustert, königlich traditionell untermalt mit den Farben weiss, rot, blau. Die Kirchenlieder wurden 1953 in Suaheli übersetzt. Die Kirchenmessen sind heute noch gleichermassen massig besucht wie zu Gründungszeiten. Die Sukuma gehören zum grössten Volksstamm in Tanzania, sie stellen dreizehn Prozent der Gesamtbevölkerung dar. Die Krieger und Angehörige des Stammes Sukuma haben seit Urgedenken bis heute keine handfesten Kämpfe geführt; nicht mit anderen Ländern, anderen Tribes (Stämmen) und auch nicht innerhalb der Familien. Alle Ungereimtheiten wurden und werden mittels einem Brettspiel ausgefochten. Dieses wird heute gerne überall zum Zeitvertreib gespielt. Die Regeln finde ich nicht heraus. Die haufenweise Steinchen fliegen zu schnell von einer Mulde in eine der unzählig Anderen. Die Schlangentänze der Sukuma(-Krieger) sind über die Landesgrenze aus berühmt. Alljährlich strömen die Zuschauer für den traditionellen Wettbewerb zusammen. Zufällig werden wir heute Abend eine kleine Aufführung im Isamilo sehen können. Und eine weitere Tradition finde ich interessant. Die Mahlsteine liegen wie immer in Reih und Glied nebeneinander und werden für das tägliche Gemahlene von den Ehefrauen beansprucht. Doch einmal im Jahr – ich taufe es den Housewife-Contest – bearbeiten die heiratsfähigen, -willigen und -wütigen Frauen das Getreide. Die angehenden Familienväter stehen davor und wählen anhand des Händlingsgeschicks ihre Braut aus. Ein Auf-Sie-Zukommen, ein Hand-Reichen und wenn sie einschlägt, besiegelte Sache!

Der Nsajigwa ist seit zwei Monaten in Mwanza? Und ich das dritte Mal in Town und muss ihm zeigen, wo es durch geht? Sein Orientierungssinn ist wahrlich keiner. Er fragt auf dem Rück-fahrt, wo wir für unseren Weiterweg am besten aussteigen. Was hier? Da sind wir doch noch meilenweit vom Stadtkern entfernt. Soviel sehe ich wohl, aber ich fange nicht an zu streiten. Deshalb laufen wir schlussendlich eine lange Dreiviertelstunde in der sengenden Hitze dem Zentrum entgegen. Dort angekommen versucht Nsajigwa mir den grossen (westlichen) Lebensmittelladen zu zeigen – so kommen noch unnötige Ecken hinzu. Dann zur Isamilo-Lodge hinauf müssen wir einen Dala-Dala nehmen, der Herr wird langsam müde. Wenn ich das gewusst hätte: dieses kurze Stück zickzackholperdipolter, da wären wir zu Fuss schon lange straight angekommen!

Im Hotel treffe ich auf John Sombi, der auch bei der letzten MTTF mit dabei war. Ein hoch-gewachsener, stolzer, sehr charismatischer Mann; ich tippe auf schwul. Er übergibt mir seine Digicam. Ich filme die Aufführung der unterschiedlichen Schlangentänze und lasse mir nebenbei als einzige Frau eine Riesenschlange umlegen. Ich weiss vom Nachmittag her, dass die Truppe das Gegengift immer mit dabei hat. Zudem, mit ein bisschen Beobachtungsgabe realisiert man, dass der Tänzer dem Reptil nonstop die Gurgel zuhält. Schlangenunkundig wie ich bin, tippe ich aber eher auf eine ungiftige Phyton… Auch unter den Zuschauer sind eine ganze Horde Wazungu. Sie arbeiten hauptsächlich im öffentlichen Spital Bugando (bei-spielsweise durch Interteam verpflichten sie sich von einer handvoll Wochen bis zu drei Jahren). Ich werde feststellen, dass diese Weissen, wie anderwo auf dem Globus, gerne unter sich bleiben. Sie gehen quasi nur an öffentliche Veranstaltungen, wenn diese von Gleichfarbigen und westlich geprägten Charakteren organisiert sind. Auch trifft man sie seltenst am Markt an (ich sehe jedenfalls nie welche) und beim Eindunkeln huschen sie schnell ins sichere Daheim. Ich finde, die verpassen doch echt was! Dass alle seit Ewigkeiten – vom ältesten Doktor bis zum jüngsten Baby – wöchentliche Malariaprophylaxe schlucken und Desinfektionsmittelchen bei sich tragen, das ist wohl eine „Berufskrankheit“. Apropos, ich habe mich entschlossen, keine vorbeugenden Pillen zu schlucken – ein halbes Jahr Chemie, nein danke. Und wenn ich fühlen werde, dass ich eine „Grippe“ kriege, dann kann ich mich hier quasi an jeder Strassenecke mittels kleinem Picks malariatesten lassen.

Das Teacher-College in Butimba steht auf dem Programm. Das heisst, ein weiterer Tag, eine weitere Entdeckungsreise, weitere Strecken herrlicher rockiger Eindrücke. Auch schön finde ich die knallorangenen Tupfer auf den tiefgrünen Feldern. Was für eine Berufsbekleidung ist das? Hüte dich, Insassen – wir durchfahren Gefängnisareal…. Noch ein Stückchen, dann sind wir nach einer knappen Stundenfahrt am Ziel. Auf dem Schulcampus schreibt sich Nsajigwa grosspurig für uns beide im Gästebuch ein – gehts noch? Auch die Portiers ziehen die Au-genbrauen hoch. Ich smile nur schulterzuckend und kriege auf meine Frage hin tatsächlich eine Fotobewilligung. Das Geknipse ist nämlich nicht überall gern gesehen oder gar sehr uner-wünscht. Die Lehrer-Uni für die 1200 Studenten liegt wunderbar grün eingebettet in einer Seenische. Tolle Baumformen ragen zwischen den Felsen hervor und ein wunderschönes (Picknick-)Plätzchen begrüsst uns am Ufer – wenn da gewisse unkalkulierbare Lake-Flies-Schwärme nicht stressig wären. Ich bekomme nur ein Hauch davon mit, wie unangenehm diese in vollem Aufflug sein können. Ich studiere auch zum ersten mal live die flinken gelben Webervögel. Das sind die, welche die kunstvollen, hängenden Behausungen basteln; und es fliegt mir sogar ein leeres Nest vor die Füsse – asante sana, vielen Dank! Die Schulleitung zeigt uns ihr Künstleratelier und das gibt mir die Idee, allenfalls zusammen mit Touristen einen Workshop zu kreiieren. Generell ist das College offen für meinen Vorschlag, dass wir eventuell Diskussionsrunden zwischen Studenten und Reisenden organisieren könnten. Allerdings müssten auf dem Weg hierhin noch weitere Attraktionen gefunden werden, sonst könnte es den Touristen zu langweilig werden.

Nsajigwa hat noch zwei weitere Ziele im Kopf. Wir müssen scheinbar zurück zum Ausgangs-punkt Mainbusstation Mwanza City. Dort kann er sich nicht entscheiden, welchen der beiden Orte er anpeilen soll. Dann sag mir doch endlich mal, wo die denn ungefähr liegen. Kageye vierzig Kilometer nach links oder Nyegezi/Malimbe fünfzehn Minuten nach rechts. Aber von Rechts kommen wir doch gerade oder? Pardon, Mitte Retourweg hätten wir nur statt hierher nach dorthin umsteigen müssen. Und für Kageye ist es mitte Nachmittag wohl etwas sehr zu spät. Meine logischen Folgerungen passen Nsajigwa eigentlich nicht. Aber ich bin nun mal praktisch veranlagt und fasse schnell Entscheidungen. Wir fahren zurück, Richtung rechts, woher wir gerade kommen (unnötiger Busticket- und Zeitverschleiss). Wir finden die versteckte „Hotalanlage“ vom Lavenabeach. Auf dem Weg dorthin auf einem Pikipiki bin ich ganz Ohr. Der junge Driver hat eine sagenhafte fesselnde Stimme. Ich bitte ihn, auch wenn ich absolut nichts davon verstehen werde, mir was zu erzählen. Der ist voll süss schüchtern stolz über mein Kompliment und unterhält mich prächtig durch seinen wohlig warmen, tiefen holperfreien Ton. Lavenabeach selber: Nzuri, nice – aber für mich „langweilig“ perfekt herausgeputzt. Einzig speziell finde ich die Riiti-Seili: die Sitze bestehen aus Pneus. Eigentlich nichts Aussergewöhnliches, aber sie sind, nicht wie bei uns quer, sondern längs aufgeschlitzt, wie übergrosse Gummihosen… Am Lavena-Strand markiert Nsajigwa den grossen Herrn und spendiert den Pikipiki-Drivern und dem Gärtner Limonade. Ich habe darauf keine Lust und mache mich alleine auf Entdeckungstour ausserhalb des eingezäunten Geländes. Schön die hellblaue Stille. Und danke: Plötzlich gehe ich eingehüllt in einer dunkellilanen Libellenwolke, keine Ahnung woher diese spätnachmittägliche Eskorte herkommt.

Tagsdarauf, kaum hell, nehmen wir uns das Zweite der gestrigen drei Ziele vor: Kageye. Es ist ein historischer Platz. Knapp zwanzig Jahre nach der Entdeckung des Lake Viktoria, hat Sir Henry Stanley 1875 diesen als erster Weisser vollständig umrundete. Hier in Kageye stand ein Basecamp. Victa, mein allererster Mototaxi-Driver macht uns für dorthin einen guten Preis. Da staunt der Nsajigwa, dass ich im Gegensatz zu ihm (schon) solche persönliche Kontakte habe.

Wir tuckern Freiluft je vierzig Kilometer hin und zurück am Lake entlang. Wie im Film ziehen die bunten, sandstaubigen Kulissen der Dörfer und Reisfelder und Mangoplantagen und Felsen und Strände an mir vorbei. Nach über einer Stunde einen ersten Stop: Victa (eigentlich Victor, geklungen aber eben Victa und ich bleib dabei) hält zuerst bei der Fischerstadt Kayenze. Bis zu fünfzehn Tonnen Frischgefischtes werden täglich den Fabriken für den Export geliefert. Die kleinen silbernen Fischchen werden für drei Stunden auf dem Sand zum Trocknen ausgelegt. Dahinter warten die Marabouts geduldig auf die unbrauchbaren Resten. Igitt, Marabouts. In meiner Vorstellung waren dieses schöne, stolze, stille Vögel. Aber die hier, das sind die fliegenden Strassenreiniger; generell sehe ich sie auf den Abfallbergen rumstochern. Wir melden uns Eingangs Fischertor beim Pförtner an. Dieser holt den Chef. Wir erklären uns und bekommen usus das Gästebuch vorgelegt – ich bin schneller und kralle mir den Stift. Leider heisst es aber trotzdem „draussen“ bleiben. Es gibt auch keine Fotobewilligung. Aber ich werde versuchen, mir eine Nacht zu arrangieren, wo ich um Mitternacht für sechs Stunden mit den Fischern raus darf…

Dann weiter nach Kageye zu Sir Henry Morton Stanley (geboren 1841 als John Rowlands, 1904+); er war britisch-amerikanischer Journalist, Afrikaforscher und Buchautor war. Man nannte ihn auch Bula Matari (der die Steine bricht). Bekannt wurde er für seine Suche nach David Livingstone und die Erschliessung des Kongo. Seine Reisen hat der angeblich sehr cho-lerische Mann akrybisch festgehalten. Hier in Kageye, District Mwanza, befand sich ein Ba-sislager. Ich geniesse die historischen Geschichten über das „tolerierte“ Zusammenleben zwischen den Arabern, den Weissen und den Einheimischen. Dieses war sogar fast voll-kommen friedlich: Nur eine Mutter hat ihren Sohn vergiftet, weil sie nicht wollte, dass er sich mit auf die gefährliche Rundreise begibt. Ich entdecke wieder die Hausfrauen-Contest-Stones und andere verschiedene rohe Steine, welche als Grabmerkmale dienen. Der einzig eckige eingravierte Grabstein, der gefällt mir besonders wegen der Inschrift. Henry Stanley hat nach und auf einer Rückreise von Zanzibar zu diesem Platz ein paar seiner Schleppsklaven und auch einer seiner Vertrauenshüter verloren – durch Krankheit, Flucht, oder… da steht am Schluss der aufgezählten Eingemeisselten: …. killed at beerparty (gemeint sei aber „durch“ Alkoholkonsum).

Ich sitze bei der Sklavenhaltungsmauer, stehe in Stanleys Zelt (welches betonmässig nach-gebaut wurde) und raste auf dem damaligen Besuchsempfangsplatz. Und ich stehe zum ersten Mal mit meinen eigenen Füssen in diesem Weltensee. Ich zapple freudig kleinmädchenlike, tolles Gefühl … und natürlich kann ich es mir dann nicht nehmen (wer kann meinen charmanten Bitten schon widerstehen…), auf den wunderschön grossen verastverwinkelten Baum zu klettern, der über dem einstigen Männerrat wachte.

Etwas vergass ich fast, das war lustig: Auf dem gestrigen Weg nach Butimba setze ich mich im Daladala vorne neben dem Fahrer. Ich kaufe mir durchs Fenster ein Vanilleeis und warte genüsslich auf die Abfahrt. Nach ein paar Schlecks, fällt mir auf, wie dabei jedesmal ein tiefes Gebrummel aufsteigt und wieder verrebt. Was soll man dazu sagen: links entfernt von mir sitzt eine Horde Männer im Schatten und beobachtet mich kommentarlaut, als wär ich – sagen wir mal – ein Fussballspiel! Ein paar lachende laute Gesten auf beiden Seiten und ich geniesse weiter. Ausgleichend gerecht finde ich dann die Szene in Kageye. Während des Rundgangs stehen wir ungewollt in einer vielbefahrenen Ameisenstrasse. Mir eilen die kleinen Wesen nicht das Bein hinauf. Aber: Drei tanzend kratzend hüpfende Männer, welche zur endgültigen Befreiung die Hosen vor mir runterlassen müssen!!

Die Tage vergehen viel zu schnell. Der Abschluss ist immer noch das Abendessen bei Mary in Kiseke PPF. Auf dem Weg zu ihr, bei dem einem Grundstück, freue ich mich auf die fast immer grüssende Stimme aus dem Nichts. Mal kommt sie von rechts, mal höre ich sie von links. Seit dem Halbmond hat sie einen schemenhaften Umriss erhalten. Eine angenehme, ältere Stimme, die mir nachtblindes Huhn jeden Abend irgendwas Schönes in Swahili wünscht… Lala salama, gute Nacht.

Zu meine (bisherigen) permanenten Stars: Mary Consolata Kalikawe-Kalemera: einfach ein Goldschatz! Eine Fighterin, unermüdlich, grosszügig, herzlich. Die 55jährige ist Mutter zweier erwachsenen Kinder, welche beide Design studiert haben (Aaron im IT-Graphikbereich ist momentan in den USA, Kemi designed und weibelt für Mode in Dar-es-Salam). Mary lacht gerne und lässt sich gerne zum Lachen bringen. Jeden Tag sucht sie xmal ihre Autoschlüssel und es sprudeln unendlich Gedankenblitze aus ihrem Mund – das haben wir gemeinsam – das Mundwerk. Mit ihren hundert auferlegten Aufgaben ist vieles erst im letzten Moment und wenn „unwichtig“ noch etwas drüber fertig – aber immer vollständig exakt! Ich habe sie an meiner ersten Sitzungsteilnahme als überaus souveräne Geschäftsfrau erlebt. Auch ihr Rumrennen für die Meetings in Dares-Salaam haben sich gelohnt: in der nationalen Ta-gesschau werden ungeschnitten ganze zwei Minuten ihrer Rede während der Medienkonfe-renz übertragen. Mary hatte mit vier weiteren Frauen vor neun Jahren Kiroyeratours & Consulting gegründet. Der Name ist ein Akronym aus Ekiro und Kyere, was soviel heisst, wie „Licht ins Dunkel bringen“. Das Programm Ehrensache: Propoor- Cultural-Tourism, Wildlife Ecology and Environment Conservation, Education and Training, Event Planning, Business Skills. Gestartet sind sie in ihrer Heimatstadt Bukoba (die Fährennachtüberfahrt entfernt). Kiroyeratours hat einige nationale und internationale Preise gewonnen (2006, best Cultural Tourism Company by the Tanzanian Cultural Trust Found Zeze Award; 2006 the UN Habitant MILGAP award for EastAfrica; 2005 Marys Nomination among the Top 10 African Business Women in the Pan African women Invent and Innovate PAWII in Ghana; 2004 international Tourism trophy in Madrid Spain, etc.). Und nun beginnt Kiroyera in Mwanza und ich bin von Anfang an mit dabei. Mit Mary zu diskutieren, Ideen auszutauschen, rumzuweibeln macht anstrengend viel Spass. Nach jedem Meeting, nach jeder Tour habe ich wieder neue Ideen von denen sie begeistert ist und das spornt wiederum mich an. Wir sind ein gutes Team. Sie mag jetzt schon nicht daran denken, dass ich „nur“ bis Ende September hier bin. Obwohl sie nach zwei Wochen schon händeringend lachte, ich könne wieder nach Hause gehen, mein erwartetes Soll sei längstens erfüllt!

Dann Pura: „Hausmädchen“, um die 30ig. Hilfsbereit aus einer natürlichen Selbstverständ-lichkeit heraus, wie ich es bisher selten erlebt habe. Schade spricht sie kein englisch. Mary nahm Pura vor sieben Jahren in ihr Haus auf; sie beschreibt sie als ihr Goldstück, und das ist Pura wirklich. Herrlich ist es mitanzusehen, wie sie bei Männerarbeiten handfest mitanpackt und als Allrounder-Fundi überaus talentiert ist! Pura lacht gerne laut und etwas rauh, ihr wei-cher Kern lässt sie nicht schnell durchscheinen. Ihr erstes sms „I miss you, good neght“ werde ich sorgfältig hüten. Pura wurde, wenn auch schon lange volljährig, doch unverheiratet schwanger. Nach der Niederkunft musste sie ihre Tochter Marina der Grossmutter abgeben und die Familie verlassen (nicht unüblich in Afrika). Das erklärt mir ihre äusserst männliche kleidungsweise. Ich bin gespannt, ob ich sie jemals in was anderem als praktischen Hosen sehen werde (ausser auf einem ururualten Foto).

Jadida (Muslimin) ist neunzehn Jahre alt und zweites Hausmädchen. Vierzehnjährig war sie, als Mary sie „aufgelesen“ hat. Kiroyera versuchte das Waisenhaus in Bukoba zu schliessen, in welchem die Greise Hausmutter Khadija Khalfan alleine über siebzig Kinder hütete. Die Schützlinge waren alle unterernährt, schmutzig, verlaust und krank. Adoptionsgesuche – auch aus Amerika – lehnte sie permanent ab. Sie selber lebte nicht schlecht vom Geld, das sie für die Kinder bekam… Mary fand jeden Morgen (bis zwanzig Kinder) in ihrem Garten vor, welche in der Nacht davongelaufen sind. Jadida konnte die Schule in Bukoba und Mwanza fertigmachen und arbeitet nun lehrstellenmässig in einem Sekretariat. Im perfekten Kontrast zu Pura ist sie gerne sehr weiblich gekleidet, was auch zu ihrer soften Stimme passt. Doch, Jadida wird es noch zu was bringen; sie ist auch vielfach mit dabei, wenn wir auf Infotouren sind.

Theo(dora), etwa zwanzig, etwas burschikos erscheinend, hat in Jeans unendlich lange Beine. Sie ist eine von Marys Nichten und weilt jeweils während den Ausbildungsferien bei ihr. Theo absolviert eine zehnmonatige Schule für Kellnerinnen. Mary findet es schade, dass sie sich nicht getraut, englisch zu sprechen, sie könne es nämlich. Ich meine, das rührt vielleicht daher, dass sie sich „schämt“, den Mund vor Fremden zu öffnen. Theo hat rötlich gefärbte Zähne und zwei fehlen sichtbar (die Färbungen entstehen scheinbar bei Fluormangel). Mary überrumpelt die unvorbereitete Theo an den Abenden und ich kreiiere und spiele spontan die unterschiedlichsten Gasttypen in den verschiedensten Rollen. Theos englisch ist solala unbefriedigend, ihr Wille zum versuchen-zu-lächeln und sich verbessern entsteht langsam. Theo zeigt es nicht, ist aber happy für meinen strengen und doch lachenden Zeigefinger. Den Lerneffekt möchte ich gerne weiterverfolgen.

Bwana Mango: keine Ahnung warum. Ich bin ein Fan von Blumen und Bäumen – auch wenn ich sie praktisch nie mit Namen ansprechen kann. Am Eck bei Marys Grundstück steht ein mittelgrosser Mangobaum. Eigentlich ein stinknormaler, keine Verwinkelungen, keine ulkigen Astbilder. Ich komme nicht umhin. Jedesmal beim Vorbeilaufen muss ich den kurz berühren und grüssen, hallo Herr Mangobaum. Ich bin auch schon zurück gelaufen deswegen. Merkwürdig.

Nsajigwa: seines Zeichens „Freidenker“ (ich bin verurteilt, weil ich das an seiner Art Mütze nicht erkannt habe…). Nsajigwa heisst im seinem Dialekt „der Gesegnete“. Hier übersetzt er gerne seinen Namen brusthebend ins suhaeli, vom arabischen her: Bara(c)k. Nsajigwa ist 46jährig, war noch nie wirklich liiert – sechs Frauen hätte er gerne gehabt, aber die ihn nicht und bei weiteren sechs war es umgekehrt der Fall. Vor zehn Jahren war er drei Monate in Japan an einem Touristenguidekurs und vor fünf Jahren ebenfalls für drei Monate nach Hol-land eingeladen zu einem Philosophieseminar. Spindeldürr ist er, besitzt glaub je drei paar Hosen, T-Shirts und Socken (wovon das eine Paar nicht mal die Urgrossmutter mehr stopfen würde). Wir haben zwei unterschiedliche Jobs, die aber auch ineinander laufen. Er soll die Touristen mit ausgeklügelten Touren guiden und für künftige Reiseleiter ein einjähriges Schulungskonzept erstellen. Für einen Guide habe ich ihn schon nach drei Tagen orientie-rungsmässig in der Big-City überholt und seine Konzeptentwürfe finde ich – wie Mary auch – nicht brauchbar. Kritikfähig ist er schon gar nicht – wehe – und am liebsten würde er sich mir anhängen, um dann meine Ideen als seine zu verkaufen. Das Gute am Ganzen ist, dass ich mich so lieber alleine aufmache und ehrlich gesagt, auch erfolgreicher bin. Mary teilt meine Beobachtungen bezüglich Monsieur. Nsajigwa ist ein Vorzeige-Einzelgängertyp. Wir werden schauen, wie/mit was/in welchem Umfang wir ihn weiterhin beschäftigen (können).

Madaraka Nyerere, fünfzig, jüngster Sohn des ersten Präsidenten und Staatsgründer von Tanzania. Madaraka ist super angenehm und sein explodierendes Lachen ein ansteckendes Geschenk. Legèr in Schlabberjeans, Timberland und Canadaaufdruckshirt gekleidet, pilgert er extra nach Kiseke, um mich kennenzulernen. Butiama liegt eine drei-bis-vier-Stunden-Busfahrt von hier entfernt. Und sofort: „Das Heu liegt auf der selben Bühne“, keine Frage! Er ist be-geistert von meinen Fotos und freut sich, wenn ich im Monat August bei ihm den Stapel Arbeit abarbeite. Je nach Zeit und Prioritäten darf ich das nationale Museum und das J.N.Mausoleum vorschlagsmässig umgestalten – das wird eine freudige Herausforderung.

Victa: „mein“ Pikipiki-Driver. Mit ihm habe ich meine überhaupt allererste Mototaxi-Fahrt „überlebt“ und das ausgerechnet die Sieben-Holterpolter-Kilometer von der Hauptstrasse weg nach Kiseke hinein. Später stelle ich fest, dass Victa der Chief der Kiseke-Crew ist. Eigenartig, fast immer drivted er ums Eck, wenn ich jemanden brauche – egal auf welchem Streckenabteil und zu welcher Tageszeit. Und wenn ich am Corner Soko Saba-Saba auf einen Bus Richtung Stadt oder eine Begleitung warte, sitze ich auf seinem Töff und geniesse die gestikreichen Diskussionen und Streitgespräche unter den Drivern (und inzwischen natürlich auch meinen Bekanntheitsgrad) … Auch der einzige Nachtdriver für unser Quartier ist in sehr dunkler Stunde Zuhause genügend wach, um mich zuverlässig wo-auch-immer auf meinen Call hin abzuholen (Dala-Dalas fahren unregelmässig und nur bis zirka neun Uhr abends) .

Eva Sävförs, Schwedin und „ausgewandert“. Ich schätzte sie auf Mitte/Ende vierzig, zwanzig Jahre daneben. Vor über zehn Jahren war sie durch die sanitären Ingenieurarbeiten ihres Ehemannes in der Region Mwanza. Später kam sie alle Jahre für ein paar Monate Ferien nach Mwanza. Jetzt bleibt sie vorläufig (seit zwei Jahren). Sie engagiert sich äusserst lebhaft für den Tourismus Mwanza. Sie hat sich halt einfach in diese Stadt verliebt – ich versteh das. An den Weekends macht sie lange Spaziergänge, hört Mozart und chillt. Silale, ihr Securityguy ist ein älterer, traditionsgekleideter Masai (oftmals sind Masai Türsteher, Kassenbetreiber, Wach- oder Medizinmänner, sie gelten als sehr vertrauenswürdig). Bei unserem ersten Kontakt hat Silale mir einen Spazierstab zugesagt und ich bin auch gespannt, auf die von Eva entdeckten unbekannten Plätze.

Josephine, 53ig, Mutter von vier Kindern, meine Hauseigentümerin. Wenn eine Power hat, dann wohl Josephine. Musikmusikmusik, Samstag und Sonntag Dartspielen oder die Kir-chenbank betanzen. Sie liebt Pflanzen, ihre arg kahle Dünn-Rasta-Frisur und zwischendurch auch mal ein, zwei, drei Whiskeys. Sie ist für SNV (schwedische Organisation) in ganz Ostafrika für Erziehungs- und Aufklärungsprogramme unterwegs. Ich merke schnell, dass sie der Typ Mensch ist, der alles tut, solange ihr Bart geschmeichelt wird. Kritik erträgt sie nicht und blitzschnelles umbiegendes Reden zu ihren Gunsten hat sie clever intus. Sie wollte, dass ich ihr die ganzen Mieten für sechs Monate voraus bezahle. Ich dealte fünf aus, wobei ich an der ersten alle bisherigen Handwerkerkosten abzog. Meine doch stattlichen Summe will sie in die Einrichtung meines Heims investieren, sagt sie. Sagte sie: Nach sechs Wochen kriege ich nur auf mein Motzen hin endlich mal eine Art schnelldahingefertigter Vorhänge und nach über zwei Monaten eine Glasplatte für den Tisch. Was ich vehement als letzte Priorität der Must-Have begründe, ist ein Kühlschrank. Und nun? Natürlich, jetzt steht so ein silbernes Riesenungetüm in der Küche. Der Stromverschleiss ist zu unnötig und enorm hoch für allenfalls eine handvoll abgekochtes Trinkwasser. Ich benutze das Teil alternativ als Küchen-kasten. Josephine ist auch gut im Telefon aufhängen und Türen knallen – nein, meine Freundin ist und wird sie nicht.

Hendry, 28ig, Lehrer, Friseur- beziehungsweise (Only-)Shave-Salonbesitzer. Momentan bildet er sich an der Universität St. Augustine (common SAUTI genannt) in Education weiter. Er ist seit zwei Semestern in Mwanza. Aufgewachen ist er in Dar, sein Stamm kommt aus Moshi. Jederzeit sei ich beiderorts bei seiner Familie willkommen. Sein erster eigener Laden ist hier im Village Kiseke „Schule“, deshalb wohnt er zeitweise bei seiner Schwester in einem der PPF-Häuser. Dorthin die defekte alte 450er Honda stossend habe ich ihn denn auch kennengelernt. Mit ihm rumzutouren, auszugehen und shoppen macht Spass. Ich sehe viel und kriege die besten Preisangebote (die überaus starken Booster-PC-Speakers vom Onkel waren mit neunzehn Schweizerfranken mit Sicherheit zum Einkaufspreis berechnet). Viele Leute lerne ich kennen und es ist aufregend, mit ihm oder seinen Studentenkollegen ausgiebig über die Unterschiede Europa/Afrika zu diskutieren. Aufpassen muss ich nur, dass sich Hendry nicht endgültig in mich verknallt…

Manraj: 29ig, Inder in der Dritten Generation Mwanza, Kettenraucher (wortwörtlich!), wohlhabend (offensichtlich). Mary meint, diese Familie sei wohl eine der Reichsten in der ganzen Provinz Mwanza. Manraj erzählt mir, dass seine ganze Familie einmal im Jahr nach Indien fliegt – dont forget your rooths… Diese hätte er sowieso knapp verloren. Er habe so viel Alkohol getrunken die letzten Jahre – dass er bald seinen Dreissigsten feiern darf, damit hat keiner mehr der Familienmitglieder gerechnet. Seine Familie besitzt und führt das Hotel Tilapia. Schade liegt die Hotelanlage nicht gleich nebenan, dann düfte ich jeden Morgen (gra-tis) den Pool benutzen. Manraj ist Mitglied der MTTF Mwanza Tourism Task Force und liiert mit Kathy, (weiss, gemütlich rundlich und mit wachem Auge auf ihren Liebsten. Geld scheint wenn auch nicht schön, doch wenigstens sexy zu machen). Kathy arbeitet im Reisebüro Bon-Voyage, welches in der Hotalanlage Tilapia integriert ist. Ich habe sie ebenfalls an der MTTF kennengelernt. Manraj ist sehr hilfsbereit und reicht die Hand wo immer möglich. Galant ist, als er es erst nach der Schlangenaufführung ins Isamilo schafft. Er lädt uns ins Tilapia ein und will uns anschliessend nach Hause fahren – dafür muss er xtra den Garagenbesitzer zur tiefnächtlichen Stunde wecken. Durch die Regenzeit hat sich wieder eine Strasse verab-schiedet und Nsajigwa behauptet, der eine andere Weg sei richtig. Schon wieder falsch… Wir steigen aus und müssen ein schönes Stück queerbeet im Regen zurücklaufen. Manraj wartet und lässt die Scheinwerfer uns den unendlichen Weg leuchten, bis wir in der grauen Luft verschwinden. Schade ist er so viel unterwegs, dass man nie im Voraus sagen kann, ob er denn auch kommt. Leider kann ich seine beiden kurzfristigen Einladungen zur hauseigenen Luxuslodge in der Serengeti wegen anderen Verpflichtungen nicht annehmen – kommt sicher noch…

Und da sind noch der … und die … und … und …. & es folgen noch … … La vie est belle!!!

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Andrea Wobmann, Mwanza Lake Victoria Tanzania - authentic Africa

Morning sun after a rainy start…

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Mambo Mzungu – Grüezi Weissgesicht! Gleich rein ins Getümmel. Ich, der es nicht heiss genug sein kann, habe wohl einen kleinen Sonnenstich – und das bei nur 25 °, welche sich allerdings nach irgendwas über 30 ° anfühlen. Selber schuld, ich war gestern elf Stunden hutlos in der prallsonnigen Stadt unterwegs. Aber zuerst, mir geht es gut und es gefällt mir hier jetzt schon super. Aber: Wo bin ich denn überhaupt gestrandet? Etwas Hintergrund:

Die Region Mwanza liegt im Norden Tanzanias südlich am Lake Victoria und umfasst 35‘187 km2 (15‘000 davon im Wasser), 1134müm. Die Region besteht aus 8 Distrikten mit 33 Divi-sionen, 175 Stadtteilen, 714 Dörfern und 238 „Mitaa“ (was auch immer das sein mag). Die Einwohnerzahl steht gemäss dem Nationalen Büro für Bevölkerungsstatistik bei etwas über dreieinhalb Millionen, davon 32‘000 mehr Frauen als Männer. 75 % der Bevölkerung lebt von der Agrikultur und Viehhaltung (Rinder, Ziegen, Schafe, Esel und Schweine). 56‘000 Personen fischen durchschnittlich 335‘300 Tonnen. Industrien gibt es unter anderem in den Bereichen Nahrungsmittel, Metall, Getränke, Schiffswerft, Transport, Leder, Hotellerie, Technik. Schnell ist man in den Nationalparks Saa Nane Island, Rubondo sowie in der Serengeti. Mit seinen 14.763 Quadratkilometer ist die Serengeti einer der größten und bekanntesten Nationalparke der Welt. Außerdem ist „das endlose Land“ seit 1981 Teil des Weltnaturerbe der UNESCO.
Für Gold, Diamanten und andere Edelsteine werden an der Lake Zone aktive Minen betrieben. Neben den vielen öffentlichen und privaten Spitälern gibt es seit 1975 eine psychiatrische Klinik; von den fünfzig möglichen Plätzen sind jeweils nichtdie Hälfte besetzt. Trotz der größeren Nachfrage nach solcher Rehabilitierung von denjenigen, die unter Alkohol und Drogemißbrauch leiden, ist diese Türe geschlossen und es bestehen keine Alternativen.
In Tanzania leben ca 1.4 Mio Menschen mit HIV/AIDS (2008). Kein Zehntel davon sind Kinder; die Rate der Infizierten ist rückläufig. Beim letzten Aufruf wurden von der halben Million Freiwilligen 7.4 % positiv getestet. Der grösste Sterbegrund bei Kindern unter fünf Jahren ist Malaria, ansonsten ist es HIV/AIDS.

Die Stadt Mwanza selber war bis zur Staatsgründung 1961 Tanzanias in britischen Händen; deren Vorgänger waren die Deutschen, welche die Kolonnie von 1880 bis 1916 innehatten. Als höchste Durchschnittstemperaturen im Juli bis August werden 28 ° angegeben. Die Rock-City Mwanza, der Kern, beherbergt auf 1140 müm gegen eine Million Einwohner. Mwanza ist die zweitgrösste Stadt Tanzanias (nach Dar-es-Salam „Haus des Friedens“ mit 2.700.000 Stand 2005) und sie ist die am schnellst wachsende im Land. Bei der Frage nach der Bedeutung des Names Mwanza bekomme ich zur Antwort, dass es von „Wanza: Erste“ herrühren könnte; Handfestes erfahre ich nicht. Es würde aber Sinn machen, Mwanza war öfters Erstling von irgendwas – das werde ich mit der Zeit entdecken. Der Lake Victoria ist der grösste Süsswassersee in Afrika und der Zweitgrösste auf unserem Globus.

„Zuhause“ bin ich in meinem eigenen Dreizimmerhaus – einfach luxuriös! Der Hofgarten rundherum ist der bisher Schönste, Grösste und Grünste in der neu entstehenden Back-steinsiedlung der PPF (der halbamtlichen Pensionskasse). Die Menschen ziehen in die 800 tupfgleichaussehenden Häuschen ein. Überall wird (an-)gebaut, werden Bäume gefällt und gackern frische Hühnerställe. Als „eckigen Kuss“ musste ich mir den eigentlichen Dorfnamen merken: Kiseke. Kiseke liegt irgendwo fünfzehn Fahrminuten von Mwanza aus Richtung Flughafen rechts hinein ins Nowhere. Man fährt vorbei an einfachsten, einstöckigen Lehmhäusern und Backsteinläden und das über sieben Kilometer sandige, bucklige, defor-mierte hellrote Strassen – dass man diese teils überhaupt noch als Strassen bezeichnet… Mary (zu den Mainactors komme ich noch) muss in meiner ersten Woche geschäftlich nach Dar-es-Salam. Ich begleitete sie am Sonntag an den Flughafen. Dann darf und soll ich ohne Instruktion alleine nach Hause fahren – meine Premieren: Linksverkehr, Vehikel ein Kopf höher als ich, breiter sowieso und besagte Strassen – hat das Spass aber gemacht, bin nur einmal durch-gespuhlt!

Mein Daheim, die Nummer 255, ist das private Gästehaus der Tanzanierin Josephine. Sie wohnt gleich nebenan, weilt aber momentan in Arusha. Ich bin ihre erste Mieterin, etwas unvorbereitet kurzfristig, was heisst: das Haus ist sozusagen noch pudelnackt! Marys hat aus ihrem Fundus das Schlafgemach gesponsert: ein Himmelbett (andere nennen den weissen Schleier Moskitonetz), eine Nachtkommode und lila- und gelbe afrikamustrige Vorhänge. Aus Josephines Besitz stehen im Wohnzimmer zwei moderne und zwei holzafrikanische Stühle, ein gusseiserner Tisch (ohne entsprechender Glasplatte); in der Küche ein zweiplätziger Gaskocher und … das wars! Inzwischen habe ich das Hausfrauenrefugium arbeitstauglich ausgestattet. Gleich angewöhnt habe ich mir ein morgendliches Wasserkochen-zum-Entkeimen. Nicht gewöhnen werde ich mich an die Mückenschwärme, welche das gardinenlose Gebäude sehr gerne attakieren, Rainseason… Und dann habe ich auch schon meinen eigenen Fundi (Handwerker): nach der zweiten Nacht stehe ich in einem flächedeckenden Swimmingpool. Das bis dahin nicht funktionierende Lavabo hat sich rinnsalmässig nächtens vergebens bemerkbar machen wollen. Putzputz, dieser Wasserverschleiss! Das Leck verlangt eine komplette (Rohr-)Sanierung im Bad, die neugekachelte Wand wird gleich wieder rausgespitzt. Momentan ist alles, wie es sein soll, trockengelegt und auch die Mücken werden mit ab-nehmdem Regen weniger.

Wie war meine Reise an den Lake Victoria? Schwere- und komplikationslos! Ich habe einen relaxten Flug nach Dar-es-Salam genossen. Dort, nach dem reibungslosen Erhalt des glän-zenden dreimonatigen Visum, weigert sich der wartende Husseny, mich zu chauffieren. Doch, ich bin die Richtige, schau nicht so verblüfft, ja, es ist so und es stimmt, glaube mir, ich bin es; und ja, ich bin eine Frau. Andrea ist auch in Tanzania ein Männername. Husseny fährt mich durch dickste, stickigste Abend-Rushhour in mein Hotel. Dieses ist mitten im lebhaften Warenmarktgebiet gelegen. Eine heisse Dusche, eiskalte Aircondition in den Griff kriegen, ein paar Seiten lesen und einrollen. Eingeschlafen bin ich bei herrlichem internationalen Geräusch von der Strasse herauf: TV-Fussball mit bierkonsumierender kommentierender Männerrunde.

Am Morgen spaziere ich in der lärmigen Grossstadt am Strand entlang, wimmle Touristen-führerangebote ab und binde eigentständig paar Sehenswürdigkeiten ein. A meisten erfreuen mich natürlich die Märkte. Der Fischmarkt ist mein Favorit und der Tintenfisch in Palmöl schön knallrot und schön scharf gebraten schmeckt mir vorzüglich. Husseny-Transfer zum Flug-hafen. Jetzt gilt es definitiv ernst, beim Einsteigen gibt es kein zurück mehr – will ich auch nicht! Der Flug nach Mwanza zeigt mir eindrückliche Landschaftsbilder über ein wolkenlockeres Tanzania. Ist das dort der Kilimanjaro? Oh, rennende Tierherden – miniameisenklein von hier oben. Ich amüsiere mich über den Artikel in der Flugzeitschrift „Luckily Mashine interviews Banana Zorro“. Und als es zwischen den Wolken etwas sehr rumpelt, macht es den Anschein, dass die süssen Marienkäfer im gezeigten Flugfilm einen recht draufgängerischen Paarungs-ryhtmus haben.

Flughafen Mwanza – „The Rock-City“. Von wem werde ich eigentlich abgeholt? In der Abenddämmerung wartet die strahlende Mary, eine Black-Power-Lady. Es funkt sofort zwi-schen uns; wir plappern und lachen drauf los, als wären wir uns schon ewig vertraut! Sie staunt, dass ich für das Halbjahr nur einen einzigen Koffer mithabe. Auch Frau weiss sich manchmal bescheiden zu halten. Bevor wir losfahren, kauft sich Mary drei unterschiedliche Prepay-Voucher. Es lohnt sich finanziell, der Zielperson vom gleichen Anbieter aus anzurufen. Viele Tanzanier haben deshalb zwei oder sogar drei mobile Telefone – Hausapparate gibt es praktisch keine. Wir fahren in die Nacht hinein zum Christmas-Tree-Hotel im Stadtkern. Wie kommen die auf diesen Namen; ich finde keinen Hinweis, auch die Aussenfarbe ist gelb. Draussen sitzend, lerne ich gleich William kennen, Geschäftsführer Kiroyeratours Bukoba; ein sympathischer turbofüdli-smilender Mann. Auch Nsajigwa ist mit dabei. Der erste Touristenführer für Kiroyeratours in Mwanza; und der erste (und wirklich in meinem ganzen halben Jahr auch der einzige) Mensch in Tanzania, der stinkt! Später kutschieren wir, die einzige (!) Verkehrsampel im Stadtzentrum umfahrend, William zur Nachfähre nach Bukoba. Vielleicht miete ich mir ebenfalls mal eine Kabine – so à la Minikreuzfahrt. Die Stadt ist um acht Uhr abends praktisch menschenleer. So ist es hauptsächlich das ganze Jahr hindurch – die Leute stehen bei Tagesanbruch auf und ruhen früh nach dem schnellen Einbruch der Dunkelheit. Auch ich habe es schnell intus, wunderbar angenehm zeitlos nach der Sonnenuhr zu leben.

Meine ersten beiden Nächte schlafe ich im neuen weissgetünchten Greenpark – dem ersten Guesthouse in Kiseke. Doch, das Bett ist angenehm gross mit fester Matratze, das Bad sauber und an den Komfort von immer-bereit-stehenden-blauen oder roten Plastik-FlippFlopps (inklusive aller Alters- und Flickversionen) werde ich mich gerne gewöhnen. Die erste Nacht selber ist allerdings sehr kurz. Afrikaner kennen selten musikmässig Sperrstunden, auch wenn schon lange keine Gäste mehr da sind. Geschlafen habe ich trotzdem gut. Am Morgen, draussen im Hof, schmeckt mir mein erstes Frühstück in meiner neuen Umgebung ganz gut: vitaminlose fettige Chapati und ein heisser zuckriger Chai (weisses Fladenbrot und gewürzter, milchgepulverter Tee).

Mary nimmt mich an die Monatssitzung der MTTF mit. Ich frage mich, warum das Hotel Isamilo heisst; wegen der Besitzerin Isa, ihres Katers Milo oder bedeutet es was in Suaheli. Nein, das Quartier heisst Isamilo. Von einem dieser steinbrockigen Hügel aus hat der Pioneer Speke den Lake Victoria „entdeckt“. Von welchem Fleck aus genau, das werde ich in meiner ganzen Zeit nicht mit Bestimmtheit herausfinden. Das ist für die Mwanzanier auch nicht so wichtig. Hauptsache ist nur, dass es hier geschah. John Hanning Speke (1827-1864) war Officer in der British Indian Army. Um die Nilquelle zu finden, unternahm er drei Expeditionen nach Afrika. 1856 stiess er eben hier auf den Lake Victoria und war sich seines Zieles sicher.

Mit der heutigen Sitzung bin ich mitten drin. Ich lerne gleich, wie die „MTTF Mzwanza Tourism Task Force“ funktioniert. Hoteliers, Stadtverwaltung, Reiseveranstalter, private Personen, Künstler und Weitere versuchen, Mzwana touristentauglich zu kreiieren. Für mich ergibt sich eine gute Gelegenheit, die ersten Kontakte zu knüpfen; vorallem anschliessend auf der Dachterrasse bei meiner ersten Erbeerencoke. Zum Beispiel mit John Sombi. Der Schlangentänzer und Musiker hat nächste Woche eine Aufführung hierim Isamilo, ich bin gespannt darauf. Ich rede mit Eva, mit Andy, mit Kathy, mit Fiona, mit James, mit Delphine, mit Joseph, mit Marianne mit ….. alle dreissig Namen zu merken, wäre etwas viel verlangt für den Anfang. Und zum Schluss erlebe ich geniesserisch meinen ersten Sonnenuntergang über dem Victoriasee – wunderschön golden!

Es wird spät, Mary lädt mich wieder im Greenpark aus. Neben ein paar Floskeln Suaheli habe ich heute „Chipsi-Mayai“ gelernt. So bestelle ich ganz selbstbewusst draussen beim Küchen-Corner meine Kartoffel-Omelett. Aber irgendwie will mich der junge Mann so gar nicht verstehen, der strahlt mich nur unentwegt an. Meine Gesten sprechen doch Bände! Ich grinse. Eine Big-Mama-für-Chapati-Take-Away hilft mir, übersetzt ihm. Ich will doch nur was Kleines essen. Supu, Rice, Chipsi? Egal was, „schnell“ soll es gehen, ich bin wahnsinnig hungrig und müde. Ja, er werde mir kochen – endlich! Ich mache es mir mit Buch, Trinkwasser und Moskitospray so bequem wie möglich auf dem roten Colawerbung-Plastikgartenstuhl.

Ich warte, und warte, und warte.

Müssen die Kartoffeln erst gepflanzt und die Eier noch gelegt werden? Eine halbe Stunde, eine Stunde, eineinhalb Stunden. Wenigstens ist mein Buch spannend, das lenkt vom Ma-genknurren und den Stechmücken ab. Auch Alisha leistet mir kurz etwas Gesellschaft. Hübsch ist sie, die junge Kellnerin mit dem perfekt glatten Pagenschnitt (einer Perrücke). Mit ihrem einzigen Vokabular in englisch umschmeichelt sie mich „I love you“. Dann wird die Hotelcrew zusammengerufen – zum Essen. Was die kriegen was, und ich? Jetzt balanciert der Koch auch endlich in meine Richtung ein Tablett. Jetzt bekomme ich meine Chipsi-Mayai. Aber was ist denn das? Kuku! Ein ganzes halbes Huhn! Jetzt ist mir alles klar, das musste zuerst geschlachtet und gerupft werden – und ich habe noch ein Wort gelernt….

Tagsdarauf ziehe ich in die Nummer 255 ein, wo ich morgens (teilweise mittags) alleine speise. Die frischen Lebensmittel ergattere ich zum fröhlichen Gelächter der Frauen und Kinder eigenständig an den kleinen Markständen im Village Kiseke. Ich kenne bis jetzt weder die Preise noch die Zahlen. Ich werde feststellen, dass sie von mir die Localpreise verlangen. Auf Mzungu-Profitgedanken kommen diese einfachen Menschen hier in Kiseke (noch) nicht, dafür haben sie zuwenig Konktakt mit ihnen. Wir verständigen uns mit Händen und Füssen oder „schriftlich“. Wir gebrauchen dazu nicht Stift und Papier, sondern unsere Mobiles. Mein zukünftig Gebrutzeltes besteht also aus (Honig-)Bananen, Rührei, gebratenen Kochbananen salzig oder süss oder einer Choko/Milchpulver/Shake-Bombe, dazu tiefrote Tomaten und saftiggelbe Ananas und Mangos.

Das Abendessen geniesse ich bei Mary. Sie wohnt drei Gehminuten von mir entfernt – ich von ihr. Sie bedenkt, ihre Küche sei sehr einfach, sie hätte gerne mehr Abwechslung. In An-betracht, dass Mary einige Teile auf dem Globus bereist hat, kann ich sie verstehen. Mir aber schmeckts. Bananen-/Bohneneintöpfe, Chicha (Spinat), Reis oder Ugali (Maisbrei) mit Beef, Kuku oder Fisch. Tilapia ist schon sehr delikat – aber der Fischkopf, wo Mary wonnestrahelnd reinbeisst und wovon die fettigen Augen das Beste sein sollen, den lasse ich beiseite… Vor dem Essen sitze ich gerne im Dunkeln draussen hinter dem Haus und schaue Pura und Jadida beim Kochen zu. Es braucht alles seine Zeit. Polepole (langsam), es werden ohne Eile in der Handfläche die Zwiebeln und Tomaten geschnitten, die Bohnen gewaschen, der Chicha ge-zupft. Bis die zylindrigen Holzkohlengefässe genug Hitze abgeben, braucht es ein ganzes schönes Weilchen, sodass zwischenzeitlich auch die frischen Dessertfrüchte gemächlich geschnitzt werden können. Auch ich fahre polepole runter von der europäischen Hektik. Ich bewege mich langsamer und organisiere Dinge und den Haushalt ohne jegliche Eile. Tut gut.

Und dann bin ich auf den Hund gekommen. Eigentlich besitzt Josephine einen, wenn sie denn mal da wäre. Sie hat ihn aus ihrem Dorf Singida mitgenommen. Aber eben, zuhause ist sie nie. Der junge savannenfarbene Kerl hockt ganz alleine, den ganzen lieben langen Tag lang, in einem luftdurchlässigen Minibacksteinhäuschen. Er winselt vor sich hin und mich zum Erbarmen an. Ich bin kein Hundefan, aber Soxs (wegen seinen weissen Pfötchen) bedauere ich wirklich. Ich hole ihn vielfach aus seinem Käfig. Übermütig spielt und fightet er mit mir. Langsam kapiert er auch, wofür der lange Holzstecken gedacht ist. Ich hoffe, dass meine langezogenen spielerischen Beiss- und Kratzspuren an Unterarmen und Waden weniger wer-den.

Die Leute in Kiseke und in Mwanza-Town begegnen mir bisher alle sehr nett und zuvor-kommend. Nur am Hauptmarkt agieren sie etwas aufdringlicher, weil sie sich ein lukratives Geschäft erhoffen. Allerorts sind die Menschen ganz schön schwarz. Wo ich durchgehe wird mir das Gegenteil nachgerufen: Mzungu („Weisse/r“, ursprünglicher „Bleichgesicht“ und noch wörtlicher „Der, der immer umherrennt“). Am Markt höre ich „Rafiki“ (Freund). Am meisten Spass macht mir das Feilschen um Ware, wo ich kein Kisuaehli kann, die Leute kein Englisch. Swahili/Kiswahili (veraltet Suaheli oder Kisuaheli) kommt vom arabischen sãhil für „Küste“ oder „Grenze“ und ist eine Bantusprache; die am weitesten verbreitete Verkehrssprache Ostafrikas. Ich als nicht ganz sprachuntalentiert hoffe doch, dass ich mich schnell verständigen kann. So oder so, ich fühl mich einfach schon jetzt sauwohl hier!

Mit Nsajigwa (welcher touristenlockende Touren kreiieren soll) mache ich in der ersten Woche eines seiner Programme mit; sein bisher Einziges. Ich spiele den unwissenden Touristen, was ich auch noch bin. Nsajigwa ist seit bald zwei Monaten in Mwanza. Er kommt aus dem südlichsten Süden Tanzanias, habe ein Naturstudium durchlaufen (was auch immer das heissen mag), war „Teacher“ dafür und agierte letztlich als Touristenführer in Dar-es-Salam. Über die Bauten, welche ich dort gesehen habe, bleiben die Infos allerdings aus… Seine Tour fangen wir frühmorgens mit meiner ersten Dala-Dala-Rumpelbusfahrt in die Stadt an. Ist das stickig eng in den bunt beschrifteten Kleinbussen. Trotzdem geniesse ich die halbe Stunde ordentlichen Chaos.

Zu Fuss starten wir an der Seepromenade in der Mitte der City, sie ist zwar kurz – die Pro-menade – aber wunderschön eindrücklich mit den Felsformationen am und im Wasser. So stehe ich auch schon vor der ersten Attraktion, dem Bismarck-Rock: Die markante Granit-formation steht ufernah majestätisch still. Die Deutschen tauften den Outcrop nach Otto von Bismarck, dem ersten Reichskanzler des Deutschen Reiches. Über den Capripointhügel wandern wir an den (neu entstehenden) Villen vorbei. Jetzt verstehe ich den Antrag von Eva am MTTF-Meeting: Sie will die Rocks unter Schutz stellen lassen. Es ist wirklich schmerzhaft zum Hinsehen, wie teilweise ganze, wunderschöne Felsformationen abgetragen werden. Man könnte und sollte diese in die Häuser „einbauen“; genau diese Spezialität machen gewisse einzelne Herrschaftshäuser aus.

Auf die Anhöhe hinauf komme mit ersten Primarschulkinder in Kontakt. Ich werde das erste Mal vorsichtig umringt, vorwitzig begutachtet und behutsam angefasst. Dabei entscheide ich, doch keine afrikanischen Minizöpfchen drehen zu lassen, die staunenden und lachenden Kindergesichter bei der schüchternen Berührung meiner Haare ist zu speziell. Beim Tschüsswinken verstehe ich „Mzungu, Mzungu, give me my money“, ich gehe überhörend nicht darauf ein. Allerdings kann ich kaum glauben, dass mich Nsajigwa darauf hebt und dies ernsthaft von mir umsetzend erwartet. Er findet das gut! Bitte, das einzige was ich einbringen würde (und mit der Zeit auch neckisch spielerisch tue), ist die Aufklärung des Satzinhaltes. Geld, was meint er, Geld ist nie die Lösung. Mitbringsel wie Seife, Ballone, Pens, Streichhölzer usw. ja, aber sicher nichts Bares! Natürlich, Nsagjigwa, erkläre ich ihm meine Meinung. Zeige ihnen, dass Wazungu (die Weissen) Geld haben und mache es ihnen einfacher, denen nach-zujagen, statt in die Schule zu gehen. Vielfach landet das Geld aber in der Tasche eines aggressiven Verwandten, der es dann versäuft, statt Essbares zu kaufen oder Schulgelder damit zu bezahlen. Und nicht vergessen, oftmals sind die Weissen auch nicht auf Rosen gebettet; sie haben vielleicht jahrelang für einen einmaligen Traum Afrika hart gearbeitet und eisern gespart. Und dann wird Nsajigwa nach Tagesende fragen, ernst gemeint, in versuchtem scherzvollen Ton verpackt: „Und, war ich gut, hab ichs gut gemacht… dann her mit dem Tipp, haha“. Nein, pole sana, entschuldige vielmals, die meisten meiner Fragen sind nicht beantwortet und im Nachhinein, empfinde ich die Tour ziemlich als unvorbereitet. Mal ab-warten.

Capripoint, das erinnert an Bella-Italia. Und passt – irgendwie. Der ausladende Hügel ist bis an den Seeanstoss hinunter voll einheimischer kleiner querplatzierter Häuschen. Zwar nicht so schön farbig, dafür typisch Slums. Ich erfahre später eine nicht bestätigte Geschichte: Der Name komme von einer Familie, welche seit Vorkriegszeiten bis in die sechziger Jahre auf dieser Seite Mwanzas wohnte. Der Teppichmacher und Schiffsbauer imigrierte mit seinen fünf Söhnen aus dem italienischen Neapel…

Wir spazieren durch das strom- und wasserlose Slumsquartier – einfach nur eindrücklich. Die Sicht auf den weiten Lake Victoria ist wunderschön glitzernd. Die Siedlung, alles ist steingrau und sauber zwischen runden, eckigen, grossen, kleinen Felsbrocken platziert. Farbige Kleiderleinen hängen, stille Kochnischen stehen, stauende Kinderaugen, hochgezogene Stirnen, ein Lächeln da, ein Winken dort. Mir ist auf dem Weg schon etwas mulmig. Keines-wegs wegen Überfall-Gedanken oder so. Aber auch wenn Nsajigwa mit einem Bewohner im Vorfeld das Durchgehen arrangiert haben soll, so durchdringen wir trotzdem ungefragt in-timste Privatsphäre.

Am anderen Hügelende angekommen, knurrt mein Magen, es ist Lunchtime. Wir gehen ins Hotel Tilapia. Dort gibt es die meisten Weissen anzutreffen, sie hängen rum am Pool, an der Bar oder an ihren Wireless-Notebooks. Die ruhige Lage in der stillen Seebucht ist relaxend erholsam. Mein schmackhafter „Kebab“ hat meine Aufmerksamkeit und der Nebentisch immer noch mehr. Ich schnappe auf, wie ein Halbschwarzer zwei jungen Deutschen ein Pro-jekt in Bukoba erklärt. Nach deren Mahlzeit gehe ich hin und stelle mich bei Clemenz Mulokozi vor. Der ist hocherfreut und stellt mir Maria und Sebastian vor, welche für seine Organisation arbeiten werden. Es selber hält schon länger Ausschau nach persönlichem Kontakt mit Mary. Clemenz Vater kam aus Bukoba, seine Mutter aus München. Clemenz wuchs einige Jahre in Dar-es-Salam auf. Auf einer Recherchenreise 2007 in Bukoba hat ihn das teilweise Leid der Waisenkinder und Kriegsflüchtlingen sehr berührt. Er stiess auf Bukoba Kids Sports Club, welcher 2005 (unter anderem mit Hilfe von Mary/Kiroyeratours) gegründet wurde. Das brachte ihn auf die Idee von JamboBukoba – eine tolle Organisation. Clemenz hat schon viel umgesetzt und ich wünsche ihm viel weiteres Glück dazu. Wir versprechen einander den auf-rechten Kontakt.

In die City zurückgeschlendert zeigt mir Nsajigwa den Hauptmarkt, er liegt versteckt im ge-schäftigen Zentrum. Laut, bunt, duftend, eng, knallfarben, chaotisch, arrangiert, vollgestopft – ich bin sofort süchtig danach! Inskünftig stille ich Markettjunky diesen Drang wann immer möglich; und wenn es nur ein klitzekurzer Kick ist.

Noch später zurück in Kiseke, steht der kleine Karim vor mir und murmelt und brabbelt was. Es dauert, bis ich herausfinde, Mary rufe mich, ich müsse ins Office kommen. Na gut, also Karim, twende – gehen wir. Bei einem der nächsten Nachbarhäuser entdecke ich Pura, die schaut mich zuerst ganz verdutzt an, dann prustest sie tanzend los. Neinnein, Karim hat mich reingelegt! Hahahihi, hamna shida- macht nichts. Und da ich in weiser Voraussicht einen Soft-Fresbee miteingepackt habe, jagen wir uns alternativ im heranwachsenden Maisfeld umher.

Dann will ich noch flugs ins Village, Putzeimer kaufen für die Wäsche daheim. „Mzungu Mzungu!“ Wie ungewohnt schön speziell klingt der Ruf. Auf dem ganzen Weg lachen und winken mir die Kinder und Erwachsenen zu. Ich entdecke den Shop „Mama-Mzungu Hard-ware“. Ich bin scheinbar nicht die einzige bleiche Haut in Kiseke? Doch, aber Mama Mzungu selber ist schwarz. Martin, sechzigjähriger Brite, hat Tanzania durch seine Ingenieurarbeiten auf der Insel Ukerewe in den Achzigern kennengelernt; Neema, seine dreissig Jahre jüngere Tanzanierin natürlich etwas später. Gemeinsam haben sie den bald vierjährigen Christopher. Diese Drei werd ich noch ganz lieb gewinnen, aber zuerst kauf ich mir dort nur einen Wischmop. Als günstige all-inklusive-Variante für Geschirr&Besteck&Bekleidung&Haus entscheide ich mich für ein einzelnes Kleiderwaschpulver. Marke Toss, Aloe Vera, es klappt wunderbar! Während der Handwäsche sinniere ich gedankenverloren vor mich hin und mache mein erstes Tanzania-Resumée: ohne meine bisherigen Afrikaerfahrungen wäre mein Fotomaterial wohl bereits verknipst und: ich fühl mich hier einfach Daheim.

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