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Archive for Mai 2010

m’s

M’s.

M, zuerst wie „Mist“. Nichts von wegen Morgenstund-hat-Gold-im-Mund. Mein Laptop ist in Streik getreten. Müssige Stunden hält er mich in Schacht. Bis er wieder will, verabschiedet sich natürlich die Elektrizität. Man kann nicht alles haben.

Unter M wie „Männer“ fehlt der Nachtrag zum Malariatest, als ich für massig Geld (umge-rechnet CHF 1.15 Privattarif!) in der Laborreihe sass: Der eine Inder springt beim Picksen in den linken Ringfinger fast an die Decke. Rundum hörbares Schmunzeln, auch der Tanzanier vor mir. Als dieser selber dann ampullenmässig Blut geben muss, da fällt der doch tatsächlich Jesusjesus-rufend ohnmächtig in meine Arme!

Apropos Malaria: wegem Hörensagen habe ich mich bei Erhalt der Medikamente auf eine mindestens Dreitages-Leidenszeit mit Schwitzen und Schlafen und Wälzen eingestellt. Nichts, minimer Schwindel am ersten Tag und darauf Ausschlafen mit zwei kleinen Siestas (dafür sind Sonntage auch da, oder?). Aufgefallen sind mir nur die typischen kurligen und abstrusen Träume. Abgesehen davon habe ich solche sehr illuster in der Schweiz. Man könnte sie spgar etwas halluzigen oder psycho nennen…. So muss ich mich doch ernsthaft fragen, ob ich nicht eher das ganze Jahr über in der Schweiz unter Malaria leide?!

M wie Mzungu (Weisse/r). Wo ich durchgehe, wird es mir nachgerufen, egal ob Kinder, Marktfrauen, Männer, Alte, Junge. Die Alternativen lauten Rafiki (arabisch Freund), Dada (Schwester) oder „Shikamo“; das ist die respektvolle Grussformel für Menschen, welche älter als du selber sind – ist mir dann aber etwas unlieb, wenn mich ehrwürdig ältere Herren so nennen.

M wie Markt. Durch Umwege bekomme ich die Telefonnummer von Mister Shuma. Er ist der Hauptverantwortliche für die offiziellen Märkte in Mwanza-City. Beim ersten Zusagen kommt er nicht, beim zweiten lässt er mich eine dreiviertel Stunde warten, beim dritten und vierten Versuch bleibt er wieder unsichtbar. Aber wenn der kleine geschäftige Mann dann auf mich zukommt, kann ich seinem Strahlen nicht böse entgegenkommen. Laufend klingeln seine drei Mobile, laufend verspricht er „Ich bin unterwegs zu dir“, aha, so geht das. Er gibt mir über den Hauptmarkt folgende Fakten: Zwischen 1972 und 1985 wurden die Gebäudchen, Hallen und Unterstände gebaut. Es sind 499 Gemüse/Früchtestände, 160 für Kleider, Schuhe und Haushaltwaren und 200 Traditionelle-Waren-Verkäufer, worunter auch die Fisch-/Fleischverkäufer und Restaurantbetreiber fallen. Das Opening macht um halb acht die Putzequipe. Auch der stinkende Abfall vom Vortag aus den verfaulten Nahrungsmitteln wird erst dann abtransportiert (ich nehme an, nächtens wird er von Bettlern und Strassenkinder vorsortiert). Die tausend Angestellten bedienen 1000 Käufer pro Tag (nicht je), fünfundneunzig Prozent der Händler sind aus der City und Agglomeration, nur eine handvoll Auswärtige. Ein Stand kostet zwischen 7’000 und 10’000 Tanzanische Shillingi pro Monat, zahlbar bis zum Zehnten des Monates in bar. Nein, es kommt seltenst vor, dass sie jemandem kündigen müssen. Innerhalb der Marktmauern sind sie wie eine grosse Familie, jeder kennt jeden. Und jeder weiss von jedem, warum derjenige gerade um Aufschub für die Monatsmiete bittet (beispielsweise Todesfall) und man hilft wenn möglich aus. Taschendiebe? Ja und nein, wenn du erwischt wirst, dann fliegst du hochkant hinaus. Decken tut hier niemand niemanden, denn es gibt genügend wartende Anwärter. Und wenn die Kunden wegbleiben würden, dann füllt sich nicht nur die Tasche des Diebes nicht mehr. Besonders bei den angehenden Teenies, welche mit der Bereitstellung von Tragtaschen ihr Geld verdienen, werde strengstens Hand gehalten. So zumindest lautet es in der Theorie und eine andere Praxis werde ich innerhalb dieses Marktes auch nicht erleben. Mr. Shuma ist nicht abgeneigt, eine Marktour zu kreiieren. Für Fotos muss ich aber mit einer offiziellen Bewilligung kommen, so sei es für ihn und für mich leichter und konfrontationsfrei. Er meint zwar allerdings, dass hier das grosse Areal in eineinhalb Jahren umgezogen sein wird. Wohin? Wir werden sehen. Da haben wir doch noch ein paar Jährchen Zeit. M wie Märkte, ich liebe sie…

Was ist noch „schlimmer“ als Mzungu alleine unterwegs? Mzungu mit Masai unterwegs!! Nein, nicht wegen des Films „Die weisse Masai“. Nein, Masai gelten als äusserst vertrau-enswürdig und sind die Guardians überall. Und wenn du einen Persönlichen hast, dann musst du ein VIP sein. Eva hat einen solchen Masai zu ihrem Schutz (das Delikt möchte ich hier nicht näher wiedergeben). Silale ist köstlich, wie er während unseren Meetings geduldig vor dem Gebäude sitzt, Evas und meine Markttaschen auf dem Schoss hütet. Und einmal will er mir den kleinen Masai-Markt zeigen (ich stelle mich unwissend). Er schultert meine Handtasche links, packt mein Handgelenk unter den Arm rechts und marschiert einfach los! Unzählige Zurufe, mein Nachtrippeln immer schneller, mein Grinsen immer breiter, der schmale Silale nicht zu bremsen. Der perfekte Bodyguard für mitten durchs Getümmel. Am Marktstand werde ich von ihm und Victoria von Kopf bis Fuss mit traditionellem Schmuck eingekleidet. Wir gestikulieren etwas hin- und her und ich werde zurücküberführt. Ein anderes Mal erkennt mich Silale von Weitem und hüpft wie ein kleines Kind auf mich zu. Er erdrückt mich fast und liebkost mich mit Worten, die ich nicht verstehe, – ein gestandener, wenn auch dürrer Mann mitte Fünfzig!

Masai zum Zweiten ist diesmal freiwillig. Ich möchte vom zukünftigen Museum Fotos machen und laufe auf den Hügel mitten im Stadtzentrum. Das deutsche Kolonialgebäude wurde vor der Jahrhundertwende ins letzte Jahrhundert gebaut. Unter dem Namen des deutschen Nobelpreisträgers Robert Koch sollte in diesem Haus ein medizinisches Forschungscenter eingerichtet werden (der Name wird hier „korrekt“ Kotsch ausgesprochen, als Mediziner und Mikrobiologe entdeckte er unter anderem den Tuberkulose-Erreger). Zur Zweckeröffnung kam es in Mwanza nie. Der Krieg wusste dies zu verhindern. Die Deutschen mussten 1916 ausziehen und die Engländer haben die Forschungspläne nicht weiterverfolgt beziehungsweise auf einem der Isamilohügel eine andere Einrichtung gebaut. Nach der Unabhängigkeit diente das Robert-Koch-Haus eine Zeitlang als Residence für den Bürgermeister. Aufgeben musste dieser den Sitz, weil er nachts den Hügel hinauf den Heimweg durch die Felsen nicht mehr fand – kann ja mal passieren – aber wenn man schlussendlich jede Nacht betrunken ist! Vor mir laufen heute zwei der sieben Masai hinauf, welche das leerstehende Gebäude seit drei Jahren bewachen und bewohnen. Derjenige, der ein wenig englisch spricht, ist nur auf Besuch da – Mann, wieder eine absolut sonore sexy Stimme, vielleicht sollte ich ihn fragen, ob er auch singen kann. Gerade steht das Haus im anfänglichen Sonnenuntergangslicht vor der höheren Felsenformation. Ich frage, ob man eventuell auch auf diese hoch kommt. Als Antwort fangen die Masais an, das Unterholz zu zerschlagen und die Spinnweben wegzuwedeln. Ich mit meinen hohen weissen Keilheels hüpfe und klettere nach; später barfüssig und mit hochhiefender Hilfe. Auf den „Wegen“ erfahre ich von den Pflanzen die gesundheitliche Wirkung der Blätter, der Wurzeln, gekocht, gerieben, gesalbt – für mich sehen die alle nach ganz normalem Grünzeug aus. Mzungu, noch weiter nach oben? Wenns geht. Noch ein weiterer Felsen. Noch weiter nach oben? Wenns immer noch geht. Wir entdecken wunderbare Aussichtspunkte. Noch etwas weiter? Bis dann die tapferen Männer mit ihren langen Beinen selber Klettermühe haben, da denke ich, wir sollten mal vernünftig sein. Das war wunderschön… und ich wohl die erste vorwitzige Mzungu.

Dann öffnen mir meine neuen Freunde wie selbstverständlich das Haus. Schlossänliche Mauern mit Wendeltreppen, farbigen Fenster, Klinkerböden, hohe Räume und eben diese Wahnsinnsaussicht auf Mwanza, hier würde ich auch gerne hausen wollen. Ich fühl mich sehr wohl hier drin, die Athmosphäre empfinde ich eigentümlich ruhend. Ich entdecke noch diesen und jenen Winkel, diese und die andere Spezialität. Es liesse sich echt was draus machen. Insidig stehen noch ein altes Buffet und ein alter Schminkkorpus mit ovalem Spiegel, in den Schubladen liegen noch alte Flakons. Und ich erblicke begeistert eine füssige Badewanne, zwar etwas schmutzig und mit abgestandenem Wasser, aber eine füssige Badewanne. Deshalb eine weitere Frage, nach all denen über das warum-für-was-wie-alt-Gebäude-und-was-soll-daraus-werden-wie-lange-dürfen-wir-noch-hüten-etc: Wie erklärt man den Masai, wozu eine Badewanne dient? Geschafft, aber heikler noch, warum ist sowas von Notwendigkeit! Ich geb mir alle Mühe und finde allein die bildliche Situation schon urkomisch: ich kleine weisse Maus, stehe vor muskulösen Kriegern und sie schauen mich mit unschuldskindergrossen neugierigen Augen an. Und dann hagelt es noch weiter aus den sieben Münder, wozu ein Fenster dort unten, was ist das für ein Raum, was ist ein Keller, warum Glas innenseitig im Haus, warumwarumwarum…. Sie zeigen mir jeden kleinsten Winkel im Haus. Sogar auf den Dachboden klettere ich – allerdings oben nur ein weiterer Schritt und es gäbe eine Bruchlandung durch den morschen Holzboden (gut hab ich das gesehen, so weiss ich, was das Teuerste bei einer Renovation sein wird). Ich habe meine Freude mit den Masais und sie freuen sich auf meine versprochene Rückkehr nach der anstehenden Woche in Arusha.

M wie Masai – hatten wir schon – aber nicht zum Dritten. Überraschend ruft mich ein un-bekannter Masai namens Paolo an und fragt mich in gutem englisch, ob er mich offiziell be-schützen dürfe. „Du bist eine weisse Frau, ich biete dir meine Dienste an.“ Später erfahre ich, dass Paolo Silales Sohn ist. Wer weiss, vielleicht komme ich mal auf das Angebot zurück. Wenns so weiter geht, als wirklicher VIP.

M wie Mama Mzungu. Beim ersten Meeting in unserem künftigen TIO bringt Father George sie als Gast mit. Die deutschstämmige Herta Kilala lädt mich zu ihrem Anwesen auf Kamanga ein. An einem stromlosen Sonntag machen wir ab. Hendry habe ich, Herta ihre zwei Enkelkinder mit dabei. Der Rahmen Hertas Lebensgeschichte ist schon spannend; ich wünsche mir etwas Zeit, mehr von Mama Mzungu zu erfahren. In jungen Aupairjahren hatte sie in England einen Sukumakrieger kennen- und liebengelernt und sich für Tanzania entschieden. Das war vor etwa vierundvierzig Jahren – so jung, so ganz allein, so „unwissend“ und wahrhaftig eine der ersten niedergelassenen weissen Frauen in Mwanza, wenn nicht gar in der ganzen Region – bewundernswert! Von den drei Söhnen sind unglücklicherweise zwei verstorben, auch ihr Ehemann ging ihr vor Jahren schon mal voraus. Die Schwiegertochter arbeitet in Dar-es-Salam. „Ja, ich hätte mir in meinem Alter eine andere Aufgabe als Wieder-Mutter gewünscht“. Heute beeherbergt sie als Zwischenstation deutsche Studenten, und führt einen Vorkindergarten. Sie stellt Butter, Quark und anderes immer noch eigenhändig her. Cool und irgendwie durch und durch afrikanisch ist die Herta. Dieses kleine Beispiel habe ich in einem Blog gelesen: Da habe sich scheinbar an einem ersten Abend eine Studentin fast zu Tode erschrocken, als sie eine riesengrosse Echse (oder war es eine fette Spinne?) dem Kü-chenfenster entlang bewegen sah. Hysterisch kreischte es: „Da krabbelt was hoch!“, worauf die Herta trocken bemerkte „Ja, das machen die so“.
Herta meistert das Leben hervorragend und ist bis heute abenteuerlustig geblieben. Sie erzählt mir, wie sie letztes Jahr mit den Enkelkindern nach Uganda auf Gorillasuche ging; sie hatte nichts gebucht, einfach vor Ort geschaut. „Es ging ja alles glatt“, lacht die wohl gegen Sieb-zigjährige in ihrer deutschen Strenge. Malariaprophylaxe? „Nein“, antowrtet sie mir, „da hab ich meiner Lebtag kein Moskitonetz benutzt und Malaria selber hatte ich alle die Jahre etwa fünf Mal.“ Dieses Glück, da würde ich mir doch gerne etwas davon abzwacken.
Nach der halbstündigen Fährenfahrt spazieren wir zu Hertas Anwesen auf Kamanga. Es ist das Haus einer ihrer Söhne. Kaum war es annodazumal fertig gebaut, brannte es nieder. Kaum war es danach wieder aufgebaut, ist der Sohn verstorben. Die beiden Enkel haben nur ganz vage Erinnerungen an diese Zeit. Auf dem Grundstück würden sich wunderbar Touristenlunch organisieren lassen. Ja warum nicht, meint Herta. Mein Lieblingsplatz wäre nebem dem offenen Grashut unter dem zweieinhalbmeter hohen weit ausladenden Weihnachtstern. Die Nachbarin von Herta ist eine Mzungu-Familie. Das Privatgrundstück liegt versteckt hinter hohen Mauern. Father George empfahl mir, dort vorbeizuschauen. Die Familie steht gerade in einem endlosen Erbschaftsstreit (sicher nicht, dass ich wegen des Gefechts dorthin soll). Der verstorbene Westschweizer habe seine Hinterlassenschaften nicht geregelt. Die belgische Witwe bekriege nun ihre Schweizer Vorgängerin. Herta bejaht, der Orchideengarten sei wirklich einmalig lohnenswert. „Doch denke dir eine Geschichte aus; Schweizerin solltest du auf keinem Fall sein, wenn du an diese Türe klopfst“.

M wie Marys-Pult. Hat man da noch Ideen! Mary möchte in ihrem Kiseke-Büro eine weiche Schreibunterlage. Sie gibt den Auftrag, die in ihren schönen Holztisch zu integrieren. Gut ist sie Einheimische, sonst würde ich glauben, dass nur mir das durch Sprachunkenntnis passieren könnte. Ja, für die Unterlage wird korrekt ein Stück Holz rausgefräst. Ja die stoffene Unterlage wird plastern überzogen. Ja, die Grösse und Lage ist perfekt. Ja, Schreibflächenhöhe, weich, perfekte Kleinkissenform an perfektem Platz, so sollte es doch sein. Doch ein richtiges „Kissen“ wird (voller Stolz) präsentiert, fünf Zentimeter hoch – keine Unterlage mehr! Mary schüttelt den Kopf über diese Misslage. Dann lacht sie über meine Interpretation „Das ist doch ganz praktisch: Zwei in Einem. Wenn Arbeit vorhanden ist, dann wird geschrieben. Wenn keine da ist, wird am Platz geschlafen.“. Tagsdarauf verkauft sie die Idee sogar der VETA.

VETA, dabei komme ich zu M wie „Meine Arbeitgeber“. Kann ich die überhaupt so benennen, wenn ich keinen Lohn kriege? Auch bei welchem Projekt ich für wen arbeite, ist mir manchmal schleierhaft – aber egal, Hauptsache, es macht Spass! Also, Mary ist meine Chefin – das steht ausser Frage – eine andere will ich auch nicht – und sie nicht so genannt werden. Wie schon gesagt, sie gründete Kiroyeratours vor zehn Jahren in Bukoba. Der Reiseveranstalter und Consulter hat viele Projekte verwirklicht und nun ist Mwanza an der Reihe; Cultural Tourismus und soziale Werke stehen im Vordergrund, so dass möglichst viele Menschen der armen Bevölkerung ein Einkommen haben (www.kiroyeratours.com, http://www.budap.org, http://www.kagera.org).
Dann ist da die holländische NGO SNV Non-Governement-Organisation, welche durch Auf-klärung, Schulung und Basicinstallation den ärmsten Ländern auf der Welt einen erträglichen Lebensstandard ermöglicht http://www.snvworld.org. Mary ist teilangestellt durch SNV. Dann folgt VETA (Vocation, Education and Training Authority), welche in 22 Standorten in Tanzania Praktika anbieten, um die unzähligen Studenten (und immer mehr Erwachsenen) nicht theorielastig auf die Bevölkerung loszulassen (was ich hier jeden Tag das Gegenteil bewiesen bekomme) http://www.veta.go.tz . Ein aktiver Partner ist die St. Augustine University, die Grösste in Tanzania, welche durch Marys Bemühungen den Touristensektor in ihr Programm aufge-nommen hat http://www.saut.ac.tz. Es besteht eine enge Zusammenarbeit mit der Koryphaee Peter R. Schmid, dem amerikanischen Archäologieprofessor, mit welchem die alte Geschichte dieses Volkes aufgeforscht wird, ehemalige Königsstädte nachgebaut und noch lebenden Königen ein bisschen Komfort verschafft wird.

Nebenbei (nehmen wir M wie Macht): Ein König – auf Lebzeiten – hat(te) die Funktion ein guter Berater für seine „Untertanen“ zu sein. Er bestritt sein Leben durch deren Dankesgaben. Seit der Regierung Nyereres in den 60igern wurde aber diese Amtsausübung untersagt. Die Könige und Chiefs haben kein Einkommen mehr. Sie verkaufen mit der Zeit notgedrungen ihre Grundstücke und stehen heute selber auf den Feldern. „Mein“ König Nyarubamba aus Kanazi ist bald 90jährig, ein stiller würdevoller Mann. Als Gegenleistung für die Öffnung seines Privatsitzes, hätte er gerne für sich und seine Nachfahren eine erste Stromleitung für ein Radio und etwas elektrisches Licht. Wir können uns das nicht vorstellen, wie man ohne Strom leben kann und dies zusätzlich in so hohem Alter.
Dann sind da noch die Projekte mit den Nationalparks Sananee und Serengeti, dem Airport, dem City Council usw. Für wen alles ich noch meine Ideen hergeben und umsetzen werde, da bin ich selber gespannt.

Nochmals M wie Männer. Wie einfach ist es hier, „ernste“ Kontakte zu knüpfen – was mache ich in der Schweiz falsch? Momentan habe ich fünf ganz unterschliedliche Anwärter. Ein smarter Businesstyp, ein stolzer Sukumatänzer, ein gentle Charmbolzen von einem Studenten, ein athletischer Safariguide und ein Bürogummi. Ich muss mir ja teilweise schon etwas sehr Mühe geben, den Herren nicht zu verfallen… Ich finde es interessant, wie sie sich outen und als Beispiel einfach nebenbei vor allen gerade Anwesenden fragen „Wenn oder nachdem du dich für mich entschieden hast, werden wir sicher einen guten Job für dich finden, wenn du möchtest“ oder „Wenn du mich heiratest, werden wir dann Kinder haben?“ oder „Als meine Frau, ist es kein Problem für dich in Mwanza zu leben?“ Bisher hat keiner gefragt, ob „wir“ dann in die Schweiz ziehen würden. Toll, mir gefällts ja hier.

Allerdings – M wie Money – glaube ich kaum, dass ich mit einem guten Montassalär von 200‘000 bis 500‘000 Shilingi auf die Dauer auskommen würde. Damit vor Ort zu Haushalten wäre das kleinere Problem, aber meine spontanen Ausflüge und Ausbrüche in andere Län-derstädten, grosse Einladungen und sonstige Eskapaden würden gestrichen sein.

Dann kehren wir ein M noch um und machen ein W draus. W wie Wetter. Die grosse Regen-zeit scheint vorbei zu sein – ist auch gut so, wir haben bald keine erkennbaren Strassen mehr hier in Kiseke.

Und dazu W wie Wunderschön: es ist Schmetterlingszeit!

Oh, und by the Way: gestern geniesse ich mit Eric, Joshua und Alfred einen wunderbaren Sonnenuntergang an einem neuen Plätzchen nahe Bwiru. Beim nächtlichen alleinigen Nachhausweg überfahre ich einen schlafenden Polizisten. Hat schon etwas sehr gerumpelt. Pole, entschuldigung, habe ihn halt etwas spät gesehen. Sleeping Polisi, so werden die Strassenrampen genannt.

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fliegen…

Fliegen… Bukobastart zum zweiten, diesmal per Flugzeug – wenn es denn mal erst hierher findet. Deftige Regenfälle in Bukoba selbe; wir hätten also nicht um fünf Uhr früh aufzustehen gebrauchen. Ich frage Mary, ob wir wo zwischenzeitlich arbeiten können, ihr Laptop braucht direkten Netzanschluss. Wir landen im Büro von Presicionair, wo auch eingecheckt wird und der Towerfunk kräftig chroset. Wir fühlen uns geehrt. Vorallem auch, wenn die Passagiere uns nach Auskünften fragen. Zwei Stunden vergehen flugs. Beim selber Einchecken finde ich es super, dass ich vergessen habe, in meinem Reiserucksäckchen abgefüllten Tee mitzuhaben. Typisch, kopfloses ich. Auf dem Kontrollband wird er natürlich entdeckt. Ok, mein Fehler, ich werde mein Erkältungsgetränk stehenlassen. „Hapana“, meint der Sicherheitsguy! Was nein? „Trink einen Schluck vor meinen Augen.“ Et voilà, ich darfs behalten!

Dann rein ins zwanzig-Plätzer-Flugzeug. Es ist schon ungewohnt, wenn sich der alleinige schwarze Pilot vom Sitz umdreht und weiss die Zähne blitzend „Mambo, lets fly“ lacht.

„Somewhere over the rainbow…“ Wunderschön, gleich zwei dieser Geschenke! Der See und die einzelnen Inselchen unter uns, die Propeller draussen neben mir und die phosphorsie-renden Farben dazwischen, ein eingebranntes Regenbogenbild forever!

Nur schade dann, dass es in Bukoba selber immer noch regnet, die kurze Landepiste Richtung Lake hinaus (oder hinein?) zur Fischerinsel wäre so wunderbar kurlig fototrächtig. An der Campside beziehe ich wieder meinen Grashut und werde überall innigst umarmt, als wäre ich Jahre weg gewesen. Marys Mutter hat mich nicht erwartet und begrüsst mich impulsiv und laut mit „Mama!!“ – was für eine hohe Anerkennung.

Zu meinem Badjias von Samira bestelle ich mir süssen Chai, köstlich. Während dem Frühstück komplettiere ich mit Hilfe der Jungköche meine Key-Wordliste – thats fun. Ich mache mir ein paar Gedanken, was ich morgen im Hotel Kolping überhaupt alles sagen will und wo ich die Rollenspiele einbaue. Eigentlich verückt, alles was ich Mary und den Leuten hier vorschlage oder/und machen möchte, wird gleich begeistert angenommen und umgesetzt. Ich komme mir gar nicht wie ein tanzanischer Neuling vor, eher wie eine Alteingessene, schönes Gefühl.

Methodia zeigt mir die bevorzugten Markstände. Wir kaufen typischen Kitenge. Auch für mich finde einen Stoff, hellblau/schwarz/weiss/golden – nicht ganz so afromustertypisch, da wrde ich meine Variante schon noch finden. Eine Kiroyerafreundin schneidert mir den taillierten Zweiteiler mit langem Rock. Für die Willkommengeschenkchen lasse ich kleine Säcklein nähen. Damit diese nach den Tagungstagen behalten und nicht weggeworfen werden, möchte ich sie kugelschreiberlang und mobiletelefonbreit. Wir präsentieren sie mit traditionellen Kaffeebohnen gefüllt. Zudem bekommen die Kolping-Gäste einen neuen Namen (Könige, Districte, Eigenschaften, etc). Jadida musste Geschichtsbücher durchkramen und mir eine weibliche und eine männliche Auflistung machen. Aus diesen Reihen ist mein persönlicher Favorit „Lahalala – Eine die fliegt“. Ich bin ganz schön beschäftigt, die gelben Papierröllchenen schönhandschriftlich zu vollenden.

Abends gehe ich inkognito mit Tom ins Kolping: Probeessen. Eine leere Terrasse für uns alleine. Schüchterne Aufmerksamkeit auf uns gerichtet. Einen sauberen Tisch, stehleuchtenbedingt mit Insektenbegleitung. Ich bin gespannt. Sie lächelt. Die Karte, eine solche Auswahl? Ich möchte natürlich Traditionelles probieren. Aha, aha, aha… Erst nachdem wir die Hälfte aus der Auswahl vergebens bestellen, nennt sie uns die aktuelle Küche. Dazu kann sie uns den letzten vorrätigen Schluck Rotwein offerieren – ein halbes Glasvoll. Nicht ganz wie es sein sollte. Aber trotzdem, das Essen schmeckt, die Portionen sind ansehnlich und es mit Abstand der beste bisherig erlebte Service. Sogar die klammernden Heuschrecken klatscht sie mir vom Busen weg!

Dann am Morgen, vierzig gwundrige Angestellte warten auf unser Brush-Up. Mary und Wil-liam machen eine kleine Einführung in kisuaheli und ich starte mit der Vorstellungsrunde. Unvorbereitet für meine beiden Chiefs stelle ich mich zwinkernd neben Andrea auch als “ Senene“ vor. Ungläubiges Grinsen, lachendes Kopfschütteln, Mary gluckst hinter mir. Ich erkläre, dass dies als Kosename bei uns nicht gerade schmeichelhaft sei – ein Insekt, igitt. Doch bin ich tagesgleich mit der Senene in Bukoba gelandet und ich finde die Heuschrecke ganz passend zu mir: Sie ist mal laut mal leise, sie sieht zart aus ist aber recht robust, und zwi-schendurch macht sie ganz grosse Sprünge. Smilende Zustimmung. Jetzt seid ihr dran, stellt euch vor und teilt euch selber auch einen Tier zu. Eine illustre Runde beginnt, ein ganzer Zoo entsteht – nur einer will partout nicht mitmachen, er besteht darauf, eine Tomate zu sein!

Mein gestriges Servicemädchen ist nicht mit dabei – schade, ich war auf ihre Tierwahl gespannt und ich hätte ihr gerne mein Kompliment vor allen ausgesprochen.
Mein zweiter Teil betrifft Bodylanguage und Clients-Habitudes. Ich rede spontan und staune selber nicht schlecht, was mir währenddessen noch alles Sinnvolles einfällt.

Wir lachen viel diese Stunden und am Schluss des ersten Tages werden wir mit Dan-kesumarmungen überrennt – vielleicht hätte ich doch mal Teacher werden sollen.

Den Spätnachmittag verbringe ich an der Campside mit der Campcrew. Ein kleiner Knirps gesellt sich wieder dazu. Ist das ein süsser Fratz: Shengoma, etwa fünf Jahre alt, Sohn eines der Fischer, die gleich hier nebenan ihre Ware im Boot ausgelegt verkaufen. Das neugierige glitzern in Shenogmas Augen, das herausfordernde Zwinkern – Sharon und Shengoma, ich hab zwei Lieblinge in Bukoba. Shengoma zeigt mir noch den Ballon von gestern – wow, du bist aber unüblich sorgsam. Dann spielen wir zwei Fangen. Das erfrischende Aufjuchzen ist so herzwerwärmend schön – ich krieg dich noch, warte. Auch die Männer amüsieren sich über unsere Zick-Zack-Gerenne im Sand. Der Kleine bringt mich ganz schön ausser Atem.

Abends ist Billard angesagt. Tom spielt, das sei seine Sucht. Rehema und ich quatschen Frauenzeugs. Diesmal ist sie es, die einen Heiratsantrag kriegt. Mir gefällt der Mut, wie der poliogezeichnet Handicapierte vor ihr steht und mit festem Willen seine Absichten preis gibt – die selbstbewusste Rehema ist plötzlich ein kleines eingeschüchtertes Mädchen. Überhaupt geht man in Afrika viel natürlicher mit den Behinderten um. Auch mir gelingt die Kommunikation per Zeichensprache manchmal einfacher, als die Wortfindung in Swahili. Einmal anfangs der dunklen Nacht stellt sich Jammy vor. Ich frage ihn, ob er nicht seine schwarze Sonnenbrille abnehmen könne, ich schaue den Leuten gerne in die Augen. Ich verstehe nicht, warum er warnend meint, ob ich denn auch sicher sei. Hoppla, er hat nur noch ein sehendes Auge; das andere sieht ganz schön herausgestochen aus! Einäugig grinst er mich herausfordernd an „And, everything ok?“ Ich antworte, dont worry, ich verliere manchmal meinen ganzen Kopf…

Am nächsten Morgen Richtung Office schwebe ich – und wie. Auch wenn ich aus der gestrigen Namensliste für mich „Lahalala – Eine die fliegt“ wählen würde, so muss es doch nicht gleich umgesetzt werden. Alles, was ich konzentriert anschaue, erscheint einigermassen scharf, der Rest ist ein Film um mich herum. Ein Hangover fühlt sich anders an, obwohl ich weiss, dass der gestrige Konyagi wohl etwas über der Grenze war. Das hier müssen demnach die Nebenwirkungen der doofen Blasenmedis sein, Mist. Auch das Frühstück hievt mich nicht hoch; es hilft nichts, dass meine Chapati frisch warm duftend von Tom mit ganz viel Extraliebe zubereitet worden sind. Alle sorgen sich um mich „Du hast bestimmt Malaria“. Nein, solange ich nicht erbrechen muss (was ein typisches Zeichen sei), sind es nur die Antiobiotika. Der passend fehlende Appetit fällt mir nicht auf, nur, dass ich das erste Mal schwitze, seit ich in Tanzania bin! William wird meinen Part an der heutigen Schulung übernehmen müssen, ich würde das so gerne selber durchziehen. Ich watschle unsicher zurück zu meinem Grashut – das ist eine lange Viertelstunde. Ich schlafe zwei tiefe Stunden lang mit schrägen, halluzigenen Träumen. Danach habe ich wieder fühlbareren Boden. Den Nachmittag verbringe ich aber auf Sparflamme spielend mit den Kindern und plaudernd mit meiner Familie. Ich hätte jetzt frei. Ein Besuch auf der Fischerinsel wäre toll. Doch für Touriprogramm bin ich eindeutig zu schlapp. Gegen Abend begleite ich einen neuen Gast (Lehrer aus Uganda) zur Campside. Ein weiterer (abgelehnter) Heiratsantrag – erfrischend. Und dann schlafe ich wieder, bis mir Tom zum Abendessen Mishkaki mit Pommes ans Bett bringt. Die Rinds- und Härdöpfelstückli liegen in einem dunkelbraunen Säckli, gepickt wird mit einem Zahnstocher – das ist so üblich, der Roby-Dog-ausschauende Service. Und als Dankeschön für die Rundumbetreuung habe ich Tom ein zweites Mal geküsst – so geht das!

Einigermassen ausgeschlafen, bereit zur Tat, gekleidet in meinem schönen neuen Kleid, tönt der Regen plötzlich sonderbar. So klingt ein Lake-Flies-Attackenkonzert. Keine Chance, kaum die Türe ein Hauchansatz offen, strömen die milimeterkleinen Mückchen herein! Diese Schwärme können „gefährlich“ sein, weil sie manchmal so dicht auftreten, dass sie in alle unsere Luftlöcher eindringen – schon mancher Fischer sei daran erstickt. Also warte ich. Tom freuts gerade. Nicht so eine Stunde zuvor: Mary klopft, ob ich wieder gesund bin. Ich ziehe mir schnell was über und gehe raus. Irgendwie stehen wir beide etwas verloren da, normalerweise würde ich sie ins Banda einladen. Ich weiss, dass Tom ihr nicht unbedingt in meinem Bett liegend begegnen will… Ich selber habe Mary noch nichts gesaft und markiere so die noch sehr müde. Dann bis später, Mary, danke für den Besuch. Und jetzt liege ich noch etwas bei Tom und höre dem filigranen Mückenschwirren zu. Die Luft wird eine Stunde später langsam heller, ich getraue mich und „durchbreche“ nur noch einzelne strudelnde Insektenwolken – lustiges und leicht ekliges Gefühl. Shengoma winkt mir fröhlich zu. In Maendeleo frühstücke ich heute Chipsi-Mayai (ich brauche salziges) und scharfen Chai, geht doch. Ich darf und muss mich überall bestauenen lassen: eine Mzungu in elegant afrikanisch langgeschnittenem Deux-Piece und den passenden silberen Assecoires – doch, ina pendeza, ich bin schön!

Man holt uns ab. Ausgerüstet mit all der Ware steigen Mary, Mr. Super und ich in den Re-porterbus. An der ugandischen Grenze sitzen Schülergruppen und Tänzer in den Baum-schatten. Das Polizeiaufgebot am Strassenrand steht bereit für die in Kampala gesammelten Gäste. Und wir warten, warten und warten, warten, warten und essen Bananen. Ich plaudere etwas mit dem Schweizer Beat, dem Organisator der Tagung. „Jo, be au vo Lozärn, wohne am Schwane.“. Dann (endlich) wird gesungen, die Trommeln geschlagen und getanzt. Wir mittendrin, erklären den Brauch der Willkommens-Kaffeebohnen, dass der Ausstausch einem Trunk für Blutsbruderschaft gleichzustellen ist. Wir reinigen traditionell die Hände mittels Pflanzenwedel und überreichen die neuen Namen nicely verpackt. Wow, ich hoffte, dass meine Idee gefällt, aber so freudig aufgeregte „weisse“ Gesichter aus aller Welt, toll!!!

Mary und Mister Super fahren als kundige Reisebegleiter in den beiden Cars zurück. Ich quetsche mich wieder in den Kleinbus, diesmal vorne zwischen Fahrer und einem äusserst humorvollen Fotografen. Letzterer zeigt mir die soebigen Bilder und ich mache ihn auf den endenden Batteriestatus aufmerksam. Hakuna matata oder hamna shida – kein Problem! Er meint ganz stolz, selbstgebastelte Ersatzbatterien dabeizuhaben. Er kramt sie hervor: aus-geklügeltes meterlanges selbstkreiiertes Kabelgebastel mit Nokia-Akkus, Schalterchen hier und Hebelchen dort, Akku-Grossbesitzer! Ich kriege einen schmerzenden Lachanfall und alle zehn Herren deswegen mit. Als ich meine, er sei der beste ausgerüstete Fotograf auf Erden, klärt er mich auf „Pardon, ich bin aktiver Priester… und willst du noch was sehen“. Wenn nicht so eingeklemmt, ich wäre vor Lachkrampf vom Sitz gefallen: er zückt geheimnisvoll selbstverständlich eine geladene Pistole…!

In Stadtnähe formieren sich unzählige Motorradfahrer mit orangen Fähnchen. Sie umhupen die beiden Cars, die Polizeieskorte ist noch etwas lauter. Aber wir? Wir sind die Lautesten! Zuvorderst sind wir und bahnen dem Gefolge lautdröhnend, endlesshupend den Weg. Mich kugelts, ich kann nicht mehr!

Vor dem Kolping kriegen wir uns – hauptsächlich ich mich – wieder ein. Schnell die Lachtränen getrocknet. Jetzt ist wieder Seriosität gefragt. Es spielt eine (zusammenreissen Andrea,) „Fasnachts“- Band. Dazu wird traditionell getanzt, währenddem küssen die ankommenden Gäste den beiden Bischöfen devot die Hände. Ich gehe auch nicht ganz leer aus, einige An-gestellte erkennen mich und schicken mir Handküsse zu. Die religiösen Menschen sind in ihrem Element. Ich danke für die herzliche Einladung zum Soirée, aber ich verdufte lieber langsam – Mary und Mister Super sind auch dafür…

Retour im schliessenden Restaurant Maendeleo werden soeben die letzten Stücke meines Abschiedsgeschenks verteilt. Sharon strahlt, mein kleines Honigkuchenpferdchen. Ich nahm korrekt an, dass die Zeit für ein Abendessen von mir gekocht nicht reicht. So habe ich etwas unkonventionell heimlich von Tom Kuchen backen lassen. Alle sind happy und einige von uns genehmigen sich auf der Campside ein spätes und lautes Feierabendbierchen.

Als die Kiroyerafamilie gegangen ist, schnappe ich auf, dass Tom von der Campside-Crew erpresst wird. Bitte, er soll euch euer Bier oder einen Zimmerzuschlag an euch bezahlen? Sonst erzählt ihr Mary von uns? Erstens wissen sie es (stimmt auch bedingt: William hat uns Händchenhaltend „erwischt“) und zweitens bezahle ich dem Office direkt die Differenz, wenn denn… Ich hab ein zähes Streitgespräch mit Eric. Nein, so nicht. Tom versucht mich zu beschwichtigen, er würde lieber nachgeben. Kommt nicht in Frage, wir sind zwei erwachsene Menschen und können tun und lassen was wir wollen. Mit Tom rede ich unter dem Ster-nenhimmel noch lange in die Nacht hinein. Ich erfahre unter anderem, dass seine Eltern bei einem Verkehrsumfall ums Leben kamen, als er etwa 18 Jahre alt war. Seine Zwillings-schwester ist mit vier Jahren verstorben – wie, dazu schweigt er sich aus. Aufgewachsen sei er ab Nurseryschool bei seinem Onkel, seine jüngere Schwester bei einer anderen Tante, merkwürdig. Überhaupt merke ich, dass da tiefgestaute Wut vorhanden ist, Tom kämpft mit irgendwas aus seiner Vergangenheit.

Es ist eine kurze Nacht, fünf Uhr Tagwach. Tom sagt mir nicht auf Wiedersehen, der liegt nur da, starrt ins Leere. Später erzählt er mir am Telefon, er habe innerlich geweint. Wir wissen nicht, ob und wann wir uns wieder sehen. Lassen wir dem Schicksal seinen Lauf. Ich weiss nur, dass er ein feiner Mensch ist, in dessen Nähe ich mich wohl gefühlt habe. Es hat gut getan, sich wieder mal fallen zu lassen.

Beim Rückflug darf ich Copilot spielen! Frier mir zwar den Arsch weg, aber die Sicht vorne im Zehnerflugzeug, und das Blinken und Zittern und die Knöpfli und Hebeli der Instrumente, finde ich einmalig klasse.

Back in Kiseke. Ein wolkenloser Lazy-Day. Ich schlafe ausgiebig nach, auch die Elektrizität ist heute nicht aufgestanden. Gegen Abend spaziere ich den hauseigenen Hügel hinauf. Bei einem flachen, langezogenen Gebäude sitzen zwei ältere Herren. Ich frage „Schule“? Strahlen die mich an „Unaongea swahili?“ Nein, pole sana, ich spreche kein kisuaheli. Vielfach ist es für die Menschen neu, dass ihre Wörter wie eben „Shule“ oder „Kindergarden“ deutsch sind.

Ich eile weiter hinauf… Right-in-time! Ich bekomme den Sonnenuntergang meines Lebens präsentiert! Der Viktoriasee liegt breit und still zu meinen Füssen, die Hügel und Rocks um-randen ihn schwarz kontiert, die Sonne schenkt mir ein fantastisches gelb-rosa-orange-violettes Bild. Ich stehe vollständig versteinert da. Das überwältigende imens grosse Gefühl kann ich nicht in Worte fassen – dieses erhaschte Geschenk von einem „natürlichen“ Spek-takel. Unendliche Dankbarkeit fühle ich ganz tief in mir drin. Wieder einmal mehr, es fühlt sich einfach richtig an, hier zu sein.

Das Monatsmeeting der Mwanza-Tourism-Task-Force MTTF ist angesagt. Cool deren Prä-sentation, die von Mary und mir nach einem ersten Treffen eingeladenen Gäste Riyaz und Rahim. Die beiden von radicaldesignsinc.com (USA, UK), sind indische Mwanzanier, genau auf meiner Wellenlänge. Sie wollen aktiv die Lake Zone promoten und in Stein gemeisselt branden. Weniger cool ist vorher meine private Tour. Ich muss im Bugando-Hospital mein Analysenresultat abholen. Ich gehe jetzt einfach davon aus, dass ich das richtige Zettelchen bekommen habe. Und da mein heutiges Frühstück in der Kloschüssel landete, lasse ich mich im Hindu-Hospital noch picksen. Bingo und gopf, sie hatten Recht! Nun hab ich neben weiteren Blasenentzündungsantibiotika auch noch Malaria-Medis gekriegt. But life is more than beauti-ful!!! Und Höhen und Tiefen erleben wir ja alle, und die sind und geschehen unabhängig vom jeweiligen Standort, oder??

Von wegen Standort. Wir kommen mit unserem TIO Tourist Info Office nicht weiter. Die Stadt findet keinen Platz, um das Gebäude zu räumen. Man vertröstet uns täglich. Ich werde langsam offensichtlich ungeduldig, innerlich ggggrrr… Laut Vertrag dürften wir schon bald drei Monate aktiv drin sein!

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African Force!

Andrea Wobmann, Mwanza Lake Victoria Tanzania - authentic Africa!

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2 Spitäler und 3 Paar Schuhe entsprechen 4 Ausflugszielen… Für zwei Tage bin ich back in meiner Rock-City Mwanza. Ich erstelle einen Schulungsentwurf für den anberaunten Brush-up der Hotelangestellten des Kolping. Was mir da alles in den Sinn kommt, ich bin doch etwas stolz auf mich. Beim Nachmittags-Chai präsentiere ich den Plan Mary. Sie findet ihn sehr gelungen und wird nun ihre Ergänzungen machen. Die Aufgaben teilen wir uns dann. Und wenn es successful war, wird sie das Schulungskonzept in ihr Consultingprogramm auf-nehmen.

Mary erzählt mir noch, dass ihr königlicher Grossonkel nicht mehr lange auf seine Stromlei-tung warten muss. Sie hat heute Morgen durch private Connections eine Spendenzusage für Kanazi erhalten. Toll! Prof Peter Schmidt rief zufällig vorher an und versucht dann Mary zu pushen; er müsse das Geld „sofort“ haben. Hey, wie wärs mit einem aufrichtigen Dankeschön, frage ich? Kein Gehör. Er fliege in zehn Tagen in die USA zurück und dem König müsse man vorher klar machen, dass dieser nur ein Zimmer behalten könne. Dann wurde die Telefonleitung unterbrochen. Wie bitte? Also Mary, darauf würd ich nicht eingehen. Des Archälologieprofessors Efforts in Ehren, seine Arbeiten auch. Aber Nyarubamba ist immer noch am Leben! Er kann ihn doch nicht einfach so überollen – wie unmenschlich ist das denn?!! „Berufskrankheit“ würde ich sagen. Man merkt, dass Peters Interesse an der toten Vergangenheit grösser ist als für die gelebte Gegenwart. Ich bin ehrlich entsetzt! Mary ist froh, dass sie dies nicht alleine so sieht. Und sie sagt es ihm auch, als es gerade jetzt wieder klingelt. Uuuuii, da scheint jetzt ein Streit entfacht zu sein. Meine einzige Bemerkung an Mary ist noch die, dass sie am längeren Hebel sitzt, sie hat das Geld. Es betrifft ihre Familie, ich würde hart bleiben.

Für den morgigen Nachmittag verabrede ich mich in der Stadt mit Hendry für (m)eine weitere Entdeckungstour. Morgens haben wir zuvor ein Meeting beim Info Tourist Center. Eva, Mary und ich warten vergebens eine Stunde, Silale bewacht unsere Taschen umsonst. Typisch, wir werden wieder versetzt. Ich bin sicher, die Stadt hat ihr Wort nicht gehalten und den Raum nicht leer geräumt. Mary muss weiter, Eva bleibt noch ein Weilchen, ich gehe auch. Muss gehen…

Denn, schon ein paar Mal habe ich es geahnt, jetzt weiss ich es. Ich werde einen Test machen. Nein, meinem Zeh geht’s (farblich) sehr gut, nein, Malaria ist ausser Frage (trotz fehlender Prophylaxe und tausend Mückenstichen), nein, für Bilahzerose wäre es zu früh und nein, schwanger bin ich auch nicht. Es ist wieder mal die Blase! Seit heute morgen ziehts mich bananenmässig zusammen.

Konkret heisst das, sechs Wochen Tanzania und ich habe schon meinen (ersten) Spitalpas. Das private Hinduhospiz ist zwar etwas teurer, dafür gleich am Stadteingang und ohne lange Wartezeiten. Herrlich, wie jeder mit seinem Urinbecherchen (gefüllt oder noch nicht) die Gänge entlang läuft. Herrlich, wie vor aller Augen mit Gummihandschuh als Abbinde Blut genommen und schreiende Knirpse gepickst werden. Herrlich, vor jedem Nextstep zuerst an die Kasse zu müssen und herrlich mein kleiner indischer Doktor „How al you, whel is pain“. Weniger herrlich sein eindringliches „Andelea, you al vely vely late“! Aber ich kann doch nichts dafür, dass seit einem Schleuder- und Stauchungstrauma vor zehn Jahren mein Körper inwendig nicht eher angibt. Und wenn, dann ist es eben schon etwas sehr drüber. Des hiesigen Daktari Hausmitteltip lautet „Andelea, oul women al dlinking flesh Coconutmilk“. Das setze ich inskünftig auch um. Heute kriege ich die ersten Antibiotika, gerade die letzten dieser Sorte „You al a luckili“. Und es folgt der Befehl, gleich ein weiteres Becherchen dem Spital Bugando für eine Kulturansetzung zu bringen. Ja, ich weiss, Blasenentzündung ist eines meiner persönlichen Probleme und auch nicht damit zu spassen – nebendem, dass die Schmerzkrämpfe wirklich saumässig weh tun. Nun denn, auf ins öffentliche Ospitali! Aber wo ist es denn überhaupt und wie komme ich dorthin? Perfect, Hendry is right in time mit seiner alten Honda und lädt mich auf. Wir fahren den Hügel hinauf. Businessträchtig präsentieren die Stores entlang dieser Strasse wunderbar frisch hergerichtete, verzierte Särge in allen Grössen und Farbvariationen. Ich orientiere Hendry „So für den Fall, hätte ich dann gerne den glänzend Weissen mit den violetten und goldenen Schleifen“. On the Top fragt sich Hendry im Spital wunderbar durch das unübersichtliche Gedränge durch. Ich gebe nach Bezahlung mein Produkt ab und kriege keinen Beleg, nur die mündliche Versicherung, in ein paar Tagen das richtige Resultat abholen zu können – bin ja gespannt…

Wir düsen zum Shopping an einen Riiieeesenmarkt und brauchen eine Ewigkeit für meine Grösse. Durch meine (Un-)Kenntnisse in Swahili, meinem gestenreichen Charme-Verhandeln und Hendrys Feilschgeschick lachen wir viel. Schlussendlich kriegen wir zu fast Localpreisen drei Paar passende offene Schuhe. Sogar ein paar Markenschuhe sind darunter, edel. Zwei Ti-Schis und einen schwarzen Rock finde ich auch noch. Eeehhmm, wohlbemerkt, es ist ein Secondhandmarkt!! Unglaublich, fast beschämend, wie „neu“ die teilweise gepimpte Ware aussieht, unglaublich, wie auch noch Schäbigstes verkauft wird. Hier meine persönliche Bitte an alle mit Schuhgrösse 36: nicht wegwerfen, ab damit in die Schuhsammlung, sie könnten mir hier dienen!

Wir lunchen ausgezeichnet inside Market – ja Hendry, ich will dort essen wo ihr es tut. Nein Hendry, ich habe keine Angst vor Magenproblemen und bis jetzt auch keine gehabt. Schmeckt köstlich das Rundherum an der Fischgräte mit dem gebratenen Reis und scharfen Spinat. Die muslimische Familie fühlt sich geehrt, mich bewirten zu dürfen – eine Mzungu ist (auch) seltenste Ware an diesem Markt. Der Grossvater macht stolz die Schulaufgaben mit seinem Enkel, dieser gibt sich eifrig Mühe dazu; wie auch, still auf der kantigen Harrasse zu sitzen (ich besetze seinen Platz am Tisch). Wieder einmal fallen mir die bunt gemischten Religionen auf. Ob eine junge Frau im knalligen Trägerleibchen oder eine unschätzbar Vollverschleierte in der schwarzen Burka (händchenhaltend!) rumspaziert, keiner schaut dich an, keiner dreht sich um – du bist wie du bist. Ein ganz tolles persönliches Erlebnis war mit Father George. Er zeigt uns das versteckte Makorobi-Areal mit dem Museum und schleusst uns in den grossen Hindu-Tempel nebenan. Ein schwabbelbäuchiger Hindu mit dunkelrotem Nur-Hüft-Tuch erklärt uns die verschiedenen Götter zu den Stätten – ich verstehe kein Wort von seinem Genuschel. Es ist schon irgendwie andächtig: Jetzt bin ich in Schwarzafrika, in einem etwas überwiegendem christlichen Gebiet, dies mit einem deutschen Missionar in einem Hindu-Tempel, und vorhin habe ich erfahren, dass ein gemeinsamer einheimischer Freund den Sabat feiert – und, just bei diesen Gedanken fängt der Muezzin draussen den Gebetsruf Allah Akbar an. Ich krieg ehrfürchtig freudig Gänsehaut.

Die Zeit reicht noch. Hendry und ich machen uns auf Richtung Bwiru, auf die Suche nach dem MV Bukoba-Denkmal und den Jiwe kuu (tanzenden Steine). Keine der beiden Destinationen ist wegweisbeschrieben, wie gar nichts an der Lake Zone – bis auf den Flughafen, die Fähren und ein paar Hotels. Wir sind ein lustiges Bild: Die Honda schafft die groben Schotter- und Naturwege nicht; Hendry will sein Kumpel aber nicht stehen lassen und stösst ihn mit hinauf, ich smile, er schwitzt… Wir fragen uns durch und werden von den Villagebewohnern stückweise begleitet. Hendry findet Gefallen an den Entdeckungstouren. Unser erstes Ziel ist etwas einfacher zu finden. Obwohl beim Schiffsunglück der MV Bukoba 1996 über 800 Menschen im See ertranken, steht das Denkmal hoch oben auf einem Hügel. 608 Personen konnten „identifiziert“ werden, deren Namen stehen nun aphabetisch auf dem Denkmal. Es ist das grösste Lakeunglück in der Geschichte Afrikas. Die Originalfotos der aufgedunsenen Wasserleichen, die ich mal gezeigt bekam, gefielen mir gar nicht, gruslig. Aber doch, hier der Platz selber spricht mich an, schönste Sonnenuntergangssicht über den See. Trotzdem finde ich, ist der Ort geschichtlich interessanter für afrikanische Touristen, die fühlen sich mehr verbunden zu den Verunglückten. Das zweite Ziel ist schwieriger zu finden. Wir fahren und laufen durch wilde lebendige Villages, das gesuchte Dorf heisse Mihama. Wow, das unerwartete weite Steinplateau ist eindrücklich, die still herumstehenden Felsbrocken sind eigentümlich schön! Gerade geht wunderbar mystisch die Sonne hinter den Wolken unter. Hier würde ich bevorzugt was organisieren, zum Beispiel ein Sunset-Picknick, dieser Platz strahlt eine ruhige Kraft aus. Im Dunkeln poltern wir holterdi hinunter, ins Shooters. Dort bestellen wir lecker gegrilltes Zieglein, dazu ein feines Abschlussweinchen für mich, für Hendry so alkoholfreies Malz-Vitaminzeugs… Wir lassen den Tag gestenreich revuepassieren, hat echt Spass gemacht. Und dann lehne ich nett aber bestimmt noch Hendrys Beziehungsangebot ab; er fährt mich trotzdem nach Hause…

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Es weht ein Lüftchen… Laut, geschäftig, warm – Lake-Victoria-Brise. Ich habe die Nachtfähre kennengelernt und staune nicht schlecht, wie gut ich geschlafen habe. Die Maschinerie rattert enorm laut, auch in der Zweierkabine Normalton ist nichts verständlich! Vielleicht ist der Tiefschlaf dank der beiden gutgefüllten Gläser Rotwein, Hickschen. Oder aber ich hatte Schlaf nachzuholen, wegen der aussergewöhnlich jaulenden Hunde in der Vornacht. Wobei „Hunde“, very nett: Mary ist mit der Morgenmaschine hierher geflogen. Sie fragt mich beim Treffen, ob ich die Hyänen in Kiseke gehört hätte. So bin ich mir nun nicht mehr sicher, was ich da für eine Kreatur bei schwachem Mondschein von meiner Haustüre weggejagt habe! Jänu.

Dafür jetzt Heu, herrlich weich duftendes, das mich in meinem traditionellen Bandahäuschen erwartet und mich auf die Nächte am Seeufer freuen lässt! Dann wiederum die kalte Luft, es regnet zur Sonnenaufgangszeit, es ist ganztags unangenehm kühl windig. Ich befürchte, ich hab nicht genügend warme Sachen mit dabei für meine „Ferienwoche“ im Norden.

Freudig erregt erlebe ich die Luft am Marktplatz: Just ab heute ist Senene-Saison. Es gibt sie frittiert, geräuchtert, auch mit viel Chili, und ich bin schon süchtig danach: Heuschrecken! Alle nennen sie mich Glückskind und/oder Glücksbringer, denn Senene ist die jährlich freudig erwartete Köstlichkeit, smile!

Im Kiroyera Office werde ich wärmstens und neugierig empfangen, wie ein langerhoffter Gast. Ich lerne Marys Familie(n) kennen. Das angrenzende Restaurant Maendeleo ist Fami-lienbetrieb. Herrlich, wie die Mama den ganzen Tag auf ihrem Stuhl sitzt und jede Bestellung akribisch ins linierte Schulheftchen kritzelt – dass auch ja nichts unbezahlt bleibt! Laufend schauen Händler herein. Entsprechend ändern die Gerüche zwischen fruchtigem, fischigem, textilem, fleischigem, schuhcremigem, gebackenem. Ich geniesse die Menschen, lache mit ihnen, versuche mich zu unterhalten und stelle mich saudumm an, bei der Senene-Vorbereitung. Wir sitzen nämlich alle um den grossen lebendigen Haufen Heuschrecken herum und reissen denen einzeln Beinchen und Flügel aus. Nein, mein angewidertes Gesicht stösst auf grinsendes Unverständnis, trotzdem darf ich bleiben…

Ich pendle zwischen Maendeleo und dem Reisebüro durch die Hintertüre hin- und her. Und dann stehen Maria und Sebastian im Office. Es ist das junge deutsche Paar, welches für Jambobukoba.com ein halbes Jahr volontär arbeitet. Sie kommen nicht wegen mir, nein, es ist purer Zufall, dass sie sich gerade jetzt über etwas erkundigen wollen – also, Zufälle gibts ja nicht wirklich, oder… Wir verabreden uns für später und ich gehe mit den beiden Baiskelis shoppen. Macht auch Sinn – nicht dass ich mitgehe, nein – aber die beiden wohnen fussmässig eine halbe Stunde ausserhalb vom Stadtkern und müssen durch ihre Arbeit auch in weit entlegene Gebiete fahren. Sebastian geht nach dem Velo-Deal zurück. Er hat sich noch nicht ans Sonnencreme-Einschmieren gewöhnt – ein bisschen sehr rot ist er schon. Mit Maria schlürfe ich am Markt eine Coke und erfahre sehr nachdenklich stimmende Geschichten. Auch wenn Julius Nyerere 1977 mit „Schule für alle Tanzanier“ die allgemeine Schulpflicht einführte und die Verbreitung der Amtssprache Kiswahili förderte, ist es damit nicht getan. Quantität statt Qualität? Beispielsweise erlebte Maria, wie der Lehrer vor neunzig Schülern steht, harakaraka was an die Tafel schreibt „Verstanden Kinder?“, welche brav „Ja Teacher“ antworten. Der nächste Stoff wird aufnotiert „Verstanden Kinder?“ „Ja Teacher“ und gleich kommt das nächste Thema dran, also nochmals von Vorne undsoweiterundsofort. Maria stüpft den Lehrer an, diplomatisch mit Samthandschuhen. „Was nicht?“ meint er scheinbar ehrlich erstaunt, „Warum? Du hast doch gesehen, sie bestätigen jedesmal, dass sie das Thema verstanden haben. Warum meinst du denn, sie haben den Schulstoff nicht kapiert? Warte auf morgen, ich werds dir das Gegenteil beweisen“. Natürlich, beim Test mit drei Fragen zum letztwöchigen Stoff meldet sich kein einziger Schüler! Armer Lehrer, arme Kinder!!

Apropos Kind: der quierlige und intelligente Wirbelwind Sharon (ihre Mutter arbeitet in der Küche des Maendeleo) hat mich schon von Weitem adoptiert. Wehe, wenn jemand etwas von mir will, der kriegt ihren energischen 4-jährigen Zeigefinger vor die Nase „Das ist meine Mzungu“ – wir sind richtig vernarrt ineinander!!

Im Modder riechendem Taxi besuche ich tagsdarauf mit Methodia das örtliche und regional einzige Museum sowie die Behindertenwerkstätte BUDAP. Supertoll zu erleben, was Mary hier auf standhafte Beine gebracht hat. Das Museum zeigt traditionelle Riten und Gegenstände, viel Naturfotographien, alte Münzen, altes und neues Handwerk. Zu kaufen gibts die handgefertigte Ware von BUDAP. Auch wird das Museum von ihnen geführt. Nebenan in der eigenen Werkstatt machen die Polioopfer die wunderschönen Drums und Näharbeiten. Ich bin anfänglich verkrampfter als sie. Es ist im ersten Moment schon etwas komisch, diese Menschen mit den verkürzten, fehlenden, buckelnden und deformierten Körperteilen sitzend, laufend und liegend vorwärtskommend zu sehen. Es sind aber so fantastisch herzliche Begegnungen, dass man dies gleich wieder „übersieht“. Ihr „Motto“ könnte treffender nicht sein; auf den T-Shirt geprintet steht: Disable but Able! Auch die Campside wird vom kurzen buckligen Eric geleitet, ein intelligenter, witziger Mann. Als Ausgleich zu seiner körperlichen Verunstaltung habe ihn der liebe Gott angeblich mit umso mehr Potenz gesegnet; Eric sei ganz schön gefragt bei den Frauen…

Nachmittags nimmt mich Mary mit zum Hotel Kolping. Sie hat übermorgen eine Sitzung und will dafür den Saal inspizieren. Ja sowas, und schon wieder hab ich einen Job! Zehn Tage darauf ist internationaler Father-Kolping-Generalrat und ich soll vorgängig das Personal schulen – (ich habe bei meinem spontanen Probeabenden mit Theo wohl Eindruck hinter-lassen). Wir werden die Gäste aus aller Welt an der ugandischen Grenze abholen und es gilt, ein Willkommengeschenkchen ausdenken. So werde ich mittwochs nur kurz nach Mwanza zurückgehen und schon zum zweiten Mal in Bukoba sein. Diesmal leiste ich mir den Flug, ich krieg etwas Salär!

Aber zuerst, was für ein flirrendheisser Sonntag! Ich schlafe aus und arbeite friedlich in mei-nem Banda sitzend. Dann ist mein Wasser ist alle, es muss wieder raus, frische Luft rein. Ich schlendere Richtung Toilette. Dort wartet Tom. Auf mich? Er lädt mich zum Lunch ein, dort wo er ein Zimmer mietet. Das der noch mit mir redet! Als ich gestern Morgen mit meinem Laptop am Strand arbeitete, gesellte er sich zu mir. Ich war aber gar unfreundlich – schon wieder reden müssen. Auch sein Aussehen hat mich nicht angesprochen, ein viel zu kurzer Hals (so ein Stierennacken), ein viel zu hohles Kreuz, ein schön festes Bäuchchen. Die eher hohe Stimme und seine spitzige schmale Nase passt nicht in sein breites Gesicht. Ich wollte nur die gechargte Zeit noch nutzen und habe ihn ziemlich kalt abblitzen lassen (kalt war mir an diesem regnerischen Morgen sowieso).

Aber seine Einladung jetzt, ja, die nehme ich egoistischerweise an. Ich wüsste gar nicht, wo ich was Essbares herkriegen würde, der Sonntag in Bukoba ist äusserst still. Die gewundene Strasse auf den Hügel hinauf spazierend gewöhne ich mich an Toms englisch (er sich an meines), sein tiefes Lachen ist nicht ohne. Und dann der Genuss: Die heimische Küche von Rehemas Mutter. Als Vorspeisensnack gibts natürlich fette Senenes, dann Fischeintopf, Gemüsesalat, Chicha und Unmengen von Ugali. Herzerwärmend schüchtern sind die beiden jüngeren Schwestern und spassig, wie Tom mit ihnen umgeht. Er schneidet mir aus dem Garten frisches Zuckerrohr als Willkommensgeschenk und ich trinke Saft aus soeben ge-pflückten Avocados, beides: leeeeecker. Rehema macht sich für den nachmittäglichen Aus-gang hübsch und wir posen für ein paar Fotos; ich realisiere erst im Nachhinein, dass der Fotograf extra bestellt wurde…

Dann geht’s auf, runter in die Stadt: Bukoba hat die Provinzmeisterschaft im Fussball ge-wonnen und siegestourt heute. Streetparade aus überfüllsten offenen Lastgefährten!! Mzungu- oder Tom-sei-Dank, wir drei dürfen hinten auf den Mannschaftslaster jumpen. Meine Füsse werden am Generator heissluftgegrillt, der Kopf kriegt die Sonnenhitze ab, drei verschiedene Hände halten mich, meine Eine den Hinterteil einer Unbekannten. Rumpelnd, tanzend, winkelnd und smilend gequetscht geht’s durch die zujubelnden Strassen, durch das Dorf, am Strand vorbei, in die Quartiere, immer weiter hinaus.

Immer weiter hinaus, die Häuser werden spärlicher. Nach etwa zwei Stunden wird’s mir zuviel – nicht mir, doch meinen Körper. Ich merke, dass ich langsam aber sicher drohe, ohnmächtig zu werden. Eine dringelnde Geste, Tom hieft mich runter. Wowowwww, ich seh Momente nur noch gleissendes Weiss, die Ohren summen hoch, der Body zittert unsehbar. Der athletisch wirkende Tom meint „Oh Andrea, das war auch für mich mehr als genug.“. Ein kurzes-Beine-Hochlagern, eine kühle Coke und ein paar Biskuti für die Strassenkinder später, spazieren wir beide einige Kilometer zurück in die Stadt, zum Casablanca. Doch, ich hab mich gut un-terhalten bis jetzt.

Im Casablanca – liegt irgendwo in einem Aussenviertel – herrscht neugierige Atmosphäre. Die Kids aus dem ganzen Quartier wollen einen Blick erhaschen. Diesmal nicht auf mich, sondern auf die Entstehung des Abendevents. Amüsant, wie die sarggrossen Boxen (sorry der Vergleich, aber so werden die Ungetüme rein getragen) aufgestellt werden und die Disco vor-bereitet wird. Einzige Deko im kargen Innenhof ist eine nackt baumelnde Glühbirne. Ich beobachte erstmals einen Masai als Türsteher. Die Pupertierenden probieren es vergeblich mit Bitten und Beknien. Der Fels bleibt ruhig, das Nadelöhr blockiert. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie die so friedlich wirkend auch „konsequent“ sein können. Mich lässt der Masai durch. Knipswürdig wären die folgenden Bilder bei der lauten Musik: die gespannten Gesichter der etwa zweihundert Gäste, 95 Prozent männlich: sie wollen der Mzungu beim Tanzen zusehen. Manche grooven mit, manche stehen mit offenem Mund keine Handbreit vor mir, manche wollen meine Tanzschritte „gelernt“ haben! Witzig ist das schnalzende Gejauchze zum provozierten Test: hätte keiner gedacht, dass ich mich getraue, Senene zu essen!

Herrlich herbfrisch duftend sind frühmorgens darauf die Bananenplantagen, wie kraftvoll grün die Kaffeefelder und wie erfrischend die ungekannten Gezwitscher und Gesänge. Die Region rühmt sich über 1000 verschiedener Vogelarten. Mein Liebling ist ein schwarzer Mi-nistorch: der lacht rauh aus tiefster Kehle „haahaa haahaahaaa“.

Auf dem Weg ins Village hätte mich Methodia xmal verheiraten können. Allein schon wartend im Dala-Dala viermal! Methodia amüsiert sich prächtig bei den „Verhandlungen“. Meinen Anwärtern ist es egal, dass wir nicht mal die gleiche Sprache sprechen. Hauptsache, sie können mich ehelichen. Methodia selber war zweimal verheiratet, seit drei Jahren ist sie zurück in Afrika. Vor zwanzig Jahren sagte sie Ja zu einem Engländer, vor zwölf Jahren zu einem Deutschen. Sie war glücklichst mit letzterem in Europa, bis das der Tod… Vor drei Jahren starb er plötzlich an einer akuten Blutvergiftung, im Garten, in ihren Armen. Nachdem sie sich zwei Monate „unausstehlich trauernd“, wie sie sagt, im Bad verschanzt hatte, kam sie zurück nach Bukoba, um sich hier in ihrer Heimat aufzupeppeln. Das tut sie immer noch, periodisch etwas sehr mit Alkohol… Methodia liebt die neugieren Blicke, wenn sie mit mir deutsch spricht. Auch im Daladala selber bin ich ihr ganz persönlicher Besitz – wenn es ihrem Selbstvertauen dient…

Nahe zu Methodias Häuschen, in einem versteckten Gehöft, werden mir alttraditionelle Speisen auf urtümliche Art zubereitet. Beissend reibt der Rauch in der hundertjährigen Bandaküchenhütte, lachend kugeln sich die Kinder und die Alte bei meinen Tränen deswegen. Ich verliebe mich in die Wurzelknollen und Blätter des Kasawabaumes, geniesse frische weiche Kaffeebohnen, Palmfrucht (welche nach Gulasch schmeckt) und ich trinke ganz schöne kleine Unmengen vom Bananenwein und dem Schnaps daraus (und das zum „Frühstück“!). Zum Lunch kippen wir in der Gemeinschaftshütte ein Schnäpschen mit den alten Herren Dorfbe-wohner und bevor ich mit dem Dala-Dala zurückfahre (wenn er denn mal kommt), übernehme ich für Methodia und mich noch eine Runde Konyagi (giftigte Billigvariante Cognac). Methodia kommts ins Trunken-Elend „Im gonna to die“ – nun bin ich die Mama. Der Dala-Dalafahrer und die handvoll Gäste sorgen sich aufrichtig, ob ich denn auch wirklich keine Angst habe, unbegleitet zurückzureisen. Gewisse Bilder ist man sich in der Pampe einfach (noch) nicht gewohnt…

Zum Zvieri gibt wieder feste Ware. Samira zeigt mir im Maendeleo, wie sie ihre Badjias macht (Kichererbsenmehl/Spinat/Zwiebel/Gewürze), ich bat sie vortags darum. Die knusprige Luft zieht alle in die Küche zu dieser ungewohnten Frittierzeit. Währenddessen spiele und „koche“ ich auch noch mit Sharon. Von Topf zu Topf lehrt sie mich die Nahrungsmittel- und Speisenamen. Nebenbei füttert Tom uns mit dem heissem Gebäck, köstlich! Und obendrein fange ich an, ihn echt zu mögen. Er scheint bei allen beliebt und hilft wo immer möglich tatkräftig mit. Und viiieeel später, wie er voller Feingefühl frischen Spinat zupft, kommts völlig unerwartet über mich und ich denke „Shit, jetzt möchte ich das Grünzeug in seinen Händen sein“!

Dann besteht Marys Mama auf meinen Besuch in ihrem Haus, eine Übernachtungseinladung. Sharon boxt alle beiseite „Meine Mzungu, meine Mzungu“, sie weicht keinen Milimeter mehr von mir. Ihre Mutter ist zugleich das Hausmädchen der Kalikawes-Kalemeras. Gesittet ist die Stille beim Nachtgebet des Clans. Und zu meiner Ehre, bekomme ich ein zwei Tage altes Baby in den Arm gedrückt – sooo süüss duftend. Und soo süss, wie mich Mary im zweiten Bett in ihrem Zimmer ganz behutsam in die Decke wickelt und das Moskitonetz zurechtzupft.

Tagsdarauf herrscht morgens emsiges Umherrennen für die folgende Woche fürs Kolping. Tom erlöst mich am Nachmittag – er möchte mir was zeigen. Der Laden ist noch geschlossen. Ich erkenne nicht, um was für eine Art Geschäft es sich handelt. Weder die Hauswand noch der Holzverschlag sind entsprechend bepinselt. Tom flüstert, er habe mir was anfertigen lassen. Oha, mir ist die Überraschung weniger wichtig, ich geniesse nur gerade die nötige Pause. Wir setzen uns in ein leeres Restaurant und Tom erzählt über sich, wie er in Kenya eine paarmonatige Kochausbildung gemacht habe und hier in Bukoba der erste und einzige Pizzabäcker ist. Oder besser war. Sein Geschäft lief gut. Doch die Leute wurden eifersüchtig, dachten, er sei inzwischen reich. Sie haben ihm die bestellte Ware einfach nicht mehr bezahlt – „Kesho, Morgen“. Jetzt schlägt er sich als Safari-Koch/Guide für Kiroyeratours durch.

Später ist der Handwerkerladen immer noch in Siesta. Wir beschliessen, schwimmen zu gehen. Mein erstes ausgiebiges Bad im zweitgrössten Süsswassersee der Erde – wie auslan-dend schön! Trotz des eher fischigen Seewassers rieche ich „es“ aus der Ferne: Ich, weit draussen im Nass tummelnd, realisiere die Mädchengruppe auf dem Nachhauseweg. Sie kichern, tanzen, schlängern den Strand entlang. Neinnein, wird wohl nicht… – ich geniesse mein erstes Victoriabad. … Und prompt, zurück am Strand sehe ich es, beziehungsweise eben nicht mehr: weg ist sie: meine Sehbrille, gopf! Die eine Schülerin hat unbemerkt mein Wickeltuch gehoben. Und jetzt? Ich stark Weitsichtige seh doch nichts ohne Hilfe! Ruhig bin ich trotzdem und warte gelassen auf meinen Schwimmpartner. Tom folgt der schon weit entfernten Gruppe. Auf Rundumgeheiss hätte er die Diebin zur Strafe schlagen müssen. Das hat er natürlich nicht getan und sie so sicherlich mehr gedemütigt. Tja, tut mir ja leid, aber ihre Grossmutter bekommt nun kein Präsent…

Very nice ist abends die feierliche Stimmung am „Galadinner“. Es wurde festlich aufgetischt für die Fussballjungs und etwa dreihundert Feiernde. Ich bin froh, dass mich Tom galant begleitet; denn ohne seine Übersetzung könnte das schon langweilig werden – mein Suhali ist noch gar nichts. Veryvery nice ist der offizielle Dank des Bürgermeisters und darauf die Dankesworte unter anderem an einen bestimmten Supporter des Teams: Kiroyeratours, das heisst, direkt „an mich“, die unbekannte Delegierte und einzige Fremde am Anlass. Es folgen zwei Freibier, einige darüber, ein ausgiebiges leckeres Buffet und einiges Weibergeschnatter mit unseren Tischnachbarinnen (vier aufgedonnerte starke selbstbewusste und kritische Frauen mittleren Alters). Die Zeit vergeht flugs. Gigelnd beschwippst ziehen wir nach Mitternacht weiter in den örtlichen Discoclub Lina und tanzen auf der UV-UV- und nochmals UV-beleuchteten Fläche ab. Dann bin ich müüüde.

Ohne Tom hätte ich nachtblindes Huhn mein Grashut wohl nie gefunden – da nützt die beste Brille nichts… Ganz schüchtern fragt Tom dann, ob er bei mir übernachten darf. He natürlich, was denkst du, ich lasse mich von dir die ganze Nacht chauffieren und schicke dich dann zu taxiloser Zeit zehn Kilometer auf den Heimweg. Er könne sonst auch Eric von der Campside wecken, ob eines der beiden anderen Bandas frei sei. Nein, ist doch schon ok. Schnell im halboffenen Bad das Gesicht waschen, die Zähne putzen und unter die Decke kriechen, es ist nämlich saukühl draussen. Brrr und mmmmh, schön und gut, da habe ich ja heute ein Heizöfelchen neben mir liegen. Ohh und dann… es muss ja so weit kommen, dann küsst Tom mich zuerst ganz sanft zuerst nur auf die Wange und ich fange an zu schmelzen… Kusskusskuss, endless. Ich meine dann rückzugig, dass ich nicht geschützt bin. „With some-thing?“ Eigentlich, so schnell… aber ich bin eine Frau in den besten Jahren… was spricht dagegen… und wenn er was dabei hat… Oh, er steht auf, schlüpft in die Hose und ver-schwindet in der dunklen Nacht. Ich fange an zu grinsen. Aha, er kommt nach etwa einer Viertelstunde mit Besagtem zurück. … Küssenküssenküssen bis er meint, er traue der Qualität nicht ganz, vielleicht wäre es gescheit zu wechseln. Ach, wenn er meint und so weitsichtig ist… Ha! Er zieht sich wieder was über und ist wieder weg! Ich schreie meinen langen Lachanfall ins Kissen. Dann muss ich eingeschlafen sein und werde durch Toms ankuscheln wieder wach. Er ist „ohne“ zurück, „Die Ware ist ausverkauft, ich hab jetzt kalt geduscht.“! Seine belanglose Offenheit ist so erfrischend!!

Ziemlich früh, happy smilend verkatert, lasse ich Tom weiterschlafen. Der amerikanische Archäologieprofessor Peter Ridgway Schmidt wird Mary und mich beim Kolping abholen. Wir klappern in den Süden durch Felder und Wälder. Im Irgendwo werden wir erwartet. Noch inoffiziell folgen wir den Spuren eines vergangenen Königreiches. Die Geschichten zu Zamadamu Katuruka gefallen mir. Zuerst stehen wir unter dem heiligen Baum, welcher sozusagen als Wächter am Eingang zum königlichen Grundstück steht. Sein Besonderes bei-getragen hat er auch bei den gewichtigen Neumond-Zeremonien. Ich glaube, je nach Kerbe, je nach Wachstumsrichtung, je nach Blätterverlust hat er gesagt, was Sache ist. King Rugomora Mahe regierte hier um 1650, sein „Palast“ wird originalgetreu nachbgebaut werden. Eine grössere Grashütte steht original noch, und wir gerade in der Mitte knapp aufrecht mittendrin. Sie diente der späteren Witwe sowie ihren Besucher und hütete persönliche königliche Dinge wie Trommeln, Messer, Medizin, Schmuck undsoweiter. Während wir einem dichten Pfad durch Kaffeebäume entlangspazieren, entdecke ich eine Gruppe Feldarbeiter im Dickicht „versteckt“. Ach so, sie sind diejenigen, welche die Vogel- und andere Naturgeräusche machen, wunderschön kräftig. So was Authentisches habe ich noch nie live erlebt, wow. Weder unser Guide Prof Peter, noch die anderen reagieren darauf; die bemerken nichts. So lausche ich denn ganz alleine dieser aktiven Geräuschkulisse; dabei gehen schelmische Augenzwinkern zwischen uns hin- und her. Asante sana, danke vielmals!

Weiter durch Buschwerk befinden wir uns am nächsten historischen Punkt. Ein dreiteiliger (Baum-)Schrein verbirgt sich hinter Bananenstaudendickicht, wovon heute nur noch ein ausgetrockneter Strunk übrig ist. Kaiija heisst „der Platz, wo Eisen geschmiedet wird“. Der Bedeutung nachgegangen, fand man hier denn auch handgemachte Eisenwerkzeuge. Sie wurden archäologisch untersucht: Gegenstände im Alter von 500 Jahren vor Christus, der älteste Fund in Ost-, Zentral und Südafrika!! Dieser Vorzeigeplatz der Route gefällt mir per-sönlich am Besten. Hier spüre ich die Vergangenheit am Lebendigsten, abgesehen vom heiligen Baum vorhin, bei dem ich einen Wunsch hinterlegt habe.

Beim Villageingang betrachten wir die kaum mannshohe Hütte des Regenmachers Mugasha; er ist der alte Gott der Stürme, des Wassers und der Patron der Fischermänner. Noch vor „annodazumal“ musste er einen Kampf ausfechten und läuft seither nur mit einem Bein und mit Hilfe eines Stockes. Sein Gegner war Kazoba, der Sonnengott. Nach dem Fight kam der Regenmacher Mugasha mit seinem Sohn nach Katuruka. Den historischen Beweis dazu finden wir in einem Stein: Darauf sind ein grosser, ein kleiner Fuss- sowie ein Stockabdruck überdeutlich auszumachen.

Auf der Weiterfahrt macht der amerikanische Archäologe auf eine Stelle aufmerksam, wo es dahinter einen wunderbaren Wasserfall und eine spezielle Höhle gibt. Schöner und spezieller als die beiden, welche Kiroyeratours bereits in ihrem Repertoire haben. „Gefunden“ wurde der Platz folgendermassen: die Kinder nehmen in der Schule das Thema Knochen und Knorpel und Gebeine durch. Als Hausaufgabe müssen sie entsprechendes bringen, also Fischgeräte und Hühnerknochen, ein aufgehobener Zahn, etecera. Aber was ist denn das? Die Schüler kommen mit menschlichen Gebeinen in die Schule – die seien von ihrem Spielplatz! Dem nachgegangen, findet man die gut versteckte Höhle hinter dem Wasserfall: sie diente als Massengrab, gleichermassen mit Afrikanern und Deutschen gefüllt, gleichermassen um die Jahrhundertwende krankheits- und schusswundenmässig getötet. Nach der „Identifizierung“ des lieblosen Knochenhaufens werden die Skelette Stück-für-Stück „menschenwürdig“ hergerichtet. Es ist noch offen, ob dieser Ort öffentlich zugänglich gemacht werden soll.

Ehrfürchtig empfinde ich die nachbarschaftliche Begegnung in Kanazi mit Bwana Nyarum-bamba, dem letzten König. Still und stolz empfängt uns der hagere Greis mit seinem Gefolge. Seine Stimme ist leise, seine Augen sind beginnend etwas trüb und sein linker Fuss ist teigig elefantös (ein Lymphedefekt der entweder angeboren ist oder durch Mücken übertragen wird). Sein westlicher, grauer Anzug ist inzwischen viel zu gross, aber er trägt ihn immer noch majestätisch würdevoll. König Nyarumbamba tauscht mit Mary alte Geschichten aus. Sie informieren einander über die neusten Geburten, die kürzlichsten Todesfälle und andere Familiennews. Eine vertraute Stimmung herrscht zwischen den beiden. Dann geht es um den geschäftlichen Teil. Der König öffnet seinen heruntergekommenen Palast für Touristen. Für sich und seine Familie will er zwei Hinterzimmer privat behalten. Mary unterstützt Peter Schmidt erfolgreich mit seinen Ideen. Wir dürfen sogleich das hundertjährige Originalfoto des Vorvorkönigs, seines Grossvaters Kahigi, für „Restaurationen“ mitnehmen. Ich merke, dass der König gerne noch etwas plaudern möchte, doch des Professors Anwesenheit macht ihn zurückhaltend und schüchtern, schade. Aber ich schliesse nichts-desto-trotz seine begleitenden Glückwünsche gut in mir ein.

Was ich heute noch erfahren habe: König Nyarubamba ist ein Grossonkel von Mary! Mary ist blaublütige Afrikaner-Prinzessin „Princess of Kihanja der Nachkommen von Bunyoro Kitara aus Kamachumu, Muleba Kagera“. Mjwanga war ihre mächtige Tante, die im 19. Jahrhundert herrschte. Sie regierte über das landschaftlich szenische Gebiet auf der Spitze der Tafelberg-Hochebene, woraus auch die Bugonzi Wasserfälle entspringen. Neben Mjwanga herrschten ihre zwei Königs-Brüder Kahigi und König Kalemera. Aus Clangründen hat Marys Familie dies früher situativ verschwiegen. Heute steht sie dazu und trägt sich gegeben titelgerecht ins Gästebuch ein; so wie heute „Princess Mary Consolata Kalemera“. Der Tribe (Stamm) ist angeblich nicht mit den Clans zu verwechseln. Nachkommen tue ich da nicht. So zum Beispiel nennt Marys Mutter deswegen ihre eigene Tochter „Mama“ und der erste schwarze Bischof (selig, welcher aus Bukoba stammte), war dreimal so alt wie sie, doch sie musste ihn „Enkel“ nennen …

Wir sind zurück in Bukoba. Dort im Mandeleo und Kiroyeraoffice stimmt mich die erste Ver-abschiedung von meiner neusten Familie und den Freunden etwas traurig. Wie soll man sich fühlen, wenn einem nach diesen handvoll Tagen die gleichaltrige Nichte sanft aufs Dekolte schmatzt und die 90jährige Justina einem die Hände küsst….

Abendlicher Lagerfeuergeruch an der Campside. Tom hat für Rob (einem fröhlichen Tages-touri aus Manchester), für Rehema und mich ein Abschiedsbarbecue gezaubert. Dass er mich in Bukoba behalten möchte, das ist eine andere Geschichte. Wie lecker schmecken seine Varianten der frischen Hamburger, panierten Würstchen und Chickenspiesschen. Ganz neue Kombinationen, doch, er ist wirklich mit Leidenschaft ein talentierter Koch. „Oh Andrea, ich wollte dir eine Pizza zaubern“. Er ärgert sich mächtig; sein eigens dafür hergestelltes Blech ist spurlos verschwunden. Ich bringe frisch gepressten Passionsfruchtsaft mit, den pushen wir mit Konyagi. Und gut, passiert dies noch vor dem ersten Cocktailschluck: Ich stolpere über einen gemeinen, im Sand versteckten Stein – bin immer noch nachtblind. Auf ein kurzes Autsch-Zucken folgt das Gefühl von warmem Nass. Daraus resultiert die illustre Szene im Badhäuschen unter der mückenumschwirrenden Glühbirne: mein blutender Fuss im Lavabo auf Busenhöhe, Rob der mich ungelenk stützt, Tom der bei schwächstem Licht sanft reinigt und doktert und Rehema die unbeholfen versucht, medizinisch zu assistieren. Unser bebendes Lachen macht die Sache nicht einfacher. Hauptsache der Zeh ist noch dran; einfach viel Haut fehlt und hübsch hängt der Nagel an einem zarten Fädchen.

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Darwin’s Nightmare. Nur so nebenbei für alle, die den Dokumentarfil kennen. Ja, ich hab den Film im Kino in aller Deutlichkeit und später im TV gesehen…. JA! Ja, ich bin genau auf diesem Flughafen gelandet, ja, es ist dies meine Stadt, ja, ich esse genau diesen leckeren Fisch frisch und von den geräucherten Geräten, ja, ich besuche den grossen Fischerhafen ausserhalb, ja, ich sollte eine behördlich Bewilligung für den Eintritt in diese Fischfabrik bekommen, ja, die Slumshügel bin ich schon durchspaziert, ja, die traditionellen Giftpfeile sind mir bekannt, ja, auch ich werde von diesen Strassenkindern angebettelt und sehe sie auf den Trottoirs schlafen, und ja, dies ist eine dunkle Seite, wie jede Grossstadt eine hat!! Und nein, ich werde mich nicht in der tiefen Nacht (wenigstens nicht alleine) auf den Strassen und an den Stränden aufhalten… und jaaa, es gibt daneben soooo viel Schönes, Fröhliches und Liebenswertes an der Lake Zone Mwanza!!

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