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Archive for Juni 2010

halbzeit mwanza!

Halbzeit Mwanza! Ich will gar nicht daran denken. Halbzeit Tanzania! Halftime Lake Victoria! Wie bringe ich all meine Ideen (schneller) zum Laufen, was geschieht nach mir damit? Ich könnte meine Arbeiten einigen Organisationen schmackhaft zu machen, damit weitere Vo-lontäre kommen. Selber erhalte ich ein Angebot von Tanzania Private Sector Foundation (www.tpsftz.org) für deren Unterprojekt Tanzania Cluster Competitivement Program tccp. Ich würde als Volontärin ein Appartement, ein Auto und genug Taschengeld bekommen. Arbeitspesen wären noch oben auf. Klingt gut. Nur, wenn ein „fester“ Job, dann müsste er auch so bezahlt sein, dass ich meine Sieben Sachen in der Schweiz Aufrecht erhalten kann. Tanzanian Private Sector hat erst heute einen Fuss in unsere Projekte gesetzt. Mwanza ist noch nicht erschlossen und muss oder kann jobmässig noch nicht besetzt werden. So wäre „mein“ Arbeitsort vorerst in Tanga – wunderschön am Meer gelegen. Mal sehen, klänge zwar schon kuhl, wenn ich das richtig verstanden habe, von der Weltbank sein Salär zu beziehen.

Aber vorerst habe ich hier genug zu tun. Dass ich nicht ganz so viel rumlaufen sollte, habe ich inzwischen begriffen. Auch gut. Homeoffice, ich habe wunderbar Zeit für die Postkarten-kreationen und Einrichtungsvorschläge TIO. Mit dem Schulungsprogramm für zukünftige Touristenführer komme ich auch gut voran. Und zwischendurch nehme ich mir meine Zeit, mich meinem Diary zu widmen, Fotos zu kategorisieren und private E-Mails zu schreiben.

„Privat“, eine kleine Story: Nach der Tanz- und Schlangenaufführung im Isamilo schrieb ich John Sombi eine E-Mail und hoffte, dass die Filmaufnahmen einigermassen gefallen. Seither ruft er mich sporadisch an. Wir schaffen es nicht, uns für ein Kaffee zu treffen. Entweder bin ich auf Reisen oder er logiert gerade in Dar-es-Salam oder Dodoma, wo ich jederzeit herzlich eingeladen wäre (in Dodoma mit oder ohne ihn bei seinen Eltern). Oder er bereitet sich auf die Reise nach Schweden vor, er hat dort eine Verlobte. Eine handvoll freundschaftliche Hellomails schreiben wir. Sein letzter Infostand war gerade, dass er eine Möglichkeit hat, in Norwegen als Tanzlehrer zu arbeiten, toll – ich wünsch ihm Glück. Dann kriege ich eine Nachricht von einer mir unbekannten Verena. Natürlich, sie warnt mich eindringlich vor John! Sie lebte eine zeitlang in Dar-es-Salam, geschäftlich. Nach einem Jahr Beziehung mit einem Tanzanier kam dieser bei einem Autounfall ums Leben. John habe sich so rührend um sie ge-kümmert; sie wurden ein Paar. Eigentlich müsste er jetzt in Schweden sein, um sie zu heiraten. Aber sie habe bemerkt, wie er nach ihrer Rückreise rechts und links weitere Frauen dated und durch diese (mit Liebeleien) versucht, Business zu machen. Hallo Verena, und jetzt? Tut mir ja leid für dich, aber das ist deine Geschichte, nicht meine. Und die geht mich gar nichts an, dazugehören tu ich nicht und mich hineinziehen wirst du auch nicht können. Es gibt ganz viele solche Stories und ich kann es den Menschen nicht verübeln, wenn sie sich eine bessere Zukunft erflunkern – als solche Partner/in sollte man die rosa Brille ausziehen. Ich schicke ihr nur eine Kurzantwort und ignoriere die Folgemails – nein, ich bin und werde keine „Verständnis-Freundin“. Die Zwischendurch-Calls mit John bleiben. Einzig weiss ich jetzt, dass meine Einschätzung, er sei homosexuell nicht ganz richtig war. Das allerdings wäre wieder ein anderes Thema, denn, gleichgeschlechtliche Beziehen würden in Tanzania mit Gefängnis be-straft.

Noch ein anderes Thema. Tom nimmt die Sonntagsfähre nach Bukoba. Er will nach dortigen drei Jahren „sein Zelt abbrechen“, seine Sachen verkaufen, bei Säumigen Geld einfordern und dann… Der hat nun ganz schön Heimweh nach Kenya. Mein Crash hat in ihm einige Gedanken ausgelöst; was der Seiten vollgeschrieben hat diese Tage. Er meint auch, mein Unfall wäre nicht passiert, wenn er nicht getrunken hätte an dem Abend und so ins Tanzfieber gekommen wäre –Quatsch. Wahr ist allerdings, dass er abends zeitweise schon sehr viel bechert. Warum, „Es gibt einen Grund, den werde ich dir irgendwann mailen. Nach deinerRückkehr in die Schweiz“. Fragezeichen.

Jedenfalls bin ich denn vorerst wieder alleine in Kiseke. Das stimmt Mary, Pura, Jadida und vorallem Marys Vater freudig. Marys Vater ist gerade aus Dar-es-Salam angekommen. Er bleibt ein unbestimmtes Weilchen, bevor er weiter nach Bukoba fährt. In Dar-es-Salam hatte er eine Prostata-Operation. Er ist jetzt mit 78 Jahren das erste mal ernsthaft krank und will nicht so recht glauben, dass er wieder zu Kräften kommen wird. Ist voll süss, wie er von mir all die Medikamente kommentiert haben will und auf mich „hört“. Er trotzt danach scheinbar sogar mit meinen Erklärungen dem Arzt gegenüber, Mary freut es. Auch wir beide diskutieren oft über Medikamente und deren natürlichen Alternativen. Und hier schwatzen sie den unwissenden Patienten noch mehr unnötige (Vitamin-)Pillen auf, um Geld machen zu können. Ich mag Marys rundlichen Vater, der hat so ein verstecktes spitzbübisches Zwinkern in den Augen.

Eigentlich plante ich ein paar Erkundungstage mit Father George auf der Ukerewe-Island. Dazu musste ich absagen. Denn bei der eigentlichen Konsultation meinte der kurze Teddybär-Arzt „Neinnein, herjeee. Mzungu Andrea, ich meine es ernst, es ist nicht zu spassen. Diese schwarzen Stacheln bleiben noch schön drin!“ Ich war gerade in die Putzphase der Notaufnahme geraten. Sind die Böden wasserglitschtig duftend fein frisch – so entgegen meinem nächtlichen Besuch. An einem Mittwoch hat dann die mütterliche Helen die wider-spenstigen Fäden rauspinzetiert. Es geht zwar noch nicht ganz so schnell zu Fuss, wird wohl aber schon werden… Also rufe ich jetzt Father George an, wie es denn auf Ukerewe war. Was für eine freudige Überraschung: „Nein, wir fuhren auch nicht hin. Du sollst mit dabei sein! Ist dir dieses Wochenende recht?“.

Unser monatliches Mwanza-Tourist-Task-Force-Meeting findet während der Woche statt. Toll, etliche Sachen gehen vorwärts. Bald sind wir keine MTTF mehr, sondern offiziell beglaubigt die Mwanza Tourist Association MTA.

Und Tom? Der ruft am Dienstag an. Er ist ganz schön traurig, und wütend. Ich habe ihn ge-warnt. „Oh, Andrea, ich wollte das nicht glauben“. Sein Geld bekommen, seine Kleider ein-sammeln, nichts klappt. Gekränkt, nicht nur malariakrank, reist er schon diese Nacht zurück nach Mwanza – ohne seinen Freunden auf Wiedersehen zu sagen!

Dann am Morgen in der Stadt seine Story: im Bett malariawälzend, besorgte ihm jemand sein Fährenticket. Als er in diese einsteigen wollte, was? „Gefaktes Ticket, du bist ein Betrüger!“. Auf der Fähre kennen ihn alle durch Kiroyeratours, manchmal schläft er in des Kaptain Privatkajüte. Trotzdem hat er die halbe Fahrt in Handschellen stehend in der Kittchen-Kabine verbringen müssen. „Oh Andrea, ich hab alles versucht, sie wollten partout nicht hören.“ Er musste dann nochmals ein „echtes“ Billet bezahlen und als Strafgeld – weil eben kein Geld mehr da war – wurde sein Mobile konfisziert!

Also wirklich, der Typ hat manchmal Geschichten. Wie auch, als er 1996 aus dem kenianischen Hinterland kommend erstmals in Mwanza war. Gerade da war die MV Bukoba gesunken (das grösste Schiffunglück auf dem Lake Victoria mit den über 800 Toten). Er hört davon und geht neugierig geworden ins Spital „die Toten anschauen“. Überhaupt geht man hier mit dem Tod viel „öffentlicher“ um. Leichen werden in allen Medien ungeschminkt gezeigt/gefilmt und das in schonungsloser Nahaufnahme, gruselig. Jedenfalls findet Tom den Saal mit den Leichen und ist so mit dem „Studium“ beschäftigt, dass er nicht realisiert, wie die Menschenmasse hinausgeschickt und die Türe geschlossen wird. Der eine retourkehrende Arzt kriegt fast einen Herzinfarkt, als er Tom da aufrecht stehen sieht! Und wenn schon mal in einem Spital, dann dreh ich noch ne Runde. Bis er in der geschlossenen Abteilung landet – die eben nicht geschlossen ist! Und das für einen, der bisher keinen Kontakt mit psychischkranken Menschen hatte. „Oh Andrea, die Geräuschkulisse und die Fratzen waren ganz schön schaurig“. Tom entdeckt dann noch das Phänomen, dass da wo Leute reingehen aber nicht wieder rauskommen – also fährt er auch zum ersten Mal Lift! Nach diesem ereignisreichen Tag liegt er eine Woche flach – war doch etwas viel auf einmal… Tom erzählt so gestenreich auslandend und in einer ungezwungenen Selbstverständlichkeit, ich lache einen Anfall am anderen. Zu seinen beiden fetten Narben am Hinterkopf meint er ganz natürlich „Tja, ich hatte es wohl etwas sehr eilig vom Himmel zu kommen. Ich rutschte unerwartet schnell aus dem Bauch meiner Mutter.“. Über all seine illustren Geschichten, was die Annäherung an das weibliche Geschlecht anbelangt, da nur eines kleines Episödchen: als er mit pupertierenden vierzehn Jahren von einem Mädchen einen Zettel „ninakupenta“ (ich liebe dich) zugesteckt bekommt, geht er mit ihr in den Wald. Kein Reden, kein Herumalbern, gar nichts. Er liegt etwa zwei Stunden mit dem Kopf auf ihrem Bauch. Darauf ist er sich sicher, er hatte soeben zum erstem mal Sex! Er fand es schön. Das Mädchen allerdings hat sich nie mehr bei ihm gemeldet.

Nun aber ist Tom erstmal wieder zurück in Mwanza – für wie lange…? Das Thema Bukoba ist wie vom Tisch gefegt, kein Wort fällt mehr darüber. Einmal pickse ich ihn an, ob er denn wenigstens mein Geschenk geholt habe. Man erinnert sich an die eine Überraschung die er für mich anfertigen liess, der Laden aber geschlossen war. Ganz offen, als wäre es das normalste der Welt, antwortet er schlicht: „Oh, Andrea. Das war gelogen, ich wollte nur Zeit mit dir verbringen.“ Ist ja aufgegangen – für beide. Jetzt ist er fleissig und erfolgreich für mich am Businesskontakten. Zuhause ist wohl erneut ein einzelner lauter Song den ganzen lieben langen Tag angesagt. Endless kann der von meiner Musikliste seine Lieblingsstücke abspielen (zb David Bisbals aqui y ahora, Claudio Baglionis piccolo grande amore, Tina Charles i love to love, Yvonne Catterfields Für dich oder gerade das brandaktuelle StereoLove von Edward Maya & Vika Jigulina).

Früh aufstehen muss ich. Tom darf aus- und nachschlafen. Ukerewe wartet. Die Insel mit ihren 496 Quadratkilometer ist die grösste Binneninsel Afrikas. Sie gehört mit der nördlich gelegenen Insel Ukara und kleineren Nachbarinseln zu einem der acht Distrikte von Mwanza. 2002 betrug die Einwohnerzahl im verwalteten Gebiet 261’944, die Hauptstadtt Nansio bewohnen rund 6000 Einwohner. Die dreistündige morgendliche Fährenfahrt ist zugig kalt. Wir sind zu viert unterwegs. Matilda und Laurenzia sind seekrank. Es ist deren allererste Fahrt auf Gewässer. Father George gehts sehr gut. Er genehmigt sich heute sein erstes Bierchen schon um zehn Uhr. Sag mal, auf welchen Heiligen stosst du denn heute an..? „Lass mich überlegen“, er studiert die Bierflasche und bingo, er strahlt schelmisch: „Heute ist es der Saint Castel Lager!“ Er geniesst dieses genau so offensichtlich, wie auch mit drei so adretten Damen unterwegs zu sein.

Wir logieren im einfachen Guesthouse Monarch. Das liegt herrlich am Strand. Ich flipp fast aus, als ich im Vorhof die beiden Flangipani-Bäume rieche. Flangipani heissen sie in Tanzania, Mariposa in Cuba, man nennt sie Plumeria alba oder auch Tempelbaum, Antillenjasmin, oder Flor de Cebo oder …. Der betörende Jasminluft stimmt mich immer ganz glücklich. Hier gibt es nicht nur die weisse Variante. Mein neuer Favorit ist pinkfarben mit dem üblichen gelben Kern. Der Duft ist ein Tick wärmer, filigraner. Das wäre mein Lebensparfum!

Wir geniessen das Städtchen, gebratenen Fisch, grünes Gemüse und frittierte Chipsy. Und wir celebrieren Matildas mit Bravour bestandenen Computerkurs; das Geschenk ist ein eigenes Mobile. Sie ist eine von Father Georges Zöglingen, zwanzig jähriges Waisenkind und mit einer Tante zusammen verantwortlich für fünf jüngere Geschwister. Matilda ist sehr hübsch und das weiss sie. Ganz gezielt setzt sie ihren Augenaufschlag ein, ganz gekonnt kokettiert sie mit dem jungen Georgy, dem Pächter des Monarch. Auch die hagere Laurenzia steht unter dem Schutz von George, sie ist einundvierzig Jahre alt und muss wieder bei den Eltern wohnen; der Ehemann hat sie verstossen, sie wurde nicht schwanger.

Den Abend begiessen wir – eher ich – mit einer mitgebrachten Flasche Campari. Woher wusste George, dass mir dies schmeckt (im Gegensatz zu den beiden anderen Ladies)? Überhaupt mag ich den George je länger je lieber – und das hat nichts mit dem Aperitiv zu tun. Eigentlich heisst der George „Jürgen“, aber das tut nichts zur Sache. Wie auch nicht, dass wir situativ das „Father“ weglassen müssen. Georges Efforts für Mwanza und sein Wissen darüber sind einfach gold wert und sein besonderer Humor liegt ganz auf meiner Wellenlänge.
Die Mädels und George sind nach dem frischen Kuku müde, gehen früh schlafen. Ich setze mich auf die breite Schaukel. Hoch und höher und überfliegend geniesse ich die sternenklare Fast-Vollmondnacht. Und dann klingt nebenan aus den Boxen R. Kellys „I believe i can fly“, nun schwebe ich vollends in anderer Sphäre.

Am Morgen erwache ich wunderbar früh und spaziere alleine ins Morgenlicht hinein. Schön zu sehen und zu hören, wie das plappernde Städtchen erwacht. Ich komme an einer einge-zäunten Wasserpumpe vorbei und werde von den kichernden Menschen gleich in Beschlag genommen. Ein, zwei Fotos knipse ich dabei heimlich, pardon. Mit den Kindern spiele ich etwas Katz und Maus durch den astigen Zaun. Dann schlendere ich zurück. George hat ein Bötchen organisiert. – Ein Riesenkahn für drei Gäste (Matilda kriegen wir nicht mit rein). Drei kräftige Fischer paddeln muskelspannend über eine Stunde lang, George schlägt kräftig mit. Ich tu mir das nur ein halbes Stündchen an, es ist mir zu heiss und ich finde es ganz angenehm, mal so „chauffiert“ zu werden.
Wir landen am hellen Sandstrand von Hamuyebe und machen uns auf die Suche nach dem Fort, von welchem aus die Deutschen 1904 bis 1910 den See kontrollierten. Seit Jahrhun-dertende hatten sie die Aufgabe, die Sklaverei zu bekämpfen. Als grössten Rückschlag kamen hier leider bei einem handfesten Kampf etwa achzig bereits freigekaufte Sklaven ums Leben. Daraufhin mussten sie selber flüchten.

Den Aussichtspunkt des kleinen Fort finden wir auf einem Hügel. Von der Stätte ist leider so viel wie gar nichts mehr übrig. Wir können nur noch ein paar angedeutete Steinmauern inmit-ten der Kasawa-Plantagen ausmachen. Es lohnt sich demnach nicht, dieses Ziel ins Touristenprogramm aufzunehmen. Dafür aber riecht die Luft so herrlich!! Orangenplantagen, unzählige schöne bauschige Baumkronen voller wunderbarer knallfarbener Früchte. Und genau das sollte nicht so sein. Sie werden alle verfaulen: Es sind zuviel davon! Wenn ich jetzt Kontakte zu Fruchtsaftfabriken wüsste.

Zurückgepaddelt können wir nur noch schnell packen und zum Steg eilen. Haraka-haraka kaufe ich dabei noch ein Mass Orangen. Ein Mass entpricht einfach dem gefüllten Körbchen. Ein Körbchen: etwa fünf Kilo Orangen und Mandarinen für umgerechnet knapp einen Fran-ken!

Kaum auf die Fähre gejumpt, legt sie ab. Ich plane, nochmals nach Ukerewe zu kommen. Ich habe von weiteren vielversprechenderen Touren gehört. Bereits ausgehandelt mit Georgy habe ich einen günstigeren Zimmerpreis.

Auf festem Boden, auf dem Pistenstück nach Kiseke, streikt der Daladala alle hundert Meter. Ich sitze neben dem gestressten Fahrer. Als wir da so manchmal Mitten auf dem Strässchen stehen und uns ein Fahrzeug entgegenkommt, bin ich die Gestresste. Es ist mir mulmig nicht ganz geheuer. Das fällt wohl unter traumatische Unfallfolgen – ich sollte nicht blickträchtig vorne Einsteigen. Einmal werde ich abgelenkt, Toms Name erscheint auf meinem Mobile. – Also sowas, denke ich, saufrech, zuerst sein Mobile hinterrücks ersteh(l)en und dann noch Calls damit machen. Aber nein, es ist Tom selber, er ist bei Gertrud. Er hatte den einen Typen am Hafen abgefangen und für „nur“ 10‘000 sein Natel zurückerhalten.

Ich selber kam nicht ganz so günstig davon. Man erinnert sich an das gestohlene Utensil-Etui im Spital. Ein Kisekebewohner, den Umar kennt, bekommt ein paar Tage darauf ein Anruf: „Die Mzungu kann ihre Ware wieder zurückkaufen“! Das heisst: Bankkarte, Führerausweis und Notfallkarten. Die Kamera und den USP-Stick könne ich vergessen. Umar feilscht darauf mehrmals telefonisch den Preis aus. Schlussendlich macht er sich auf nach irgendwo weit draussen weg vom Schuss. Die Dealer sind ganz schön ängstlich nervös, dass hinter Umar die Polizei auftauchen könnte. Meine Ware wird gegen 80‘000 Ths eingetauscht. Erstaunlich für mich ist, dass sie den Kugelschreiber und ein paar (andere) Echtsilberohrringe nicht behalten haben. Wenn man nicht schreiben kann und noch nie keinen Kitschschmuck gesehen hat… dass sie mit dem Tampon nichts anzufangen wussten, ist nicht verwunderlich, smile. Wenn Umar next Week vom ostafrikanischen Dart-Turnier aus Arusha zurückkommt, wird er sich in der einen Strasse umsehen, vielleicht kann ich mir meine eigene Kamera zurückkaufen.

Den wunderschönen Vollmondabend verbringen wir also bei Mama Maria und ihrer Familie. Gertrud ist vierunzwanzig Jahre alt, die Mutter von Baby Maria. Sie kümmert sich auch um die drei Kinder aus erster Ehe von Laurient. Deren Mutter ist abgehauen, als sie errechnete, dass sie mit einfacher Prositution mehr Geld verdient, als mit der harten Arbeit auf den Reisfeldern. Nachdem Laurient mit Tom den selbstgebrauten Teewein getrunken hat und so zum „Blutsbruder“ avoncierte, ist er nun mein „Schwager“. Also „Shemeji – kurz Shem“ gibt sich alle erdenkliche Mühe mit den unterschiedlichsten Jobs, um die Kinder zur Schule schicken zu können – bisher vergeblich. Bald sind Aloyse vier, Anna sechs und Esther acht Jahre alt. Auch Gertrud ist eine Krampferin, beides sind Engel von Menschen. Wir lachen viel, essen viel und trinken viel, und geniessen heute diese Nacht.

Daraufhin muss ich aussetzen. Es war wohl schon etwas zuviel Action so kurz nach dem Crash – auch eine weitere Sorte Blasenmittel habe ich auf dem Rückweg besorgt. Kuschel- und Schonwoche ist demnach angesagt, wovon ich die ersten beiden Tage flach liege. Schönheitsschlaf? Denn Tom inspiziert meine Schläfe. Ja, der harte schwarze Pflasterpflasch wird von den neuen Härchen getragen, wir können meinen Schönheitsfleck also entfernen. Mein kleines, feines Nagelscherchen, du bist gefragt. Das filigrane Unterfangen wäre mit Mary Schere erneut unfallgefährdet (danke trotzdem). Ihr Teil stammt aus jener Ururzeit, wo die gusseisernen Bügeleisen mit Kohle gefüllt Hochkonjunktur hatten – ein nettes Paar.

Zwei Sitzungen, einige Kleinigkeiten hier und dort – und das definitiv fremdkörperfrei. The days are running.

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Da hauts mich vom Hocher, buchstäblich, wortwörtlich! Für die, die es noch nicht wissen. Oder besser es hat mich vom Hocker gehauen. „Lahalala – Eine die fliegt“ . Und ich weiss nicht mal was davon. Wie das? Zwei Tage nach Arusha. Aber zuerst kommt nochmals Kageye.

Also, wir sind am Dienstag zurück. Nach dem Flughafenhighlight freue ich mich, jegliche feuchte Ware in der Sonne auszulegen. Das Arusha-Wetter war wirklich eine Herausforderung für mich. Aber jetzt ist ja wieder gut! Am Mittwoch werden wir von Professor James Spillane, Father George und Delphine aufgeladen. Nsajigwa ist auch dabei. Ich ärgere mich ziemlich, dass er so tut, als wäre er zum ersten Mal bei den nun folgenden Ausflugszielen. Man müsste halt Geschichtliches nicht vergessen aufzuschreiben. Zuerst halten wir in Kayenze. Winfried Huber, ein scheinbar bisschen eigenbrödlerischer Missionar (was in dieser Abgeschiedenheit kein Wunder ist), lebt seit drei Jahren in diesem Parish. Er hat uns vergessen, darum noch nicht geluncht. Wir schlendern zwischenzeitlich zum Fischerhafen. Diesmal sind wir later dran, die Hafenaufseher sind bereits weg und ich kann ein paar Pics aufnehmen. Tom dealt dabei gerade unser Nachtessen aus, welches nun den ganzen Tag auf der Ladefläche unseres Pickup stumm vor sich hin glotzt (für CHF 2.- ein armlanges fettes Fischchen). Weiter nach Kageye. Nochmals zurück zu den Spuren Sir Henry Stanleys. Es ist interessant, was Winfried Historisches und Aktuelles ergänzt. Vorallem, dass der momentane Hüter des Areals wie-die-Made-im-Speck lebt. Es kostet Winfried einige Mühe, das historische Areal vor unnötigen Abholzungen und anderen krummen Geschäften zu bewahren. Ich werde ihm unsere glücksbringende Adresse von Dar-es-Salam nachreichen, damit dieser Platz offiziell unter Denkmalschutz gestellt werden kann, vielleicht kann er was erreichen. Es soll auffhören, dass die beiden Grenzbezirke so lange Staatsgelder hin-und her schieben, bis niemand mehr (offiziell) weiss, wo diese denn jetzt sind. Der Tag vergeht wieder viel zu schnell. Später die Restrückfahrt auf den Pikipiki ist recht illuster und amüsant: Ein Pikipiki für mich, eines für Tom und eines für den Fisch – VIPs! Zuhause in der Dämmerung zerlegt Tom den Blubber, frittiert die Filets und brodelt eine wunderbare Fischsuppe; dazu gibts obligates Ugali und jede Menge meiner geliebten Gemüsesorten, lecker. Toms Art mir danke zu sagen.

Ausschlafen und durch die Stadt touren. Shopping: Kleider für Tom, Küchenequipment, Bluetooth-Stick und etwas frische Marktware für mich und uns. Zum Zmittag zeigt mir Tom den Restaurantcorner in der Mitte des Marktes. Ich würde schätzen, von den fünfzehn offenen und gedeckten Essstätten sind Zweidrittel besetzt, die sehen teilweise schön schäbig aus. Tom stellt mir Mama Robi vor. In ihrem betonen Abteil gibts schmackhaften dunklen Ugali – quasi die gesunde Ausgabe des weissgeschroteten Originals. Die schlanke Mama Robi gefällt mir, sie strahlt etwas mütterliches und zugleich jugendlich freundinnenhaftes aus. Sie und ihre Mitfrauen an den Kochtöpfen lachen und staunen nicht schlecht, wie meine Anwesenheit Laufkundschaft auslöst „Eine Mzungu, eine Mzungu hier drin!“ Auf dem Heimweg stossen wir auf Rastamann Probster, ein Freund von Tom aus Bukoba. So bleiben wir noch ein wasserlang in der City. Probster ist 25 Jahre jung und zum ersten mal richtig verliebt. Er erzählt mir enthusiastisch bis in die allerkleinsten Details (auch diejenigen, die ich nicht gar hören will und die mich schon gar nichts angehen) von seinem Zusammenkommen mit Emily aus Dänemark; in drei Wochen fliegt er zu ihr.

Beim Eindunkeln entscheiden Tom und ich spontan im Villapark zu dinieren und etwas Musik reinzuziehen. Nach dem zarten Kuku mit ganz viel feinem und feinen Kohl, realisiere ich auf dem Grossbildschirm die WM-Eröffnungshow des FIFA-Worldcup. Wie ich diese geniesse – mit meinen persönlichen Stars wie beispielsweise Angélique Kidjo und Ahmadu&Mariem. Schon während der Show, danach definitiv, friere ich – bin mit kurzarm-T-Shirt und leichter Jeans nicht für die kühlen Nächte gekleidet. Auch hab ich mich nicht spirituosenmässig warmgehalten wie in Arusha. Nach der Übertragung möchte ich nach Hause. Tom will noch noch etwas Abtanzen, nur zu. Es ist sein letzter Abend in der Grossstadt, morgen geht es zurück zur Arbeit nach Bukoba. Er begleitet mich nach draussen. Zuerst beharrt er erfolglos auf einer überteuerten Taxi, dann notiert er sich zumindest die Mofa-Nummer, ein ganz junger Driver. Es ist bei weitem nicht das erste Mal, dass ich nächtens ein Pikipiki nehme, Autotaxen will und kann ich mir nicht leisten. Und dann, der Pikipiki ist der je langsamste. Die Asphaltstrasse ist unendlich und nach der Abzweigung spürt man nicht mal, dass es nur noch unebene Buckelpisten sind. Und dann… Dann…Wie lautet dieser Kapiteltitel…?…!…

…Und dann dümpeln wir so die Strecke entlang… Und… Und dann sind da aus dem Nichts die beiden hohen Scheinwerfer in Front! Ein Auto. Egal. Ooh, aber etwas sehr schnell. Auch egal. Aber oohhooo, auf unserer Seite!! Der Pikipiki versucht Richtung Gras auszuweichen und ich denke emotionslos „Zu spät“. Gleichdarauf ein Knall. Das Vehikel wischt uns mit voller Wucht weg. Einfach so, ohne zu Fragen! Eben, es haut uns vom Hocker. Ich erinnere mich nicht mehr daran.

Ich bin angeblich eine Viertelstunde komplett weggetreten. Beim Erwachen realisiere ich eine schattenhafte grössere Gestalt. Sie schüttelt mich. Liege ich, sitze ich? Ein männliches Gesicht auf english „Are you ok“? He? Pardon? „Are you ok?“ „Are you ok?“ Ich frage irritiert „Bist du schwarz oder scheint es durch die Nacht so? Ist es Nacht?“. Ich sehe nur unscharfe Grautöne. Wo bin ich? In Kiseke, hee? In Mwanza, heee, in Tanzania, wie bitte? Aha in Afrika, so. Ja was mache ich denn in Afrika? Mein Gegenüber kriegt langsam Panik; ich wieder Bodenhaftung. Keine Ahnung, was ich hier tue, warum ich hier bin. Meinen Namen kann ich ihm auch nicht sagen. Ich weiss, dass ich den Begriff „Name“ kenne, jedoch anfangen kann ich gerade nichts damit. Doch ein Gefühl sagt mir, ich muss hier sein, alles ist richtig so, ich gehöre hierher. Komisch. Ich bin auch ganz gelassen, vielleicht ein Schock.

Der Pikipiki-Driver liegt etwa zehn Meter von mir entfernt. Wimmernd wird er gerade auf eine Autoladefläche gehieft. Ich erinnere mich nicht, mit ihm (bis) hierhergekommen zu sein. Ich auf einem Pikipiki, was ist das überhaupt? Das davorne ist ein fremder Film. Und woher ich komme, mit wem ich unterwegs war? Frage mich bitte etwas, was ich beantworten kann – keine Ahnung, da ist … warte, da ist… Nichts. Einfach nichts. Andere Männer aus dem Dorf erklären Umar, dass ich seit zwei Monaten bei den PPF-Häusern wohne. Sie haben meine Sachen eingesammelt. Umar begleitet mich zu seinem Auto, wir wollen mein Daheim wiedererkennen (versuchen). Da weiss ich natürlich nicht mehr, dass die Siedlung aus ein paar hundert Häusern besteht, die alle gleich ausschauen und es ausser dem Himmelszelt kein Licht gibt. Im Scheinwerferlicht studiere ich teilnahmlos meinen Unterschenkelknochen. Umar siehts, „Eher Zeit fürs Spital.“ Warum, das ist doch interessant, schau mal. Umar verwirft die Hände. Er fragt zum xtem mal, woher ich den komme, mit wem ich unterwegs war, wer meine Bezugspersonen sind. Keine Ahnung, da ist eine Leere, wirklich, pole sana, sorry. Jemandes Idee ist gut, ich schaue im Natel auf meine letzten Anrufe. „Tom“ – und wer ist das bitteschön? Ich kann keinen in meinem Gedächtnis hervorkramen. Umar ruft ihn an, er ist gerade auf dem Nachhauseweg – mit einem Pikipiki. Er wird auf Halbweg aufgeladen.

Ich taxiere Tom aus den Augenwinkeln als einen, den ich vielleicht vom Sehen her kennen könnte, aber nicht als mehr, persönlich scheint er mir fremd. Umar hat ihn wohl von weitem über meinen Unwissensstand informiert. Tom steigt wortlos ein ohne mich zu bedrängen. Weiterfahrt Richtung City. Ich friere und bin orientierungslos. Aussteigen. Zwischenstation. Unbekanntes Gebiet. Wir müssen zur Polizei, denn ohne offizielle Meldung werde ich im Spital scheinbar nicht behandelt. Rein ins Revier. Kurz sehe ich nebenan eine humpelnde gestützte Gestalt. Oje, die Arme. Wie in einem Film ist sie: Sternenförmig blutüberströmt der Kopf, fleckig die Kleider, nicht gerade hübsch anzusehen. – Uiii, dämmerts mir später, das war ja ich in einem Sicherheitsspiegel Eingangs Polizeistation! Entgegen der bildlichen Annahme hat sie, also demnach ich, keine Schmerzen. Die Polizei diskutiert den Protokollpreis, den ich bezahlen soll. Umar erklärt, ich sei die Ehefrau von Tom und der Satz auf dem Papier „Andrea Claudia hatte am 11.6.2010, 01:00 Uhr einen Carcrash“ kostet mich: Nichts – wenigstens das ist Etwas!

Auf dem Weg in die Notaufnahme vom Bugandohospital kehrt mein Bewusstsein vollum-fänglich zurück. Ich werde so was von wach und stabil und realisiere für mein eigenes Ego froh, dass ich an diesem Tag keinen einzigen Tropfen Alkohol getrunken habe. Der blankge-legte Knochen sehe ich jetzt auch genauer, weh tuts immer noch nicht. Bereits weit vor dem Spitaleingang werde ich rührend in einen Rollstuhl verfrachtet und ab gehts in und durch die menschenleeren Gänge. Im Emergencyroom werde ich mütterlich umsorgt und von den anderen Notfallpatienten kritisch beäugt. Unzimperlich werde ich zuerst staub-, stein-, gras- und blutfrei gewaschen, eher geschrubbt. Ich kriege eine, nehm ich mal an, Entkrampfungs-spritze in den Oberarm. Ich denke sogar daran, vorher zu erwähnen, dass ich eine Penizillen-Allergie habe. Tom aber – Rollen vertauscht – der steht unter Schock, der kriegt gar nichts, kein Wort, kein Pieps heraus. Dafür sehe ich Tränen rollen. Mechanisch läuft er vermehrt zur Kasse und bezahlt vorgängig die anstehenden Prozedere. Ich möchte, dass er ein paar Fotos von mir macht, vielleicht brauche ich die für die Schweizer Versicherung. Er ist unfähig dazu, rührt sich nicht – bis auf die Weigerung, mir den Fotoapparat zu geben.

Ich friere saumässig, verlange nach einer Decke und kriege ein weisses Bettleinentuch zu-geworfen, immerhin. Dann werden mein Bein und Kopf geröngt, soweit hätte ich nicht ge-dacht. – Mann, ist das arschkalt im Röntgensaal. Ich denke, wenn ich sterbe, dann wohl der Kälte wegen. Ich bin eher in der Leichenhalle (das Tuch dazu hab ich ja schon). Ein Arzt nimmt sich die Röntgenbilder vor und ich sehe, wie ihm der Kiefer runterfällt. Er dreht und wendet und biegt die Bilder und weiss nicht, wie er sich verhalten soll. Was ist wohl los? Also dran ist der Kopf ja noch. Darf ich mal sehen? Nein! Aber es ist doch mein Kopf. Nein! Dem Arzt in sichtlich unwohl, als er mir schliesslich zögerlich die Bilder reicht: Mein Kopf hat zwei trop-fenförmige schneeweisse Kleckse anfangs Hals! Hahaha, Herr Doktor, dont Panic, das sind nur meine beiden Silberohrringe!

Vor dem Röntgensaal frage ich Tom, wo er das kleine Kamera- und Kartenetui hat; er ist immer noch nicht ansprechbar. Eine Nachtschwester kommt gelaufen und ich frage, ob ir-gendwas in der Notaufnahme liegengeblieben ist. „Nein“, kommt es aus der Kanone ge-schossen. Kein „was“ oder „ich werde nachschauen“. Nichts zu machen. Ich werde zurück in die Notaufnahme gerollt. Ich verlange von der Ärztin, dass ich beim Nähen nichts spüren will. Sie stüpft mich ganz schön unsanft oft ums Knie herum. Ich sitze auf einem Stuhl. Die Ärztin links, ein Arzt rechts, diskutieren sie vornübergebeugt, wie man mein Loch am Besten zunäht. Ich bemerke, ob ich vielleicht mein Bein auf die Liege vor mir legen soll. „Ndjio, ja, die Mzungu ist clever“. Gemächlich fangen sie mit zunähen an und legen mir die herausgeschnippselten Fleischfetzchen auf den Schoss. „Hey, Im not hungry. Und wehe, ihr näht nicht makellos, ich habe nächstens einen Termin als Schönheitsanwärterin zu bestehen, hihi…“. Mein Mundwerk funktioniert noch, also geht es mir gut. Zudem fühle ich mich gerade vollkommen relaxt. Am Kopf wird nicht getackert, ich kriege einfach einen hässlich freissen jodgetränkten Wattebausch draufgedrückt.

Während meiner Operation wird nebenan dem armen Pikipikidriver sein Bein gerichtet: Mittels einhämmernden Eisenstangen. Autsch! Umar läuft neugierig zwischen uns Hin und Her und Her und Hin und macht ein paar Mobilepics. Ich muss stillsitzend agieren: Tom ist aus seiner Letargie erwacht. Er will umgehend Mary anrufen. Es sei seine Pflicht. Sie müsse wissen, dass er versagt habe, mich zu beschützen. Ich muss ihn zurückhalten. Nein, du hast nichts falsch gemacht! Nein, nicht jetzt. Nein, morgen genügt auch noch. Das ist ein Kampf!! Nein Tom, lasse Mary schlafen! Nein Tom, du bist nicht schuld!!

Nebenbei finde ich das Prozedere beziehungsweise die Ausstattung der Notaufnahme sehr interessant. Schon etwas sehr antik die blechernen Utensilien und OP-Bestecke. Etwas unstabil scheint die Patientenliege vor mir. Und ich übersehe grinsend das krabbelnde Dingsda dem Wandboden entlang: eine fettes Spinnchen Fünflibergross. Das wundert mich nicht. Die Stockwerke des Bugondohospital sind vom Eingang aus gleichermassen nach unten und nach oben gebaut. Das Gebäude lehnt quasi an den Hügel an. Und dieser ist pflanzenmässig nicht gerade kahl… Ich nehme alles ganz wach und entspannt wahr. Tom murmelt nun un-unterbrochen „Es ist meine Schuld, meine Schuld“. Im Nachhinein glaube ich, hat diese Nacht einiges für seine eigene Zukunft ausgelöst. Das ganze Spitalspektakel in drei Akten dauert vier Stunden und beläuft sich auf umgerechnet enorme 32.- Schweizer Franken!!

Während der Rückfahrt genehmigen sich Umar und Tom ein Konyakchen. Ich brauch das nicht, ich schlafe zuhause auch ohne-mit sofort wunderbar tief ein. Tom läuft ohne meines Wissens zu Mary. Dafür nimmt er Soxs mit; der Hund habe ihn geradewegs zu ihrem Haus geführt. Merkwürdig, weder Hund noch Tom kannten den Standort. Mary und Pura und Jadida stehen um acht Uhr früh an meinem Bett. Ich rede da im Halbschlaf schon von mögli-cher Arbeit-von-Zuhause-aus und gebe Mary meine Statemantes für die heutige Sitzung mit. Mary geht’s nicht so gut, schliesslich meint sie, sie habe auf eine Weise die Verantwortung für mich zu tragen. Später erzählt sie den Leuten immer wieder, wie stark diese Mzungu ist, wird halb totgefahren, denkt nur ans Arbeiten und lacht weiter in die Tage hinein – „this incredible, taff and jolly one“.

Merkwürdig finde ich, dass ich bis jetzt und überhaupt auch inskünftig keine einzige Schmerztablette brauche; keine Kopfschmerzen, keine (Stich-)Nahtwehen, keine blauen Flecken-Auas, nicht mal die Schrammen-all-over mucksen Pain. Nicht dass ich Nichts fühle, dochdoch, es arbeitet schon, aber eben schmerzfrei. Einzig die ersten beiden Male für in die Stadt schlucke ich eine Halbe derjenigen Tablettchen, welche ich als Zugemüse bei Malaria nicht brauchte: sie entspannen die Muskeln. Ich denke, so in der Hitze lange zu Fuss unter-wegs schadet das nicht; mein Knie legt ganz schön an Volumen zu. Mein emotionales Gefühl: absolut stabil, habe enorm festen Boden unter den Füssen wie schon lange nicht mehr oder vielleicht sogar wie noch nie (bewusst). Nur der „Sinn“ des Ganzen, der ist mir nicht klar. Vielleicht soll ich aufhören, so viel Umherzurennen und zu Wollen, aber wenn Arbeiten doch nun mal Spass macht…!! Oder soll ich zurück in die Schweiz? Nein, dieser Gedanke kommt mir selber keinen einzigen Moment – auf diese Idee kamen nur die Anderen. Es ist wie es ist. Ich gehöre momentan einfach hier hin, dieses Gefühl trügt nicht.

Der Unfallverursacher: es war nicht Umar! Nein, er ist mein „Engel“, kam gerade vom Dart-spiel nach Hause und sieht da zwei Personen vor seinem Haus liegen… Wie wir später überall erfahren, ist der Übeltäter etlichen Leuten aufgefallen, so wie sein weisser Landrover durchs Village gepoltert sei. Leider meinen sie auch, dass es ein Auswärtiger war, wir ihn also nie „Wiedersehen“ werden. Dass er nicht angehalten hat (wenn er überhaupt was realisiert hat) ist sein Glück, er würde sonst– selfjustice – nicht mehr leben. Und als ich mal meine, jetzt werde der Pikipiki wohl seinen Job wechseln, heisst es chormässig „Vergiss es, jetzt erst Recht nicht mehr, jetzt ist er ein Professioneller!“. An der Unfallstelle, übrigens gleich nebem Greenpark, keinen Kilometer von mir Zuhause entfernt, hatten die Helfer mir mein Material eingesammelt. Bei der Neuware habe ich scheinbar nein gesagt „Gehört nicht mir“, die persönlichen Sachen habe ich bestätigt. Einzig wirklicher Verlust ist die Ricoh-Kamera, shit, die war leider nicht fallresistent. Gut hatte ich mich mit meinen Laptop so abgemüht, bis er (unter anderem) weiterhin die tägliche Übertragung der Pics auf einen externen Speicher akzeptierte, sonst hiesse es enormer Bilderverlust – unvorstellbares Disaster für mich! Ebenfalls weg ist das Kleinetui mit meinen Bankkarten und der Kleindigitalkamera. Toms liess es sich im Spital stehlen – ich tippe auf die Krankenschwester…

Den Unfall muss ich der Versicherung in der Schweiz melden. Meine Familie will ich infor-mieren, nachdem die Fäden raus sind und ich nach der Ruhephase spüren kann, wie es mir geht. Am 11. geschieht der Unfall, am 18. ist meines Vaters Geburtstag. Ich weiss, es sind alle meine Lieben versammelt, also anrufen und noch nichts erzählen. Während dem Num-merwählen klingelt es bei mir, meine Schwester. „Mambo, wie geht’s?“ Als Antwort höre ich nur Geschluchze! „Du hattest einen Unfall, dein Gesicht ist zerschnitten und zerstellt, du warst tagelang im Spital im Koma, …!“ Das ist ein gefühlter Peitschenhieb! Krass. Wie kann ich das bügeln? Nebendem, das der Inhalt nicht stimmt. Das tut weh, meine Schwester so weinen zu hören. Ich kann sie beruhigen, bleibe selber ruhig; Tom drückt still meine Hand. Meine Mutter will die Rega anheuern, mein Vater bleibt gelassen. Nach dem Telefon weine ich eine Runde. Also so war das ganz und gar nicht gedacht! Und zudem, was ist das für eine doofe Kuh, welche durch eine Bekannte aus meiner Grossfirma etwas erfahren hat und meiner ahnungslosen Schwester unvorbereitet eine sms schreibt, ungefähr so „Geht es deiner Schwester nach dem Horror-Unfall wieder gut?“

Spannend sind all die (fremden) Menschen die tags- und nachtsdarauf Zuhause vorbei-schauen. Als Krankengeschenke gibt’s hier Fanta und Gemüse. Luxusmässig bekomme ich sogar eine Tasse Milch – und das von einer jungen Familie, welche mich gar nicht kennt und selber alles andere als auf Rosen gebettet ist. Es sind Gertrud und Laurien, sie giessen täglich den Garten rund um das Haus. Eine andere junge Unbekannte wäscht mir alle Kleider – auch die, welche nicht nötig sind. Die Solidarität ist gewaltig und reicht von Kiseke bis in den 200‘000-Seelen-Mwanzastadtkern, wo mich Fremde ansprechen und ich Genesungswünsche bekomme! Und merkwürdig, Victa wie auch Hendry sagen mir später, sie hätten mich in diversen Spitältern gesucht, es hiess, ich sei stationär. Durch mein handicapiert-sein habe ich diese Tage das Glück, Klein-Mary unendlich anzuschauen. Jadida und Dixton, meine ken-yanischen Hausnachbarn, sind gerade Eltern geworden. Wunderschön vollkommen, dieses drei Tage alte Gottes-Geschöpf. Die friedliche Ruhe (mit sich selbst) gibt mir viel gesunde Gelassenheit. Abgesehen davon ist Jadida eine junge resolute Krankenschwester und hält meine Wunden nüchtern unter Kontrolle.

Der einzige Besuch der nicht kommt – obwohl wieder mal ein paar Tage anwesend – das ist Josephine, wen wunderts. Sie meidet jegliche Begegnung. Mir egal, ich weiss, sie weiss, dass ich sie menschlich schnell durchschaut habe. Sie ist eine, welche Leute zu ihren Zwecken manipuliert. Reden kann sie und blitzschnell neue Einwände zu ihren Gunsten drehen. Einen unserer Zusammenstösse war, als die Elektrizität nach meinen ersten drei Wochen nicht mehr lief (definitiv ein Leck). Sie weigert sich einen Fundi zu organisieren. „Du wohnst jetzt da und bist dafür verantwortlich“. „Nein Josephine, dein Vertrauenselektriker kam schon vor einer Woche, also sind das Garantiearbeiten“. Ohne das anstandsmässige „Hodi“ holt sie mich dann tagsdarauf laut an die Tür hämmernd aus dem Bett. Sie jammert, dass sie jetzt extra wegen mir x Termine absagen musste, nur um den Handwerker um vier Uhr morgens in Nyegezyi abholen zu können – wer es denn glauben will. Ich sage nichts und lasse den Typen werkeln. Eine halbe Stunde nur dauert die Reparatur, Josephine steht rum, ich arbeite am gechargten PC. Am Schluss meint sie zu mir, ich hätte ihr zugesagt, die offenen Monatsmieten August und September allenfalls mit solchen Reparaturen zu verrechnen. „Pole Josephine, ich habe bis und mit August bezahlt.“ Auf dem Absatz kehrt verlässt sie wortlos und türeschletzend das Haus.

Und dann „mein“ Tom: Dankeschön ehrlich, er bleibt orerst bei mir. Er geht nicht wie geplant zurück nach Bukoba. Ich darf – „muss“- das ist ein Befehl – mich verwöhnen lassen. Heute wäscht er mir draussen im Garten die Haare (wie ich das liebe), er massiert mir die Füsse und mästet mich nebenbei. Ich werde langsam richtig fett, der kocht aber auch zu gut, ideen- und erlebnisreich. Wie freitags als Beispiel, als ich bockte, jetzt will ich aber mal kochen: mir schwebte eine Bolognese vor (doch mal eine erste Pasta in Tanzania), aber Gehacktes gibt es nicht, dann also mit Pouletbrüstchen. Ja, ich warte an der Bushaltestelle (plaudere rechts und links), während Tom weiss, wo er die Filets her kriegt. Typisch – eine Stunde vergeht, und er kommt mit einem noch gackernden Huhn zurück! „Filets sind ausverkauft“. Ich meine, dann hätten wir auch fleischlos kochen können. „Nichts da, du hast Lust auf Pouletplätzchen, also kriegst du sie!“. Wohl versehentlich hat er hier ein Legehuhn ergattert: ein vollständiges Ei liegt in der legebereiten Startbahn und fünf immer kleiner werdende Eigelbe zur Vollendung bereit dahinter… Tom verwöhnt mich wirklich ganz schön; für mich ist es manchmal schwierig das anzunehmen – sonst bin immer ich diejenige, die für andere rumkurvt.

Diese Tage fällt mir an Tom etwas Eigenartiges auf: er kontrolliert in der Nacht lieber einmal zuviel, ob auch beide Haupttüren abgeschlossen und alle Fenster verriegelt sind. Und unter die Matratze legt er ein gefürchiges Stellmesser.

Einige meiner neuen Bekanntschaften hätte ich ohne diese dumme Unfallnacht nicht gemacht. Und es sind welche darunter, die mich in meinen Projekten super willkommen weiterbringen (demnach doch nicht kürzer treten?). Wunderschön ist, dass Gertrud und ihr Clan auch „meine Familie“ werden. Toll ist zudem die Entdeckung des Bananenblatthäuschen, wo man für vierzehn Rappen die WM-Fussballspiele sehen kann. Die Mzungu aus irgendwoher ist allbekannt, aber jetzt bin ich auch noch alleinige Frau unter den Fussballverrückten. „Mein Retter“ Umar ist ebenfalls ein Goldstück, wir treffen uns öfters auf eine Soda, zwei Bierchen, drei Konyagis, vier Zigarettchen, … in der Stadt oder im Greenpark.

Meine Schürfwunden all-over sind soweit schon recht schön verheilt. Auch die kleinen Risse rund um den Schritt – wie spagatmässig bin ich wohl geflogen… Und morgen sollen die Wundfäden raus – zwischen zwei Sitzungen mit Mary&Co bei SNV will ich kurz ins Bugando flitzen – flitzen, so schnell wie es halt eben geht. Andrea freut sich, dann langsam aber sicher wieder anfangen Tanzen zu können.

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in moshi, der cheibe kili-löli wollte sich einfach nicht persönlich vorstellen….bzw. die fiesen winterwolken liessen es nicht zu. jänu, war spassig, sozusagen „nur“ zum brunch nach moshi (zwei stunden hin, dreieinhalb zurück) zu fahren….

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The best souvenirs – no weight, no place to take with; but to spend and get happiest moments…

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