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Archive for Juli 2010

Namensgerechte Wochentage… Und kurz darauf ist schon wieder ein Sonntag, schon wieder ein Ruhetag? Oh ja, ausschlafen und danach an den Sabasaba-Sonntagsmarkt die weissen Endless-Kleiderleinen fotografieren. Tom ist früh raus. Er will in die Kirche, erstmals seit zehn Jahren!! Sonntag Ruhetag? Oh nein, Frühstücken und Kotzen! Sch…, ich dachte noch, die kopierte Schweizer-Müsli-Mischung schmeckt entgegen dem Packungsdruck überfällig. Deswegen hab ich heute wohl noch etwas zuviel Schoko-Milchpowder-Zucker zugemischt, übersüss. Mir ist elendiglich schlecht! Tom ruft von unterwegs an und durch Mund-zu-Mund-zu-Mund steht folglich Gertrud mit einer heilenden Coke vor meiner Tür, danke!

Der Montag ist um ein vielfaches schöner! Gegen Mittag schlendere ich zu Gertrud. Die Männer und ein paar Frauen sind auf dem Feld, letzter Reiserntetag. Mit noch unbiegsamen und wackeligen Knie war ich vor Tagen mit auf den Feldern. Ich wollte miternten und die Reisbüschel schwingen. Aber standhaftlos, somit ohne den nötigen Schwung und das im Ab-hang zum seichten Wasser, musste ich es (leider) bleiben lassen. Macht nichts, ich war trotzdem herzlich „aufgenommen“, nicht nur wegen der mitgebrachten Limonaden.

Und heute kochen wir Frauen gutgelaunt den ganzen Tag lang. Ich hab den Kindern einen aufblasbaren Ball mitgebracht. Aus dem ganzen Village laufen sie zusammen und der Ball fliegt und fliegt und fliegt, uns um die Ohren und zwischen die Töpfe. Während einer Pause rufe ich kurz in Europa durch und „verbinde“ auch mit Gertrud. Herzerwärmend Gertruds glühendes Gesicht, die neugierige Stille auf beiden Seiten, etwas unverständliches Geplapper. Gertrud ist glücklich – jetzt kennt sie schon zwei Mzungu. Stolz kichernd erfahren sogleich alle Neuankömmlinge von diesem aussergwöhnlichen Ereignis – sie muss es wieder und wieder und wieder erzählen. Wir feuern an, sortieren Reis, schneiden Fleisch und Gemüse, kochen Tee, waschen fortlaufend das gebrauchte Geschirr mit Sand und albern herum. Halbzeit verschwinden wir nacheinander im kleinen dunklen Nebenhäuschen, um uns selber zu waschen und die staubigen Kleider zu wechseln; Agnes scheuert sogar meine Schuhe.

Kurz vor dem Eindunkeln kommen die Krampfer vom Feld. Das Festmahl ist bereit. Dazu stehen zwei Runden Soda und selbstgebrauten Teewein sowie Kasawaschnapps bereit. Die Getränke hab ich frühzeitig organisieren lassen. Für mich ist klar, dass ich fürs Erntedankfest beisteuere. Aber ich habe nicht erwartet, dass diese “Geschenke” vierzehn Männer und Frauen so freudig stimmen. Und dann lasse ich als oberstes Highlight noch ein Päckchen Zigaretten organisieren. Wir geniessen den Abend. Die Männer spielen relaxt Karten, die Frauen singen. Interessanterweise trinken und rauchen die Frauen mehr als die Männer. Das ist mir egoistischerweise recht. Denn so fallen die Tänze und Gesänge meiner fröhlichen Mädels umso emotionaler aus.

Einzig “unschön” ist Gertruds reklamieren, als sie während dem Fest entdeckt, das „mein Hausboy“ (wie einige Nachbarn denken) neben verständlichen Lebensmitteln auch noch „fremden“ Reis eingekauft hat. Tom kriegt eine ganz schöne Schimpfpredigt ab. Aber ehrlich, der Reis von Gertrud und Shem, der hat wirklich einen wunderbar gehaltvollen Geschmack und ich, die normalerweise gerne Saucen habe, kann den tellerweise naturgpur verschlingen. Und stante-pede, auf Gertruds Tirade folgt die Tat: juhee, ich bin nun für die nächsten Monate mit dem besten Reis der Welt eingedeckt! Mir gefallen der sonnige Tag und die sternenklare Nacht unendlich, das ist pure Eneregie. Auch mit dem anstrengenden Kochen und Spielen und dem gestenreichen Reden… es sind mindestens drei Sonntage nachgeholt.

Auch eine Art „Ruhetage“: schon seit zehn Tagen fehlt in Kiseke PPF das fliessend Wasser. So ein, zwei Tage ohne ist ganz ok. Automatisch sparsamer wird der Inhalt der beiden Re-servekübel verbraucht. Dabei hält man immer ein Auge offen, auf dass beim Nachbarn gerade der Nottank offen steht. Aber längere Zeit ohne fliessend Nass, da werde ich aufmüpfig. Vorallem weil dann das abgekochte Trinkwasser zu Ende geht und ich keine Lust habe, Trinkwasser für meine Haarwäsche kaufen zu müssen – geschweige denn, dieses vorgängig durch die brütende Hitze zu schleppen. Aber das ist nur in meinem Daheim so. Denn ande-rerseits gefallen mir die elektritzitäsfreien- und wasserlosen Stunden im Village und vorallem bei Getrud. Man ist laufend „beschäftigt“. Für mich ist nicht nachvollziehbar, wie sie sich alle bis in die dunkelste Nacht ohne Kerosinlämpchen unfallfrei bewegen können. Auch schmerzfrei werden die heissen Kohlestückchen mit der blossen Hand umsortiert und in andere Feuerstellen versetzt. Ohne Gemurre arbeitet die fast achtjährige „Esta“ (Esther) am meisten mit, sie selber kann die bald sechsjährige Annastazia zur Hilfe rufen; der vierjährige Aloyse hat noch Schonzeit. Ich bedauere die drei Kinder, für sie gibt es keine rosigen Zu-kunftsperspektiven. Ihre Gesichtchen sind gegenüber anderen Kindern etwas grob geschnit-ten, also nicht gerade die hübschesten. Ihr Onkel (manchmal auch ihr Vater Laurient) lacht laut über die „Äffchen“. Empört stampfe ich auf, als ich es das erste Mal höre… – aber nein, beschwichtigen alle „das sei gar nicht böse gemeint“. Jaja, wartet nur bis die Kiddies grösser sind – ihre Herzchen sind jetzt schon wunderschön golden…

Wenn andere Menschen vorbeischauen, setzt man sich dazu und schält ganz natürlich die Kartoffeln mit, zupft Spinat, wäscht und schneidet die Innereien. Bei den kleinen Kindern muss ich manchmal ganz schön die Augen schliessen, wie das Riesenmesser so selbstverständlich durch die Luft saust. Und wenn wir dann Essen „Anderea, kule basi!“. Ja, ich esse ja genug… Ich muss richtig kämpfen, dass mir nicht all die besten Fleischstücke zugeschoben werden.

Wenn wir uns auf den etwa viertelstündigen Spazierheimweg aufmachen, dann begleiten uns Gertrud und/oder Shem noch ein kleines Stückchen des Weges. Nur bis zur Haustüre geht ja nicht, sie haben keine. Einmal lacht mich Shem beim Scheideweg an „Na Anderea, Tom hofft, es gibt zuhause noch etwas Sticky-Sticky?“ Ich muss so lachen, wie diese Familie offen mit dem Thema „eheliche Pflichten“ umgeht. Als wir einmal alle zusammensitzen, will Gertrud ihrem Gatten einen herzhaften Kuss geben, der schubst sie aber spassgeeckelt weg. Das ist seine Retourkutsche. Vor kurzem nämlich wollte er mit Gertrud spätnachts noch schmusen. Sie aber hatte keine Lust und hat ihm einfach in die Zunge gebissen, autsch! Aber schön, wenn Tom heute noch kuscheln will. Ich halte bisher gar nicht dagegen, dass er mehr als nur unser morgendliches Bed&Breakfast geniessen will, smile.

Am zweiten Wochentag kann ich in Mwanza City endlich ein Versprechen einlösen. Ich bringe die Fotos und Bier auf den Stadthügel. Bei einer umwegigen Klettertour rauf zum künftigen Museum merke ich, dass mein Knie noch sehr schlecht „biegbar“ ist. Eine Rockstour mit meinen Masai wäre unmöglich. Hey, und wie die sich freuen mich zu sehen! Tom bleibt ungewohnt ruhig im Hintergrund. Ich hoffe doch nicht, dass er unnötig eifersüchtig ist. Dann schicken wir ihn für eine weitere Runde Biere nochmals runter. Rahim hat eine Stiftung gefunden, welche eventuell bereit ist, die Renovationskosten zu übernehmen. Dafür müssen ein paar Detailspics her; ich nehme sie inzwischen von Haus&Hof von aussen&innen auf. Ein weiterer kurzweiliger Tag vergeht.

Am selben Abend sucht uns eine kribblige Mary auf: VETA hat uns für unser Tourist-Info-Center vier Mio Schillingi zugesagt!! Wow, mein Charme und Marys Bekanntschaften sind halt eine unwiderstehliche Mischung – wussten wir doch, Cheers!!

Weiter tagsdarauf sitzen Gertrud und ihr Mann Laurient, mein Schwager Shem, komisch still zum Pausenkaffee bei mir zuhause. Oje, schlaflose Nacht, Baby Maria hat Malaria und würgvoller Husten. Natürlich gebe ich ihr gerne etwas Arztgeld mit. Später am Abend nach einem busyday in der City schauen wir nach. Ungefragt zeigen sie mir pflichtbewusst die Medikamente. Sie fragen mich hoffnungsvoll, ob es die Richtigen sind. Ich bin nicht die Fachfrau, wird schon passen. Aber wundert es mich, dass auf dem Hustensirupfläschchen steht „“Muster“, nicht für den Verkauf bestimmt“? Natürlich haben wir auch heute keine Chance ohne Nachtessen nach Hause zu gehen; und dann hat Gertrud für mich auch noch teuren Fisch besorgt, anstatt mit dem wenigen Restgeld etwas Gutes für sich zu tun!

Meetings in Town. Wie die Woche wieder rast. Genauso wie diesmal der Daladala in die Stadt ausnahmsweise nicht! Herrlich, schon ein paar Vortage streikte der eine alle hundert Meter – der Fahrer war wohl der Wütenste. Diesmal will die Schiebetüre nicht mehr, der Daladala fährt trotzdem normal seine Tour. Dass die Kinder, die Schlanken und Ranken zum Fenster hinein- und hinauskommen, braucht ja schon etwas Geschick. Aber dann die Big-Mamas! Das alleine wäre filmfüllend! Übrigens „Dala-Dala“, was ich mehrfach erfahre, aber umrechnungsmässig nicht stimmen kann: annodazumal kostete eine Fahrt umgerechnet einen Dollar – zum Halten rief man dies zweimal aus.

Auch ausgerufen habe ich nächtens wieder Zuhause. Nein, eigentlich nicht ausgerufen. Nur eine klare Ansage gemacht. Mann, wo war der Tom denn, der riecht nach vollem Schnapsfass. Nicht nur sein Atem, sein ganzer Body. Igitt. Für sein Quantum steht der aber noch ganz fest auf den Füssen und reden kann er auch noch holperfrei. Auf sein Gedünste habe ich gar keinen Appetit. Nein. Er muss im Wohnzimmer schlafen. Couchlos, auf der Matte am Boden. So geht das!

Am nächsten Tag führt mich Tom – ausgeschlafen und als wär gar nichts gewesen – an den Hauptfischmarkt. Dort wollte ich schon lange hin. So ganz nebenbei zeigt er mir sein gestriges Absturzlokal – Selbstgebranntes. Auf dem Marktareal realisieren wir, dass wir von einer total falschen Vorstellung ausgegangen sind. Wo ist all der frische Samaki und Nilbarsch? Es riecht nirgends nach Fisch, nirgendwo sehe ich frische Glitschvieher. Einzig stampfen Männer tonnenweise Säcke voll mit den getrockneten kleinen silbernen Fischchen. Export nach ganz Afrika. Ich darf vor den Silberbergen für private Fotos Model stehen. Am Ufer entlang stehen Fischerkähne, ganz grosse massive und kleinere bemalte Holzschiffchen, ein handvoll Motorschiffe schlafen auch. Unter geschnürten Plastikhütten liegen Essbananen zum schnelleren Reifungsprozess. Feuerholz wird stückgerecht gehobelt und Holzkochlöffel wer-den geschnitzt. Zwei Restaurantsstrassen gibts – und immer noch kein Frischfisch in Sicht, ausser dort in den Töpfen. Vielleicht nebenan vom Hauptareal: dort liegen Haufen auf Tischen ausgebreitet, Ware zum Verkauf bereit. Fischreste!? Der frische Fisch gelangt gar nicht erst hierher. Er wird fangfrisch in den Fischfabriken für den weltweiten Export filetiert. Der Abfall kriegt die Bevölkerung. Die Teile werden sortiert nach Köpfen, Schwänzen, sonstigen Teilen, danach gesalzen oder geräuchert und verkauft. Für empfindliche Magen ist der Rundgang durch die teilweise recht grotesken Gerippe und Maden-am-Boden wirklich nichts. Wir schauen neugierig umher und herum. Darauf folgt ein strenges Gespräch, „Pole sana, äxgüsi vielmals. Nein. Ich bin nur eine kleine unbedeutsame Touristin. Ja ich werde das eine Foto, mehr habe ich noch nicht gemacht, gleich wieder löschen.“ Uff, klang glaubhaft genug. Ich habe nämlich keine Lust, wegen ungebetenem Fotografieren Troubles zu kriegen. Der Film Darwin’s Nightmare hat leider vielerorts negative Foodsteps hinterlassen. Tom nutzt den Aufseherkontakt für ein paar generelle Informationen: Frühmorgens und Abends gibt es hier etwas wenig frischen Blubber, es sind andere Plätze, die diesen En-Gros verkaufen. Für geräucherten Fisch, mein persönlicher Liebling, der, welcher wirklich noch was auf den Rippen, ich meine Gräten hat, für den kriegt Tom eine Adresse.

Ein spezieller Besuchstag wartet am nächsten Nachmittag auf mich. Zur Mugang’a solls gehen, Witchdoctor! Unsere Begleiter putzen sich mächtig raus – ist der Besuch auch hoch würdeträchtig. Jeweils allein gelassen müssen wir auf dem Weg zur Hexenärztin bei einer bestimmten Pflanze ein Rohrzweiglein abknipsen, zwei Schritte zurückgehen und uns dabei die eigenen Fragen stellen. Wir spazieren ein ganz schönes Weilchen ins Nowhere hinein. Auf klapprigen Holzstühlchen in der Sonne sitzend, warten wir dann ein weiteres schönes Weilchen – sie ist gerade irgendwo. Die Kinder von diesem Gehöft betrachten die erstmals gesehene Mzungu argwöhnisch. Aus sicherer Distanz. Dann die vorsichtige, kichernde An-näherung dauert etwas länger, ist aber wieder herzerwärmend erfrischend. Danach wollen die Kiddies natürlich nicht mehr von mir weichen. Sie kommt. Das hagere Gesicht der grau-haarigen Medizinfrau würde ich auf junge 50 Jahre schätzen – ich weiss, sie muss viel älter sein – ihre helle klare Stimme ist sogar die einer Zwanzigjährigen. Barfüssig trägt sie eine hellbraune verwaschene Bluse und einen grüngemusterten Wickelrock, um den Hals trägt sie acht unterschiedliche traditionelle Ketten. Was hat die Alte wohl alles in ihrem Leben gesehen und erfahren…? Sie heisst uns auf einer geflochtenen Strohmatte in einem kleinen Raum, ne-ben der Medizinhütte, willkommen. Zuerst strahlt sie mich tief blickend an – weil „watoto wanakupenda – die Kinder lieben dich“. Ich getraue mich, vorsichtig umherzuschauen. Auf dem Tisch stehen ein paar Medizinflaschen, an der Wand hängen zwei „Aufklärungs-„Poster für Kondome, im Eck steht ein rotes Paar Gummistiefel. Vor ihr liegt die grosse, runde, flache Korbschale gefüllt mit Sand, Muscheln, Münzen und Uneruierbarem. Sonst deutet in diesem „Behandlungszimmer“ nichts auf die spezifische Fachrichtung hin. Zuerst legt Tom sein abgezwicktes Grünteilchen in das geflochtene Gefäss hinein. Mit zwei Straussenfedern zudeckend singt und pfeift die Witchdoctor zwei Minuten lang. Sie hat die Augen geschlossen und wiegelt vor sich hin. Dann rattert es los! Dazwischen zischt sie die Spucke immer wieder in einen Plastikbecher. Für Tom ist es Première bei einer Wahrsagerin – was mich für afrikanische Verhältnisse sehr wundert. Obwohl ich nichts verstehe, spüre ich, dass der ist ganz schön baff ist, sein Leben so vorgeführt zu bekommen. Er wollte diesen Besuch; vermutlich eher für die Bestätigung, dass es sowas eben nicht gibt. Ich lege dann anschliessend mein Blatt hinein. Sie mischt die „Karten“ mit einem einzigen Wurf. Was mir dann Shem durch Tom alles übersetzt? Zuerst wirds eindringlich „Das hast du und weisst es selber seit Ewigkeiten: dein Hang zur Blasenentzündung. Die wird langsam chronisch. Mit schulischer Medizin wirst du diese nicht los. Ansonsten müsstest du nicht hier sitzen, in deinem Leben läuft alles normal rund. Nur bei der anderen Arbeit in der anderen Heimat gibt es negative, unfaire Veränderungen. Mehr kann ich dir dazu nicht sagen, ich erkenne nicht, was du dort arbeitest. Du sitzt dort vor viereckigen Kisten.“ Damit meint sie wohl PC’s! Sie erzählt mir dann noch von meinem Schwimmen in Bukoba mit dem Brillenklau sowie von meinem Frontalcrash und was es alles damit auf sich hat(te. Verrückt, was und dass sie alles weiss. Natürlich behalte ich hier vieles für mich, wie auch ein paar weitere nette Infos. Ich bekomme eine erste Runde spezielle Teemischung. Besuch Nummer zwei wird folgen.

Tom bleibt am Abend in sich gekehrt. Er kramt die alten Fotos hervor, welche er letzte Woche nach ewigen Monaten Aufbewahrung bei einem Freund in Mwanza zurückholte. Ich fühle, dass diese Erinnerungen ihn durcheinander bringen. Jetzt gerade zieht er sich sehr in die Ver-gangenheit zurück, auch zu seiner ersten grossen Liebe, einer Deutschen. Dass sich die beiden nie wirklich voneinander verabschiedet haben, weiss ich, da sind einige typische Beziehungstiefgeschichten ausschlaggebend. Ich bin nicht eifersüchtig, überhaupt nicht, seine Gefühle finde ich legitim. Ich hab kein Problem damit, auch nicht, dass er auf meine neutrale Frage lügnerisch verneint, dass er sie vermisst. Aber das ist seine Geschichte. Abwarten, in welche Richtung er seine Empfindungen geregelt bekommt.

Während allen Nachmittagen bei Gertrud zeige ich den vielen Kindern vom Village neue Spiele. Es klingt herzschmelzend süss, meinen Namen „Anderea“ aus deren herzförmigen Mündchen. Wir albern rum und lassen den Wasserball und den Freesbee fliegen. Ich übe mit ihnen das Alphabet und die Zahlen. Anhand eines wortlosen Bilderdixionär bringen sie mir die Namen für Lebensmittel, Kleider und andere Gegenstände bei (sofern sie sie denn selber kennen). Beim Eindunkeln und aufs Abendessen wartend kuscheln sich Aloyse, Annastazia und Esta wenn immer möglich ganz eng an mich. Ich könnte sie auch endless abküssen. Sie nehmen mich wahrlich mit Haut und Haar wahr. Ich lasse es wortlos geschehen. Sie tasten mich kindlich neugierig sanft ab, heben meinem Arm und schnuppern unter der Achsel, riechen lange an meinem Haar, studieren genau meine Hände, meine Ohren, meine Haarbeine… Dann wieder kitzeln wir einander und machen Tierlaute nach; unser kikeriki auf suaheli gefällt mir am besten „kokkarikaaaa“. Auch singen wir zusammen das Schweizer Kinderlied „Mini Farb und Dini“.

Mini farb ond dini – My color and yours -Rangi yako na yangu

Das get zäme zwe – This are togheter two – Kwa pamoja kuleta mbili

Währids drü vier füf säch sebe – would they be tree four five six seven –
Kama hizi zingeua tato nee tanu sita saba

Wo gärn wettid zäme blibe – Which would like to stay togheter –
Ni-ipi ungependa kua nayo pamoja

Gäbs en rägeboge – Gets a rainbow – Hu niupinde wa mvua tuna wega kuonyesha

Wo sech loht lo gseh! – We can show it allover/everywhere! – Pote na sehemu yoyete ile!

Und schon ist wieder Sonntag – schon wieder? Ich „muss“ zu Gertrud. Ihr Schwiegervater kommt. Sie bereiten einen speziellen Joghurt zu, den ich mir auf keinen Fall entgehen lassen soll. Ich mache zuerst meine Fotoverteiltour in ganz Kiseke. Das freudige Gestaune dauert endlos. Und endlich ist auch Hendry wieder mal in Kiseke. Zwei Colas durchquatschen wir. Ich weiss, ich sollte mich bei der Uni sehen lassen. Letztmals versprach ich, einer Diskussionsrunde beizuwohnen. Hendrys Prüfungen laufen gut, nicht so wie seine Honda – schade, ich werd das Fahren damit wohl nicht mehr erlernen. Die Tour durch Kiseke zieht sich ein bisschen sehr in die Länge. Der Schwiegervater ist weg, das Joghurt alle und Tom ist eingeschnappt – er hat mich mit Hendry sitzen sehen. Egal, ein schöner Tag war das.

Runde zwei am Montag. Um vier Uhr Tanzanien-Time, also zehn Uhr in der Früh „westliche“ Zeitrechnung. Es wird zwar „sa saba“ Sieben, also ein Uhr nachmittags, bis wir wieder wür-devoll zur Mugang’a aufbrechen. Ich nutze die Wartestunden, um mit den Kindern die ge-kauften Linienhefte zu füllen. Akribisch versuchen sie meine farbigen Zeichnungsvorlagen zu kopieren. Auch die Erwachsenen mischen mit. Über deren kurligen Zeichenkünste schmunzle ich heimlich. Denn diese sind nicht anders als das Kindergekritzel – wie auch, sie haben dies auch nie gelernt. Ich übe mit der Jungmannschaft a-e-i-o-u. Das Suhaelische „Alphabet“ besteht aus Ba-Be-Bi-Bo-Bu, Ca-Ce-Ci-Co-Cu, Da-De-Di-Do-Du, und so weiter und so fort. Tom kurbelt die Schulstunde mit einer kleinen Zwicke an. Hey, zum Amusement der Kinder, kriegt der von mir die meisten Hiebe damit. Nein, Lernen kann und soll Spass machen! Dabei erinnere ich mich an eine Erzählung zweier deutschen Praktikantinnen in Nyegezi. Entsetzt haben sie deftigste Strafschläge für Schüler erlebt. „Was sollen wir den sonst mit ihnen tun?“ Eine Alternative wäre beispielsweise Pausenverbot mit/oder sinnvolle(n) Strafaufgaben auf Papier. Ein paar Tage darauf haben sie Kinder entdeckt, welche in den Pausen schweissgebadet Kohlensäcke füllten. „Ok, noch nicht das Wahre als Strafaufgabe. Aber schon mal besser als den Schlagstock einzusetzen.“

Ich weiss nicht, ob es Absicht ist, vielleicht sollen wir uns nicht erinnern können. Wir werden einen ganz anderen Weg zum Gehöft geführt. Während Baby Maria einen Stofffetzen nach der anderen vollmacht, bereitet unsere Zauberin alles vor. Wieder zuerst Tom, dann ich. In ein flaches gefülltes Wasserbecken lassen wir jeweils mit beiden gefüllten Händen was Getreidiges hineinrieseln. Es offenbart den Rücken und die inneren Organe – mein deformierter Nacken (aus einem alten Unfall) ist klar ersichtlich. Im Beckenbereicht bilden sich akut dicke schwarze Punkte! Dann folgt eine Nacktdusche mit dem Orakelwasser. Ich möchte die Reinigung hinter einer offenen Mauer gar nicht mehr beenden: Sowas habt Ihr sicher nicht erlebt. Dies ist das aller-aller-allersofteste aller weichen Wasser auf Gottes Erden! Leichter und flauschiger als die luftigsten Wattewölkchen, durchfliessender, filligraner als es die seidenfeinste Seide je sein könnte; ein Hauch von nichts, die sanfteste überhaupt mögliche Streicheleinheit! Gertrud hilft mir, den Körper zeremoniemässig korrekt zu waschen. Dann muss ich mich in Platzmitte auf einen kurzen handgeschnitzten Dreibeinstuhl setzen – geschätzt Richtung Südosten blickend. Der Hexenlehrling ist dran. Er ritzt mir mit einer Rasierklinge an den vorgegebenen Stellen (Schläfe, Kopfhaut, Finger, Handgelenke, Ellbogen, undundund) die Haut etwas auf. Er streut entweder schwarze Asche darauf, bestreicht sie mit einer goldenen Paste oder beides. Dabei wird gesungen und gemurmelt. Währenddem fühl ich mich total gemittet relaxt und danach unschlagbar löwenstark! Nur reden darf ich nicht (mehr) mit der Meisterin und ihrem Lehrling. Wie beim ersten Mal nach der Konsultation müssen wir gehen, ohne auf-Wiedersehen zu sagen. Auch Umdrehen dürfen wir uns nicht; dies ist das komischste Gefühl bei den beiden Besuchen. Meine zweite Dawa (Medizin), ein bitteres Blasentee-Gemisch soll ich nun die nächsten fünf Tage nach der Morgendusche trinken. Tom kriegt roten Duschsand für eine Woche. Obendrauf bekommen wir Süsskartoffeln, welche wir heute noch mit gedickter Frischmilch zum Znacht verspeisen müssen (Gschwellti auf afrikanisch). Unglaublich die Seriosität, wie Gertrud selbstverständlich rituell kocht. Gekostet, finde ich das Essen superfein. Aber „Nein Anderea, diesmal wird nicht geteilt“. Gertrud achtet peinlich genau darauf, dass wir alles regelkonform verputzen. Ich platze gleich. Auch gekostet haben mich diese Behandlungen umgerechnet zirka zwölf Schweizerfranken. Für uns beide; mit allem drum&dran und einem Stück neuen Kitenge (so kommt die Familie scheinbar zu neuen Klei-dern…).

Ich hoffe doch inständig, dass das alles hilft, gesundheits- und kostenmässig… Denn auch abgeschlossen diesen Morgen habe ich meine Behandlung im Hindu Hospital. Beim letzten Blasenrückfall wurde ich doch ziemlich wütend. Der Labortest gab nur minim an und als „nicht behandlungsnotwendig“. Doch mein Unterkörper krampft sich weiterhin zusammen. So stimme ich dem Arzt endlich zu und willige doch für Infusionen ein. Fünf aufeinanderfolgende Tage durfte ich mich von den lieben Big-Sisters in die Handrücken stechen und manuel das Liquid langsam einspritzen lassen. Es dauert jeweils nur etwa zehn Minuten. Nach meinen Recherchen wären die Infusionsfläschen für Tropfschläuche vorgesehen, welche innerhalb dreier Stunden eingelassen werden sollten.

Apropos piecksen: Morgen ist saba saba, sieben sieben. Da testen wir eine unserer Touren durch Mwanza und es ist mein letzter Tag! Wie bitte? Ich meine, an meinem letzten Tag, an dem ich legal in Tanzania bin! Wie das? Das dreimonatige Touristenvisum läuft ab. Meine beantragte Permit C, welche mir das Arbeiten erlaubt, ist bis heute nicht gestempelt. Ein halbjähriges Visum sei nur über Dar-es-Salam zu machen: Ich weiss, dass das nicht stimmt. Aber ich weigere mich strikt, zweimal für jeweils drei Monate zu zahlen – ich habe keine 120 Dollar übrig. Mein Visum wird zur Chefsache. Der Präsidentensohn Madaraka Nyerere nimmt dies in die Hände. Ich bin eigentlich gegen Vitamin-B-Spritzen, aber manchmal muss man Ausnahmen machen und sein Beziehungsnetz nutzen – ich meine damit nicht ausnutzen…

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fischmarkt

soeben auf dem fischmarkt vor einem der unzähligen haufen von kleinsten getrockneten silbernen fischchen, welche in alle welt verschifft werden (futter für mensch und tier). von frischem fisch gibts hier nur „resten“. denn der morgendliche fang geht an die fabriken, welche die feinen filets fürs ausland aufbereiten. die übrigware wird dann hier weiterverarbeitet (gesalzen, gekocht, geräuchert). das foto mit den hübschen geräteresten erspare ich euch hier…
f=“https://woandrea.files.wordpress.com/2010/07/dsc02653.jpg“>

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