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Posts Tagged ‘Andrea Wobmann’

BAHATI „Glück“. Glück, welches man halten kann, welches man nicht fassen kann, welches lacht und weint. Ich Glückliche habe ein halbes Jahr mit abstraktestem Kulissenwechsel und Standards erlebt und gelebt. Und gleich wieder ein Schnipp. Da bin ich doch wie eben noch in Mwanza am Abschied feiern, finde ich mich schlagartig eine Woche lang in einem wasser- und elektrizitätslosen Nowhere in Kenia wieder, und kein Atemzug später erlebe ich die lärmende Grossstadt Nairobi! Und dass ich gar nicht schon bald wieder in der Schweiz sein möchte, … dieser „Schock“ ist glaub noch nicht fassbar… Aber der Reihe nach….

Wie vorangekündigt, ist meine Freundin Esther ist im Anflug – ich so was von freudig (für die anderen nervig) nervös! Just zum selben Moment fragt Natascha-Unbekannt per sms an, ob ich ihr Mwanza zeige. Die junge deutsche Studentin ist Volontärin bei world-unite. Sam drängt sich als unseren privaten Rund-um-die-Uhr-Fahrer auf, asante sana! Knuddelknuddel am Flughafen und Vorstellungsrunde in der City – einfach perfekt der Zeitpunkt mit Voll-programm!

„Esta“ (smile) und Natascha helfen mir gleich bei meiner Arbeit mit: wir suchen Adam im typischen Nirgendwo zwischen Steinfelsen auf, wir besuchen seine traditionelle Tanz- und Draftgruppe. Meine letzte „Amtshandlung“. Für die Bibi Wazungu (noch) etwas ungewohnt sind die von lauten Trommelschlägen und von hohen Trillerpfeifen begleiteten fröhlichen Bewegungen: Mit auslandenden Gesten getanzte Geschichten mit Harken, Körben und tü-chern. Uns gefällts! Die Dorfbewohner mit Kind und Kegel erfreuen sich gleichermassen an der Musik wie an unserer Anwesenheit – wenn auch noch aus vorsichtiger Distanz. Anschliessend sitzen wir im Kreis zusammen, ich spendiere den Artisten eine Runde Dankessoda. Die Siebnergruppe stellt sich einzeln vor und wir diskutieren über die Integrationsmöglichkeiten ins MTIC. Auch hier hoffe ich, dass Mary die Gruppe weiter kontaktet – sie ist wirklich auf der Suche nach einer traditionelle Tanzgruppe für MTIC.

Im Majani hat Tom einen Abschiedsabend für mich (ich beharre auf „für uns“) organisiert. Er weibelt schon die ganzen letzten Tage deswegen herum und macht Einkäufe. Es zeigt sich bestätigend, je eher er Abschied nehmen muss, desto weniger will er mit mir Zeit verbringen. Ist es wieder der Gedanke, nicht Abschied nehmen zu müssen, ist es, möglichst noch zu feiern, weil er in Kenya auf dem Trockenen sitzen wird? Warum auch immer – er widmet sich offiziell begründend dem Billard. Sein Verhalten hilft auch mir, mich einfacher von ihm zu ver-abschieden.

Aber an diesem Abend sind wir alle noch zusammen. Esther und Natascha geniessen ihren ersten Sunset am Lake Victoria – ich meinen wahrscheinlichen Letzten. Ich freue mich riesig auf einen wie üblich ausgelassenen Abend im Majani-Beach. Aber etwas stimmt hier gerade nicht. Wieder eine Verhaftung oder was anderes, das nicht für Mzungu-Ohren bestimmt ist? Es sind alle so bedächtig still und unüblich gar nicht feierlaunig. Ich stelle überrascht fest und akzeptiere es ungläubig, dass unsere verrückten Freunde ehrlich bedrückt und traurig sind, dass wir Mwanza verlassen werden!

Majani ist und bleibt aber Bomba! Manyama und seine Frau Annastazia zauberten seit gestern und präsentieren uns heute ein traditionelles Buffet mit den unterschiedlichsten wun-derbarsten Köstlichkeiten. Nach ein paar Bierchen und ein paar Reden wird die Stimmung doch noch (Gottseidank) „normal“. Wir mouven und grooven, schwatzen und quasseln querbeet, machen Fotosessions. Als Abschluss nach Toms improvisierter emotionaler Schlussrede tanzen wir auf sein Geheiss gemeinsam einen letzten Tanz. Gänsehaut-Feeling was unausgesprochen spürbar ist. Es ist einer der schönsten Momente (in meinem Leben überhaupt), wie zackzack die Stühle endgültig weggerückt werden und jeder mit jedem um-armend lacht und groovt (ich könnte heulen). Toll!!!

Sam und Tom bringen Natascha zu ihrer Lodge in der City. Und wie könnte es anders sein, nach Toms Wegbleibe-Rhythmus, sie lassen Esthi und mich über eineinhalb müde Stunden warten. Auf der Nachhausefahrt fängt Tom mit mir an zu streiten. Dies wegen irgendwelchen Kosten, von denen ich angeblich behaupte, dass er sie ausgegeben hat… Wie bitte? Also so ein Blödsinn, das lasse ich natürlich – wenn auch in ruhigem Tonfall – nicht auf mir sitzen. Während der langsameren Fahrt steigt Tom schnaubend aus. Sam bremst und will ihn zurückholen. „Nein Sam, das lass mal schön bleiben. Der kommt schon irgendwann heim. Esta und ich wollen jetzt nach Hause, Nachtruhe!“. Angekommen, müssen wir Sam beknien, dass er Natascha erst um acht Uhr abholen gehen wird. Sam, wir brauchen alle etwas Schlaf, bitte, Lala Salama, gute Nacht. Kaum Gesicht gewaschen und zähnegeputzt, schwankelt Tom zur Tür rein. Wie kann er grinsen? Tom entschuldigt sich, er hätte sonst nicht gewusst, wie er Sam loswerden soll: Der habe nämlich noch eine Flasche Konyagi organisiert und wollte mit uns Zuhause weiterfeiern… Da soll noch einer nachkommen.

Genausowenig, als wir around sieben durch Stimmen vor dem Haus geweckt werden. Was? Sam hat Natascha schon hergebracht. Die Arme, er hat sie zur tanzanischen Nullstunde (sechs Uhr Morgens) aus dem Schlaf gerissen! Dass Sam Bettflucht oder Möglichst-Nicht-Daheim-Sein-Drang hat, dafür soll er doch nicht sie benutzen! Soll er zuhause als Ausrede gebrauchen, klar, geht uns nichts an. Aber wirklich umsetzen – es gäbe auch zu dieser Zeit bereits betriebene Strassenkaffees…

Gut, frühstücken wir eben noch einen Tick gemütlicher. Die schwarzen Herren probieren skeptisch Schweizer Käse (von meiner Dada „Schwester“ Esthi mitgebracht) und die weissen Mädels getrauen sich gesichtsverzehrend zur Senene-Kostprobe. Wir lachen uns in den Tag. Esta bemerkt dabei: „Andrea, ich spüre deinen festen Boden, als wärst du seit jeher hier in Mwanza daheim. Dein sprudelndes, neugieriges und soziales Naturel kommt erfrischend zum Vorschein. Hey weisst du was? Gerade kommt mir dabei ein passendens Pendant in den Sinn, ein knuddliges Tierchen: Erdmännchen (Meerkatzen)!“ So hab ich einen weiteren Namen: Pimpi – der Klang gefällt mir.

Fröhlich machen wir auf zur ausgedehnten Touristentour, Sam verabschiedet sich nach der Fahrt in die Stadt. Ich freu mich, meine Schätze zu zeigen: Bukobafähre-Kamangamarkt-Bismarckrock-Tilapia-Nyumbani-Slums-Bugandospital, ein bisschen Story da, ein bisschen Blödsinn hier. Dan vom Midland stösst zu uns. Hat der sich schick gemacht, riecht der gut und überhaupt ist er ein ganz angenehmer Mensch. Ich weiss, dass er sich seinem Charakter entsprechend zurückhaltend, erheblich Mühe gibt, eine der Damen für sich zu gewinnen; er hätte so gerne eine „moderne“ Freundin, eine, mit der man nicht nur über Ziegen und Ern-tezeiten diskutieren kann. Die Zeit vergeht flugs, Esthi und Natascha fühlen sich sichtlich wohl in der Rockcity Mwanza. Gutgelaunt stärken wir uns mit einem Fishlunch am Makoroboi-Markt, schon wieder neuer Food für meine Girls. Anschliessend ist monatliches MTA-Meeting. Ich entschuldige mich für ein Stündchen und stagele zur SNV hinaus hinauf. Wie herzerwärmend, Father George schenkt mir an silberner Kette einen gesegneten Masaian-hänger. Er meint zwinkernd „Ein Kreuzchen würdest du wohl nicht tragen“. Mir scheint, er kämpft etwas mit dem Augenwasser! Mary, Rahim, Eva, Sifuni und Leonce (die beiden neuen Touristenführer), die SNV-Crew … viele Umarmungen und Versprechen, sich wieder zu sehen…

… Andrea, stark bleiben…

… Habe ich schwere Beine…

Doch zurück angekommen, hat Tom inzwischen meine Girls entführt. Ich finde sie inside Hauptmarkt. Danke, wie gesegnet wir alle sind, es fängt an zu regnen – und wie! Dicke Bind-fäden. Huschhusch unters Dach. Bei Mama Roby sagen wir Grüezi und Kwaheri. Sie und ihre Sisters strahlen mütterlich – ich vermisse sie jetzt schon.

Wir beschnuppern den gedeckten Plätzen entlang das Handwerk aus Kochlöffel, Körben, Kellen, Matten & Co. und schmöckern in der Kunstecke. Wieder aufgehellt, tappsen wir im Trockenen zurück an den Makoroboi-Markt. Ich habe für uns Beauties eine überraschende „Schönheitsbehandlung“ geplant. Schuhe ausziehen: Jean-Baptiste macht uns eine Fuss-massage und pinselt kunstvoll unsere Fussnägel! Wir kichern kleinmädchenlike und benehmen uns wie Teenies; es ist für uns alle „Das erste Mal“. Die Farbenwahl gestaltet sich endlos. Mit uns auf der Wartebank sitzt eine junge Frau. Köstlich, ihr Selbstversuch mitanzusehen: sie trifft alles mit dem blutroten Lack, nur die Zehen selber nicht. Ist die schaumige Fussmassage eine Wohltat – Jean-Baptiste gibt sich redlich Mühle. Er ist wie Silvain ein Flüchtling aus dem Kongo; wohl aus einer abgelegenen Provinz, der Vater von zweimal Zwillingen kann kaum französisch. Geehrt vergleichen wir Wazungu-Frauen unsere drei formvollendeten filigranen Glanzkreationen dreierlei unterschiedlich kombiniert mit den Farben weiss, blau, schwarz, braun. Jede ist so stolz auf die eigene getroffene Farbwahl. Die Leute rundum amüsieren sich, meine Masai winken mir beim Vorbeigehen glücklich zu. Mann ist das schön hier!! Dann typisch Tom: „Oh, nein, ihr könnt jetzt unmöglich eure geschlossenen Schuhe anziehen. Das schickt sich nicht. Oh nein, Andrea, auch du deine Absatzschuhe nicht. Nein, man muss eure Füsse jetzt sehen“. Ja gehst du denn uns (billige Plastik-)Flippflops kaufen? Nein? Echt, manchmal könnt ich ihn seiner Ideen wegen knuddeln (könnte, natürlich tue ich es…). Wir trippeln nun also barfüssig den Rocks entlang von Stand zu Stand, (un-) gekonnt umschlängelnd die Regenpfützen. Wir werden angelacht, kommentiert und kopfschüttelnd begleitet – unser Bild ist mit Bestimmtheit eine Premiere in Mwanza! Jede von uns findet begeistert „ihr“ Paar Marken- bzw. handgemachte Leder-Slippers. Dann stolzieren wir stolz zeigend nochmals zurück zu Jean-Baptiste, der unsere Ware zwischenzeitlich hütet. Ja, wo ist er denn? Der ist verschwunden – unsere Sachen alleinstehend allerdings nicht (Sicheres-Diebes-Siegel infolge Bekanntheitsgrad).

Frisch besohlt ist es gleich ein anderes Hochgefühl, ein letztes Mal zum zukünftigen Museum hinaufzulaufen. Right-in-time meine wirkliche Dernière: der nochmalige Genuss eines farbstarken Sonnenuntergangs über der Stadt Mwanza, knallorangener Farbkontraste heute. Habe ich ein schönes Leben, so viel Glücksmomente!

Die Sonne ist weg, wir bald auch – heimwärts mit Zwischenstop. Ein Zeigeblick ins Villapark und ein freier Tisch im Shooters; das spezielle weiss-sossige Bananen/Kutteln-Essen schmeckt meinen Gästen köstlich. Die Nacht verbringen wir zu viert. Esthi macht sich auf dem Hochbett schmal, wir haben Natascha aus ihrer Lodge ausquartiert. Wie es so ist, Weiblein kichern und schwatzen unaufhörlich in der dunklen Nacht. Natürlich auf Deutsch, Tom liegt eng an mich gekuschelt trotzdem im Abseits, pole sana – aber egal.

Eigentlich plante ich für Tag Zwei eine Kiseke-Freunde/Ballon-Verteiltour. Aber da ist noch das eine oder andere Eck in Mwanza zu zeigen. Auf dem Weg zum Daladala sagen wir wenigstens bei Gertrud „Mambo“. Wow, wie berührend, wie Esthi und Natascha vor Begrüssungsfreude umrannt werden; etwas unerwartet heftig für die beiden. Shem ist ein bisschen nervös. Nicht aus Angst vor sovielen weiblichen Weissgesichtern, nein, ich erfahre nur am Rande, dass seine Exfrau heute Morgen aufgetaucht sei, doch es sei alles in Ordnung. Wir freuen uns auf den bevorstehenden gemeinsamen Abend. Ein paar Süssigkeiten werden mir sicher noch zulaufen.

Kaum in der Stadt, ist der Tag schon wieder durch. Wir essen im dunklen Hinterhof Frühstück-Chapatis mit Fischsuppe, wechseln Geld und schleppen Nataschas Stuff zum neuen Guesthouse; ihre Mama landet Morgen aus Deutschland. Ich kenne die Guita-Lodge food-mässig schon, sie liegt gleich neben dem Mwanza-Touristen-Info-Center. Ich flipp vor Freude aus: Meine Fundis dort bauen sichtlich vorwärts und die flippen, mich nochmals zu sehen.

Gemütlich lassen wir den Spätnachmittag auf einer Wiese anklingen, relaxend mit leckerem Erdbeer-Gelati. Tom kriegt keines, den schicke ich auf Einkaufstour. Ich geniesse meine Mädchen. Zurück in Kiseke heisst es Umstylen und einen Weiber-Apéro Ramazzotti geniessen. Esthi und ich schmücken Ohrringe, welche ich uns aus Zanzibar mitgebracht habe: aus flachge-drückten Bierdeckelchen, Uhuru (Unabhängigkeit) für sie, Safaris für mich. Twende, los gehts!

… Jetzt muss ich tief durchatmen…

Heute ist nicht wirklich mein letzter Abend mit meinem Gertrud&Shem-Clan? Tut der Gedanke daran weh! Und wie glücklich machen mich die strahlenden Gesichter der Village-Kinder, Männer und Frauen, welche uns ununterbrochen umarmen. Wo aber sind denn Esta, An-nastazia und Aloyse? Irgendwie weichen alle meine Fragen überhörend aus; man weiss es nicht genau, oder will mir nicht sagen wowiewas. Mir wird komisch zumute. Irgendwas im Zusammenhang mit der leiblichen Mama glaube ich zu verstehen. Hat sie die Kinder mitge-nommen? Was? Vielleicht? Aber da muss man doch was tun! Was was? Suchen zum Beispiel? Irgendwie werde ich übergangen.

Manyama und Sam kündigen ihre Ankunft an, mit dem Auto. Sie lassen uns effektiv seit einer Woche nicht mehr aus den Augen. Da Kleben-an-uns, ich nehme es als Freundschafts-bezeugung. Tom solle ihnen entgegenlaufen und sie guiden. Dabei frage ich beiläufig (direkt käme ich nicht durch), ob er nicht Shem mitnehmen will, dann sei er nicht alleine und treffe vielleicht nebenbei auf die Kinder. Ich weiss nicht, ob ich richtig liege. Jedenfalls laufen sie beide ohne Einwände los und gegen eine Stunde später tauchen Esta, Annastazia und Aloyse aus dem Nichts auf. Wie wenn nichts ist. Die Männer folgen zehn Minuten später; keine Erklärungen, wo sie waren. Vielleicht habe ich was traditionell „Falsches“ verlangt, doch im Moment bin ich einfach nur glücklich, meine drei Süssen innig Umarmen zu können.

Wir alle knipsen Fotos, lachen viel, halten uns an den Händen und nebenbei: Die Ente und der Pilau-Reis schmecken – wie alles von Gertrud gezaubert – saufein, ich meine, entenlecker. Der restliche Ramazzotti und der mitgebrachte Rotwein schmecken meiner grossen Familie ganz gut, das lokal gebraute Gesöff sowieso. Esthi und Natascha gehören dazu – keine Frage, auf keiner Seite und von Keinem und man sieht es ihrem Strahlen an. Spät in der Dunkelheit übernimmt Tom wieder den Endspeech. Ich weiss, wir sollten hier Schluss machen – ich will aber nicht! Offiziell übergebe ich freudig (und doch schweren Herzens) meine letzten Geschenke: Weiteres von meinen Kleidern, Schuhen, Heften&Farben, Klimperringe und zum riesen Jubelschrei von Gertrud obendrauf ein neues – ihr erstes – Mobile. Wir wollen uns alle nicht mehr loslassen. Wir müssen!

Und dann, unerwartet begleitet uns Gertrud diesmal kein Stück des Weges – es ist wohl ihre Art, entgegen ihrem Willen (nicht) auf Wiedersehen sagen zu müssen. Den Nachhauseweg brauche ich für mich alleine zu gehen, die ersten tiefen Tränen kullern. Ich bin sowas von unsäglich glücklich, von unendlich traurig und endless dankbar, diese wunderbaren Menschen kennengelernt zu haben. Asante sana aus tiefstem Herzen, dass Ihr mich ein Stück meines Weges begleitet habt. Auch wenn wir uns bis zuletzt nicht wirklich unterhalten konnten, es ist der gelebte Beweis, dass einzig und allein das gute Herz zählt!

Ich weiss nicht, ob ich gut geschlafen habe oder nicht, ich befinde mich in einem Film – der gefällt mir nicht so gut.

Die nächste Verabschiedung nach dem Morgen-Chai: Wir müssen Esthi Kwaheri sagen, sie fliegt weiter nach Moshi. Richtung Flughafen begegnen wir zufällig Mary auf, sie lädt uns auf. So kommt diese Begegnung auch noch zustande. Mary hat sich mit einer Streckhaar-Perücke hübsch gemacht und sie strahlt. Ein Grund ist ihre männliche Begleitung: Deo sitzt nebenan, ihr Ehemann!

Auf Wiedersehen Esthi, es war wunderwunderschön mit dir, meine Dada, Schwester! Bei deiner Ankunft war ich überraschend doch gefasst, jetzt hab ich Mühe, dich loszulassen. Frei-von-der-Leber-weg in deutsch zu lafern und meine mir wichtig gewordenen Menschen und Plätze mit dir „heimisch“ teilen zu können, ich glaube, das sind für mein Herz und meine Seele Wundpflaster pur. Ein Mzungu-Besuch, der perfekter nicht hätte sein können! Asante sana sana sana, danke!

Und da wir auf dem Flughafenareal sind, schaue ich gleich noch bei Siv von Costalair vorbei. Dort stelle ich mich flugs auf die Captain-Waage (definitiv fertig lustig) und berede kurz ein paar Angelegenheiten mit Siv. Ich kriege gleich von ihr mein schon länger fälliges Touren-führerhonorar; cool, gleich Dollars für Kenya in der Tasche zu haben.

Am Nachmittag gehts nochmals auf an den Strand. Bei der Tunzalodge findet Earthdance.com statt – in achzig Ländern, an fünfhundert Orten wird tagesgleich auf dem Globus für den Frieden musiziert und getanzt! Eine dritte, diesmal ungeplante Party. Earthdance findet zum allerersten Mal in Mwanza statt und es ist scheinbar die einzige Stadt in Tanzania, welche mittanzt. Mary und Deo lachen und geniessen mit uns die Trommelrhythmen, die Schlangentänze, die Marktstände und natürlich den Sonnenuntergang. Mir macht es Freude, Marys Ehemann Deo (endlich) kennenzulernen. Ein aufgeweckter humorvoller Mensch. Ich hole bei ihm das Versprechen ab, dass er Mary behütet, beschützt und Sorge zu ihr trägt; sie ist wirklich einer der liebsten Menschen auf Gottes Erden. „Und wenn du das nicht tust, ich erfahre alles, dann komme ich persönlich her und nehme sie dir wieder weg!“

Beim Eindunkeln beschliessen wir, noch eine Kleinigkeit im Majani zu essen. Beim Ausgang stosse ich auf Manraj – du bist soeben zurück von deiner Weiterbildung in Dar-es-Salam! Zu einem Weekend in eurer privaten Serengeti-Lodge reicht es nicht mehr, aber wir freuen uns, dass wir uns persönlich verabschieden können. „Was sagst du, wirklich? Anruf genügt und du hast mir hier eine Anstellung? Pass auf, ich komme darauf zurück!“ Das wär ein Traum, ein gut bezahlter Job zu bekommen; und das im Best Hotel in Town, Tilapia. Diesbezüglich darf ich mir auch Rahim warm halten. Er erweitert seine Geschäfte demnächst mit einer Milchfabrik (Milchpulver), welche auch Fruchtsäfte produzieren wird. Die Saft-Idee entstammte, weil viele Regionen in Tanzania einen Überschuss an gewissen Früchten haben – ich finds toll. So werden die armen überschüssigen Orangen und Madarinen in Ukerewe inskünftig hoffentlich ihre Verwertung finden. Das Büro der neuen Firma wäre, wenns klappt, gleich gegenüber dem MTIO untergebracht. Aber dies wird frühestens in einem Jahr soweit sein. Und jetzt bin ich noch hier, ich meine, gleich im Majani.

Sam meint erst jetzt bei Parkplatz, es werde eventuell kein Benzin mehr im Tank haben! Na Super Diesel! Da die Nachtschwärmer am Eintreffen sind, schlage ich vor, wenigstens soweit aus dem Areal wie möglich zu gelangen, bevor wir dann ganz eingekeilt sind. Wie bitte, ich soll fahren? Also Konzentration, ich hatte auch schon ein Bier und dieses Monstergefährt kenne ich nicht. Aber irgendwie manövriere ich das Riesenschiff aus dem kreuz- und quer- geparkten Wagenchaos raus; wie das ohne Schrammen und Anstossen geht, bleibt mir allerdings ein Riesenrätsel! Wir rumpeln zweihundert Meter der Strasse entlang. Endstation, „Rien ne va plus“. Tom und Sam werden also Autopower besorgen, während Natascha und ich uns von Mary chauffieren lassen. Mary will das „berühmt berüchtigte“ Majani-Beach endlich kennenlernen; obwohl sie übermüdet wirkt. Das Majani gefällt ihr, sie wird ja richtig übermütig und shaked eine, zwei Runden ab. Wir trinken unsere Bierchen und bestellen was Kleines. Irgendwann nickt Mary auf dem Stuhl ein. Ich meine zu Deo „Jetzt kannst du mir gleich beweisen, wie gut du dich um Mary kümmerst, sie ist schläfrig.“ Ops, sie juckt auf, „Nein, ich bin nicht müde, ich schlafe nur ein wenig.“ Sie bringt es genau auf den Punkt: Wo auch immer (im Daladala, im Restaurant, an der Bushhaltestelle, beim Coiffeur, etc), es ist überall legitim, einfach die Augen zu schliessen, keiner stört dich dabei.

Heute dauert die Nacht etwas länger, tut gut. Morgens heissen Sam und Tom Nataschas Mutter am Flughafen willkommen und bringen beide in die Stadt. Ich packe endgültig meine und Toms Sachen und reinige das Haus. Ich habe eine innerliche Krampfkrise am anderen. Gut, bin ich alleine. Ich mache Stapel, was ich hier lassen muss – Marys Fundus, Getruds Kochenquipment – was mit nach Kenya kommt und dort bleiben wird, das Wenige für in die Schweiz. Dabei mache ich eine herrliche Entdeckung: Man erinnert sich an Toms explodie-renden Kopf anfänglich unserer Zusammenseins in Kiseke PPF, worauf er sich in meiner Medikamentenecke bediente. Die Folgen der zwei-dreihandvoll Medis waren nicht zu eriu-ieren – also folgich nicht, was er denn eigentlich geschluckt hatte. Jetzt weiss ich was fehlt: die ganze Notfallpackung Malarone – Bombendosis gegen Malaria!! Auch das ist eine Ent-sorgungsmöglichkeit, vielleicht hatte er sie auch nötig, smile.

Nach dem Packen drücke ich nochmals innig Marys Grossfamilie (und wieder ein paar Tränen weg). Ich übergebe meine Abschiedsgeschenke. Bekommen tue ich selber eine solide Taschenlampe – danke Mary, und siehst du, im ganzen halben Jahr ist nichts bei meinen alleinigen nächtlichen Homeways passiert… Telefonisch sage ich auf vielen Seiten Kwaheri. Mann, sind Abschiede Sch…!!

Und während dem Finnisch habe auch einen letzten (innerlichen) Wutausbruch. Tom über-zieht seine obligaten zwei Stunden – es werden sechs! Natürlich kommt er schön räuschig zurück, im Schlepptau Sam, Manyama und Chérie Babu. Babu versucht es mit seinem Reh-blick. „Nicht böse sein Mama, wir sind beim Abschiedstrunk ein klein wenig hängengeblie-ben…“ Schön für euch und gönne ich euch ehrlich. Aber was jetzt? Es bleibt keine Zeit mehr, den Abfall zu verbrennen, die leeren Flaschen zurückzubringen, die Wäscheleinen runtere-zukabeln, die Wassertonnen zu reinigen – was immer Toms Aufgaben waren. Es widerstrebt mir, keinen „sauberen Tisch“ zu hinterlassen. Jadida und Theodora müssen vorbeikommen und die Aufgaben entgegennehmen, Himmelherrgott! Die Herren verstauen umständlich unsere Ware im Auto. Ich selber habe wieder nur einen Koffer und die Handtasche. Die Ge-schenke für Toms Familie und sein Gepäck bestehen aus sechs (mittel-) grossen Stücken.

… Aus dem Haus, Türe abschliessen, Schlüsselübergabe an Jadida – endgültig…

… Also dann, bitte schnell weg hier…

Die Männerclique hat scheinbar anfangs PPF etwas zu essen bestellt, bevor sie raufkamen. Nein, ich will hier nichts essen, nein, der Plan war und ist immer noch, dies mit Natascha und ihrer Mama in der Stadt zu tun. Mann, hört auf, ist ja nett gemeint, aber manchmal nervt es echt, dass ich nicht gefragt werde und Sachen für mich entschieden sind! Aber eben, auch Afrika, Frauen haben nicht so oft eine zählende Stimme (vor Drittpersonen) – ich aber bin eine selbständige Mzungu! Und gerade auf hundertachzig!! So freuts es mich ungemein, dass deren Supu zum Kotzen ist, ich muss sie nicht runterwürgen.

Auf dem Weg, für vorläufig lange Zeit raus aus Kiseke, springe ich nochmals aus dem Auto. Niemand da. So lege ich alle gefundenen übrigen Ballons, Kugis, Biskuti und Bildchen in den Pneu, the kitchenstuff daneben. Ich rufe aufs geratewohl in die Weite „Esther, Anna, Loys“. Woher kommen sie ums Eck gedriftet? Aufglucksendes Kindergejauchze, es geht mir durch und durch, durch Markt und Bein! Auch Manyama kriegt feuchte Augen. Dann drücke ich ein letztes Mal Jadida, unsere beider Wangen sind nass. Sams Blick ist väterlich warm, Babu‘s Augen sanft verständnisvoll.

… Tief durchatmen – jetzt soll einfach keiner mit mir reden! …

Ich hab mich wieder gefangen.

In der Stadt stossen wir auf Natascha mit ihrer jungebliebene Mutter Ute und einer „aufge-lesene“ Anette (aufgelesene Alleinreiserin durch Afrika). Natascha hat heute erfolgreich unser Touriprogramm mit den beiden ausprobiert, alle drei haben freudig erregte Bäckchen, mich freuts. Wir quetschen uns also zu acht in Sams Auto zwischen die Gepäckstücke. Es geht zur Weiterreisebusstation Mwanzas. Tom und ich übernachten hier, um stressfrei den Bus nach Kenya zu kriegen. Ein letzter frischer Fisch auf dem Tisch (ich hasse Tatsachen), ein letztes mal Sam, Manyama und Chéri Babu mit uns und ein letztes mal am Tag darauf… schon wieder eine Kamera weg (!) – unerklärlich wiewowann, mich berührt es nicht mehr!!

Die Busfahrt lenkt mich vom Loslassen ab. Adieu, kwaheri, meine Rock-City.

….ohne Worte…

……. (…)

…keine Worte…

Ich bin diese Strecke schon zweimal gefahren. Gedankenverloren sauge ich die Bilder der stillen Dörfer nochmals auf, verinnerliche die Felsformationen und kargen Landschaften.

…beruhigende Intuitionen…

…(…)…

….ich komme bestimmt zurück…

… Vorletzter Stop in Tarime, es wird lebendig…

Beim grossflächig gestampften Marktplatz in Tarime, werde ich wieder neugierig wach. Es folgt prompt der letzte Heiratsantrag auf tanzanischem Terrain: Ein Lumpenprinz kniend auf seichten Boden, ich oben am offenen Carfenster.

…die letzten Atemzüge tanzanischer Luft…

…die Grenze…

Ein Zwischenfall. Nein, der Papierkram drüben in Kenya ist schnell, unkompliziert und nett erledigt. Aber Tanzania will mich doch behalten: Am Grenzpoint, schnell schnell raus aus dem Bus, denn ich muss ganz ganz dringend für kleine Princesses. Wo kann ich denn?! Dreimals ums Eck mache ich endlich das Örtchen aus – reingejumpt, Schlüssel gedreht und losgelegt – tut das gut!
Und wie bitte schön, komm ich wieder raus? Schlüssel drehen klar, aber danach? Das schwere schmiedeiserne Gittertor zum Häuschen haben sie (versehentlich?) hinter mir zugemacht und mit einer fetten Kette abgesperrt! Ich grinse. Soll ich ein Weilchen warten, soll ich rufen, gibts einen anderen Weg raus? Ja, nein, jain: Na denn, ulkig Kletteräffchen ist gefragt! Wie spannend und illuster ist doch mein Leben – ich liebe es!

Weiter geht die Fahrt. Tanzania liegt hinter mir – ich bin in Kenya, einfach so und so einfach!

Vor sechs Stunden sind wir in Mwanza gestartet. Jetzt kommen wir am ersten Ziel an: Migori, Toms Homedistrikt. Die Strassen sind diesselben, die teils üppige Natur ebenfalls. In Migori beschreibe ich die Gebäudehöhe und Anordnung etwas westernstylisch. Die Reklamen sind anders bunt und international. Die Menschen drehen sich kommentarloser nach uns um, wenn überhaupt. Vielleicht, weils grauslig kühl regnet, schnellschnell ins Trockene. Da es bereits eindunkelt, entscheidet Tom, in Migori zu übernachten.

…ansonsten wird nun er zusehends wortkarger…

Eine ruhige Nacht und ein einfaches Continental-Breakfast – und ein Luxus gegenüber der fol-genden Woche. Bevor wir uns nach Masaba aufmachen, halten wir Ausschau nach einem „Spital“. Ein quicker Gesundheitscheck will ich, denn seit einiger Zeit fühl ich mich etwas sehr schlapp und ich habe den ersten wirklichen Dünnpfiff. Anhand meiner Beschreibung wird gleich auf Typhus getestet – Glück gehabt, negativ! Dafür ist mein zusätzlich verlangter Malariatest positiv. Diesmal gibt es eine Heavydosis von Vier-Tabletten-auf-einmal-für-drei-Tage (erstmals waren es Zwei-auf-Zwei). Tom hat zwischenzeitlich frische Lebensmittelge-schenke gekauft. Für mich hat er Toilettenpapier mit – in himmelblau, nicht dass ich mich wie hier üblich mit Baumblättern bedienen muss.

Wir drängen uns mit unserem Bagage in ein Kombi-PW-Taxi, auch hier sind alle weiss. Dieses hier hat Platz für zehn (mittelfüllige) Menschen, hinten sechs, vorne vier. Ich sitze mit dem Fahrer zusammen auf seinem Sitz, er gangschaltet über meine Beine hinweg. Ausgangs Stadt (Corruption?): Zwanzig Meter vor uns steht eine Polizeikontrolle an. Der Fahrer geheisst vier von uns Gästen rauszukrakseln und zulaufen. Am Kontrollpunkt bestätigt der Bulle dann die zulässige Personenanzahl im Gefährt und nach weiteren zehn Meter laden wir die Aus-gestiegenen wieder auf…

Ich spüre, Tom wird langsam wirklich nervös. Äussern tue ich es nicht. Doch freut es mich ein wenig, weil er sonst vielfach so undurchdringlich, stoisch wirkt – was wohl eher als Schutzpanzer angesehen werden muss.

Eingangs Masaba, auf der Schotterstrasse: eine erste Tante, eine zweite, ein erster Cousin… „BAHATI, BAHATI!!“. „GLÜCK“ ist Toms suhaelischer Rufname hier. Ich halte mich im Hinter-grund und beobachte still. Die erfreuten Gesichter, man sieht fast die roten Bäckchen glühen.

Eingangs Masaba, am linken Strassenrand. Wieder eine andere Bauweise des Gehöftes. Eingezäunt hinter einfachem zweimeterhohem Holzgatter stehen drei grundstöckige, halb-fertige Backsteinhäuser. Sie zäunen einen aus Holzästen grob gestalteten Kuh- und Ziegenstall. In dieses Grundstück treten wir ein.

Zwischen Stall und erster Behausung sitzt ein alter Mann. Er schaut kritisch auf, und hält ungläubig beim Schuheputzen inne. Dann geht die Sonne in seinem Gesicht auf! Sein Tom kommt nach drei Jahren nach Hause!! Onkel John nimmt auch mich ganz lange in den Arm.

Ein erster Schock für Tom: seine Tante, für ihn die wichtigste Frau in seinem Leben, ist letztes Jahr verstorben. Das heisst „Sie ist seit einem Jahr auf Reisen“. Beerdigt wurde sie innerhalb des Gehöfts. So muntere ich ihn auf, dass er ihr immer noch Auf-Wiedersehen sagen kann. Aber es zerreisst uns das Herz. Er gerät halb in einem Wahn. Mit bitterem tränenüberströmten Gesicht reisst er dem Grab unkontrolliert das Unkraut aus, legt ihre mitgebrachten Geschenke darauf, stellt Licht hin und streut Blumen. Er steht, er kauert, er stampft, er fuchtelt mit den Händen, er heult. Wir können nichts tun. Das fährt ganz schön ein!

Über schmale Feldwege, vorbei an weiten Wiesen und Äckern, sagen wir am ersten Morgen von Hof zu Hof hallo. Auch auf dem Weg in den 400-Seelendorfkern werden wir unaufhörlich mit dem Ruf BAHATI angehalten. Die nachmittäglichen Besuche macht Tom alleine: ich schlafe stehend ein, ich muss mich hinlegen. Es ist eine ungewohnte Müdigkeit. Gähnen muss ich nicht, auch die Gedanken sind klar, doch eine Stimme befehlt „Hinlegen“ – und schon bin ich für Stunden weg.

Am zweiten Morgen bei unserer Freilichtdusche hinter dem Haus taxiert mich Tom skeptisch „Oh Andrea, du bist jetzt aber dünn“. Ja er hat Recht und mir ist es dies gerade – auch wenn meine tanzanischen Schlemmersünden nicht auf dem gesündesten Weg verschwinden. Und gerade jetzt, so unter freiem Himmel zu duschen finde ich absolut himmlisch. Nach einem weiteren langen, tiefen Schläfchen, besteht Tom auf einen Spitalbesuch. Ich hab meinen „Stool“ nur gespürt, er hingegen auf dem Plumpsklo auch betrachtet; weder Farbe noch Konsistenz. Also Probe einpacken und los. Ich mag mich nicht fortbewegen. Tom will ein Mofa organisieren, so könnten wir eher los. Ich aber weiss, dass ich mich nicht lange festhalten vermag, ich bin echt sowas von kraftlos schlapp. Onkelchen teilt meine Ansicht. Endlich hält ein Taxi – diese Fahrt ist schon sehr anstrengend. Und erst der „Spaziergang“ zum Ziel. Wiederholt husche ich hinter ausgemachte Büsche. Dort würde ich mich am liebsten einfach hinlegen und nicht mehr bewegen müssen. Bis zum und auf dem öffentlichen, super sterilen Spitalgelände zwinge ich meine Beine Schritt für Schritt weiter. Torturen dauert es vom administrativen Eintritt, zum ersten Doktor, zum Labor und zurück (mit langen Wartezeiten und dazwischen immer schön zur Kasse und zur Toilette). Bestätigend gibt die Waage vier Kilo weniger an als noch vor soeben am Flughafen Mwanza. Mein geschwächter Body will nur schlafen. Bei der Apotheke kriege ich ein grosses Tütchen mit weissen Drops. „Jetzt zwei und alle vier Stunden eine, bis es wieder dickt.“ Ok, asante. Ich dreh mich um. „Halt, hier von diesem Säckchen mit den grünen Kapseln, alle zwölf Stunden zwei, für drei Wochen lang.“ Ok, danke, ich dreh mich weg. „Halt halt! Und hier von den gelben Runden alle acht Stunden drei, für zwei Wochen lang“!! Shit, Walking-Pharmacy. Und „Halt! Keine Milch trinken, zwei Stunden vor der Einnehmen der gelben, sonst kommts wieder hoch“. Himmelherrgott, jetzt muss ich mein schlappes Hirn noch mit Zeitrechnen belästigen und auf Extrakost bestehen. Wenn nur die Malariatabletten mich nicht so ausser Gefecht setzen würden.

An den Rückweg zeigt Tom links auf einer Erhöhung ein mächtiges Gehöft. „Das war mal das Land meines Vaters“, murmelt er. Das würde heissen, dass er dort geboren ist und auch das schicksalshalfte Vergehen da stattfand. Überhaupt, was das Thema „Rache“ anbelangt, da schweigt sich Tom aus. Ich weiss nicht, ob er überhaupt darüber „News“ hat und ich frage nicht danach. Es genügt, seine emotionsgeladenen Stimmungen zu spüren, Hochs- und Tiefs, entsprechend den Neuigkeiten. Unausgesprochenes und Ungeklärtes liegt zwischen ihm und seinem Onkel in der Luft. Dass Tom nicht redet, hat er wohl von ihm. Oder sie warten damit, bis ich weg bin.

Zurück in Migori kennen alle die grünen Käpselchen, „Die sind super“, na dann. Keimvolles Trinkwasser oder unsaubere Früchte sollen meine Übeltäter sein. Ich mach mir meine Ge-danken. Zuhause habe ich nur gut abgekochtes Wasser getrunken, und auswärts Flaschenwasser. Auch habe ich nur geschälte Schalenfrüchte genossen. Ok, in die Karotten habe ich manchmal schon auf dem Markareal reingebissen – aber dies seit sechs Monaten, bitte… Angefangen hat dieses Gerinnsel hier ein/zwei Tage nach meinem Besuch auf Zanzibar – dort wo ich in Hochklasse-Restaurants speisen und trinken musste, ich meine durfte.

Die Woche in Masaba vergeht unheimlich schnell. Nicht nur, weil ich davon praktisch drei Tage verschlafe. Ich lache und schnacke und debattiere (danach) auch viel – mit den Erwachsenen und mit den Kindern. Das Buschtelefon hat schnellstens funktioniert, dass eine „Mama Balloon“ da ist. Die jungen Mädchen hoffen noch auf einen übriggebliebenen Klimperreifen.

Einerseits ist Tom zeitweise gedanklich völlig woanders – seine momentane Gefühlsachter-bahn möchte ich nicht durcherleben. Es stimmt so auch für mich, dass er viel alleine sein will und für Stunden verschwindet. Andererseits ist er wieder der fürsorgliche Mann, den ich kennengelernt habe. Er kocht extra für mich, wäscht mich, hält mich warm. Und in der Nacht lässt er keinen Milimeter Luft zwischen uns zu, manchmal fast wie ein Ertrinkender.

Das Hofleben gefällt mir. Wir sind alle zusammen draussen; alle, grosse und kleine Menschlein, Gänse, Hühner, Ziegen, Kühe. Die Kleinkücken kribbeln so angenehm, wenn sie dir über die Zehen laufen und du selber hast immer ein wachsames Auge, zu keiner Tages- oder Nachtzeit in einen frischen Kuhfladen zu trampen. Rund ums WC-Lehm-Häuschen sind die Bäume wirklich gar astlos. Und dann kann es sein, dass die Sitzung verlängert wird, weil gerade so eine Kuh von einer Kuh dir ihren Hintern vor der Blechtüre präsentiert und nicht moven will. Der Waschplatz im Gehöft ist mit Ästen blickdicht gemacht. Ich mag es, wie ein Kleinkind von Kopf bis Fuss von Tom abgeschrubbt zu werden. Nur der saisonale Regen am Nachmittag gefällt mir nicht, es wird sehr kühl – eher sogar kalt – und so bleibt es auch bis zur nächsten Morgensonne.

Ein grosser Unterschied zwischen Tanzania und Kenia stelle ich schnell fest: das fortschrittli-chere Schulwesen. Die kenyanischen Schüler lernen bereits in der Primarschule englisch, die tanzanianischen leider nur ein paar Floskeln, vertieft erst in der Oberstufe, welche die meisten eh nicht mehr besuchen. Hier macht es mir Freude, mal andere Themen zu diskutieren. Ich mag die intelligenten, aufgeweckten Menschen aus dem Kuria-Tribe. Deren Dialektklang mag ich auch unverstehend gerne zuhören, er klingt rollendglockendgurrend wunderschön ver-spielt. Die Menschen aus dieser Region sind meistens kuria- oder kissestämmig. Wie in Tanzania ist der tägliche Umgang und das Zusammenleben mit anderen Tribes kein Problem. Doch geheiratet wird dann fast ausschliesslich im Eigenen. Dadurch sieht man den Personen auch schnell die Familienzugehörigkeit an. Bei Toms Familie auf jeden Fall. Wobei er selber eine Ausnahme ist. Seine Mutter war als Kisse eine „Auswärtige. Tom hat offensichtlich die Augen und das Lachen väterlicherseits. Ansonsten sind seine Gesichtsform wie sein Körperbau anderst; die Figur stämmiger, der Nacken kürzer, die Nase spitziger. Eigentlich möchte Tom herausfinden, wo seine Mutter lebt, ob sie noch ist oder war… Der Onkel stellt auf stur. Seit ich Tom kenne, stellt er sich täglich die Frage „Who am I?“ Er zieht sich selber runter. Vielleicht gibt der Onkel keine Antwort, weil diese ihn verletzen würde? Ich versuche ihm dies darzulegen. Er versteht das, doch es nagt weiter und weiter. Er meint, er spüre ganz tief drin, dass da was ist, was er wissen müsste. Wenigstens erfährt er positiv, dass seine drei Jahre jüngere Schwester verheiratet wurde und mit ihrem Mann glücklich in Tarime lebt. Tom will sie und die fünf Kinder schnellstmöglich besuchen gehen. Ich lasse ihr mein Kleines-Schwarzes und die glitzernden weissen Puma-Turnschuhe schenken.

Ich führe auch meine „Frauengespräche“. Grace und viele Mamas haben nach ein, zwei handvoll Gofen genug vom Kinderkriegen. Die Männer würden danach noch immer mehr zeugen wollen. Einige Frauen finden es nicht korrekt, soviele Nachkommen in die Welt zu setzen. „Wir können ihnen doch keine gute Zukunft bieten“. Wie verhütet ihr dann später, frage ich. „Der Doktor im Spital hilft uns mit einer kleinen Operation“. Und was sagen denn eure Männer zu eurer Entscheidung und zu diesem Eingriff? „Die erfahren ihr ganzes Leben lang nichts davon“!!

Wo wir auf Besuch hingehen, versuchen wir uns mehr oder weniger geglückt zu wehren. Gewisse Mengen Teller oder Porrige-/Dickmilchtassen gehen, aber ganztags im Zweistun-dentakt? Da getraut sogar Tom zu streiken. Einladungen auszuschlagen ist so ein Höflich-keitsding, ein schmaler Grat… Aber so darf doch das eine oder andere Huhn noch etwas län-ger leben. Dabei überlege ich mir, wieviele Tierchen mir zu Ehren in Tanzania Federn und Fell lassen mussten, ist schon ein ungewohntes Gefühl für uns Wazungu. Diese Gedanken lassen mich schon die erste Sehnsucht zurück nach Mwanza spüren, ich fühle mich dort so wun-derbar daheim.

Masaba ist auch sehr heimelig, keine Frage. Was ich aber leider gerade vom ersten bis zum letzten Tag ganz und gar nicht schlucken mag, ist Ugali. Dabei liebe ich den maisigen Breiklotz doch so! Nur schon der Gedanke daran, schnürt mir die Kehle zu. Das sind bestimmt doofe Malariatablettennebenwirkungen. Dafür trinke ich umsomehr vom frisch aufgefangenen zarten Regenwasser und Tom gibt sich in der abendlichen Küche wahnsinnig Mühe. Er bäckt die besten Chapatis, kocht den besten Reis mit frischen Erdnüssli drin und nur-für-mich ganz viel verschiedenes Grüngemüse. Früchte gibts hier generell nicht. Weder auf dem täglichen Menuplan, noch als Gepflanztes. Wenn, dann neben Bananen, nur wenig Ananas und Avocados. Und diese werden angeblich von weit entfernten Villages importiert! Ich verstehe diese Lücke nicht, das wäre doch eine gesunde Einnahmequelle. Allerdings möchte ich das Wasser für die Felder nicht beschwerlich herschleppen müssen. Tom hat mir ein entlegenes Bord hinunter die kleine Flussmündung gezeigt. Landwirtschaft zu betreiben ist mühvolle Arbeit. Finanziell gut stehen die vielen verwandten Familien von Tom nicht da. Christopher hat sich ausgiebig entschuldigt: Er kann mir keinen Chai anbieten. Es ist keine Milch da. Die letzte Kuh musste verkauft werden, damit die fälligen Schulgelder bezahlt werden konnten. Alternativ gibt es ein gekochtes Ei und eine halbe Avocado.

Aropos Landwirtschaft, beim ersten Mal schaue ich noch zu, wie die strampelnde und aus-schlagende Kuh angebunden wird. Dann will ich es beim nächsten Mal selber probieren – wollte ich doch als Kind mal Bäuerin werden… Ich „verpenne“ aber jedesmal die Melkens-Zeit. Dafür mache ich mich gut im Kasawaplantagen bewirtschaften und mit dem Zwei-Kuh-Gespann Linien ziehen. Meine Furchen geraten zwar schön krumm, aber so wird die Familie länger an mich denken!

Ich besichtige das erste Dorfspital, welches von zwei Cousins aufgebaut wird. Natürlich hoffen sie, dass mein Besuch auch finanziell etwas bringen wird – mal sehen. Aber auch meine „Kritik“ wird erfragt und gefragt, vorallem von der vifen Schwester. Wir halten anregende Diskussionen zwischen den zwei fertigen Sprechzimmern und dem Rohbau. Ihr Stolz ist neben dem entstehenden Gebäude ein gesponsertes neues Mikroskop. Samtig eingewickelt entwirren sie die Teile und Zubehör. Innerlich amüsiert es mich, wie auch hier die Menschen denken, dass eine Mzungu alles weiss und kann und ich überall Ratschläge erteilen und Kommentare abgeben soll.

Toms Onkel John Mwita mag ich unheimlich gerne. Er hat einen messerscharfen Verstand, passend zur strengen Zunge. Im Alter sei er softer geworden. Ich seh ihn vor mir, wie seine herrische Hand das Familienzepter schwang. Zu straff, aber wohl zeitgemäss. Tief liegt ein gutes Herz verborgen. Ich beobachte einige erbarmungslose (lehrreiche) Szenen mit einem stillen Lächeln. Auch mir bringt er Sachen bei: Kräuter, die er sanft sortiert, stampft und raucht: Hustenmedizin, duftet herb herrlich gut. Und er liest seinen Kindern und deren Kin-dern mit Kindern aus meinen Büchern vor, wunderschöne Momente. Und da es einige Bücher sind, stelle ich mir das Bild gerne vor, genau das passiert diesen Moment in Masaba.

Und dann heisst es schon wieder Kwaheri, Abendbus nach Nairobi. Ich habe meine allerletzten gut eingeteilten und gehüteten Schätze verteilt. Tom übergebe ich meinen restlichen kostbaren Plunder. Als Abschiedsgeschenk bekomme ich einen leckeren Teller tradtionelles Mais-/Bohnenessen von Gladys, eine Ananas von Cecilia und von Christopher Glasuntersetzer aus Speckstein (all die Speckstein-Souvenirs kommen aus dem Nachbardistrikt Kissi). Danke euch allen! Jetzt ist es definitiv soweit; vorbei liebes Village-Leben. Es hat mir in Kenya sehr gefallen, vielleicht komme ich auch wieder hierher. Die Zeit war etwas kurz, als dass mir die Menschen so herzensnahe gekommen wären, wie in Mwanza. Ich Ihnen wahrscheinlich auch nicht, denn: Sie kam, sah, schiss und schlief…

Bei der Taxifahrt nach Migori ist es diesmal an mir, den polizeikontrolle-umgehenden Spa-ziergang zu machen. Dabei stolpere ich fast ungelenkt über eine Trottoirerhöhung. „Sehen Sie Herr Polizist, ich hab nur Augen für Sie.“ Doch der schüttelt nur brummig den Kopf, Nichts wie weg hier.

…Ruhige Carfahrt gegen Norden…

…es ist dunkel, ich strecke mich auf der hintersten Bank hin….

…Lala salama…ich schlafe gut…

Mitternacht ist es. Wir werden unsanft aus dem bequemen Bus geworfen, Endstation. Wo sind wir gelandet, scheint ein düsterer Kern in Nairobi-City zu sein. Wir finden eine günstige, wahrscheinlich zwielichtige Lodge, trinken ein Gute-Nacht-Bierchen in einer öden, neonbe-leuchteten Bretterbude und knurren noch ein paar Stunden. Baustellenlärm – wir grinsen einander an, definitiv sind wir die moderne Welt nicht mehr gewohnt. Dann mal los auf Ent-deckungstour.

Hey das macht Spass. Zwei Tage lang entdecke ich mit Tom Neues, das er selber auch noch nicht gesehen hat. Wir durchlaufen und durchfahren die lärmenden Strassen Nairobis. Wir spazieren durch weite Parks und amüsieren uns über das geschäftige Grossstadtflair – das ich City-Tüpfelchen natürlich auch geniesse. Es fällt zwar schon schwer, dem knallgemischten Angebot von unendlicher Schuhenvielfalt zu widerstehen. Toms Cousin Shadrak erreichen wir und besuchen ihn im angesehenen „KEMRI“ kenianischen medical-research-Center, modern und fortschrittlich eingerichtet. Shadrak fährt uns nachher zurück, absichtlich durch die tiefsten Slums. Und so nebenbei natürlich, wie könnte es anders sein: Wir haben in unserem zweiten Hotel einen Wasserschaden! Im Bad!! Hahaaaahaa!

Im grossen modernen Einkaufskomplex bittet es mich ganz leise „Please hold me.“ Rolltrep-pen: Toms Première. Gerne. Später geweigert habe ich mich, den erhaltenen Schlüssel zur Firstclass zu benützen. Just beim nostalgischen Bahnhof müssen wir auf Toilette; 2nd Class-Scheisshäuschen tuts alleweil. Danach, auf dem Dach des Kenyatta-Komplexes (dem höchsten Towergebäude in Nairobi), darf ich – wieder einmal mehr – als Fotomotiv herhalten. Mit knapp hundert SchülerInnen posiere ich mit jeder und jedem einzeln, mal so, mal so, mal so, mal so. Ich bedauere den geduldig knipsenden Lehrer – immer wieder mal „Vip“. Dem wäre wohl nicht so, wenn die Gruppe vorher gesehen hätte, wie es die Mzungu in der stilvollen Groundfloorhalle auf dem langen roten Teppich voll auf den Sack gehauen hat (noch nie was von Teppichstopper gehört…?) – Mann, hab ich auf dem Hintern sitzend wieder losgelacht!!

Weniger zum Lachen war mir beim Abschied von Tom. Er ist ein wunderbarer Mensch, hat ein unglaublich gütiges Herz und enorm viele Talente. Leider ist er ein typisches Beispiel für jemanden, der infolge Armut keinen Zugang zu überobligatorischen Schulen hatte und seine Intelligenz nicht beweisen konnte (beziehungsweise davon gar nichts wissen kann). So schlägt er sich mehr schlecht als recht durchs Leben. Wir hatten eine sehr schöne Zeit miteinander, auch wenn manchmal deftige Fetzen geflogen sind. Ich bin ihm dankbar, dass er mich diese Zeit begleitete. Wir wissen auch, dass unsere Begegnung ihm einige Klarheiten verschafft hat. Er dankte mir mehrmals, dass ich ihm gezeigt habe, dass es auch eine andere Art zu Leben gibt. Er ist noch jung. Nach seinem Onkel 25ig, 26ig, 27ig, 28ig… das weiss niemand so genau. Tom selber hatte sich mal für Jahrgang 1982 entschieden. Der Jungspund ist lernfähig und will wohl zum ersten Mal in seinem Leben zielstrebig vorwärtskommen, schön. Ich wünsch ihm viel viel Glück. Wir mussten einander begegnen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen und anderen Zukunftsbestimmungen. Ich freue mich auf jeden Fall riesig, dass er durch unsere viermonatige „Zusammenarbeit“ sein Potenzial beweisen konnte. Wir waren aber auch ein Superteam. So hat er von Mary unerwartet das Angebot erhalten, zurückzukehren und eine Festanstellung als Tourguide in Mwanza zu bekommen! Er ist gerade auf dem Weg dorthin.

Ich bin bereits angekommen, besser: zurückgekehrt. Gedankenverloren schaue ich auf den mitgenommen Bierdeckel unseres letzten geteilten Bieres am Flughafen Nairobi. Ich weiss nicht, fühle (noch) nicht, wo ich stehe. Einerseits ist es schön, wieder in der Schweiz zu sein, andererseits… meine Emotionen schlagen Wellen – in die luftige Höhe wie auch in die Tiefe. Es liegen tausend Sachen an (für hier und für mein Mwanza dort). Mein Boden ist weg, mein Kopf dreht. Aber da ich ein bewiesenes Glückskind bin und das auch bleibe, weiss ich, dass es gut kommt, dass alles stimmt wie es ist und ich wie-auch-immer mit Ostafrika verbunden bleibe.

Übrigens ist Toms richtiger Name “Peter John Mwita Wang’ang’a” … aber so hab ich ihn ganz alleine, ungeteilt für mich geniessen können!

Ich wünsche euch allen alles BAHATI der Erde!!!

Eure Andrea Senene

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Girls-Time und frische Luft

….ein bisschen andere Heimat….

Los, auf, nochmals nach Bukoba! Auch die 2nd-Class-Sechserkabine auf der Nachtfähre ist überraschend bequem. Für die Männer war schon ausverkauft. Tom will sich nicht sitzend in die Dritte Klasse quetschen, er wird auf dem Deck freiluftschlafen. Das Fährendinner ge-niessen und lachen wir mit Floresti Pierra. Marys jüngere Schwester lebt in London. Sie ist gerade für zwei Wochen auf Verwandtenbesuch in ganz Tanzania, morgen sind die Eltern dran. Danach fliegt sie alleine zurück nach UK. Ihren zwei Jahre alten Sohnemann Joshua lässt sie ein halbes Jahr bei Mary. Wie ihre Schwester, ist auch Floresti eine ganz tolle Powerfrau.

Bei Sonnenaufgang gestrandet, gilt unser erster Überraschungsbesuch Kiroyeratours und dem Mandeleo-Restaurant. Aaaiijj! Oh Gott! Wir werden überrannt und nicht mehr losgelassen – die Jungs quitschen genauso laut wie die Girls – ist das schön!! Durch die Strassen in Bukoba treffen wir unzählige bekannte Menschen an. Diesmal verabschiedet Tom sich „richtig“ und haut nicht einfach ab. Er merkt, dass dies der bessere Weg ist, er blüht richtig auf, schön, seine tief strahlenden Augen.

Nach einer sehr kurzen Nacht bringt mich Tom nach Kamachumu, Marys Heimatdorf in den Bergen. Eineinhalbstündige, stetig steigende Daladalafahrt durch Bananen-, Tee- und Kaf-feeplantagen. Im überfüllten Bus steht ein fünfjähriger Junge zwischen meinen Beinen – die ganze Fahrt über kein Murren, kein Gequengel. Das ist so, die Kinder haben ohne zu meckern zu tun, was die Eltern sagen. Als er schläfrig wird, squeeze ich meine Beine etwas zusammen, er kann so sich hängen lassend eindösen…

Kamachumu-Plateau, on the Top, eine frische Quelle stürzt sich gleich als Wasserfall hins Tal hinunter. Die Weitsicht über die Ebene ist traumhaft, die Felsformationen wunderprächtig. Ich komme mir vor, als sei ich auf einer Schweizer Herbstwanderung – die gleiche Atmosphäre, die gleichen Pflanzen, der gleiche Duft, die gleichen (gefährlichen) Naturwege, über Stock und Stein – der einzige Unterschied: das alles in glitschigen Flippflopps! Beim Aufstieg zurück spiele ich One-Man-Boygroup: eine Horde Teeniemädchen in ihren weiss-grünen Schuluniformen umkreist mich hysterisch kreischend und betatscht mich. Sie wollen alles von mir wissen – tja, warum nicht, ich geniesse es – auch den eigens hergerufenen Fotografen. Knips! Im Dorf zurück scheint der Markt ein Morgenmarkt zu sein – schade. Dafür im Mittagsrestaurant bestürmt uns die zweite Horde Schüler: sie bekamen gerade ihre Zeugnisse und eine Abschlusscoke spendiert. Ganz schön kess die Übermütigen.

Weiter peilen wir die Campside an – auch diese Jungs machen Freudensprünge. Bei meinem alleinigen Strandspaziergang darf ich mich wieder glücklich schätzen: Ich stosse auf lässig und süsse aufgeweckte Mädchen – die dritte Schülergruppe heute, funny! In mehr oder weniger vollständiger Schuluniform oder im Negligée, plantschen, albern und kokettieren sie (mit mir) im See herum.

Und schon wird wieder Nacht.

Die nächste Tagestour bestreiten wir radelnd. Ein Riesenkreis um Bukoba herum, stetig steigend. Auf halbem Weg dringelts mir. Etwa auf selber Höhe wie bei meinem ersten Besuch in Bukoba, wo wir auf dem Laster tanzten. Wir haben unser Breakfast komplett vergessen, sowas! Bei einem kleinen Strassenrestaurant bekomme ich den allerletzten Chapati, ölig triefend. Schmeckt aber super lecker zum Zucker-Chai und stärkt mich auf Knopfdruck. So radelts es sich gleich viel leichter. Weite Teeplantagen: Wir dürfen nur bei der edlen Handpflückung von Teeblättern zuschauen, für in die Fabrik hätten wir uns anmelden müssen, schade. Wir trampeln weiter. Dunkel schummrig: wir begehen auf allen Vieren eine ein-einhalbmeter hohe Höhle. In dieser hielten sich beim Kagerakrieg 1979 zwischen Uganda und Tanzania unzählige Deutsche und Afrikaner über ein Jahr versteckt. Hätte ich diesen Höhlenbesuch offiziell durch Kiroyera gebucht, bekäme ich jetzt eine Auszeichnung dafür: Den Durchgang der Höhle werde als Mutprobe betrachtet. Und dann noch rauschendes blickdichtes Dickicht? Es öffnet sich eigentümlich eine andere Szene:: endless sehe und höre ich dem Rauschen herrlich breiten Wasserfalls zu. Und grinse bei Mister Tarzen-Toms schwungvollen Lianen schaukeln – sein Gewicht dafür ist nun etwas drüber…

Zur Campside radeln, es gibt’s frischen Fisch auf den Tisch, ich meine, auf die Bank und zum Dessert knutsche ich mit Shengoma. Ich hab den kleinen Knirps gar nicht wiedererkannt. Er ist so schlaksig geworden. Wo ist sein wacher und schelmisch glitzernder Blick geblieben? Ich muss erfahren, dass sein Vater vor drei Wochen gestorben ist. Etwas Freude leuchtet auf, als er mit meinen Fotoapparat unzählige Bilder schiessen darf. Danke, der Kleine hats echt drauf und blüht richtig auf!

Auf dem Nachhauseweg – ein klitzekleinwenig angesäuselt von Erics starkem Rubisi (Bana-nenschnaps) – treffen wir auf eine Horde Polizisten und Juristen. „Hinsetzen“. Hakuna Matata: nur zu einem Bier, wir müssen auf unsere Anwesenheit anstossen. Die Details, warum diese alles Toms Freunde sind, will ich lieber nicht wissen.

Die Strecke zur nächtlichen Lodge mit dem Solala-Fahrrad durch die Menschen-gefüllten, Strassenlicht-fehlenden Strassen finde ich ganz lustig. Mein Mund weniger, der hat etwas Mühe, mir mit meiner Mobile-Taschenlampe darin einigermassen den richtigen Weg zu weisen – denn immer noch bin doch nachtblind!

Und am vorletzten Tag sitze ich fest! Schon wieder und wieder freiwillig. Ich lasse mir endlich die Haare flechten! Allerdings muss ich erfahren, dass die schmalsten, gedrehten Strähnchen die ich haben will, nur von Masai (vorwiegend Männer) gedreht werden. Aber vielleicht werden mir diese Zöpfchen auch gefallen. Zudem ist es regnerisch heute und ich habe nichts anderes auf dem Plan. Patricia und ihre Kollegin sind zeitgleich mit meinem Haupt beschäftigt. Das Kommen-und-verschönert-Gehen im Saloon ist wunderbar kurzweilig. Die weibliche Klientel ist illuster, wie auch das Prozedere: Haare strecken, kräuseln, waschen, einlegen, aufstocken, einflechten und schoren, und mit naturfarbenen und weissen, roten, gelben und violetten Strähnchen und Haarteilen versetzen. Ich selber hab nach zehn Stunden eine Last von fünf Packungen Kunsthaar „Schokobraun“ zu tragen . Pausenlos nehme ich rundum alle Komplimente dankend entgegen. Ich weiss zwar jetzt schon, dass ich in Mwanza die hüftlan-gen Haare umgehend wieder entfernen werde. Diese Strähnen sind zu dick und schwer; nicht wirklich geschäftstauglich nach europäischen Normen gemessen.

Der letzte Morgen in Bukoba beginnt ziemlich still; es ist letzter Ramadam-Tag und das an einem heiligen Freitag! Viele Geschäfte sind geschlossen, die Strassen festlich gefüllt durch die traditionell muslimischen gekleideten Frauen und Männer. Einmal mehr ein friedlicher Gedanke an die religiöse Vielfalt in Tanzania. Ich habe mir damit manchmal ein Spiel erlaubt. Wenn ich nach meiner Religion gefragt werde, antworte ich ganz unterschiedlich. Einmal bin ich Christin, einmal Muslimin, mal Katholikin, mal Hindu, mal glaube ich an Naturgötter, mal an gar Nichts… Und tatsächlich, es hat sich bestätigt: Keine Nachfragen „warum, wieso, wäre es nicht besser, warum nicht…“; keine; bis auf bei „Keiner“. Es ist wirklich einerlei, welcher Religion ich angehörige, Hauptsache ich habe eine!

Heute frühstücke ich wehmütig meine letzten Badjas im Maendeleo. Überraschung, endlich findet und erreicht Methodia Sharons Mama! Ich werde zu ihrem neuen Arbeitsort gebracht. Und noch einmal Freudesgekreische und die mir unbekannten Marktfrauen umarmen mit! Ich schenke Sharons Mutter gleich einer meiner Lieblingstops – freut die sich, toll.

Dann wieder auf zur Campside – Beachparty ist angesagt! Tom hilft seit gestern beim Aufbau der Zelte, Kinderanlagen und Werbebanner. Er geniesst dabei seine Boys. Nebenbei besorgt er die Zutaten für unsere Cocktailbar – eine von Toms zukunftträchtigen Einkommensideen. Viele Freunde besuchen uns. Und auch Sharon wird mir gebracht, jetzt mache ich die Freuentänze. Mama hat sie ganz hübsch hergerichtet: Keck schaut sie aus, in ihrem rosa Kleidchen und mit den drei Kajal-Punkten auf der Stirnmitte. Ich könnte den intelligenten Fratz nonstop abküssen. Auch Shengoma natürlich; er trägt eine massgeschneidere Weste in afrikanischem Kitenge und schwarze Lackschuhe – das wird mal ein smarter Mann. Wir alle amüsieren uns herrlich bei den erfindungsreichen Tanzwettbewerben für Jung und Alt, gesangliches Talent ist von der Animatorin gefragt, die aufgeblasenen Luftschlösser von den Kindern. Einige Unruhestifter entdecke ich mal am Rand der Campside. Da erlebe ich die Security-Masai auch kurz in Action: hopla, wo kommt denn die Peitsche plötzlich her… zischt die durch die Luft! Sonst ist und bleibt der Nachmittag friedlich, fröhlich ausgelassen. Ich gackere vorallem bei der arrangierten Hühnerjagd der Männer (auf echte Hühner, nicht auf uns Weiber). Auch die „bösen“ Kommentare, welche Tom seit einigen Tagen hören muss, bringen uns immer wieder zum lachen: Ich brachte ihm aus Zanzibar ein T-Shirt mit – darauf steht nur ein einfaches Wort: Mzungu! Weniger lustig finde ich gerade die ersten Abschiede; Methodia heult ziemlich laut los, ich tue es bei Sharons Byebye etwas zurückhaltender. Das Gefühl aber stimmt, war auch für mich schön, nochmals Goodbye sagen zu können. Was unsere Drinks anbelangt: Tanzanier sind und bleiben wohl Bier- oder Spiritustrinker. Jede unserer Kostproben wird gerühmt – aber dann wird doch Safari&Co. bevorzugt. Dann halt. Tom und mir haben die in Whiskey eingelegten, gezuckerten Ananasstücke dafür umso besser geschmeckt und für den direkten Nachhauseweg mit der Fähre hat es unseren Schlaf wunderbar vertieft. Kwaheri Bukoba, adieu Kiroyera.

Für die letzten zehn Tage Kiseke richten wir unser neues Daheim heimelig ein. Das Haus ist gut möbliert: ein grosszüger Secher-Esstisch, zwei flauschige Sofas, grössere Reserve-Wassertanks und ein breites Kajüten-Hochbett! Im alten Zuhause hinterliess ich Josephine eine abschliessende Abrechnug, wobei ich auch die acht kleinen Zwiebeln aus ihrem Garten nicht unterschlagen habe – ich bleibe bestimmt Niemandem was schuldig. Der Saldo würde sogar zu meinen Gunsten ausfallen und ich kann mir ein lautes schadenfreudiges Lachen nicht ver-kneiffen! Per sms informierte ich sie vor der Bukobaüberfahrt über den Auszug – keine Antwort bis heute – wen wunderts.

Jetzt, die letzten Tage Tanzania, habe ich noch unzählige kleine, teils persönliche, Sachen hier und da und dort und überall zu erledigen. Als letzte „Touren“ gibt’s eine Reihe Telefonitis-Tschüss-Sagen und einige persönliche Kwaheri-Besuche – auf Wiedersehen.

Dann endlich – wie wunderschön – werden wir am Mittwoch meine liebste Freundin Esthi empfangen – eine weitere Mzungu im Haus! Sie besucht mich, bevor sie in Moshi teachen geht. Zufällig sind es meine letzten drei Tage Mwanza. Tom und ich fahren darauf zu seinen Verwandten nach Kenya. Aber vorher sollte ich nebenbei auch mein Geschäftliches zu Ende führen. Das wird nie fertig! Soeben habe ich noch ein Logo für unsere endlich – auch wun-derschön – juristisch abgesegnete und vom Staat eingetragene „MTA Mwanza Tourist Association“ gemacht. Am Donnerstag ist „meine“ letzte Monatssitzung mit den MTA-Mitgliedern. Einige Touristen werde ich noch durch Mwanza führen und meine Kontaktad-ressen und „hängenden“ Projekte Mary übergeben. Von der Schweiz aus werde ich alles weiterverfolgen und weiterkreiieren und ja, vielleicht bald wieder vor Ort supervisen. Ich kann nur hoffen, dass mein Erreichtes und Vorgespurtes und -eingefädeltes nach meinem Weggang nicht vollständig versandet.

Mit Father George feiern wir Abschied, nein, ein zukünftiges Wiedersehen! Er zeigt uns in seinem Nyegezi/Malimbe ein paar geheime Strandtipps – der Vorhang geht auf. Die Inder: märchenhafte Anlagen eröffnen sich hinter versteckten Mauern. 1001 Nacht bei Tag. Perfekt idyllisch. Familienclans picknicken, Kinder spielen Federball, Männer besprechen Verträge und Frauen vergleichen ihre Hennas. Zu viert geniessen wir die Spaziergänge auf den englischen Rasen vorbei an wuchtigen Palmen, über hübsche Brücken. Zu viert: Father Aurelio aus dem „konservativen“ Sudan ist mit von der Partie. Er wurde ungefragt für drei Jahre an die hiesige Uni geschickt. Seit zwei Wochen in Mwanza, versucht er sich dem ziemlich „gegensätzlich“ offenen, lebensfreudigen ostafrikanischem Leben anzupassen. Er hat schon etwas Mühe damit. Pasteur Aurelio ist gleich alt wie ich. Sein goldener Ehering entdecke ich; natürlich hat so einer wie er eine Frau an seiner Seite. Aber nein, der Ring steht für „Meine eigene Vermählung mit Gott, ich bin katholischer Pfarrer. Doch…obwohl, Andrea, manchmal ist es schon nicht ganz einfach…“. Kein Wunder, Aurelio ist auch ein Charmbolzen von einem wunderschönen Mann! Aber eben, Tom ist da, Aurelio „verheiratet“ und ich ein braves Mädchen…

Wir lachen viel zusammen. Vorallem, wie Father George nach einem Bierchen zuviel in dunkler Nacht über diesen oder jenen Stein stolpert. Ernsthaft empört will er nicht glauben „Wie kann jemand diesen einfach hier so liegen lassen!“. Auch startet er einen äusserst ge-wichtigen Test. Bei entgegenkommenden Menschen grüsst er mit „Schöner Nachmittag!“, statt mit Guten Abend. Wenn die Antwort gleich lautet, dann weisst du, dass es ein Einhei-mischer ist. Wenn das Echo ausfällt oder korrigiert wird mit „Guten Abend“, dann hüte dich, dann ist es ein Fremder, sprich, in Father George Worten: „Ein Feind“. Ich muss dann mal hinters Gebüsch, sonst mache ich mir vor Lachen in die Hose, so wie Georgy freudig und giftig Feinde sammelt!

An der Hauptstrasse ist kein Daladala in Sicht. Wird mich wundern, wenn wir um diese Nachtzeit noch einen finden. Ich male mir schon die Szenarien einer ungewollten Übernach-tung wo-auch-immer-aus. Wir warten, wir warten, wir warten, ich schmunzle. Father Georges Stossgebet wird erhöhrt. Da kommen Lichter auf uns zu: So klettern wir auf einen Rie-senschaufelstrassenbagger und tuckern eine Dreiviertelstunde lang in hoher Freiluft Richtung Stadt. Und sicher hat Aurelios Worte weitergeholfen: Schön, wie in Stadtmitte ein Typ gezielt von Weit her und herwinkt. Bleichgesicht-Leuchtfarbe in der Nacht; ich liebe meine Busjungs!

Noch welche News? Ja… Pura: Sie krampft wie immer, lacht wie immer, sieht aus wie immer. Vor zwei Wochen hat sie Mary eröffnet, dass sie Endsmonat ein Baby zur Welt bringen wird!!

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Safari zum Dritten? Aber natürlich! Mary wunderte sich anfänglich, dass ich nicht auf Reisen gehe. Doch ich konnte und wollte so viel vor Ort erledigen, ich hatte einfach nicht das Be-dürfnis danach. Und ich beabsichtigte, zuerst swahili sprechen zu können. Dies hat allerdings nicht geklappt, ich catch die Basic nicht. Meine Zeit will ich zudem nicht mit Sprachlektionen versitzen, die nutze ich lieber aktiv für die Projekte. Und nun mit Tom hat sich das sowieso erledigt. Er redet und organisiert für mich. Und das Reisen holen wir jetzt ausgiebig nach. Natürlich immer mit dem offenen Auge für Connections. Und eben, Safari zum Dritten, wenn es klappt, gönne ich mir ab Übermorgen drei Tage Zanzibar!

Meeting in Mwanza-City. In unserem eigenen Touristen-Ofisi, endlich. Ich finde den Standort schon super. Ich überlege jeweils nicht lange und benutze den Vorplatz auch als Parkplatz, wenn ich nachher ganztags woanders in Town unterwegs bin. Ich und Marys Auto, wir beide haben inzwischen unseren Bekanntheitsgrad. Die letzten Tage wurde im Touristen-Gebäude das Interieur fertig verputzt und gestrichen. Ich sponsere das erste Gästebuch; vorne hab ich unser Logo hineingeklebt. Alle freuen sich aufs Eintragen – sozusagen ein historischer Moment! Unser anfängliches ITO, heisst inzwischen MTIC. Dieser Weg: ITO information tourist office, aber weltweit fangen diese mit dem Tourist an: also TIO tourist info office; aber es soll ja kein Office, sondern ein Center sein: also TIC; aber tic heisst schon die staatliche tanzanian investment company: also MTIC mwanza tourist info center. Auch meine Logos haben mich immer wieder herausgefordert. Die kleine stetige Gruppe mit Mary, Eva, Rahim, Father George, James, Delphine, und auch andere, finden meine Vorschläge unantastbar. Das einfach gelbe M steht für die Hügel Mwanzas mit einem kleinen Sonnentouch; das T ist ein typischer Serengetibaum, das I kreiere ich aus einer Steinformation und das C wiederspiegelt den Lake Victoria: und getroffen finde ich, dass das alles in den Farben der Tanzanischen Nationalflagge wiedergegeben werden kann!

Wir haben wieder mal im Majani geschlafen. Mich faltet am Morgen wieder deftiges ziehen Unterleibziehen zusammen. Gopfgopfgopf. Gleich ums Eck ist ein Minilabor. Ich gebe mein Wässerchen ab. „NIL“, alles super! Das passiert mir nun schon zum zweitenmal, dass das negative Resultat ein Positives ist. Ich muss annehmen, dass diese Schmerzen nichts (mehr) mit der Blasenentzündung zu tun haben, sondern unfallbedingt was zwackt. Was, finde ich lange nicht heraus. Nerven tuts mich ganz schön, weils auch ganz schön weh tut! Gekonnt ig-norieren – auch das will gelernt sein. Erleichert stelle ich mit der Zeit fest, dass sich die Krampfmomente auf nur noch zweimal in Monat einpendelt. Frauenzyklus! Sowas kannte ich bisher nicht. Der Unfall hat da wohl was ausgelöst.

Ja, ich darf ein weiteres Mal packen, diesmal gönne ich mir das Meer! Den vorgehenden Zwischentag will ich mit Schreibarbeiten erledigen. Tom geht in die Stadt, er hat da irgendwas flicken lassen. Er sei in zwei Stunden zurück – ich gebe ihm fünf. Tippentippentippen, die Zeit vergeht schnell. Ich gehe in die Küche Wasser holen, ich habe Durst. Da riecht es aber ziemlich streng nach Gas. Der Hahn scheint dicht; aber ich schraube den Herd sicherheitshalber von der Flasche ab, mache diese zu und auch die Türe wieder hinter mir. Tippentippentippen. Ein Kaffee wär nicht schlecht. Da mach ich die Küchentüre auf und wwwooomms, das Au-genwasser schiesst, es dringelt!! So halb am Runtersacken kriege ich die Hintertüre auf. Luft!! Nicht der Kocher und die Leitung haben ein Leck, sondern die Gasflaschenöffnung selber! Es dauert ein ganzes unangenehmes Weilchen, bis ich wieder spürbaren Boden unter den Füssen habe.

Die hüfthohe, schwere Gasflasche hieve ich nach draussen. Also, Tom anrufen, damit wir das Problem noch vor Dunkelheit lösen können. „Jajaja, mir geht’s gut. Jaja, ich bin mit XY unterwegs, dem wiedererkannten Strassenkid von früher. Jaja, ich komme bald nach Hau-se…“ He, der hört mir überhaupt nicht zu! Der hat schon wieder was Zuviel intus. Hallo, brauche deine Hilfe. No Chance!

Auf meine sms bekomme ich viel später beim Eindunkeln Antwort, er sei jetzt im Daladala, super. Ja super, war er wohl, doch nur bis zum Majani. Um zehn Uhr nimmt Manyama ab. Er lässt Tom nach Hause verfrachte, danke.

Tom torkelt leise und konzentriert in die Küche und stellt sich denkend. Dabei denkt er, wenn er nicht redet, würde ich seinen Zustand nicht bemerken – diese ach so unschuldigen Trunkenbolde. Mir reicht es. „Und wenn du mir jetzt nicht sagst, weshalb du meinst, du müsstest trinken, dann sind deine Sachen gepackt.“ Oo ooh, falscher Moment? Ein irrer, wirrer, unfassbarer Blick. Gedankenstoss, jetzt bin ich aber gleich so was von tot…! Ich be-wege mich nicht mehr, atme kaum. „Willst du es wirklich wissen? … – … Also gut … – …. Ich möchte töten… Ich muss töten. Ich will einfach nur töten…. Dann wäre das beklemmende Gefühl weg. Aber ich kann nicht dich töten, dich habe ich gerne…. Und ich kann keine Un-schuldigen töten und die Kinder muss ich beschützen…“ Was redet der da? Ich schaffe es, dass wir uns auf den Boden setzen. „Ich muss Rache nehmen. Diese zwei… nur weil sie… ich muss sie töten. Who I am? Ich will töten, ich muss Rache nehmen. Soll ich dir verraten, wo ich die Waffe versteckt habe? Ich habe sie vergraben. Rache. Ich darf nicht zurück nach Kenya, ich werde rächen.“ Erste Tränen strömen. – „Und dann telefonierst du mit deiner Familie… ich, ich habe keine Mutter, ich kann nicht mit ihr reden. Wer bin ich? Ich weiss nicht wer ich bin, ich kann sie nicht fragen. Nein, ich weine nicht mehr, das habe ich genug getan. Ich muss Rache nehmen, ich werde rächen, ich muss….“. Deftige Kost. Es durchschütteln ihn lange Weinkrämpfe. Ich halte ihn wortlos fest. So langsam reime ich mir seine Geschichte kom-pletter zusammen. Es muss ein Raubmord gewesen sein, als er vier Jahre alt war. Seine Mutter muss entweder umgebracht oder verschleppt worden sein oder sie konnte fliehen. Seine Zwillingsschwester ist dabei gestorben. Seither wuchs er bei seinem Onkel auf. Seine Hin-terkopfenarben kommen wohl auch nicht von der Himmelsfahrt. Die Anstifter könnten reiche Nachbarn gewesen sein, die sich das Landstück mit Gewalt nahmen. Sein Vater – keine Ahnung. Seine Waffe? Die könnte er vom Militär haben. Dass er mal Soldat war, erzählte er. Aber mit den Jahreszahlen und Altersangaben bei seinen Geschichten bin ich mir nicht sicher, ob er als Kind Dienst „absolvierte“. Vielleicht liege ich mit meiner Geschichte auch völlig daneben. Aber jetzt machen auch das ständige Türenkontrollieren und das Riesenmesser unter dem Bett einen Sinn.

Was ich momentan als einziges tun kann, sind meine (bisher handvolle) Familiycalls in seiner Gegenwart zu meiden. „Das tut dir weh – warum sagst du mir das nicht? Das ist doch das geringste Problem. Aber reden musst du! Trotzdem Tom, ein Grund zum Trinken ist das alles nicht. Mach deinen Feinden nicht die Freude, indem du dich selber kaputt machst. Und wer weiss, vielleicht sind sie inzwischen anderst gerichtet worden, das liegt nicht in deiner Verantwortung. Und auch nicht in deiner Macht; da hast du so oder so, egal was passiert ist, kein Recht dazu.“ Es dauert lange, bis sich das Häufchen Tom vollständig beruhigt. Auch ich muss mich nach diesen News sammeln. Ich schlafe nicht viel. Meine alleinige Reise kommt gerade gelegen, so kann ich selber hoffentlich etwas Abschalten und meinen Kopf lüften.

06.09.2010 Private Safari

Zanzibar! Quasi einfach so, für drei Tage. So günstig komme ich nicht mehr auf die ge-schichtsreiche Gewürzinsel mit den türkisen Traumstränden. Glückskindmässig gibt’s gerade noch ein Sonderangebot; der Aufpreis für den separaten Zwanzigminutenflug von Dar-es-Salam nach Zanzibar ist ein voller Tausender, in Schilingi, also 70 Rappen!! Am Mwanza-Airport ist man ganz erstaunt, dass ich nur ein Handgepäck habe. „Nicht mal Fisch?“, womit beziehungsweise ohne-mit ich wirklich die einzige Passagierin bin.

Ich sitze in einem lauschen Sofasessel in der Wartehalle. Wartezeiten nutze ich, um meine sms-Folder zu misten. Da krieg ich eine Message von John-Unbekannt. Er habe durchs Internet von meinen Projekten erfahren und er möchte mit mir seine touristischen Ideen ausstauschen. Erwähnen tut er noch, dass seine Eltern durch einen Blitzschlag im Haus mitverbrannt worden sind und er als Waise die Chance hatte, gute Schulen zu besuchen. Die Zusatzinfos interessieren mich nicht, eher, wo denn meine Daten „öffentlich“ ersichtlich sind. Das kann er mir dann persönlich erklären. Ach so, er lebt in Tabora. Das ist nicht gerade ums Eck. Ich schreibe ihm, dass ich jetzt auf diversen Safaris in ganz Tanzania unterwegs bin und wenn er mal in Mwanza ist, darf er sich gerne melden. Später erhalte ich die Mitteilung, dass er nun einen Mailaccount eröffnet hat. Er steht nicht auf meiner Priority-List. Falls ich irgendwann mal spazig Zeit habe (was nicht der Fall sein wird), melde ich mich. Ich bekomme noch mehrere sms, wann ich dann schreibe oder anrufe. Ich finde es schon spannend, wie wildfremde Menschen auf einen zugehen. Nur leider kann ich all denen nicht wie von ihnen gewünscht gerecht werden. Genau wie der Kontakt des Sullivan-Hotel. Jan, damals gerade neuer Praktikant aus Holland bei SNV, suchte eine gute Bleibe. Ich hörte mich um. Das Haus von Hendrys Onkel war leider zu weit ausserhalb und knapp über dem Budget. Eva war neu ins Sullivan-Hotel eingezogen. Sie zeigt mir die Anlage, bevor sie für drei Monate nach Schweden abfliegt. Kurz darauf ruft mich der Manager Frank an, um einen monatlichen Zimmermietpreis für Jan auszuhandeln. Nach meinem Rückfragen antworte ich, dass Jan was anderes gefunden hat. Frank will mich trotzdem unbedingt treffen „Da gibt es noch ganz viel zu diskutieren“. Ich wüsste nicht was und stelle auch ihn hintenan, seine wöchentlichen Anrufe fangen an zu nerven. Kurz vor Evas Rückkehr hören diese auf. Und ich erfahre später warum. Evas Zimmer wurde ausgeraubt, alles weg! Laptop, Kamera, Kleider und Bargeld, alles. Mit Frank führt sie Krieg, der lässt sie merken, dass er es war, sie aber nichts dagegen tun kann. Sch…

Nun während meinem Flug sitzt Stephen neben mir, wieder eine perfekte Begegnung: Er ist der Laborchef der Fischexportfirmen in Mwanza. So zu fliegen und nebenbei zu arbeiten ist toll. Auf Bilharzia angesprochen, meint er, „Das kommt an der tanzanischen Seezone nur noch selten vor. Dort wo das Wasser stockt, könnte es haben. Der Rest ist „sicher“. Es wurde auch mit Chemikalien nachgeholfen.“ Und du selber Stephen, so neben der Arbeit, was isst du lieber, Fleisch oder Fisch? Juhee, wie aus der Pistole geschossen „Fisch“, das ist doch die richtige Antwort!

Bei der Zwischenlandung in Dar-es-Salaam klingt mein Name durch die Halle: Tom strahlt mich an, ein ganz netter Mensch. Also, nicht „mein“ Tom, doch, der ist natürlich auch nett, aber nicht er ist es, der mich gerade ruft. Tom arbeitete bei SNV in Mwanza und konnte vor einem Monat einen Tag auf den anderen in Arusha die Geschäftsstelle übernehmen. Dort leben auch seine Frau und Kinder. Jetzt ist nach drei Jahren zurück und es gefällt ihm ausserordentlich (ernährt sich ganz offensichtlich auch besser). In Mwanza hatte er alles liegengelassen und Mary vermietet nun in seinem Namen das komplett eingerichtete Haus in Kiseke PPF. In Dar-es-Salaam hat es ja „viele“ Wazungus, doch Tom hat mich sofort erkannt – schön, auch hier scheint die Welt manchmal klein.
Im siebzig-Rappen-zwanzig-Minuten-Flug mit fünf Passagieren in einem ganz normal grossen Airbus zur Mittagssonne bewundere ich viele kleine Trauminseln auf Zanzibar. Kurz dazu: Zanzibar ist ein halbautonomischer Staat des Unionsstaates Tanzania und bedeutet persisch „Küste der Schwarzen“. Im Jahre 1961, unter starkem politischen Druck von außen, schloss sich Sansibar zusammen mit dem unabhängigen Tanganjika zum heutigen Staat Tanzania. Davor war Sansibar nach einer blutigen Revolution der schwarzen Mehrheitsbevölkerung gegen die arabisch-stämmige Oberschicht (die Inseln waren von 1698 bis zum 6. April 1861 Teil des Sultanats Oman) unabhängig und tendierte sehr bald zum sozialistischen Lager. Das Gebiet umfasst die beiden Nachbarninseln Unguja (früher ebenfalls Sansibar genannt) und Pemba, jeweils mit Nebeninseln, sowie der abgelegenen kleinen Latham-Insel. Im Jahr 2007 betrug die Gesamtbevölkerung 1.155.065.
Am Flughafen holt mich Chris von world-unite.de ab. Wir haben mehrmals ein paar Momente Zeit, uns über seine und meine Arbeiten zu unterhalten. Hut ab Chris, was du alles so jung auf die Beine gestellt hast und weiter am Erschaffen bist! Und ist das schön zu erfahren, dass ich einen Nachfolger haben werde: Rouven, ein deutscher Volontär hat für Mzwanza zugesagt – nachdem er meinen Blog gelesen und ich ihm noch ein paar Zusatzinfos gegeben habe! Wäh-rend Chris im Office Zenith Tours arbeitet, erkundige ich Stone Town. Enge Gassen, riesige goldbestückte Zanzinbartüren, feinste Strände, romantische Bootsbilder, alle Frauen verschleiert, die meisten Männer traditionel gekleidet. Es ist immer noch Ramadan, die Stadt ist eher ruhig, das Marktleben fängt erst spätnachmittags an. Riechen die frischen Chapatis herrlich, sehen die Dattelberge zum Reinbeissen aus. Unapettitlich hingegen finde ich die vielen Wazungu – überall wimmelt es von Touristen. Nichts dagegen, Tourismusförderung ist auch gerade mein Job. Aber bitte nicht so: halbnackt laufen die Ausländer rum! Ich finde, etwas anpassenden Anstand wäre angebracht. Ich selber trage mein knöchellanges blaues Schlauchkleid, darüber ein weisses, langärmliches Stoffjäckchen, über den Popo reichend. Unerwartet machen mir die Frauen Komplimente und einige ältere Herren im traditionellen muslimischen Gewand grüssen mich respektsvoll. Ich komme mit der lokalen Bevölkerung leicht in Kontakt. Auch lasse ich mir meine Fussfesseln Henna-verschönern, um mit den Frauen plaudern zu können. Mein blumiges Tattoo beginnt an der Fussmitte aussen und schlängelt sich über den Knöchel hinauf bis mitte Wade – hübsch. Etwa fünfzehn Minuten heisst es stillhalten. Ich verbringe zwei Stunden fröhliche und friedliche Stunden in der Frauenrunde. Wir sitzen auf der Wiese im alten Ford und diskutieren viel sehr Persönliches und auch sehr Intimes. Mein Geschlängel erinnert mich nun drei Wochen lang an diese einmalige schöne Begegnung.

Ich besuche diese Tage noch die Prison-Island, wo ich mit einigen der hundert Riesenschild-kröten schmuse: Beim Halskraulen recken die sich als wären sie Schmusekatzen. Der älteste Schildknabe hat 185 Jahre auf dem Buckel und – da ist wohl mancher Mann eifersüchtig – er ist sexuell immer noch aktiv! Ich mache danach (nach dem Besuch, hab sicher nicht die Ak-tivität getestet) alleine einen ausgiebigen Spaziergang am Strand und heimse heimlich ein paar Muscheln ein. Mein Kapitän muss dann noch etwas länger warten, ein ausgiebiges Meeresbad lockt.

Auch mache ich einen Ausflug zu einer Gewürzfarm und werde mit Wurzeln und Samen und Keimlingen eingedeckt. All die super interessanten Infos über die Pflanzungs-, Zuberei-tungsarten und Wirkungen – wenn ich mir nur schon einen kleinen Teil merken könnte. Dann folgt etwas Shopping in Stone Town. In Mwanza gibt es (noch) keine wirklichen Mitbringsel zu kaufen – hab wohl darum bis heute nicht daran gedacht. Aber hier, ein Shop am anderen. Allerdings bin ich enttäuscht, weil das Meiste aus Kenya stammt und vielfach gar nicht zanzibar-typisch ist – bis natürlich auf die riesigen goldgeschmückten und kunstvoll ge-schnitzten schweren Holztruhen, das wäre schon was. Beim Bummeln im alten Ford, am Strand und in den Läden rede ich mit vielen Leuten. Bei Rambis, dem Künstler gleich eingangs links Ford, verbringe ich eine angenehme Plauderstunde. Allgemein freuen sich die Menschen, mal mit einem „Touri“ länger und auch Privates zu bereden. Meine Souvenirs und Früchte erstehe ich entsprechend zu Lokalpreisen, schliesslich bin ich eben keine Touristin und nehme mir auch genügend Zeit mit den Menschen. Ich besuche das House-of-Wonders und geniesse stille Momente am Beach.

Was das Kulinarische anbelangt, da wähle ich drei mal Meeresfrüchte. Es schmeckt ganz gut. Doch ich las, auf der Spice-Island erfahre man neue Sinnesgenüsse. Vielleicht bin ich zu sehr verwöhnt, ein geschmackliches Highlight ist nicht annähernd darunter. Interessant ist die Begegnung mit Salim und Mahida, einem jungen Paar aus Palästina, welches sich nach einem Zanzibarurlaub, entschlossen hat hier zu bleiben. Zusammen mit dem Bruder Khaled und seiner Frau Aisha haben sie 2005 das Viersternehotel Casa-del-mar-Zanzibar in Jambiani eröffnet und sind an weiteren Projekten dran. Im Hotel arbeitet ausschliesslich die örtliche Bevölkerung mit. Jambiani befindet sich eine gute Autostunde von Stone-Town aus, an den südöstlichen Strand der Insel. Ja, die Anlage gefällt mir, doch bin ich nicht so romantisch ein-gestellt, als dass ich eine Woche hier bleiben möchte.
Schön ist auch die Bekanntschaft mit Carolien und Jaume. Die Holländerin ging mal für zwei Wochen nach Barcelona in einen Sprachkurs. Daraus sind mittlerweile zweiundzwanzig Jahre geworden – natürlich nicht der Schulbesuch. Carolien und Jaumes NGO heisst Kirabo, hauptsächlich in Camerun tätig. Sie arbeiten und reisen im Sommermonat volontär umher und sind dabei auf der Suche nach weiteren Herausforderungen. Sie haben soeben für world-unite in einer Schule unterrichtet. Bei ihrer Abreise schenken sie mir zwei Scheren, die sie vergessen haben, in der Schule zu lassen. Und schon folgt morgen Morgen meine eigene Rückreise. Doch heute zeigt Chris mir noch einen tollen prospektträchtigen Strand. Da will ich mich gerne ausgiebig ausschwimmen. Gerade Richtung Wasser laufend, höre ich mein Telefon. Presicionair „Habari Andrea. Dein Flug morgen nach Mwanza wurde gecancelled. Wir haben dich auf die frühere Maschine um zehn gebucht“. Asante für den Call, ist ja schön und gut, nur fliege ich um zehn erstmal von Zanzibar nach Dar. Also zwei Möglichkeiten, heute schon in Dar Zwischenstation machen oder erst am Dienstag zurückfliegen. Variante eins, ich habe am Dienstag Sitzung. So bleibt nichts anderes übrig, Chris muss mich gleich zum Flughafen chauffieren.

Beim persönlichen Laufband-Check-In werde ich ganz höflich beiseite genommen. Sch… ja, mein Fehler, hab doch nicht an die beiden Schnippschnapps im Handgepäck gedacht! Mzungu wird abgeführt, zurück zum Ticketpult. Dort kriegt die Eincheckdame zuerst einen Rüffel, weil sie mich nicht nach „solchen Sachen“ gefragt hat. Die Herren sind ganz nett. Sie klären mich sanft auf, warum ich Scheren & Co. nicht mitnehmen kann – es gäbe nämlich ganz viele böse Menschen auf der Welt. Ich weiss – das mit den gefährlichen Menschen und Gegenständen. Es ist absolut mein Fehler, pole sana. Dann verzichte ich auf die Scheren und lasse sie hier, hamna shida, kein Problem. Neinnein, so nicht Fräulein Mzungu! Ich muss ganz schön lachen: die Scheren werden nun in zwei Couverts ineinander gepackt. Dann werden fett mein Name und meine Telefonnummer draufgeschrieben und et-voilà, als Gepäck aufgegeben! Wir stehen noch etwas fröhlich unterhaltend da. Die anstehenden Touristen taxieren mich von oben bis unten, was hat die wohl gemacht, dass sie so ungezwungen mit der Flughafenpolizei hinter dem Tresen steht.

In Dar-es-Salaam werde ich von Presicionair im Bluepearl untergebracht. Eine Stunde Rush-Hour, Harakiri-Fahrmanöver vom Feinsten, besser Kriminellsten. Dann der „Kulturschock“: Meine Luxussuite liegt zu oberst, hoch über der grauen, stickigen City im 13. Stock! Sie hat eine stylische schwarz-chrome Küche, ein loungiges dunkelbraunes zwei-Sofa-Wohnzimmer mit granny-smith-grünen Kissen, ein brillendes grosses Bad mit funkelnder Badewanne, ein XXLarge Bett, flauschige bordeaurote Duvets, Flat-TV und durchgehende Fensterfront über die ganze Stadt! Inklusive sind ein Diner nach Wahl, Frühstücksbuffet sowie die beiden stündigen Transfers in hauseigener Limousine. Ich grinse ganz schön in mich hinein und laut heraus. Perfekter Service der Airline und à la grande Dame, füge ich mich der Kulisse und hab schon wieder wie selbstverständlich meine interessanten Gesprächspartner.

Und von Dar-es-Salaam sehe ich am Morgen einiges, weil der Chauffeur extra Umwege ein-fliessen lässt. Am Flughafen leiste ich mir noch ein paar Bücher und mache es mir im kleinen Terminalrestaurant bequem. An der Theke frage ich nach einem Maji kubwa moto Wasser-gross-warm. Der Kellner läuft zum Kühlautomaten. Moto, nicht baridi. Ich glaub, ich spinn. Der legt die Petflasche in die Mikrowelle! Ich hab wieder mal einen Lachanfall in aller Öf-fentlichkeit zu aller Belustigung.

Doch, Zanzibar war wirklich ganz schön… ja, es kommt ein aber… unerwartet bekam ich nach dem ersten Tag Heimweh. Mein erstes Heimwehgefühl seit ich in Tanzania gelandet bin. Mit „Heim“, da meine ich Mwanza!

Und schon steht es da: auf dem Flughafendach „Mwanza, the City of Rocks“. Wie hab ich dich vermisst! Unerwartet wartet Tom, den hab ich auch ein bisschen vermisst. Wie gehts ihm wohl? Ein neues Shirt (jetzt hat er vier), ein neuer Chapper und Sonnenbrille. Stimmt, wir haben am Sabasaba Ground Gewerbeausstellung “Trade Fair“. Chérie-Babu arbeite dort in einem Restaurant. Freut mich echt zu hören, dass er dem Pikipiki-Job wahrlich entsagt hat und wirklich aktiv was tut. Ich gehe gleich mit, Ausstellungsluft schnuppern. Mister Mmary von der Lederfabrik läuft mir willkommen über den Weg. Ist der schön happy, als einer der Hauptorganisatoren. Es sind 180 Aussteller, schon das Doppelte wie letztes Jahr! Man findet Gärtnerutensilien und Pflanzensamen, chinesischen Firlefanz für Kinder, traditionelle afrikanische Kunst und Gewerbe, „Gesundheits-„Stände mit Wunder-Cremchen, Wunder-Salben, Wunder-Tees&Co, undundund. Und sind die laut, die Getränkeanbieter, die sich gegenseitig in schlechter Tonqualität übertönen. Die arabische Wahrsagerin hat ihren Auftritt erst am Nachmittag, wie auch der bein- und armlose Knirps und der biegsame Mann-ohne-Knochen zum Bestaunen. Tom findet das Neuland aufregend, ich bin froh, dass ich den Schaustellern entgehen kann. Da lass ich mir willkommener einen knusprigen Lunch servieren.

Daheim. Tom hat doch diese Tage zweimal angerufen, er sei am Putzen. Warum sagt er das überhaupt, das ist ja sowieso sein Part. Er wäscht Kleider, nimmt die Böden auf; ich bin für den Abwasch zuständig. Ich koche Morgens zuerst Wasser ab, bereite den chiligewürzten Morgen-Chai und verräume die Kleider, während er seine Mails checkt. Später sitze ich vor dem PC und er zupft mir die Häärchen von den Beinen. Ich schneide ihm die Fussnägel, er wäscht mir die Haare. Es gibt vieles, was sich ohne Worte eingespielt hat, ich finds schön. Aber jetzt? Nichts ist gemacht, es steht alles und noch mehr herum. Diesmal koche ich, nicht das Wasser. Und das mit ganz grossen Blasen, als ich entdecke, dass er den Riesenstapel Fotos, den er hätte verteilen sollen, statt verteilt, durcheinandergemischt hat. Was ist mit dem Typen los? Neben dem schrecklichen „Geständnis“ vor meiner Abreise, spätestens seit ich das Ticket von Zanzibar in den Händen habe, benimmt er sich so komisch. Jetzt fetzen wir uns. Später entschuldige ich mich insoefern, dass er erstmals mit einer Frau zusammenwohnt und nicht wissen kann, dass diese gerne in eine aufgeräumte Wohnung zurückkommt. Er eröffnet mir, dass er momentan auch gar nicht wisse, ob er mich gern habe. Er sei am „Abwägen“ und „manchmal bist du halt auch keine Einfache“ – wem sagst du das! „Trotzdem, Tom. Da gibt’s nichts zum abzuwägen. Wenn du lieber mit deiner Exfreundin zusammen wärst, dann tut es mir leid, dass sie dir auf deine Mails nicht antwortet. Hast du eine Vergangenheitskrise und weißt nicht, was du in Zukunft machen wirst? Ich kann dir keine Entscheidungen abnehmen. Ich kann deine Gefühle zwar nachvollziehen, dass du dich als Mann nicht gerne von einer Frau „abhängig“ fühlst; aber du hilfst du mir ja bei meiner Arbeit als Gegenleistung. Und du meintest ein- zweimal, ohne mich seist du vorher auch durchs Leben gekommen. Das wird auch wieder so sein. Aber eines noch, wenn du immer noch an deiner Exfreundin hängst, dann solltest du mir dies fairenhalber sagen, deswegen gehen, müsstest du nicht. Und was das „Andere“ anbelangt, nehme dein Schicksal an, vergebe und vergesse, du bist bei Weitem nicht der einzige auf Gottes Erden, dem was Schreckliches passiert ist. Jeder von uns hat seine Wege zu gehen – ein Teil meiner Vergangenheit würdest du auch nicht erlebt haben wollen, ich erzähls nicht. Aber wenn du fortgehen möchtest, es steht dir frei. Wenn du „nur“ der Bequemhaftigkeit wegen bleiben willst, dann ist das auch ok. Einfach sagen sollst du es mir. Ich will keine I-love-yous hören, wenn sie nicht ehrlich gemeint sind.“
Ich meine, ich bin nun nicht wirklich besser. Unsere Partnerschaft ist sehr schön, wir funkti-onieren wirklich ausgezeichnet miteinander. Aber ich weiss seit Beginn, dass dies für mich ein befristetes Zusammensein ist – ich kam zuallerletzt eines Mannes wegen hierher nach Afrika. Auch „benutze“ ich ihn für meine Arbeit und für meine privaten Ziele und Wünsche; nur, ich habe ihm das so gesagt. Ehm, vielleicht zuwenig klar das mit der Beziehung-auf-Zeit.

Das MTIC kommt voran. Unsere kreativen Sitzungen inside machen Spass. Zuhause arbeite ich weiter an den Plänen interieur und exterieur. Mein Kopf sprudelt wieder Ideen. Nebenbei tippe ich am Tagebuch, sortiere weitere Fotos und mache Zusammenstellungen etlicher Gedanken, Arbeiten und Kontakte, die ich Mary übergeben werde.

Die folgenden zwei Weekendtage erleben wir nur zwei Zwischenfälle. Ein Nerviger und ein Aufreibender. Einer ist, wie könnte es anders sein: Das liebe Badlavabo. Es ist nochmals er-wacht. Wenigstens diesmal so rücksichtsvoll, dass es uns nicht wieder aus dem tiefsten Tiefschlaf reisst. Wir kaufen in der Stadt einen neuen Schlauch, borgen rundherum Werk-zeuge und kriegen das Silverbaby unerwartet ohne viel Wasserverlust hin. Es hat mir ja fast was gefehlt…

Auf das zweite Ereignis hätte man auch gerne verzichtet, sehr liebend gern sogar. Sonntag ist Wäschetag: Der weisse Riese ruft. Bei unserem Corner Sabasaba herrscht jeden Sonntag Chaos. Es ist Wochenmarkt. Die Händler reihen die Kleiderware und Wolldecken und Moski-tonetze an ellenlangen Leinen auf – farbig kunterbunt in Richtung Kiseke hinein. An der Hauptstrasse entlang Richtung City flattern die weissen Leinentücher und Unterhemden und -wäsche für die Damen. Reklameträchtig. Ich liebe diese Bilder. Natürlich fehlen auf dem Boden ausgebreitet die plasternen und emailernen Haushaltartikel, die Masaimedizin, Secondhandschuhe, Schulranzen, Bettgestelle und Kitschkram nicht. Ein bisschen schade, dass nirgends, auch bei den temporären Strassenrestaurants kein Verweilcorner vorhanden ist. Ich würde gerne einfach wo sitzen und beobachten. Aber an den Wochenmarkt kommt man ausschliesslich um zu geschäften. So setzen wir uns meistens gegenüber der Hauptachse in ein Strassenkaffee.
Diesen Sonntag widme ich mich zuerst gemütlich dem Wäschechaos daheim. Tom geht vo-raus. Seine zitternde Stimme am Telefon „Ohh Andrea, könntest du bitte schon jetzt kom-men? Bitte!“. Eine halbe Stunde später bin ich beim Sabasaba unten. Der Tom ist aschfal im Gesicht und schwitzt! Malaria wäre ja das kleinere Übel. Seine stockende Erzählung: Er hat sich soeben genüsslich hingesetzt. Vis-à-vis am Strassenrand beobachtet er amüsiert eine Mutter mit Tochter. Die dünne Alte trotzt wie ein Kind, die junge Frau redet auf diese ein. Sie streiten scheinbar um den Inhalt in der dunklen Tüte; auch ein paar Geldscheine spielen eine Rolle. Sie geraten sich richtiggehend in die Wolle. Der Greisin reichts dann, sie läuft der Tochter wortlos davon! Sch…. Sie stampft einfach über die Strasse! Aaaaachtung…. Tom und die Tochter müssen zusehen, wie sie gleich von einem Landrover überfahren wird!! ….. Der Fahrer hatte keine Chance. Er wich der Alten noch halbwegs aus, hat sie aber trotzdem voll erwischt. Er selber landet im Strassengraben; genau vor Toms Füsse! Die alte Frau liegt blutüberströmt und deformiert daneben. Ich bekomme nur noch die Bremsspuren und die Blutlache zu sehen – reichen mir vollkommen. Tom gehts wirklich mies, verständlich. Der Unfallfahrer ist ein Einheimischer. Seit Jahren fährt er für die eine NGO. Heute musste er eilig einen Mzungu zum Flughafen bringen. Die Insassen sind wunderweise unverletzt geblieben, das Fahrzeug habe keine Scheiben mehr. Ich hoffe für den Mzungu, dass dieser nur einen beschützenden Schock hatte und die Verunfallte gar nicht realisierte. Denn er sei nur händeringend auf der Suche nach seinem Laptop gewesen. Die Alte wurde zügig ins Spital gefahren, das Gefährt zur Polizeistation geschleppt, der Fahrgast an den Flughafen transfe-riert. Tom hält meine Hand wie ein Rettungsanker „Oh Andrea, lass mich jetzt nicht alleine“. Er bekommt Alpträume. Drei Tage später, wir sind beim Fährenareal, zeigt mir Tom vor der Polizeistation den Unfallwagen. Viel Fahrzeug ist das nicht mehr. Oje, der Fahrer steht davor. Seit drei Tagen. Seit drei Tagen geht er nicht nach Hause, isst nicht, schläft nicht, macht sich Vorwürfe, wenn nur er anstelle der Alten im Spital liegen würde. Ich spreche ihm mein Bedauern aus und versuche sanft an seinen Verstand zu appellieren; seine junge Familie braucht ihn. Jeder bestätigt, wie er der Seniorin ausweichen wollte, er kann nichts dafür! An Schicksal glaubt er weniger, beziehungsweise, ich muss ihm sagen, dass es Gottes Wille war – warum auch immer es gerade ihn und diese Frau getroffen hat. Plötzlich fühle ich eine weitere stumme Hand in meiner – ein kleiner Fortschritt. Just erfahren wir von der Polizei, dass die alte Frau den Spitalaufenthalt wahrscheinlich nicht überleben wird. Wir sprechen ein kleines Gebet. Am nächsten Tag entdeckt Tom vor dem Haus eine neue unbekannte rote Blüte. Er stockt. Ich sage ihm, er soll ihren Abschiedsgruss annehmen und ihr einen guten Weg wünschen. So war es denn auch…

Und dann packen wir wieder gemeinsam. Ich habe hin- und her überlegt, ob ich alleine fahren soll. Aber Tom erleichtert mir das Organisatorische ungemein. Also also zwei Tage Butiama, endlich. Madaraka hat uns schon lange und mehrmals eingeladen. Wenn wir uns zufällig in der Stadt treffen, haben wir nicht wirklich Zeit füreinander. Tom sträubt sich seit jeher; es ist eine Respektsangst gegenüber Madaraka Nyerere, dem Präsidentensohn.

Wir entschliessen, bereits die Vornacht ausserhalb bei der Carstation zu verbingen, So kriegen wir stressless einen der ersten Busse für die dreistündige Fahrt. Die Nacht ist mittellang. Das Lokal dämpft die Musik nicht nur auf Toms Reklamation hin, sondern knurzt sie sofort ab, asante! Ein paar Morgentässchen türkischen Kaffes gibt’s mit den ersten Männern des Tages an einer Kreuzung. Dort genehmigen sich die Frühaufsteher ihr erstes Päuschen, und geben bei Coffe und Glimmstängel den vorabendlichen Tratsch ihrer Ehefrauen weiter.

Ich geniesse wieder die wunderschönen Szenen des still vorbeiziehenden Villagelebens. Die eine oder andere Felsformation erkenne ich wieder. Weniger geniesse ich die langen Mo-mente, als der Bus nach einer Haltestelle einfach weiter fährt und der Fahrer zuerst gar nicht verstehen will, dass mein „Husband“ noch draussen, irgendwo auf Pipi-Tour ist.

Gerade bei einem weiteren illustren Zwischenstopp streikt der Fotoapparat. Keine Ahnung warum, Himmelherrgott! Entweder ist weisser Kabis gerade Saison oder es ist die Region dafür. Die Riesenbälle-balancierende Händler sehen einfach nur toll aus.

Butiama ist schön, friedlich, gefällt mir. Der Homeplace von Tanzaniagründer und ersten Präsidenten Julius Nyerere ist auf einem Hügel gelegen. Die offizielle Staatslimousine steht still neben seines Vater Grab und das seiner 105-jährig gewordenen Mutter. Das anthrazit-steinerne Mausoleum daneben, die Fenster grösser als die Türe; es fügt sich neutral in das Wiesen- und Felsgelände ein. Der inwendige schwarze Marmorkubus ist überhäuft von Plas-tikblumen und Briefen – Pilgergaben. Das alte und ehemalige Elternhaus sowie die traditio-nellen Getreidespeicher stehen unverändert da. Einzig was fehlt, ist die Friedensfackel auf dem höchsten Felsvorsprung. Diese ist seit Staatsgründung 1961 jedes Jahr in ganz Tanzania unterwegs – schöne Geste. Auf dem steinigen Grundstück wimmelt es von Velvet-Affen und schönen Pflanzen. Madarake lädt und ein: Wir machen es uns auf der Veranda familien-freundlich bequem.

Julius Nyerere war Sohn der fünften Frau seines Vaters (ganze zweiundzwanzig Weiblein hatte dieses Oberhaupt als Chief zufriedenzustellen). Madaraka lacht „Nein, mir hat schon Eine gereicht. Und ja, ich beabsichtige, mich an einen Stammbaum zu wagen. Ich muss ungefähr 6500 „nahe“ Verwandte haben.“. Julius Nyereres beste Freunde waren Nelson Mandela und Sambias Staatspräsident Kenneth Kaunda. Als Mwalimu, Lehrer, lebte Julius Nyerere in dem einfachen schmucken Haus. Der Staat baute ihm später ein Grösseres, wo er schon nicht einziehen wollte. Nach dem gewonnenen Kagerakrieg (Tanzania/Uganda 1979) baute ihm das Militär in Freiwilligenarbeit noch ein Weiteres. Allerdings so gross, dass er mokierte „Ich bin doch kein Elefant!“ Madaraka, danke für all deine geteilten persönlichen Erinnerungen – ich schätze und ehre das ehrlich, dass wir uns menschlich auf einer ganz natürlichen Du-Du-Ebene gegegnen, ich finde ich dich einen ganz tollen Menschen, asante sana. Es ist einer dieser Begegnungen, wo man vom ersten Augenblick das Gefühl hat, diesen Menschen sei ewig zu denken. Einer von Madarakas lachendsten Geschichten ist, wie er vehement nicht als Sohn von Julius anerkannt wird (nach der Rückkehr seiner Studien im Ausland), weil ein Cousin-oder-so mit seinem Namen offiziell aufgetreten ist oder die von mir, mein Statemant, wenn im Gespräch jemand sagt, er sei mit dem Staatsgründer nahe verwandt und ich ihn dann sage; „Für den Fall, ich kann dir gerne die Telefonnummer deines Verwandten, dem jüngsten Sohn Julius, geben.“…

Madaraka bleibt daheim und bittet mich, bei der Führung durch das staatliche Museum und private Mausoleum die Angestellten „zu testen“, und ihm über deren Arbeitsqualität zu berichten. Das Julius Nyerere Museum präsentiert eindrücklich all die persönlichen Gegen-stände, Zeitungsausschnitte, Geschichtliches, unzählige Geschenke und Auszeichnungen aus aller Welt; seine Friedensbemühungen sind ehrenswert. Wenn der Inhalt nicht so spannend wäre, würde auffallen, dass das Intrieur langweiliglasch ist. Zur Guidequalität: „Solala“ fällt mein Urteil aus. Ideen zur Umgestaltung der beiden Plätze hätte ich schon, die gefallen Ma-daraa. So hoffen wir auf einen wiederkehrenden Aufenthalt von mir – nicht mehr in diesem Jahr.

Wir lachen herzhaft viel mit Madaraka. Toms Befangenheit konnte sich nicht anders als schnell legen. Er bestätigt mein Empfinden schüchtern, dass Madaraka „Einer-wie-wir“ ist. Seine Art, seine ruhige Art, sein explosiver Witz, sein versteckter Charme, den muss man mögen. Und natürlich bestätigen Madaraka und ich uns beide gegenseitig – smile – dass Löwen-Geborene halt doch die besten sind. Dann speisen wir an der Privattafel. Ich wusste schon, dass Madaraka Vegetarier ist, und fleischlos wäre absolut ok. Trotzdem finden wir für Tom und mich auf den ausland aufgetischen Platten wunderbar saftiges Rind; der weiss Reis und die verschiedenen speziell gewürzten Gemüse, schlemmerlecker. Wieviele hochrangige Persönlichkeiten sassen wohl schon an dieser langezogenen 22-plätzigen Tafel? Der Raum ist kaum ausgeschmückt; schlicht sind die hellen Vorhänge, das weisse Geschirr, der dunkle Wandschrank seitlich. Passt zu Julius und Madaraks Charakter. Und als Geschenk – wenn auch nur gedanklich spürbar: Madarakas Mutter kam auch heute an! Sie wohnt hauptsächlich in Dar-es-Salaam. Soeben macht sie ein Nickerchen nebenan. Tom flösst die Vorstellung, Julius Nyereres Witwe in solcher Nähe zu haben, ungehörig Respekt ein. Ich weiss, er würde die Mama-of-the-Nation gerne treffen, auch wenn er es nicht getraut auszusprechen. Im Nachhinein reut es ihn enorm, dass er mir den Kompromis abgenommen hat, nicht in Julius Nyereres Haus zu übernachten (ich hätte mich eigentlich darauf gefreut, in Nelson Mandelas Gästebett zu schlafen). Nach dem Lunch lädt uns Madaraka ehrvoll ein, in der privaten Bibliothek seines Vaters zu schmöckern – diese ist nicht öffentlich zugänglich. Komisches Gefühl: Madaraka knipst Fotos von mir, als ich mich ins Gästebuch eintrage! Dabei werde ich etwas nervös, was vielleicht gut ist, dass ich somit nicht all der Staatsmänner-Namen wahrnehme, die sich vor mir eingetragen haben… Gedanklich muss ich wiedere schmunzeln, Thema “VIP“? Antik verstaubt, vergilbt, über hundertjährig, modern, hochglanz, xsprachig: die 8000 Bücher über Philosophie, Religionen, Länder, gewichtige Romane und anderes – hier könnte ich ein ganz schönes Weilchen verweilen. Zeitlich knapp bringe ich Madaraka nicht mehr dazu, dabei auf seiner ersten Guitarre – die ich dort einem Eck entdeckt habe und er versuchte dies zu verneinen – zu spielen. Kesho „Morgen“, smile.

Danke für den Tag, Madaraka, es war wunderwunderschön!

Auf dem Rückweg nach Mwanza übernachten wir in Magu, eine Stunde noch bis Mwanza. Zurück in der „Realität“. Der Markt ist ansprechend mit den ausladend gefüllten Stand-gerippen. Magu selber nicht speziell. Er kommt als nicht wirklicher Muss-Ort auf unsere Touristentourliste. Auch der Strand sei zu weit weg. Als einzige Action erleben wir auf unse-rem Morgenspaziergang, wie wieder mal ein Daladala zu gaspedalig im Graben landet – die Schrammen kriegt nur das Gefährt ab, keine Gäste, gottseidank. Wir diskutieren mit Ein-heimischen (hälftig wunderbar trunken zur Morgenstunde), trinken Kaffee und bezahlen auf dem Weiterweg ein paar Strassenkindern eine Mahlzeit.

Mwanza – welcome home! Genug früh zurück in der steinernen Big-City Mwanza machen wir uns gleich auf die Suche nach einem neuen Secondhand-Fotoapparat. Mich ohne Kamera gibts seit Jugendgedenken nicht. Hier benutze ich aber das Argument, dass ich diese für meine Arbeit brauche. Ich weiss nie, wann ich auf was und wen stossen werde, wo Fotos von Vorteil sind. Mein Ego würde inzwischen apparatlos ohne Murren überleben. Doch dem allgemeinen „Verständnis“ gegenüber jammere ich natürlich auch ausgiebig über die (wieder) unvorhergesehene Investition. Tom bekommt dabei jeweils doch ansatzweise ein schlechtes Gewissen. Er ist ja „Schuld“ an meinem Unfall, ohne diesen ich noch meine beiden Kameras besässe. Fies, so nutze ich das jeweils aus, dass der Herr sich ein paar Tage zurückhält, die Wirtschaft am Laufen zu halten… Auf der heutigen Suche stossen wir auf den Radioflicker Silvain, einen immigrierten Kongolesen. Ist unerwartet herzerwärmend schön, wieder mal französisch zu quasseln. Silvain schleusst uns durch unzählige kleine Gässchen, amüsant, interessant. Und ich finde sie, die Kamera, super preisgünstig und sogar wasserfest (letzte Feststellung behalte ich preiseshalber für mich)! So werde diesmal ich noch spendierfreudig(er). Wir trinken ein Dankesbierchen in die Nacht hinein, oder zwei, drei? Mir gefällts am Makoroboi-Market-Restaurant. Ich bin sowas von heimisch hier. Dies spüren scheinbar auch andere. Wunderlich bleiben sogar die bettelnden Strassenkinder anständig zurückhaltend und sie lassen mich sogar auf dem alleinigen Weg zum Toilettenhäuschen in Ruhe. Vier Bierchen, fünf,… so stockdunkel war unser Pikipiki-Heimweg von der Stadt aus-wärts noch nie.

Noch nicht tageshell, poltert es uns aus dem Bett. Diesmal ist es wahrhaftig Josephine. „Wo bleibt die letzte Miete, wann bezahlst du, wie lange bist du überhaupt noch hier, ich habe andere Mietanwärter, …“ Habari za asubuhi. „Guten Morgen Josephine“ erwidere ich laut, „Giftspritze“ denk ich leise. Die letzte Miete. Also, um den zwanzigsten bin ich weg und ich werde eine Aufstellung machen, was ich noch investieren musste. „Du hättest gar nichts inves-tieren, sondern mich zuerst fragen müssen“. „Sei froh, Josephine, dass ich das nicht so gemacht habe. Du würdest dein Haus nicht mehr finden, es wäre wohl inzwischen wegge-spühlt. Wie du gleich hier an der Hauswand siehst, weicht sich auch diese langsam auf, ein Rohrleck inwendig wahrscheinlich. Zudem habe ich momentan nichts Bares im Haus.“ Sie fängt an zu schnauben. „Ich brauche das Geld jetzt!“ Tut mir leid Josephine, du kannst mich nicht forcieren, deswegen und sofort in die Stadt zu fahren. „Morgen bringst du mir das Geld, ich muss wieder auf Reisen“. Ich bleibe freundlich und unverbindlich, ohne mein Wissen Preis zu geben. „Andrea, ich schreibe dir eine Aufforderung, dass du das Haus verlassen musst“. „Wenn du das möchtest Josephine, bitte.“ Grusslose Kehrtwende! Ich gehe wieder schlafen, diese Dame interessiert mich kein Deut. Mary schreibt mir kurz darauffolgend eine sms, Josephine rief sie an. Ich sei äusserst unhöflich und frech gewesen (!), sie werde das Haus von der Polizei räumen lassen. Das passt, ich schmunzle. Und Polisi? Damit hätte ich kein Problem, ich hab auch so meine Beziehungen. Später bei Mary, erinnert sie sich von selber, dass Josephine uns bei Mietbeginn sagte, dass der Endmonat für mich gratis ist. Dies, weil ich volle fünf Monate auf einmal bezahlte, aber später als Monatsbeginn eingezogen bin und um einiges vor Monatsende wieder gehen werde. Danke Engel Mary! Da hat Josephine sich nun geschnitten. Und wie es der Zufall will, steht ab Übermorgen Nachmittag Toms-PPF-Haus frei. Darauf gehe ich heute nicht in die Stadt und geniesse und teile mein Heim „protzend“ (tut das innerliche Grinsen gut)…

Tagsdarauf am Samstag schlafen wir aus und geniessen einen weiteren Tag. Diese klare Luft, keine Josephine in Sicht.

Gegen abend bügeln wir uns glatt. Misses und Mister Tom sind eingeladen: Hochzeitsfeier von Revocatus (Manyama) und Annastazia. Blau-Violett sind die Dekofarben. Im Raum sind die kleine Bühne für das Brautpaar hübsch mit plasternen Blumenbouquets geschmückt und mit kitschigen Neonlichterketten beleuchtet. Rechts und links davon befinden sich je die langgezogenen Tische getrennt für die Familien der Braut und des Bräutigam. Es ist alles zum Zentrum gerichtet, wo bereits die dreistöckige Hochzeitstorte auf einem Tischchen gespannt aus dem Klarsichtpapier guckt. Wir warten auch – für die Freunde ist das Eck zuschliessend vierreihig gestuhlt. Das dauert… Vorwitzig ich, kann ich es mir natürlich nicht verkneifen, mit Tom auf die Hoheitsstühle für das Brautpaar zu sitzen; applausapplaus unserer Freunde… Dann endlich. Die Zeremonien beginnen mit dem angekündigten Einlaufen der beiden Familien. Es folgt das Brautpaar, welches die rosa Türschleife unter lautem Zugejauchze durchschneiden darf. Dann füttern sich die beiden gegenseitig mit der Hochzeitstorte. Dann reden die Glückwünsche, dann knistern die Geschenke, dann umarmt das einzeln persönliche gratulieren und dann drei Stunden später duftet das Diner (endlich). Annastazia ist eine wunderschöne Braut im rückenfreien, kurzärmligen weisse Brautkleid. In Zanzibar erfuhr ich von den Frauen, dass der Mann für Henna-Tattoos aufkommen muss. Manyama liebt Annastazia wohl sehr, ihre kunstvollen Hennablumen müssen ein Vermögen gekostet haben. Ich sollte eigentlich ehrenhaft den Hochzeits-Champagner köpfen, aber das überlasse ich gerne der energisch alten Dame, die sich dafür aufdrängt. Gut so, ich hätte kläglich versagt: Es ist üblich, diesen ganz lange tanzend ganz wild zu schütteln – der Knall ist entgegen meiner erwarteten Befürchtung dumpf und gar nicht spritzigschäumend. Der ganze Abend ist strikt durchorganisiert und um Punkt Mitternacht ist die Show Schlag-auf-Schlag vorbei! Und alle sind mysteriös verschwunden – wie scheinbar auch eine handvoll Handys der Hochzeitsgäste…

Vorsorglich haben wir ein Zimmer im Majani-Beach reserviert. Dort celebrieren wir weiter. Ich bin wieder mal nicht nur die einzige Mzungu, sondern auch die einzige Frau. Ich amüsiere und unterhalte mich prächtig. Da wird’s zwischen zwei Herren ganz schön streitig laut, keiner vermag die beiden zu dämpfen, der Lärmpegel steigt. Da klettere ich auf den Tisch, ein Fingerpfiff – verblüffte Stille. Ich halte eine Schämt-euch-Rede, es gibt Leute, welche nebenan schlafen wollen und überhaupt, was für eine unerzogene Saubande, smilesmile. Sie hält ein Weilchen (meine Rede), aber nur für Weilchen. Ich mache dann jeweils Anstalten, wieder auf den Tisch zu steigen, das genügt zur verschmitzten Verstummung…

Wehmut, das ist wahrscheinlich meine letzte Nacht im Majani; wie auch das letzte feine Chapati-Supu-Frühstück! Es wird mir immer präsenter, dass meine Zeit in Mwanza zu Ende geht – vorerst erstmal. Jetzt wartet aber Kiseke noch auf mich. Obwohl wir packen müssen, das Haus und für Bukoba. Tom ist nicht gerade eine Hilfe. Ich kann es ihm nicht verdenken, er kennt das nicht „richtig packen“; bisher hatten seine persönlichen Habseligkeiten in einer Tüte Platz. Aber jetzt, da hat sich in den letzten Monaten doch einiges angesammelt. Wie von Zauberhand stehen Gertrud und ihre Schwester Jessica vor der Türe. Klar, sie helfen beim Hausputz, danke ihr himmlischen Wesen! Im eigenen Zuhause waschen sie unzerbrechliches Geschirr und Kleider vor dem Haus, inside gibt es nur den gestampften Boden zu wischen. So fangen sie auch hier mit der Bodenwäsche an und müssen x-mal durch. Denn durch (mein) Reinigen der Fenster, meiner Kreidenmalerei an den Küchenwänden, der wenigen Flächen und dem Kühlschrank, wird dieser fortwährend wieder schmutzig.

Ich erinnere mich schmunzlend: Gertrud und Shem machen bei uns Pause. Zum frischen Chai (oder der heissen Schokolade) genehmigen sie sich eine Zigarette. Die Asche wie die Stummel landen wie selbstverständlich auf den Plattenboden. Tom hatte sich über den fehlenden Anstand geärgert. Ich nicht. Sie kennen doch sowas wie ein Aschenbecher gar nicht und machen es wie bei sich zuhause: alles auf den Boden werfen und danach wegfegen. Ich habe mich folgend in Mwanza-Town auf eine fast unendliche Suche nach etwas aschenbecherar-tigem gemacht (meine Kokosschale dafür war noch nicht genug getrocknet). Et voilà, ein kleines blickzwinkerndes Hinstellen vor dem nächsten Aschenfall – es klappt wunderbar!

Heute gibt Tom Gertrud etwas Geld fürs Reinigen. Sie besteht folglich darauf, bei ihr zu lun-chen. Sie geht voraus, wir folgen zwei Stunden später. Das Essen ist noch nicht soweit. Ich lache mit Gertrud, Tom diskutiert mit Shem. Dann werde ich aufgezogen „Tom hat reklamiert, dass es letzte Nacht kein sticky-sticky gab!“ Ha, gehts noch! „Also mein liebster Shem, das ist so: No Konyaki means sticky-sticky, but Konyaki means no sticky-sticky!“ Shem und Gertrud lachen Tom aus, dieser schmollt.

Nach den leckeren, knusprig gebratenen Keine-Ahnung-was-für-welche-Innereien, fährt Tom in die Stadt; Besorgung der Fährentickets, zeitlich wirds eng. Ich mache einen letzten sauberen Schlussstrich unter Josephines-Mietverhältnis. Und siehe da, geht doch, Tom ist zeitlich und nüchtern retour! Wir haben flugs noch Zeit, unsere Ware im neuen Haus zu deponieren, wenn wir denn dieses ausgemacht haben unter den 800 Häusern. Ein lachträchtiges Bild: der Pikipikidriver wie auch Tom sind vom Gepäck erdrückt und balancieren je noch ein offenes Becken mit Ware auf dem Kopf – wenn das nur gut geht…geht es! Und dann geht es nochmal: zur Nachtfähre. Meine letzte Reise innerhalb der Rock-Zone Lake Victoria. Ich will gar nicht daran denken. Anfangen Abschied zu nehmen tut weh. Aber zuerst geniesse ich noch jeden Tag, nein, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde auf afrikanischem Terrain!

Übrigens ist es Nsajigwa, welcher ausgezogen ist – aus Toms Haus. Mittsommerlich informierte er Mary, er müsse irgendwann im September für ein/zwei Monate nach Dar, seinen „anderen“ Projekte nachgehen. Hat er tatsächlich welche? Beim Haus entdecke ich in seiner (nun in unserer) Abfallgrube lauter grosser Fetzen Alufolien – ich schaue nicht genauer hin, geht mich ja nichts an. Erst im Nachhinein, zu spät, werde ich wunderlich. Suspekt. Der erste Gedanke, es könnten eingepackte Mahlzeiten gewesen sein, geht nicht auf, dafür werden doch die schwarzen Robby-Dogs gebraucht. Aber eben, geht mich ja nichts an. Mary ist froh, dass wir Nsajigwa durch seine eigen innizierte Reise loswerden. Wenn er denn anruft, dass er wieder zurückkommen kann – wovon wir mal nicht ausgehen, dass er das tut – wird sie ihm sagen, dass der Job an andere vergeben ist. Echt fies. Nein, es stimmt sogar: Wir haben zwei junge motivierte Männer gefunden, Leonce und Sifuni, die sich im Gegensatz zu Nsajigwa willkommen professionell ins Business stürzen.

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Legal! Endlich habe ich sie dann doch, nach vier Monaten „fighten“: meine Aufenthaltsbe-willigung Permition C – ab dem 2.8.2010! Ich Nachhinein kommt mir der Gedanke, ob es vielleicht einen Tick schneller gegangen wäre, wenn ich in die Tasche gegriffen hätte. Aber hat ja auch genützt, jeden Tag vor Ort zu nerven… Ich war also nur vier Wochen Sans-Papier. Und ausgerechnet Buchhalterin haben sie als meinen Job ausgesucht – das mir weltfremdeste Gebiet; dafür dürfte ich bis November bleiben – mal sehen 😉

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Da hauts mich vom Hocher, buchstäblich, wortwörtlich! Für die, die es noch nicht wissen. Oder besser es hat mich vom Hocker gehauen. „Lahalala – Eine die fliegt“ . Und ich weiss nicht mal was davon. Wie das? Zwei Tage nach Arusha. Aber zuerst kommt nochmals Kageye.

Also, wir sind am Dienstag zurück. Nach dem Flughafenhighlight freue ich mich, jegliche feuchte Ware in der Sonne auszulegen. Das Arusha-Wetter war wirklich eine Herausforderung für mich. Aber jetzt ist ja wieder gut! Am Mittwoch werden wir von Professor James Spillane, Father George und Delphine aufgeladen. Nsajigwa ist auch dabei. Ich ärgere mich ziemlich, dass er so tut, als wäre er zum ersten Mal bei den nun folgenden Ausflugszielen. Man müsste halt Geschichtliches nicht vergessen aufzuschreiben. Zuerst halten wir in Kayenze. Winfried Huber, ein scheinbar bisschen eigenbrödlerischer Missionar (was in dieser Abgeschiedenheit kein Wunder ist), lebt seit drei Jahren in diesem Parish. Er hat uns vergessen, darum noch nicht geluncht. Wir schlendern zwischenzeitlich zum Fischerhafen. Diesmal sind wir later dran, die Hafenaufseher sind bereits weg und ich kann ein paar Pics aufnehmen. Tom dealt dabei gerade unser Nachtessen aus, welches nun den ganzen Tag auf der Ladefläche unseres Pickup stumm vor sich hin glotzt (für CHF 2.- ein armlanges fettes Fischchen). Weiter nach Kageye. Nochmals zurück zu den Spuren Sir Henry Stanleys. Es ist interessant, was Winfried Historisches und Aktuelles ergänzt. Vorallem, dass der momentane Hüter des Areals wie-die-Made-im-Speck lebt. Es kostet Winfried einige Mühe, das historische Areal vor unnötigen Abholzungen und anderen krummen Geschäften zu bewahren. Ich werde ihm unsere glücksbringende Adresse von Dar-es-Salam nachreichen, damit dieser Platz offiziell unter Denkmalschutz gestellt werden kann, vielleicht kann er was erreichen. Es soll auffhören, dass die beiden Grenzbezirke so lange Staatsgelder hin-und her schieben, bis niemand mehr (offiziell) weiss, wo diese denn jetzt sind. Der Tag vergeht wieder viel zu schnell. Später die Restrückfahrt auf den Pikipiki ist recht illuster und amüsant: Ein Pikipiki für mich, eines für Tom und eines für den Fisch – VIPs! Zuhause in der Dämmerung zerlegt Tom den Blubber, frittiert die Filets und brodelt eine wunderbare Fischsuppe; dazu gibts obligates Ugali und jede Menge meiner geliebten Gemüsesorten, lecker. Toms Art mir danke zu sagen.

Ausschlafen und durch die Stadt touren. Shopping: Kleider für Tom, Küchenequipment, Bluetooth-Stick und etwas frische Marktware für mich und uns. Zum Zmittag zeigt mir Tom den Restaurantcorner in der Mitte des Marktes. Ich würde schätzen, von den fünfzehn offenen und gedeckten Essstätten sind Zweidrittel besetzt, die sehen teilweise schön schäbig aus. Tom stellt mir Mama Robi vor. In ihrem betonen Abteil gibts schmackhaften dunklen Ugali – quasi die gesunde Ausgabe des weissgeschroteten Originals. Die schlanke Mama Robi gefällt mir, sie strahlt etwas mütterliches und zugleich jugendlich freundinnenhaftes aus. Sie und ihre Mitfrauen an den Kochtöpfen lachen und staunen nicht schlecht, wie meine Anwesenheit Laufkundschaft auslöst „Eine Mzungu, eine Mzungu hier drin!“ Auf dem Heimweg stossen wir auf Rastamann Probster, ein Freund von Tom aus Bukoba. So bleiben wir noch ein wasserlang in der City. Probster ist 25 Jahre jung und zum ersten mal richtig verliebt. Er erzählt mir enthusiastisch bis in die allerkleinsten Details (auch diejenigen, die ich nicht gar hören will und die mich schon gar nichts angehen) von seinem Zusammenkommen mit Emily aus Dänemark; in drei Wochen fliegt er zu ihr.

Beim Eindunkeln entscheiden Tom und ich spontan im Villapark zu dinieren und etwas Musik reinzuziehen. Nach dem zarten Kuku mit ganz viel feinem und feinen Kohl, realisiere ich auf dem Grossbildschirm die WM-Eröffnungshow des FIFA-Worldcup. Wie ich diese geniesse – mit meinen persönlichen Stars wie beispielsweise Angélique Kidjo und Ahmadu&Mariem. Schon während der Show, danach definitiv, friere ich – bin mit kurzarm-T-Shirt und leichter Jeans nicht für die kühlen Nächte gekleidet. Auch hab ich mich nicht spirituosenmässig warmgehalten wie in Arusha. Nach der Übertragung möchte ich nach Hause. Tom will noch noch etwas Abtanzen, nur zu. Es ist sein letzter Abend in der Grossstadt, morgen geht es zurück zur Arbeit nach Bukoba. Er begleitet mich nach draussen. Zuerst beharrt er erfolglos auf einer überteuerten Taxi, dann notiert er sich zumindest die Mofa-Nummer, ein ganz junger Driver. Es ist bei weitem nicht das erste Mal, dass ich nächtens ein Pikipiki nehme, Autotaxen will und kann ich mir nicht leisten. Und dann, der Pikipiki ist der je langsamste. Die Asphaltstrasse ist unendlich und nach der Abzweigung spürt man nicht mal, dass es nur noch unebene Buckelpisten sind. Und dann… Dann…Wie lautet dieser Kapiteltitel…?…!…

…Und dann dümpeln wir so die Strecke entlang… Und… Und dann sind da aus dem Nichts die beiden hohen Scheinwerfer in Front! Ein Auto. Egal. Ooh, aber etwas sehr schnell. Auch egal. Aber oohhooo, auf unserer Seite!! Der Pikipiki versucht Richtung Gras auszuweichen und ich denke emotionslos „Zu spät“. Gleichdarauf ein Knall. Das Vehikel wischt uns mit voller Wucht weg. Einfach so, ohne zu Fragen! Eben, es haut uns vom Hocker. Ich erinnere mich nicht mehr daran.

Ich bin angeblich eine Viertelstunde komplett weggetreten. Beim Erwachen realisiere ich eine schattenhafte grössere Gestalt. Sie schüttelt mich. Liege ich, sitze ich? Ein männliches Gesicht auf english „Are you ok“? He? Pardon? „Are you ok?“ „Are you ok?“ Ich frage irritiert „Bist du schwarz oder scheint es durch die Nacht so? Ist es Nacht?“. Ich sehe nur unscharfe Grautöne. Wo bin ich? In Kiseke, hee? In Mwanza, heee, in Tanzania, wie bitte? Aha in Afrika, so. Ja was mache ich denn in Afrika? Mein Gegenüber kriegt langsam Panik; ich wieder Bodenhaftung. Keine Ahnung, was ich hier tue, warum ich hier bin. Meinen Namen kann ich ihm auch nicht sagen. Ich weiss, dass ich den Begriff „Name“ kenne, jedoch anfangen kann ich gerade nichts damit. Doch ein Gefühl sagt mir, ich muss hier sein, alles ist richtig so, ich gehöre hierher. Komisch. Ich bin auch ganz gelassen, vielleicht ein Schock.

Der Pikipiki-Driver liegt etwa zehn Meter von mir entfernt. Wimmernd wird er gerade auf eine Autoladefläche gehieft. Ich erinnere mich nicht, mit ihm (bis) hierhergekommen zu sein. Ich auf einem Pikipiki, was ist das überhaupt? Das davorne ist ein fremder Film. Und woher ich komme, mit wem ich unterwegs war? Frage mich bitte etwas, was ich beantworten kann – keine Ahnung, da ist … warte, da ist… Nichts. Einfach nichts. Andere Männer aus dem Dorf erklären Umar, dass ich seit zwei Monaten bei den PPF-Häusern wohne. Sie haben meine Sachen eingesammelt. Umar begleitet mich zu seinem Auto, wir wollen mein Daheim wiedererkennen (versuchen). Da weiss ich natürlich nicht mehr, dass die Siedlung aus ein paar hundert Häusern besteht, die alle gleich ausschauen und es ausser dem Himmelszelt kein Licht gibt. Im Scheinwerferlicht studiere ich teilnahmlos meinen Unterschenkelknochen. Umar siehts, „Eher Zeit fürs Spital.“ Warum, das ist doch interessant, schau mal. Umar verwirft die Hände. Er fragt zum xtem mal, woher ich den komme, mit wem ich unterwegs war, wer meine Bezugspersonen sind. Keine Ahnung, da ist eine Leere, wirklich, pole sana, sorry. Jemandes Idee ist gut, ich schaue im Natel auf meine letzten Anrufe. „Tom“ – und wer ist das bitteschön? Ich kann keinen in meinem Gedächtnis hervorkramen. Umar ruft ihn an, er ist gerade auf dem Nachhauseweg – mit einem Pikipiki. Er wird auf Halbweg aufgeladen.

Ich taxiere Tom aus den Augenwinkeln als einen, den ich vielleicht vom Sehen her kennen könnte, aber nicht als mehr, persönlich scheint er mir fremd. Umar hat ihn wohl von weitem über meinen Unwissensstand informiert. Tom steigt wortlos ein ohne mich zu bedrängen. Weiterfahrt Richtung City. Ich friere und bin orientierungslos. Aussteigen. Zwischenstation. Unbekanntes Gebiet. Wir müssen zur Polizei, denn ohne offizielle Meldung werde ich im Spital scheinbar nicht behandelt. Rein ins Revier. Kurz sehe ich nebenan eine humpelnde gestützte Gestalt. Oje, die Arme. Wie in einem Film ist sie: Sternenförmig blutüberströmt der Kopf, fleckig die Kleider, nicht gerade hübsch anzusehen. – Uiii, dämmerts mir später, das war ja ich in einem Sicherheitsspiegel Eingangs Polizeistation! Entgegen der bildlichen Annahme hat sie, also demnach ich, keine Schmerzen. Die Polizei diskutiert den Protokollpreis, den ich bezahlen soll. Umar erklärt, ich sei die Ehefrau von Tom und der Satz auf dem Papier „Andrea Claudia hatte am 11.6.2010, 01:00 Uhr einen Carcrash“ kostet mich: Nichts – wenigstens das ist Etwas!

Auf dem Weg in die Notaufnahme vom Bugandohospital kehrt mein Bewusstsein vollum-fänglich zurück. Ich werde so was von wach und stabil und realisiere für mein eigenes Ego froh, dass ich an diesem Tag keinen einzigen Tropfen Alkohol getrunken habe. Der blankge-legte Knochen sehe ich jetzt auch genauer, weh tuts immer noch nicht. Bereits weit vor dem Spitaleingang werde ich rührend in einen Rollstuhl verfrachtet und ab gehts in und durch die menschenleeren Gänge. Im Emergencyroom werde ich mütterlich umsorgt und von den anderen Notfallpatienten kritisch beäugt. Unzimperlich werde ich zuerst staub-, stein-, gras- und blutfrei gewaschen, eher geschrubbt. Ich kriege eine, nehm ich mal an, Entkrampfungs-spritze in den Oberarm. Ich denke sogar daran, vorher zu erwähnen, dass ich eine Penizillen-Allergie habe. Tom aber – Rollen vertauscht – der steht unter Schock, der kriegt gar nichts, kein Wort, kein Pieps heraus. Dafür sehe ich Tränen rollen. Mechanisch läuft er vermehrt zur Kasse und bezahlt vorgängig die anstehenden Prozedere. Ich möchte, dass er ein paar Fotos von mir macht, vielleicht brauche ich die für die Schweizer Versicherung. Er ist unfähig dazu, rührt sich nicht – bis auf die Weigerung, mir den Fotoapparat zu geben.

Ich friere saumässig, verlange nach einer Decke und kriege ein weisses Bettleinentuch zu-geworfen, immerhin. Dann werden mein Bein und Kopf geröngt, soweit hätte ich nicht ge-dacht. – Mann, ist das arschkalt im Röntgensaal. Ich denke, wenn ich sterbe, dann wohl der Kälte wegen. Ich bin eher in der Leichenhalle (das Tuch dazu hab ich ja schon). Ein Arzt nimmt sich die Röntgenbilder vor und ich sehe, wie ihm der Kiefer runterfällt. Er dreht und wendet und biegt die Bilder und weiss nicht, wie er sich verhalten soll. Was ist wohl los? Also dran ist der Kopf ja noch. Darf ich mal sehen? Nein! Aber es ist doch mein Kopf. Nein! Dem Arzt in sichtlich unwohl, als er mir schliesslich zögerlich die Bilder reicht: Mein Kopf hat zwei trop-fenförmige schneeweisse Kleckse anfangs Hals! Hahaha, Herr Doktor, dont Panic, das sind nur meine beiden Silberohrringe!

Vor dem Röntgensaal frage ich Tom, wo er das kleine Kamera- und Kartenetui hat; er ist immer noch nicht ansprechbar. Eine Nachtschwester kommt gelaufen und ich frage, ob ir-gendwas in der Notaufnahme liegengeblieben ist. „Nein“, kommt es aus der Kanone ge-schossen. Kein „was“ oder „ich werde nachschauen“. Nichts zu machen. Ich werde zurück in die Notaufnahme gerollt. Ich verlange von der Ärztin, dass ich beim Nähen nichts spüren will. Sie stüpft mich ganz schön unsanft oft ums Knie herum. Ich sitze auf einem Stuhl. Die Ärztin links, ein Arzt rechts, diskutieren sie vornübergebeugt, wie man mein Loch am Besten zunäht. Ich bemerke, ob ich vielleicht mein Bein auf die Liege vor mir legen soll. „Ndjio, ja, die Mzungu ist clever“. Gemächlich fangen sie mit zunähen an und legen mir die herausgeschnippselten Fleischfetzchen auf den Schoss. „Hey, Im not hungry. Und wehe, ihr näht nicht makellos, ich habe nächstens einen Termin als Schönheitsanwärterin zu bestehen, hihi…“. Mein Mundwerk funktioniert noch, also geht es mir gut. Zudem fühle ich mich gerade vollkommen relaxt. Am Kopf wird nicht getackert, ich kriege einfach einen hässlich freissen jodgetränkten Wattebausch draufgedrückt.

Während meiner Operation wird nebenan dem armen Pikipikidriver sein Bein gerichtet: Mittels einhämmernden Eisenstangen. Autsch! Umar läuft neugierig zwischen uns Hin und Her und Her und Hin und macht ein paar Mobilepics. Ich muss stillsitzend agieren: Tom ist aus seiner Letargie erwacht. Er will umgehend Mary anrufen. Es sei seine Pflicht. Sie müsse wissen, dass er versagt habe, mich zu beschützen. Ich muss ihn zurückhalten. Nein, du hast nichts falsch gemacht! Nein, nicht jetzt. Nein, morgen genügt auch noch. Das ist ein Kampf!! Nein Tom, lasse Mary schlafen! Nein Tom, du bist nicht schuld!!

Nebenbei finde ich das Prozedere beziehungsweise die Ausstattung der Notaufnahme sehr interessant. Schon etwas sehr antik die blechernen Utensilien und OP-Bestecke. Etwas unstabil scheint die Patientenliege vor mir. Und ich übersehe grinsend das krabbelnde Dingsda dem Wandboden entlang: eine fettes Spinnchen Fünflibergross. Das wundert mich nicht. Die Stockwerke des Bugondohospital sind vom Eingang aus gleichermassen nach unten und nach oben gebaut. Das Gebäude lehnt quasi an den Hügel an. Und dieser ist pflanzenmässig nicht gerade kahl… Ich nehme alles ganz wach und entspannt wahr. Tom murmelt nun un-unterbrochen „Es ist meine Schuld, meine Schuld“. Im Nachhinein glaube ich, hat diese Nacht einiges für seine eigene Zukunft ausgelöst. Das ganze Spitalspektakel in drei Akten dauert vier Stunden und beläuft sich auf umgerechnet enorme 32.- Schweizer Franken!!

Während der Rückfahrt genehmigen sich Umar und Tom ein Konyakchen. Ich brauch das nicht, ich schlafe zuhause auch ohne-mit sofort wunderbar tief ein. Tom läuft ohne meines Wissens zu Mary. Dafür nimmt er Soxs mit; der Hund habe ihn geradewegs zu ihrem Haus geführt. Merkwürdig, weder Hund noch Tom kannten den Standort. Mary und Pura und Jadida stehen um acht Uhr früh an meinem Bett. Ich rede da im Halbschlaf schon von mögli-cher Arbeit-von-Zuhause-aus und gebe Mary meine Statemantes für die heutige Sitzung mit. Mary geht’s nicht so gut, schliesslich meint sie, sie habe auf eine Weise die Verantwortung für mich zu tragen. Später erzählt sie den Leuten immer wieder, wie stark diese Mzungu ist, wird halb totgefahren, denkt nur ans Arbeiten und lacht weiter in die Tage hinein – „this incredible, taff and jolly one“.

Merkwürdig finde ich, dass ich bis jetzt und überhaupt auch inskünftig keine einzige Schmerztablette brauche; keine Kopfschmerzen, keine (Stich-)Nahtwehen, keine blauen Flecken-Auas, nicht mal die Schrammen-all-over mucksen Pain. Nicht dass ich Nichts fühle, dochdoch, es arbeitet schon, aber eben schmerzfrei. Einzig die ersten beiden Male für in die Stadt schlucke ich eine Halbe derjenigen Tablettchen, welche ich als Zugemüse bei Malaria nicht brauchte: sie entspannen die Muskeln. Ich denke, so in der Hitze lange zu Fuss unter-wegs schadet das nicht; mein Knie legt ganz schön an Volumen zu. Mein emotionales Gefühl: absolut stabil, habe enorm festen Boden unter den Füssen wie schon lange nicht mehr oder vielleicht sogar wie noch nie (bewusst). Nur der „Sinn“ des Ganzen, der ist mir nicht klar. Vielleicht soll ich aufhören, so viel Umherzurennen und zu Wollen, aber wenn Arbeiten doch nun mal Spass macht…!! Oder soll ich zurück in die Schweiz? Nein, dieser Gedanke kommt mir selber keinen einzigen Moment – auf diese Idee kamen nur die Anderen. Es ist wie es ist. Ich gehöre momentan einfach hier hin, dieses Gefühl trügt nicht.

Der Unfallverursacher: es war nicht Umar! Nein, er ist mein „Engel“, kam gerade vom Dart-spiel nach Hause und sieht da zwei Personen vor seinem Haus liegen… Wie wir später überall erfahren, ist der Übeltäter etlichen Leuten aufgefallen, so wie sein weisser Landrover durchs Village gepoltert sei. Leider meinen sie auch, dass es ein Auswärtiger war, wir ihn also nie „Wiedersehen“ werden. Dass er nicht angehalten hat (wenn er überhaupt was realisiert hat) ist sein Glück, er würde sonst– selfjustice – nicht mehr leben. Und als ich mal meine, jetzt werde der Pikipiki wohl seinen Job wechseln, heisst es chormässig „Vergiss es, jetzt erst Recht nicht mehr, jetzt ist er ein Professioneller!“. An der Unfallstelle, übrigens gleich nebem Greenpark, keinen Kilometer von mir Zuhause entfernt, hatten die Helfer mir mein Material eingesammelt. Bei der Neuware habe ich scheinbar nein gesagt „Gehört nicht mir“, die persönlichen Sachen habe ich bestätigt. Einzig wirklicher Verlust ist die Ricoh-Kamera, shit, die war leider nicht fallresistent. Gut hatte ich mich mit meinen Laptop so abgemüht, bis er (unter anderem) weiterhin die tägliche Übertragung der Pics auf einen externen Speicher akzeptierte, sonst hiesse es enormer Bilderverlust – unvorstellbares Disaster für mich! Ebenfalls weg ist das Kleinetui mit meinen Bankkarten und der Kleindigitalkamera. Toms liess es sich im Spital stehlen – ich tippe auf die Krankenschwester…

Den Unfall muss ich der Versicherung in der Schweiz melden. Meine Familie will ich infor-mieren, nachdem die Fäden raus sind und ich nach der Ruhephase spüren kann, wie es mir geht. Am 11. geschieht der Unfall, am 18. ist meines Vaters Geburtstag. Ich weiss, es sind alle meine Lieben versammelt, also anrufen und noch nichts erzählen. Während dem Num-merwählen klingelt es bei mir, meine Schwester. „Mambo, wie geht’s?“ Als Antwort höre ich nur Geschluchze! „Du hattest einen Unfall, dein Gesicht ist zerschnitten und zerstellt, du warst tagelang im Spital im Koma, …!“ Das ist ein gefühlter Peitschenhieb! Krass. Wie kann ich das bügeln? Nebendem, das der Inhalt nicht stimmt. Das tut weh, meine Schwester so weinen zu hören. Ich kann sie beruhigen, bleibe selber ruhig; Tom drückt still meine Hand. Meine Mutter will die Rega anheuern, mein Vater bleibt gelassen. Nach dem Telefon weine ich eine Runde. Also so war das ganz und gar nicht gedacht! Und zudem, was ist das für eine doofe Kuh, welche durch eine Bekannte aus meiner Grossfirma etwas erfahren hat und meiner ahnungslosen Schwester unvorbereitet eine sms schreibt, ungefähr so „Geht es deiner Schwester nach dem Horror-Unfall wieder gut?“

Spannend sind all die (fremden) Menschen die tags- und nachtsdarauf Zuhause vorbei-schauen. Als Krankengeschenke gibt’s hier Fanta und Gemüse. Luxusmässig bekomme ich sogar eine Tasse Milch – und das von einer jungen Familie, welche mich gar nicht kennt und selber alles andere als auf Rosen gebettet ist. Es sind Gertrud und Laurien, sie giessen täglich den Garten rund um das Haus. Eine andere junge Unbekannte wäscht mir alle Kleider – auch die, welche nicht nötig sind. Die Solidarität ist gewaltig und reicht von Kiseke bis in den 200‘000-Seelen-Mwanzastadtkern, wo mich Fremde ansprechen und ich Genesungswünsche bekomme! Und merkwürdig, Victa wie auch Hendry sagen mir später, sie hätten mich in diversen Spitältern gesucht, es hiess, ich sei stationär. Durch mein handicapiert-sein habe ich diese Tage das Glück, Klein-Mary unendlich anzuschauen. Jadida und Dixton, meine ken-yanischen Hausnachbarn, sind gerade Eltern geworden. Wunderschön vollkommen, dieses drei Tage alte Gottes-Geschöpf. Die friedliche Ruhe (mit sich selbst) gibt mir viel gesunde Gelassenheit. Abgesehen davon ist Jadida eine junge resolute Krankenschwester und hält meine Wunden nüchtern unter Kontrolle.

Der einzige Besuch der nicht kommt – obwohl wieder mal ein paar Tage anwesend – das ist Josephine, wen wunderts. Sie meidet jegliche Begegnung. Mir egal, ich weiss, sie weiss, dass ich sie menschlich schnell durchschaut habe. Sie ist eine, welche Leute zu ihren Zwecken manipuliert. Reden kann sie und blitzschnell neue Einwände zu ihren Gunsten drehen. Einen unserer Zusammenstösse war, als die Elektrizität nach meinen ersten drei Wochen nicht mehr lief (definitiv ein Leck). Sie weigert sich einen Fundi zu organisieren. „Du wohnst jetzt da und bist dafür verantwortlich“. „Nein Josephine, dein Vertrauenselektriker kam schon vor einer Woche, also sind das Garantiearbeiten“. Ohne das anstandsmässige „Hodi“ holt sie mich dann tagsdarauf laut an die Tür hämmernd aus dem Bett. Sie jammert, dass sie jetzt extra wegen mir x Termine absagen musste, nur um den Handwerker um vier Uhr morgens in Nyegezyi abholen zu können – wer es denn glauben will. Ich sage nichts und lasse den Typen werkeln. Eine halbe Stunde nur dauert die Reparatur, Josephine steht rum, ich arbeite am gechargten PC. Am Schluss meint sie zu mir, ich hätte ihr zugesagt, die offenen Monatsmieten August und September allenfalls mit solchen Reparaturen zu verrechnen. „Pole Josephine, ich habe bis und mit August bezahlt.“ Auf dem Absatz kehrt verlässt sie wortlos und türeschletzend das Haus.

Und dann „mein“ Tom: Dankeschön ehrlich, er bleibt orerst bei mir. Er geht nicht wie geplant zurück nach Bukoba. Ich darf – „muss“- das ist ein Befehl – mich verwöhnen lassen. Heute wäscht er mir draussen im Garten die Haare (wie ich das liebe), er massiert mir die Füsse und mästet mich nebenbei. Ich werde langsam richtig fett, der kocht aber auch zu gut, ideen- und erlebnisreich. Wie freitags als Beispiel, als ich bockte, jetzt will ich aber mal kochen: mir schwebte eine Bolognese vor (doch mal eine erste Pasta in Tanzania), aber Gehacktes gibt es nicht, dann also mit Pouletbrüstchen. Ja, ich warte an der Bushaltestelle (plaudere rechts und links), während Tom weiss, wo er die Filets her kriegt. Typisch – eine Stunde vergeht, und er kommt mit einem noch gackernden Huhn zurück! „Filets sind ausverkauft“. Ich meine, dann hätten wir auch fleischlos kochen können. „Nichts da, du hast Lust auf Pouletplätzchen, also kriegst du sie!“. Wohl versehentlich hat er hier ein Legehuhn ergattert: ein vollständiges Ei liegt in der legebereiten Startbahn und fünf immer kleiner werdende Eigelbe zur Vollendung bereit dahinter… Tom verwöhnt mich wirklich ganz schön; für mich ist es manchmal schwierig das anzunehmen – sonst bin immer ich diejenige, die für andere rumkurvt.

Diese Tage fällt mir an Tom etwas Eigenartiges auf: er kontrolliert in der Nacht lieber einmal zuviel, ob auch beide Haupttüren abgeschlossen und alle Fenster verriegelt sind. Und unter die Matratze legt er ein gefürchiges Stellmesser.

Einige meiner neuen Bekanntschaften hätte ich ohne diese dumme Unfallnacht nicht gemacht. Und es sind welche darunter, die mich in meinen Projekten super willkommen weiterbringen (demnach doch nicht kürzer treten?). Wunderschön ist, dass Gertrud und ihr Clan auch „meine Familie“ werden. Toll ist zudem die Entdeckung des Bananenblatthäuschen, wo man für vierzehn Rappen die WM-Fussballspiele sehen kann. Die Mzungu aus irgendwoher ist allbekannt, aber jetzt bin ich auch noch alleinige Frau unter den Fussballverrückten. „Mein Retter“ Umar ist ebenfalls ein Goldstück, wir treffen uns öfters auf eine Soda, zwei Bierchen, drei Konyagis, vier Zigarettchen, … in der Stadt oder im Greenpark.

Meine Schürfwunden all-over sind soweit schon recht schön verheilt. Auch die kleinen Risse rund um den Schritt – wie spagatmässig bin ich wohl geflogen… Und morgen sollen die Wundfäden raus – zwischen zwei Sitzungen mit Mary&Co bei SNV will ich kurz ins Bugando flitzen – flitzen, so schnell wie es halt eben geht. Andrea freut sich, dann langsam aber sicher wieder anfangen Tanzen zu können.

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in moshi, der cheibe kili-löli wollte sich einfach nicht persönlich vorstellen….bzw. die fiesen winterwolken liessen es nicht zu. jänu, war spassig, sozusagen „nur“ zum brunch nach moshi (zwei stunden hin, dreieinhalb zurück) zu fahren….

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The best souvenirs – no weight, no place to take with; but to spend and get happiest moments…

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