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Posts Tagged ‘Mwanza Lake Victoria Tanzania – authentic Africa!’

Girls-Time und frische Luft

….ein bisschen andere Heimat….

Los, auf, nochmals nach Bukoba! Auch die 2nd-Class-Sechserkabine auf der Nachtfähre ist überraschend bequem. Für die Männer war schon ausverkauft. Tom will sich nicht sitzend in die Dritte Klasse quetschen, er wird auf dem Deck freiluftschlafen. Das Fährendinner ge-niessen und lachen wir mit Floresti Pierra. Marys jüngere Schwester lebt in London. Sie ist gerade für zwei Wochen auf Verwandtenbesuch in ganz Tanzania, morgen sind die Eltern dran. Danach fliegt sie alleine zurück nach UK. Ihren zwei Jahre alten Sohnemann Joshua lässt sie ein halbes Jahr bei Mary. Wie ihre Schwester, ist auch Floresti eine ganz tolle Powerfrau.

Bei Sonnenaufgang gestrandet, gilt unser erster Überraschungsbesuch Kiroyeratours und dem Mandeleo-Restaurant. Aaaiijj! Oh Gott! Wir werden überrannt und nicht mehr losgelassen – die Jungs quitschen genauso laut wie die Girls – ist das schön!! Durch die Strassen in Bukoba treffen wir unzählige bekannte Menschen an. Diesmal verabschiedet Tom sich „richtig“ und haut nicht einfach ab. Er merkt, dass dies der bessere Weg ist, er blüht richtig auf, schön, seine tief strahlenden Augen.

Nach einer sehr kurzen Nacht bringt mich Tom nach Kamachumu, Marys Heimatdorf in den Bergen. Eineinhalbstündige, stetig steigende Daladalafahrt durch Bananen-, Tee- und Kaf-feeplantagen. Im überfüllten Bus steht ein fünfjähriger Junge zwischen meinen Beinen – die ganze Fahrt über kein Murren, kein Gequengel. Das ist so, die Kinder haben ohne zu meckern zu tun, was die Eltern sagen. Als er schläfrig wird, squeeze ich meine Beine etwas zusammen, er kann so sich hängen lassend eindösen…

Kamachumu-Plateau, on the Top, eine frische Quelle stürzt sich gleich als Wasserfall hins Tal hinunter. Die Weitsicht über die Ebene ist traumhaft, die Felsformationen wunderprächtig. Ich komme mir vor, als sei ich auf einer Schweizer Herbstwanderung – die gleiche Atmosphäre, die gleichen Pflanzen, der gleiche Duft, die gleichen (gefährlichen) Naturwege, über Stock und Stein – der einzige Unterschied: das alles in glitschigen Flippflopps! Beim Aufstieg zurück spiele ich One-Man-Boygroup: eine Horde Teeniemädchen in ihren weiss-grünen Schuluniformen umkreist mich hysterisch kreischend und betatscht mich. Sie wollen alles von mir wissen – tja, warum nicht, ich geniesse es – auch den eigens hergerufenen Fotografen. Knips! Im Dorf zurück scheint der Markt ein Morgenmarkt zu sein – schade. Dafür im Mittagsrestaurant bestürmt uns die zweite Horde Schüler: sie bekamen gerade ihre Zeugnisse und eine Abschlusscoke spendiert. Ganz schön kess die Übermütigen.

Weiter peilen wir die Campside an – auch diese Jungs machen Freudensprünge. Bei meinem alleinigen Strandspaziergang darf ich mich wieder glücklich schätzen: Ich stosse auf lässig und süsse aufgeweckte Mädchen – die dritte Schülergruppe heute, funny! In mehr oder weniger vollständiger Schuluniform oder im Negligée, plantschen, albern und kokettieren sie (mit mir) im See herum.

Und schon wird wieder Nacht.

Die nächste Tagestour bestreiten wir radelnd. Ein Riesenkreis um Bukoba herum, stetig steigend. Auf halbem Weg dringelts mir. Etwa auf selber Höhe wie bei meinem ersten Besuch in Bukoba, wo wir auf dem Laster tanzten. Wir haben unser Breakfast komplett vergessen, sowas! Bei einem kleinen Strassenrestaurant bekomme ich den allerletzten Chapati, ölig triefend. Schmeckt aber super lecker zum Zucker-Chai und stärkt mich auf Knopfdruck. So radelts es sich gleich viel leichter. Weite Teeplantagen: Wir dürfen nur bei der edlen Handpflückung von Teeblättern zuschauen, für in die Fabrik hätten wir uns anmelden müssen, schade. Wir trampeln weiter. Dunkel schummrig: wir begehen auf allen Vieren eine ein-einhalbmeter hohe Höhle. In dieser hielten sich beim Kagerakrieg 1979 zwischen Uganda und Tanzania unzählige Deutsche und Afrikaner über ein Jahr versteckt. Hätte ich diesen Höhlenbesuch offiziell durch Kiroyera gebucht, bekäme ich jetzt eine Auszeichnung dafür: Den Durchgang der Höhle werde als Mutprobe betrachtet. Und dann noch rauschendes blickdichtes Dickicht? Es öffnet sich eigentümlich eine andere Szene:: endless sehe und höre ich dem Rauschen herrlich breiten Wasserfalls zu. Und grinse bei Mister Tarzen-Toms schwungvollen Lianen schaukeln – sein Gewicht dafür ist nun etwas drüber…

Zur Campside radeln, es gibt’s frischen Fisch auf den Tisch, ich meine, auf die Bank und zum Dessert knutsche ich mit Shengoma. Ich hab den kleinen Knirps gar nicht wiedererkannt. Er ist so schlaksig geworden. Wo ist sein wacher und schelmisch glitzernder Blick geblieben? Ich muss erfahren, dass sein Vater vor drei Wochen gestorben ist. Etwas Freude leuchtet auf, als er mit meinen Fotoapparat unzählige Bilder schiessen darf. Danke, der Kleine hats echt drauf und blüht richtig auf!

Auf dem Nachhauseweg – ein klitzekleinwenig angesäuselt von Erics starkem Rubisi (Bana-nenschnaps) – treffen wir auf eine Horde Polizisten und Juristen. „Hinsetzen“. Hakuna Matata: nur zu einem Bier, wir müssen auf unsere Anwesenheit anstossen. Die Details, warum diese alles Toms Freunde sind, will ich lieber nicht wissen.

Die Strecke zur nächtlichen Lodge mit dem Solala-Fahrrad durch die Menschen-gefüllten, Strassenlicht-fehlenden Strassen finde ich ganz lustig. Mein Mund weniger, der hat etwas Mühe, mir mit meiner Mobile-Taschenlampe darin einigermassen den richtigen Weg zu weisen – denn immer noch bin doch nachtblind!

Und am vorletzten Tag sitze ich fest! Schon wieder und wieder freiwillig. Ich lasse mir endlich die Haare flechten! Allerdings muss ich erfahren, dass die schmalsten, gedrehten Strähnchen die ich haben will, nur von Masai (vorwiegend Männer) gedreht werden. Aber vielleicht werden mir diese Zöpfchen auch gefallen. Zudem ist es regnerisch heute und ich habe nichts anderes auf dem Plan. Patricia und ihre Kollegin sind zeitgleich mit meinem Haupt beschäftigt. Das Kommen-und-verschönert-Gehen im Saloon ist wunderbar kurzweilig. Die weibliche Klientel ist illuster, wie auch das Prozedere: Haare strecken, kräuseln, waschen, einlegen, aufstocken, einflechten und schoren, und mit naturfarbenen und weissen, roten, gelben und violetten Strähnchen und Haarteilen versetzen. Ich selber hab nach zehn Stunden eine Last von fünf Packungen Kunsthaar „Schokobraun“ zu tragen . Pausenlos nehme ich rundum alle Komplimente dankend entgegen. Ich weiss zwar jetzt schon, dass ich in Mwanza die hüftlan-gen Haare umgehend wieder entfernen werde. Diese Strähnen sind zu dick und schwer; nicht wirklich geschäftstauglich nach europäischen Normen gemessen.

Der letzte Morgen in Bukoba beginnt ziemlich still; es ist letzter Ramadam-Tag und das an einem heiligen Freitag! Viele Geschäfte sind geschlossen, die Strassen festlich gefüllt durch die traditionell muslimischen gekleideten Frauen und Männer. Einmal mehr ein friedlicher Gedanke an die religiöse Vielfalt in Tanzania. Ich habe mir damit manchmal ein Spiel erlaubt. Wenn ich nach meiner Religion gefragt werde, antworte ich ganz unterschiedlich. Einmal bin ich Christin, einmal Muslimin, mal Katholikin, mal Hindu, mal glaube ich an Naturgötter, mal an gar Nichts… Und tatsächlich, es hat sich bestätigt: Keine Nachfragen „warum, wieso, wäre es nicht besser, warum nicht…“; keine; bis auf bei „Keiner“. Es ist wirklich einerlei, welcher Religion ich angehörige, Hauptsache ich habe eine!

Heute frühstücke ich wehmütig meine letzten Badjas im Maendeleo. Überraschung, endlich findet und erreicht Methodia Sharons Mama! Ich werde zu ihrem neuen Arbeitsort gebracht. Und noch einmal Freudesgekreische und die mir unbekannten Marktfrauen umarmen mit! Ich schenke Sharons Mutter gleich einer meiner Lieblingstops – freut die sich, toll.

Dann wieder auf zur Campside – Beachparty ist angesagt! Tom hilft seit gestern beim Aufbau der Zelte, Kinderanlagen und Werbebanner. Er geniesst dabei seine Boys. Nebenbei besorgt er die Zutaten für unsere Cocktailbar – eine von Toms zukunftträchtigen Einkommensideen. Viele Freunde besuchen uns. Und auch Sharon wird mir gebracht, jetzt mache ich die Freuentänze. Mama hat sie ganz hübsch hergerichtet: Keck schaut sie aus, in ihrem rosa Kleidchen und mit den drei Kajal-Punkten auf der Stirnmitte. Ich könnte den intelligenten Fratz nonstop abküssen. Auch Shengoma natürlich; er trägt eine massgeschneidere Weste in afrikanischem Kitenge und schwarze Lackschuhe – das wird mal ein smarter Mann. Wir alle amüsieren uns herrlich bei den erfindungsreichen Tanzwettbewerben für Jung und Alt, gesangliches Talent ist von der Animatorin gefragt, die aufgeblasenen Luftschlösser von den Kindern. Einige Unruhestifter entdecke ich mal am Rand der Campside. Da erlebe ich die Security-Masai auch kurz in Action: hopla, wo kommt denn die Peitsche plötzlich her… zischt die durch die Luft! Sonst ist und bleibt der Nachmittag friedlich, fröhlich ausgelassen. Ich gackere vorallem bei der arrangierten Hühnerjagd der Männer (auf echte Hühner, nicht auf uns Weiber). Auch die „bösen“ Kommentare, welche Tom seit einigen Tagen hören muss, bringen uns immer wieder zum lachen: Ich brachte ihm aus Zanzibar ein T-Shirt mit – darauf steht nur ein einfaches Wort: Mzungu! Weniger lustig finde ich gerade die ersten Abschiede; Methodia heult ziemlich laut los, ich tue es bei Sharons Byebye etwas zurückhaltender. Das Gefühl aber stimmt, war auch für mich schön, nochmals Goodbye sagen zu können. Was unsere Drinks anbelangt: Tanzanier sind und bleiben wohl Bier- oder Spiritustrinker. Jede unserer Kostproben wird gerühmt – aber dann wird doch Safari&Co. bevorzugt. Dann halt. Tom und mir haben die in Whiskey eingelegten, gezuckerten Ananasstücke dafür umso besser geschmeckt und für den direkten Nachhauseweg mit der Fähre hat es unseren Schlaf wunderbar vertieft. Kwaheri Bukoba, adieu Kiroyera.

Für die letzten zehn Tage Kiseke richten wir unser neues Daheim heimelig ein. Das Haus ist gut möbliert: ein grosszüger Secher-Esstisch, zwei flauschige Sofas, grössere Reserve-Wassertanks und ein breites Kajüten-Hochbett! Im alten Zuhause hinterliess ich Josephine eine abschliessende Abrechnug, wobei ich auch die acht kleinen Zwiebeln aus ihrem Garten nicht unterschlagen habe – ich bleibe bestimmt Niemandem was schuldig. Der Saldo würde sogar zu meinen Gunsten ausfallen und ich kann mir ein lautes schadenfreudiges Lachen nicht ver-kneiffen! Per sms informierte ich sie vor der Bukobaüberfahrt über den Auszug – keine Antwort bis heute – wen wunderts.

Jetzt, die letzten Tage Tanzania, habe ich noch unzählige kleine, teils persönliche, Sachen hier und da und dort und überall zu erledigen. Als letzte „Touren“ gibt’s eine Reihe Telefonitis-Tschüss-Sagen und einige persönliche Kwaheri-Besuche – auf Wiedersehen.

Dann endlich – wie wunderschön – werden wir am Mittwoch meine liebste Freundin Esthi empfangen – eine weitere Mzungu im Haus! Sie besucht mich, bevor sie in Moshi teachen geht. Zufällig sind es meine letzten drei Tage Mwanza. Tom und ich fahren darauf zu seinen Verwandten nach Kenya. Aber vorher sollte ich nebenbei auch mein Geschäftliches zu Ende führen. Das wird nie fertig! Soeben habe ich noch ein Logo für unsere endlich – auch wun-derschön – juristisch abgesegnete und vom Staat eingetragene „MTA Mwanza Tourist Association“ gemacht. Am Donnerstag ist „meine“ letzte Monatssitzung mit den MTA-Mitgliedern. Einige Touristen werde ich noch durch Mwanza führen und meine Kontaktad-ressen und „hängenden“ Projekte Mary übergeben. Von der Schweiz aus werde ich alles weiterverfolgen und weiterkreiieren und ja, vielleicht bald wieder vor Ort supervisen. Ich kann nur hoffen, dass mein Erreichtes und Vorgespurtes und -eingefädeltes nach meinem Weggang nicht vollständig versandet.

Mit Father George feiern wir Abschied, nein, ein zukünftiges Wiedersehen! Er zeigt uns in seinem Nyegezi/Malimbe ein paar geheime Strandtipps – der Vorhang geht auf. Die Inder: märchenhafte Anlagen eröffnen sich hinter versteckten Mauern. 1001 Nacht bei Tag. Perfekt idyllisch. Familienclans picknicken, Kinder spielen Federball, Männer besprechen Verträge und Frauen vergleichen ihre Hennas. Zu viert geniessen wir die Spaziergänge auf den englischen Rasen vorbei an wuchtigen Palmen, über hübsche Brücken. Zu viert: Father Aurelio aus dem „konservativen“ Sudan ist mit von der Partie. Er wurde ungefragt für drei Jahre an die hiesige Uni geschickt. Seit zwei Wochen in Mwanza, versucht er sich dem ziemlich „gegensätzlich“ offenen, lebensfreudigen ostafrikanischem Leben anzupassen. Er hat schon etwas Mühe damit. Pasteur Aurelio ist gleich alt wie ich. Sein goldener Ehering entdecke ich; natürlich hat so einer wie er eine Frau an seiner Seite. Aber nein, der Ring steht für „Meine eigene Vermählung mit Gott, ich bin katholischer Pfarrer. Doch…obwohl, Andrea, manchmal ist es schon nicht ganz einfach…“. Kein Wunder, Aurelio ist auch ein Charmbolzen von einem wunderschönen Mann! Aber eben, Tom ist da, Aurelio „verheiratet“ und ich ein braves Mädchen…

Wir lachen viel zusammen. Vorallem, wie Father George nach einem Bierchen zuviel in dunkler Nacht über diesen oder jenen Stein stolpert. Ernsthaft empört will er nicht glauben „Wie kann jemand diesen einfach hier so liegen lassen!“. Auch startet er einen äusserst ge-wichtigen Test. Bei entgegenkommenden Menschen grüsst er mit „Schöner Nachmittag!“, statt mit Guten Abend. Wenn die Antwort gleich lautet, dann weisst du, dass es ein Einhei-mischer ist. Wenn das Echo ausfällt oder korrigiert wird mit „Guten Abend“, dann hüte dich, dann ist es ein Fremder, sprich, in Father George Worten: „Ein Feind“. Ich muss dann mal hinters Gebüsch, sonst mache ich mir vor Lachen in die Hose, so wie Georgy freudig und giftig Feinde sammelt!

An der Hauptstrasse ist kein Daladala in Sicht. Wird mich wundern, wenn wir um diese Nachtzeit noch einen finden. Ich male mir schon die Szenarien einer ungewollten Übernach-tung wo-auch-immer-aus. Wir warten, wir warten, wir warten, ich schmunzle. Father Georges Stossgebet wird erhöhrt. Da kommen Lichter auf uns zu: So klettern wir auf einen Rie-senschaufelstrassenbagger und tuckern eine Dreiviertelstunde lang in hoher Freiluft Richtung Stadt. Und sicher hat Aurelios Worte weitergeholfen: Schön, wie in Stadtmitte ein Typ gezielt von Weit her und herwinkt. Bleichgesicht-Leuchtfarbe in der Nacht; ich liebe meine Busjungs!

Noch welche News? Ja… Pura: Sie krampft wie immer, lacht wie immer, sieht aus wie immer. Vor zwei Wochen hat sie Mary eröffnet, dass sie Endsmonat ein Baby zur Welt bringen wird!!

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Safari zum Dritten? Aber natürlich! Mary wunderte sich anfänglich, dass ich nicht auf Reisen gehe. Doch ich konnte und wollte so viel vor Ort erledigen, ich hatte einfach nicht das Be-dürfnis danach. Und ich beabsichtigte, zuerst swahili sprechen zu können. Dies hat allerdings nicht geklappt, ich catch die Basic nicht. Meine Zeit will ich zudem nicht mit Sprachlektionen versitzen, die nutze ich lieber aktiv für die Projekte. Und nun mit Tom hat sich das sowieso erledigt. Er redet und organisiert für mich. Und das Reisen holen wir jetzt ausgiebig nach. Natürlich immer mit dem offenen Auge für Connections. Und eben, Safari zum Dritten, wenn es klappt, gönne ich mir ab Übermorgen drei Tage Zanzibar!

Meeting in Mwanza-City. In unserem eigenen Touristen-Ofisi, endlich. Ich finde den Standort schon super. Ich überlege jeweils nicht lange und benutze den Vorplatz auch als Parkplatz, wenn ich nachher ganztags woanders in Town unterwegs bin. Ich und Marys Auto, wir beide haben inzwischen unseren Bekanntheitsgrad. Die letzten Tage wurde im Touristen-Gebäude das Interieur fertig verputzt und gestrichen. Ich sponsere das erste Gästebuch; vorne hab ich unser Logo hineingeklebt. Alle freuen sich aufs Eintragen – sozusagen ein historischer Moment! Unser anfängliches ITO, heisst inzwischen MTIC. Dieser Weg: ITO information tourist office, aber weltweit fangen diese mit dem Tourist an: also TIO tourist info office; aber es soll ja kein Office, sondern ein Center sein: also TIC; aber tic heisst schon die staatliche tanzanian investment company: also MTIC mwanza tourist info center. Auch meine Logos haben mich immer wieder herausgefordert. Die kleine stetige Gruppe mit Mary, Eva, Rahim, Father George, James, Delphine, und auch andere, finden meine Vorschläge unantastbar. Das einfach gelbe M steht für die Hügel Mwanzas mit einem kleinen Sonnentouch; das T ist ein typischer Serengetibaum, das I kreiere ich aus einer Steinformation und das C wiederspiegelt den Lake Victoria: und getroffen finde ich, dass das alles in den Farben der Tanzanischen Nationalflagge wiedergegeben werden kann!

Wir haben wieder mal im Majani geschlafen. Mich faltet am Morgen wieder deftiges ziehen Unterleibziehen zusammen. Gopfgopfgopf. Gleich ums Eck ist ein Minilabor. Ich gebe mein Wässerchen ab. „NIL“, alles super! Das passiert mir nun schon zum zweitenmal, dass das negative Resultat ein Positives ist. Ich muss annehmen, dass diese Schmerzen nichts (mehr) mit der Blasenentzündung zu tun haben, sondern unfallbedingt was zwackt. Was, finde ich lange nicht heraus. Nerven tuts mich ganz schön, weils auch ganz schön weh tut! Gekonnt ig-norieren – auch das will gelernt sein. Erleichert stelle ich mit der Zeit fest, dass sich die Krampfmomente auf nur noch zweimal in Monat einpendelt. Frauenzyklus! Sowas kannte ich bisher nicht. Der Unfall hat da wohl was ausgelöst.

Ja, ich darf ein weiteres Mal packen, diesmal gönne ich mir das Meer! Den vorgehenden Zwischentag will ich mit Schreibarbeiten erledigen. Tom geht in die Stadt, er hat da irgendwas flicken lassen. Er sei in zwei Stunden zurück – ich gebe ihm fünf. Tippentippentippen, die Zeit vergeht schnell. Ich gehe in die Küche Wasser holen, ich habe Durst. Da riecht es aber ziemlich streng nach Gas. Der Hahn scheint dicht; aber ich schraube den Herd sicherheitshalber von der Flasche ab, mache diese zu und auch die Türe wieder hinter mir. Tippentippentippen. Ein Kaffee wär nicht schlecht. Da mach ich die Küchentüre auf und wwwooomms, das Au-genwasser schiesst, es dringelt!! So halb am Runtersacken kriege ich die Hintertüre auf. Luft!! Nicht der Kocher und die Leitung haben ein Leck, sondern die Gasflaschenöffnung selber! Es dauert ein ganzes unangenehmes Weilchen, bis ich wieder spürbaren Boden unter den Füssen habe.

Die hüfthohe, schwere Gasflasche hieve ich nach draussen. Also, Tom anrufen, damit wir das Problem noch vor Dunkelheit lösen können. „Jajaja, mir geht’s gut. Jaja, ich bin mit XY unterwegs, dem wiedererkannten Strassenkid von früher. Jaja, ich komme bald nach Hau-se…“ He, der hört mir überhaupt nicht zu! Der hat schon wieder was Zuviel intus. Hallo, brauche deine Hilfe. No Chance!

Auf meine sms bekomme ich viel später beim Eindunkeln Antwort, er sei jetzt im Daladala, super. Ja super, war er wohl, doch nur bis zum Majani. Um zehn Uhr nimmt Manyama ab. Er lässt Tom nach Hause verfrachte, danke.

Tom torkelt leise und konzentriert in die Küche und stellt sich denkend. Dabei denkt er, wenn er nicht redet, würde ich seinen Zustand nicht bemerken – diese ach so unschuldigen Trunkenbolde. Mir reicht es. „Und wenn du mir jetzt nicht sagst, weshalb du meinst, du müsstest trinken, dann sind deine Sachen gepackt.“ Oo ooh, falscher Moment? Ein irrer, wirrer, unfassbarer Blick. Gedankenstoss, jetzt bin ich aber gleich so was von tot…! Ich be-wege mich nicht mehr, atme kaum. „Willst du es wirklich wissen? … – … Also gut … – …. Ich möchte töten… Ich muss töten. Ich will einfach nur töten…. Dann wäre das beklemmende Gefühl weg. Aber ich kann nicht dich töten, dich habe ich gerne…. Und ich kann keine Un-schuldigen töten und die Kinder muss ich beschützen…“ Was redet der da? Ich schaffe es, dass wir uns auf den Boden setzen. „Ich muss Rache nehmen. Diese zwei… nur weil sie… ich muss sie töten. Who I am? Ich will töten, ich muss Rache nehmen. Soll ich dir verraten, wo ich die Waffe versteckt habe? Ich habe sie vergraben. Rache. Ich darf nicht zurück nach Kenya, ich werde rächen.“ Erste Tränen strömen. – „Und dann telefonierst du mit deiner Familie… ich, ich habe keine Mutter, ich kann nicht mit ihr reden. Wer bin ich? Ich weiss nicht wer ich bin, ich kann sie nicht fragen. Nein, ich weine nicht mehr, das habe ich genug getan. Ich muss Rache nehmen, ich werde rächen, ich muss….“. Deftige Kost. Es durchschütteln ihn lange Weinkrämpfe. Ich halte ihn wortlos fest. So langsam reime ich mir seine Geschichte kom-pletter zusammen. Es muss ein Raubmord gewesen sein, als er vier Jahre alt war. Seine Mutter muss entweder umgebracht oder verschleppt worden sein oder sie konnte fliehen. Seine Zwillingsschwester ist dabei gestorben. Seither wuchs er bei seinem Onkel auf. Seine Hin-terkopfenarben kommen wohl auch nicht von der Himmelsfahrt. Die Anstifter könnten reiche Nachbarn gewesen sein, die sich das Landstück mit Gewalt nahmen. Sein Vater – keine Ahnung. Seine Waffe? Die könnte er vom Militär haben. Dass er mal Soldat war, erzählte er. Aber mit den Jahreszahlen und Altersangaben bei seinen Geschichten bin ich mir nicht sicher, ob er als Kind Dienst „absolvierte“. Vielleicht liege ich mit meiner Geschichte auch völlig daneben. Aber jetzt machen auch das ständige Türenkontrollieren und das Riesenmesser unter dem Bett einen Sinn.

Was ich momentan als einziges tun kann, sind meine (bisher handvolle) Familiycalls in seiner Gegenwart zu meiden. „Das tut dir weh – warum sagst du mir das nicht? Das ist doch das geringste Problem. Aber reden musst du! Trotzdem Tom, ein Grund zum Trinken ist das alles nicht. Mach deinen Feinden nicht die Freude, indem du dich selber kaputt machst. Und wer weiss, vielleicht sind sie inzwischen anderst gerichtet worden, das liegt nicht in deiner Verantwortung. Und auch nicht in deiner Macht; da hast du so oder so, egal was passiert ist, kein Recht dazu.“ Es dauert lange, bis sich das Häufchen Tom vollständig beruhigt. Auch ich muss mich nach diesen News sammeln. Ich schlafe nicht viel. Meine alleinige Reise kommt gerade gelegen, so kann ich selber hoffentlich etwas Abschalten und meinen Kopf lüften.

06.09.2010 Private Safari

Zanzibar! Quasi einfach so, für drei Tage. So günstig komme ich nicht mehr auf die ge-schichtsreiche Gewürzinsel mit den türkisen Traumstränden. Glückskindmässig gibt’s gerade noch ein Sonderangebot; der Aufpreis für den separaten Zwanzigminutenflug von Dar-es-Salam nach Zanzibar ist ein voller Tausender, in Schilingi, also 70 Rappen!! Am Mwanza-Airport ist man ganz erstaunt, dass ich nur ein Handgepäck habe. „Nicht mal Fisch?“, womit beziehungsweise ohne-mit ich wirklich die einzige Passagierin bin.

Ich sitze in einem lauschen Sofasessel in der Wartehalle. Wartezeiten nutze ich, um meine sms-Folder zu misten. Da krieg ich eine Message von John-Unbekannt. Er habe durchs Internet von meinen Projekten erfahren und er möchte mit mir seine touristischen Ideen ausstauschen. Erwähnen tut er noch, dass seine Eltern durch einen Blitzschlag im Haus mitverbrannt worden sind und er als Waise die Chance hatte, gute Schulen zu besuchen. Die Zusatzinfos interessieren mich nicht, eher, wo denn meine Daten „öffentlich“ ersichtlich sind. Das kann er mir dann persönlich erklären. Ach so, er lebt in Tabora. Das ist nicht gerade ums Eck. Ich schreibe ihm, dass ich jetzt auf diversen Safaris in ganz Tanzania unterwegs bin und wenn er mal in Mwanza ist, darf er sich gerne melden. Später erhalte ich die Mitteilung, dass er nun einen Mailaccount eröffnet hat. Er steht nicht auf meiner Priority-List. Falls ich irgendwann mal spazig Zeit habe (was nicht der Fall sein wird), melde ich mich. Ich bekomme noch mehrere sms, wann ich dann schreibe oder anrufe. Ich finde es schon spannend, wie wildfremde Menschen auf einen zugehen. Nur leider kann ich all denen nicht wie von ihnen gewünscht gerecht werden. Genau wie der Kontakt des Sullivan-Hotel. Jan, damals gerade neuer Praktikant aus Holland bei SNV, suchte eine gute Bleibe. Ich hörte mich um. Das Haus von Hendrys Onkel war leider zu weit ausserhalb und knapp über dem Budget. Eva war neu ins Sullivan-Hotel eingezogen. Sie zeigt mir die Anlage, bevor sie für drei Monate nach Schweden abfliegt. Kurz darauf ruft mich der Manager Frank an, um einen monatlichen Zimmermietpreis für Jan auszuhandeln. Nach meinem Rückfragen antworte ich, dass Jan was anderes gefunden hat. Frank will mich trotzdem unbedingt treffen „Da gibt es noch ganz viel zu diskutieren“. Ich wüsste nicht was und stelle auch ihn hintenan, seine wöchentlichen Anrufe fangen an zu nerven. Kurz vor Evas Rückkehr hören diese auf. Und ich erfahre später warum. Evas Zimmer wurde ausgeraubt, alles weg! Laptop, Kamera, Kleider und Bargeld, alles. Mit Frank führt sie Krieg, der lässt sie merken, dass er es war, sie aber nichts dagegen tun kann. Sch…

Nun während meinem Flug sitzt Stephen neben mir, wieder eine perfekte Begegnung: Er ist der Laborchef der Fischexportfirmen in Mwanza. So zu fliegen und nebenbei zu arbeiten ist toll. Auf Bilharzia angesprochen, meint er, „Das kommt an der tanzanischen Seezone nur noch selten vor. Dort wo das Wasser stockt, könnte es haben. Der Rest ist „sicher“. Es wurde auch mit Chemikalien nachgeholfen.“ Und du selber Stephen, so neben der Arbeit, was isst du lieber, Fleisch oder Fisch? Juhee, wie aus der Pistole geschossen „Fisch“, das ist doch die richtige Antwort!

Bei der Zwischenlandung in Dar-es-Salaam klingt mein Name durch die Halle: Tom strahlt mich an, ein ganz netter Mensch. Also, nicht „mein“ Tom, doch, der ist natürlich auch nett, aber nicht er ist es, der mich gerade ruft. Tom arbeitete bei SNV in Mwanza und konnte vor einem Monat einen Tag auf den anderen in Arusha die Geschäftsstelle übernehmen. Dort leben auch seine Frau und Kinder. Jetzt ist nach drei Jahren zurück und es gefällt ihm ausserordentlich (ernährt sich ganz offensichtlich auch besser). In Mwanza hatte er alles liegengelassen und Mary vermietet nun in seinem Namen das komplett eingerichtete Haus in Kiseke PPF. In Dar-es-Salaam hat es ja „viele“ Wazungus, doch Tom hat mich sofort erkannt – schön, auch hier scheint die Welt manchmal klein.
Im siebzig-Rappen-zwanzig-Minuten-Flug mit fünf Passagieren in einem ganz normal grossen Airbus zur Mittagssonne bewundere ich viele kleine Trauminseln auf Zanzibar. Kurz dazu: Zanzibar ist ein halbautonomischer Staat des Unionsstaates Tanzania und bedeutet persisch „Küste der Schwarzen“. Im Jahre 1961, unter starkem politischen Druck von außen, schloss sich Sansibar zusammen mit dem unabhängigen Tanganjika zum heutigen Staat Tanzania. Davor war Sansibar nach einer blutigen Revolution der schwarzen Mehrheitsbevölkerung gegen die arabisch-stämmige Oberschicht (die Inseln waren von 1698 bis zum 6. April 1861 Teil des Sultanats Oman) unabhängig und tendierte sehr bald zum sozialistischen Lager. Das Gebiet umfasst die beiden Nachbarninseln Unguja (früher ebenfalls Sansibar genannt) und Pemba, jeweils mit Nebeninseln, sowie der abgelegenen kleinen Latham-Insel. Im Jahr 2007 betrug die Gesamtbevölkerung 1.155.065.
Am Flughafen holt mich Chris von world-unite.de ab. Wir haben mehrmals ein paar Momente Zeit, uns über seine und meine Arbeiten zu unterhalten. Hut ab Chris, was du alles so jung auf die Beine gestellt hast und weiter am Erschaffen bist! Und ist das schön zu erfahren, dass ich einen Nachfolger haben werde: Rouven, ein deutscher Volontär hat für Mzwanza zugesagt – nachdem er meinen Blog gelesen und ich ihm noch ein paar Zusatzinfos gegeben habe! Wäh-rend Chris im Office Zenith Tours arbeitet, erkundige ich Stone Town. Enge Gassen, riesige goldbestückte Zanzinbartüren, feinste Strände, romantische Bootsbilder, alle Frauen verschleiert, die meisten Männer traditionel gekleidet. Es ist immer noch Ramadan, die Stadt ist eher ruhig, das Marktleben fängt erst spätnachmittags an. Riechen die frischen Chapatis herrlich, sehen die Dattelberge zum Reinbeissen aus. Unapettitlich hingegen finde ich die vielen Wazungu – überall wimmelt es von Touristen. Nichts dagegen, Tourismusförderung ist auch gerade mein Job. Aber bitte nicht so: halbnackt laufen die Ausländer rum! Ich finde, etwas anpassenden Anstand wäre angebracht. Ich selber trage mein knöchellanges blaues Schlauchkleid, darüber ein weisses, langärmliches Stoffjäckchen, über den Popo reichend. Unerwartet machen mir die Frauen Komplimente und einige ältere Herren im traditionellen muslimischen Gewand grüssen mich respektsvoll. Ich komme mit der lokalen Bevölkerung leicht in Kontakt. Auch lasse ich mir meine Fussfesseln Henna-verschönern, um mit den Frauen plaudern zu können. Mein blumiges Tattoo beginnt an der Fussmitte aussen und schlängelt sich über den Knöchel hinauf bis mitte Wade – hübsch. Etwa fünfzehn Minuten heisst es stillhalten. Ich verbringe zwei Stunden fröhliche und friedliche Stunden in der Frauenrunde. Wir sitzen auf der Wiese im alten Ford und diskutieren viel sehr Persönliches und auch sehr Intimes. Mein Geschlängel erinnert mich nun drei Wochen lang an diese einmalige schöne Begegnung.

Ich besuche diese Tage noch die Prison-Island, wo ich mit einigen der hundert Riesenschild-kröten schmuse: Beim Halskraulen recken die sich als wären sie Schmusekatzen. Der älteste Schildknabe hat 185 Jahre auf dem Buckel und – da ist wohl mancher Mann eifersüchtig – er ist sexuell immer noch aktiv! Ich mache danach (nach dem Besuch, hab sicher nicht die Ak-tivität getestet) alleine einen ausgiebigen Spaziergang am Strand und heimse heimlich ein paar Muscheln ein. Mein Kapitän muss dann noch etwas länger warten, ein ausgiebiges Meeresbad lockt.

Auch mache ich einen Ausflug zu einer Gewürzfarm und werde mit Wurzeln und Samen und Keimlingen eingedeckt. All die super interessanten Infos über die Pflanzungs-, Zuberei-tungsarten und Wirkungen – wenn ich mir nur schon einen kleinen Teil merken könnte. Dann folgt etwas Shopping in Stone Town. In Mwanza gibt es (noch) keine wirklichen Mitbringsel zu kaufen – hab wohl darum bis heute nicht daran gedacht. Aber hier, ein Shop am anderen. Allerdings bin ich enttäuscht, weil das Meiste aus Kenya stammt und vielfach gar nicht zanzibar-typisch ist – bis natürlich auf die riesigen goldgeschmückten und kunstvoll ge-schnitzten schweren Holztruhen, das wäre schon was. Beim Bummeln im alten Ford, am Strand und in den Läden rede ich mit vielen Leuten. Bei Rambis, dem Künstler gleich eingangs links Ford, verbringe ich eine angenehme Plauderstunde. Allgemein freuen sich die Menschen, mal mit einem „Touri“ länger und auch Privates zu bereden. Meine Souvenirs und Früchte erstehe ich entsprechend zu Lokalpreisen, schliesslich bin ich eben keine Touristin und nehme mir auch genügend Zeit mit den Menschen. Ich besuche das House-of-Wonders und geniesse stille Momente am Beach.

Was das Kulinarische anbelangt, da wähle ich drei mal Meeresfrüchte. Es schmeckt ganz gut. Doch ich las, auf der Spice-Island erfahre man neue Sinnesgenüsse. Vielleicht bin ich zu sehr verwöhnt, ein geschmackliches Highlight ist nicht annähernd darunter. Interessant ist die Begegnung mit Salim und Mahida, einem jungen Paar aus Palästina, welches sich nach einem Zanzibarurlaub, entschlossen hat hier zu bleiben. Zusammen mit dem Bruder Khaled und seiner Frau Aisha haben sie 2005 das Viersternehotel Casa-del-mar-Zanzibar in Jambiani eröffnet und sind an weiteren Projekten dran. Im Hotel arbeitet ausschliesslich die örtliche Bevölkerung mit. Jambiani befindet sich eine gute Autostunde von Stone-Town aus, an den südöstlichen Strand der Insel. Ja, die Anlage gefällt mir, doch bin ich nicht so romantisch ein-gestellt, als dass ich eine Woche hier bleiben möchte.
Schön ist auch die Bekanntschaft mit Carolien und Jaume. Die Holländerin ging mal für zwei Wochen nach Barcelona in einen Sprachkurs. Daraus sind mittlerweile zweiundzwanzig Jahre geworden – natürlich nicht der Schulbesuch. Carolien und Jaumes NGO heisst Kirabo, hauptsächlich in Camerun tätig. Sie arbeiten und reisen im Sommermonat volontär umher und sind dabei auf der Suche nach weiteren Herausforderungen. Sie haben soeben für world-unite in einer Schule unterrichtet. Bei ihrer Abreise schenken sie mir zwei Scheren, die sie vergessen haben, in der Schule zu lassen. Und schon folgt morgen Morgen meine eigene Rückreise. Doch heute zeigt Chris mir noch einen tollen prospektträchtigen Strand. Da will ich mich gerne ausgiebig ausschwimmen. Gerade Richtung Wasser laufend, höre ich mein Telefon. Presicionair „Habari Andrea. Dein Flug morgen nach Mwanza wurde gecancelled. Wir haben dich auf die frühere Maschine um zehn gebucht“. Asante für den Call, ist ja schön und gut, nur fliege ich um zehn erstmal von Zanzibar nach Dar. Also zwei Möglichkeiten, heute schon in Dar Zwischenstation machen oder erst am Dienstag zurückfliegen. Variante eins, ich habe am Dienstag Sitzung. So bleibt nichts anderes übrig, Chris muss mich gleich zum Flughafen chauffieren.

Beim persönlichen Laufband-Check-In werde ich ganz höflich beiseite genommen. Sch… ja, mein Fehler, hab doch nicht an die beiden Schnippschnapps im Handgepäck gedacht! Mzungu wird abgeführt, zurück zum Ticketpult. Dort kriegt die Eincheckdame zuerst einen Rüffel, weil sie mich nicht nach „solchen Sachen“ gefragt hat. Die Herren sind ganz nett. Sie klären mich sanft auf, warum ich Scheren & Co. nicht mitnehmen kann – es gäbe nämlich ganz viele böse Menschen auf der Welt. Ich weiss – das mit den gefährlichen Menschen und Gegenständen. Es ist absolut mein Fehler, pole sana. Dann verzichte ich auf die Scheren und lasse sie hier, hamna shida, kein Problem. Neinnein, so nicht Fräulein Mzungu! Ich muss ganz schön lachen: die Scheren werden nun in zwei Couverts ineinander gepackt. Dann werden fett mein Name und meine Telefonnummer draufgeschrieben und et-voilà, als Gepäck aufgegeben! Wir stehen noch etwas fröhlich unterhaltend da. Die anstehenden Touristen taxieren mich von oben bis unten, was hat die wohl gemacht, dass sie so ungezwungen mit der Flughafenpolizei hinter dem Tresen steht.

In Dar-es-Salaam werde ich von Presicionair im Bluepearl untergebracht. Eine Stunde Rush-Hour, Harakiri-Fahrmanöver vom Feinsten, besser Kriminellsten. Dann der „Kulturschock“: Meine Luxussuite liegt zu oberst, hoch über der grauen, stickigen City im 13. Stock! Sie hat eine stylische schwarz-chrome Küche, ein loungiges dunkelbraunes zwei-Sofa-Wohnzimmer mit granny-smith-grünen Kissen, ein brillendes grosses Bad mit funkelnder Badewanne, ein XXLarge Bett, flauschige bordeaurote Duvets, Flat-TV und durchgehende Fensterfront über die ganze Stadt! Inklusive sind ein Diner nach Wahl, Frühstücksbuffet sowie die beiden stündigen Transfers in hauseigener Limousine. Ich grinse ganz schön in mich hinein und laut heraus. Perfekter Service der Airline und à la grande Dame, füge ich mich der Kulisse und hab schon wieder wie selbstverständlich meine interessanten Gesprächspartner.

Und von Dar-es-Salaam sehe ich am Morgen einiges, weil der Chauffeur extra Umwege ein-fliessen lässt. Am Flughafen leiste ich mir noch ein paar Bücher und mache es mir im kleinen Terminalrestaurant bequem. An der Theke frage ich nach einem Maji kubwa moto Wasser-gross-warm. Der Kellner läuft zum Kühlautomaten. Moto, nicht baridi. Ich glaub, ich spinn. Der legt die Petflasche in die Mikrowelle! Ich hab wieder mal einen Lachanfall in aller Öf-fentlichkeit zu aller Belustigung.

Doch, Zanzibar war wirklich ganz schön… ja, es kommt ein aber… unerwartet bekam ich nach dem ersten Tag Heimweh. Mein erstes Heimwehgefühl seit ich in Tanzania gelandet bin. Mit „Heim“, da meine ich Mwanza!

Und schon steht es da: auf dem Flughafendach „Mwanza, the City of Rocks“. Wie hab ich dich vermisst! Unerwartet wartet Tom, den hab ich auch ein bisschen vermisst. Wie gehts ihm wohl? Ein neues Shirt (jetzt hat er vier), ein neuer Chapper und Sonnenbrille. Stimmt, wir haben am Sabasaba Ground Gewerbeausstellung “Trade Fair“. Chérie-Babu arbeite dort in einem Restaurant. Freut mich echt zu hören, dass er dem Pikipiki-Job wahrlich entsagt hat und wirklich aktiv was tut. Ich gehe gleich mit, Ausstellungsluft schnuppern. Mister Mmary von der Lederfabrik läuft mir willkommen über den Weg. Ist der schön happy, als einer der Hauptorganisatoren. Es sind 180 Aussteller, schon das Doppelte wie letztes Jahr! Man findet Gärtnerutensilien und Pflanzensamen, chinesischen Firlefanz für Kinder, traditionelle afrikanische Kunst und Gewerbe, „Gesundheits-„Stände mit Wunder-Cremchen, Wunder-Salben, Wunder-Tees&Co, undundund. Und sind die laut, die Getränkeanbieter, die sich gegenseitig in schlechter Tonqualität übertönen. Die arabische Wahrsagerin hat ihren Auftritt erst am Nachmittag, wie auch der bein- und armlose Knirps und der biegsame Mann-ohne-Knochen zum Bestaunen. Tom findet das Neuland aufregend, ich bin froh, dass ich den Schaustellern entgehen kann. Da lass ich mir willkommener einen knusprigen Lunch servieren.

Daheim. Tom hat doch diese Tage zweimal angerufen, er sei am Putzen. Warum sagt er das überhaupt, das ist ja sowieso sein Part. Er wäscht Kleider, nimmt die Böden auf; ich bin für den Abwasch zuständig. Ich koche Morgens zuerst Wasser ab, bereite den chiligewürzten Morgen-Chai und verräume die Kleider, während er seine Mails checkt. Später sitze ich vor dem PC und er zupft mir die Häärchen von den Beinen. Ich schneide ihm die Fussnägel, er wäscht mir die Haare. Es gibt vieles, was sich ohne Worte eingespielt hat, ich finds schön. Aber jetzt? Nichts ist gemacht, es steht alles und noch mehr herum. Diesmal koche ich, nicht das Wasser. Und das mit ganz grossen Blasen, als ich entdecke, dass er den Riesenstapel Fotos, den er hätte verteilen sollen, statt verteilt, durcheinandergemischt hat. Was ist mit dem Typen los? Neben dem schrecklichen „Geständnis“ vor meiner Abreise, spätestens seit ich das Ticket von Zanzibar in den Händen habe, benimmt er sich so komisch. Jetzt fetzen wir uns. Später entschuldige ich mich insoefern, dass er erstmals mit einer Frau zusammenwohnt und nicht wissen kann, dass diese gerne in eine aufgeräumte Wohnung zurückkommt. Er eröffnet mir, dass er momentan auch gar nicht wisse, ob er mich gern habe. Er sei am „Abwägen“ und „manchmal bist du halt auch keine Einfache“ – wem sagst du das! „Trotzdem, Tom. Da gibt’s nichts zum abzuwägen. Wenn du lieber mit deiner Exfreundin zusammen wärst, dann tut es mir leid, dass sie dir auf deine Mails nicht antwortet. Hast du eine Vergangenheitskrise und weißt nicht, was du in Zukunft machen wirst? Ich kann dir keine Entscheidungen abnehmen. Ich kann deine Gefühle zwar nachvollziehen, dass du dich als Mann nicht gerne von einer Frau „abhängig“ fühlst; aber du hilfst du mir ja bei meiner Arbeit als Gegenleistung. Und du meintest ein- zweimal, ohne mich seist du vorher auch durchs Leben gekommen. Das wird auch wieder so sein. Aber eines noch, wenn du immer noch an deiner Exfreundin hängst, dann solltest du mir dies fairenhalber sagen, deswegen gehen, müsstest du nicht. Und was das „Andere“ anbelangt, nehme dein Schicksal an, vergebe und vergesse, du bist bei Weitem nicht der einzige auf Gottes Erden, dem was Schreckliches passiert ist. Jeder von uns hat seine Wege zu gehen – ein Teil meiner Vergangenheit würdest du auch nicht erlebt haben wollen, ich erzähls nicht. Aber wenn du fortgehen möchtest, es steht dir frei. Wenn du „nur“ der Bequemhaftigkeit wegen bleiben willst, dann ist das auch ok. Einfach sagen sollst du es mir. Ich will keine I-love-yous hören, wenn sie nicht ehrlich gemeint sind.“
Ich meine, ich bin nun nicht wirklich besser. Unsere Partnerschaft ist sehr schön, wir funkti-onieren wirklich ausgezeichnet miteinander. Aber ich weiss seit Beginn, dass dies für mich ein befristetes Zusammensein ist – ich kam zuallerletzt eines Mannes wegen hierher nach Afrika. Auch „benutze“ ich ihn für meine Arbeit und für meine privaten Ziele und Wünsche; nur, ich habe ihm das so gesagt. Ehm, vielleicht zuwenig klar das mit der Beziehung-auf-Zeit.

Das MTIC kommt voran. Unsere kreativen Sitzungen inside machen Spass. Zuhause arbeite ich weiter an den Plänen interieur und exterieur. Mein Kopf sprudelt wieder Ideen. Nebenbei tippe ich am Tagebuch, sortiere weitere Fotos und mache Zusammenstellungen etlicher Gedanken, Arbeiten und Kontakte, die ich Mary übergeben werde.

Die folgenden zwei Weekendtage erleben wir nur zwei Zwischenfälle. Ein Nerviger und ein Aufreibender. Einer ist, wie könnte es anders sein: Das liebe Badlavabo. Es ist nochmals er-wacht. Wenigstens diesmal so rücksichtsvoll, dass es uns nicht wieder aus dem tiefsten Tiefschlaf reisst. Wir kaufen in der Stadt einen neuen Schlauch, borgen rundherum Werk-zeuge und kriegen das Silverbaby unerwartet ohne viel Wasserverlust hin. Es hat mir ja fast was gefehlt…

Auf das zweite Ereignis hätte man auch gerne verzichtet, sehr liebend gern sogar. Sonntag ist Wäschetag: Der weisse Riese ruft. Bei unserem Corner Sabasaba herrscht jeden Sonntag Chaos. Es ist Wochenmarkt. Die Händler reihen die Kleiderware und Wolldecken und Moski-tonetze an ellenlangen Leinen auf – farbig kunterbunt in Richtung Kiseke hinein. An der Hauptstrasse entlang Richtung City flattern die weissen Leinentücher und Unterhemden und -wäsche für die Damen. Reklameträchtig. Ich liebe diese Bilder. Natürlich fehlen auf dem Boden ausgebreitet die plasternen und emailernen Haushaltartikel, die Masaimedizin, Secondhandschuhe, Schulranzen, Bettgestelle und Kitschkram nicht. Ein bisschen schade, dass nirgends, auch bei den temporären Strassenrestaurants kein Verweilcorner vorhanden ist. Ich würde gerne einfach wo sitzen und beobachten. Aber an den Wochenmarkt kommt man ausschliesslich um zu geschäften. So setzen wir uns meistens gegenüber der Hauptachse in ein Strassenkaffee.
Diesen Sonntag widme ich mich zuerst gemütlich dem Wäschechaos daheim. Tom geht vo-raus. Seine zitternde Stimme am Telefon „Ohh Andrea, könntest du bitte schon jetzt kom-men? Bitte!“. Eine halbe Stunde später bin ich beim Sabasaba unten. Der Tom ist aschfal im Gesicht und schwitzt! Malaria wäre ja das kleinere Übel. Seine stockende Erzählung: Er hat sich soeben genüsslich hingesetzt. Vis-à-vis am Strassenrand beobachtet er amüsiert eine Mutter mit Tochter. Die dünne Alte trotzt wie ein Kind, die junge Frau redet auf diese ein. Sie streiten scheinbar um den Inhalt in der dunklen Tüte; auch ein paar Geldscheine spielen eine Rolle. Sie geraten sich richtiggehend in die Wolle. Der Greisin reichts dann, sie läuft der Tochter wortlos davon! Sch…. Sie stampft einfach über die Strasse! Aaaaachtung…. Tom und die Tochter müssen zusehen, wie sie gleich von einem Landrover überfahren wird!! ….. Der Fahrer hatte keine Chance. Er wich der Alten noch halbwegs aus, hat sie aber trotzdem voll erwischt. Er selber landet im Strassengraben; genau vor Toms Füsse! Die alte Frau liegt blutüberströmt und deformiert daneben. Ich bekomme nur noch die Bremsspuren und die Blutlache zu sehen – reichen mir vollkommen. Tom gehts wirklich mies, verständlich. Der Unfallfahrer ist ein Einheimischer. Seit Jahren fährt er für die eine NGO. Heute musste er eilig einen Mzungu zum Flughafen bringen. Die Insassen sind wunderweise unverletzt geblieben, das Fahrzeug habe keine Scheiben mehr. Ich hoffe für den Mzungu, dass dieser nur einen beschützenden Schock hatte und die Verunfallte gar nicht realisierte. Denn er sei nur händeringend auf der Suche nach seinem Laptop gewesen. Die Alte wurde zügig ins Spital gefahren, das Gefährt zur Polizeistation geschleppt, der Fahrgast an den Flughafen transfe-riert. Tom hält meine Hand wie ein Rettungsanker „Oh Andrea, lass mich jetzt nicht alleine“. Er bekommt Alpträume. Drei Tage später, wir sind beim Fährenareal, zeigt mir Tom vor der Polizeistation den Unfallwagen. Viel Fahrzeug ist das nicht mehr. Oje, der Fahrer steht davor. Seit drei Tagen. Seit drei Tagen geht er nicht nach Hause, isst nicht, schläft nicht, macht sich Vorwürfe, wenn nur er anstelle der Alten im Spital liegen würde. Ich spreche ihm mein Bedauern aus und versuche sanft an seinen Verstand zu appellieren; seine junge Familie braucht ihn. Jeder bestätigt, wie er der Seniorin ausweichen wollte, er kann nichts dafür! An Schicksal glaubt er weniger, beziehungsweise, ich muss ihm sagen, dass es Gottes Wille war – warum auch immer es gerade ihn und diese Frau getroffen hat. Plötzlich fühle ich eine weitere stumme Hand in meiner – ein kleiner Fortschritt. Just erfahren wir von der Polizei, dass die alte Frau den Spitalaufenthalt wahrscheinlich nicht überleben wird. Wir sprechen ein kleines Gebet. Am nächsten Tag entdeckt Tom vor dem Haus eine neue unbekannte rote Blüte. Er stockt. Ich sage ihm, er soll ihren Abschiedsgruss annehmen und ihr einen guten Weg wünschen. So war es denn auch…

Und dann packen wir wieder gemeinsam. Ich habe hin- und her überlegt, ob ich alleine fahren soll. Aber Tom erleichtert mir das Organisatorische ungemein. Also also zwei Tage Butiama, endlich. Madaraka hat uns schon lange und mehrmals eingeladen. Wenn wir uns zufällig in der Stadt treffen, haben wir nicht wirklich Zeit füreinander. Tom sträubt sich seit jeher; es ist eine Respektsangst gegenüber Madaraka Nyerere, dem Präsidentensohn.

Wir entschliessen, bereits die Vornacht ausserhalb bei der Carstation zu verbingen, So kriegen wir stressless einen der ersten Busse für die dreistündige Fahrt. Die Nacht ist mittellang. Das Lokal dämpft die Musik nicht nur auf Toms Reklamation hin, sondern knurzt sie sofort ab, asante! Ein paar Morgentässchen türkischen Kaffes gibt’s mit den ersten Männern des Tages an einer Kreuzung. Dort genehmigen sich die Frühaufsteher ihr erstes Päuschen, und geben bei Coffe und Glimmstängel den vorabendlichen Tratsch ihrer Ehefrauen weiter.

Ich geniesse wieder die wunderschönen Szenen des still vorbeiziehenden Villagelebens. Die eine oder andere Felsformation erkenne ich wieder. Weniger geniesse ich die langen Mo-mente, als der Bus nach einer Haltestelle einfach weiter fährt und der Fahrer zuerst gar nicht verstehen will, dass mein „Husband“ noch draussen, irgendwo auf Pipi-Tour ist.

Gerade bei einem weiteren illustren Zwischenstopp streikt der Fotoapparat. Keine Ahnung warum, Himmelherrgott! Entweder ist weisser Kabis gerade Saison oder es ist die Region dafür. Die Riesenbälle-balancierende Händler sehen einfach nur toll aus.

Butiama ist schön, friedlich, gefällt mir. Der Homeplace von Tanzaniagründer und ersten Präsidenten Julius Nyerere ist auf einem Hügel gelegen. Die offizielle Staatslimousine steht still neben seines Vater Grab und das seiner 105-jährig gewordenen Mutter. Das anthrazit-steinerne Mausoleum daneben, die Fenster grösser als die Türe; es fügt sich neutral in das Wiesen- und Felsgelände ein. Der inwendige schwarze Marmorkubus ist überhäuft von Plas-tikblumen und Briefen – Pilgergaben. Das alte und ehemalige Elternhaus sowie die traditio-nellen Getreidespeicher stehen unverändert da. Einzig was fehlt, ist die Friedensfackel auf dem höchsten Felsvorsprung. Diese ist seit Staatsgründung 1961 jedes Jahr in ganz Tanzania unterwegs – schöne Geste. Auf dem steinigen Grundstück wimmelt es von Velvet-Affen und schönen Pflanzen. Madarake lädt und ein: Wir machen es uns auf der Veranda familien-freundlich bequem.

Julius Nyerere war Sohn der fünften Frau seines Vaters (ganze zweiundzwanzig Weiblein hatte dieses Oberhaupt als Chief zufriedenzustellen). Madaraka lacht „Nein, mir hat schon Eine gereicht. Und ja, ich beabsichtige, mich an einen Stammbaum zu wagen. Ich muss ungefähr 6500 „nahe“ Verwandte haben.“. Julius Nyereres beste Freunde waren Nelson Mandela und Sambias Staatspräsident Kenneth Kaunda. Als Mwalimu, Lehrer, lebte Julius Nyerere in dem einfachen schmucken Haus. Der Staat baute ihm später ein Grösseres, wo er schon nicht einziehen wollte. Nach dem gewonnenen Kagerakrieg (Tanzania/Uganda 1979) baute ihm das Militär in Freiwilligenarbeit noch ein Weiteres. Allerdings so gross, dass er mokierte „Ich bin doch kein Elefant!“ Madaraka, danke für all deine geteilten persönlichen Erinnerungen – ich schätze und ehre das ehrlich, dass wir uns menschlich auf einer ganz natürlichen Du-Du-Ebene gegegnen, ich finde ich dich einen ganz tollen Menschen, asante sana. Es ist einer dieser Begegnungen, wo man vom ersten Augenblick das Gefühl hat, diesen Menschen sei ewig zu denken. Einer von Madarakas lachendsten Geschichten ist, wie er vehement nicht als Sohn von Julius anerkannt wird (nach der Rückkehr seiner Studien im Ausland), weil ein Cousin-oder-so mit seinem Namen offiziell aufgetreten ist oder die von mir, mein Statemant, wenn im Gespräch jemand sagt, er sei mit dem Staatsgründer nahe verwandt und ich ihn dann sage; „Für den Fall, ich kann dir gerne die Telefonnummer deines Verwandten, dem jüngsten Sohn Julius, geben.“…

Madaraka bleibt daheim und bittet mich, bei der Führung durch das staatliche Museum und private Mausoleum die Angestellten „zu testen“, und ihm über deren Arbeitsqualität zu berichten. Das Julius Nyerere Museum präsentiert eindrücklich all die persönlichen Gegen-stände, Zeitungsausschnitte, Geschichtliches, unzählige Geschenke und Auszeichnungen aus aller Welt; seine Friedensbemühungen sind ehrenswert. Wenn der Inhalt nicht so spannend wäre, würde auffallen, dass das Intrieur langweiliglasch ist. Zur Guidequalität: „Solala“ fällt mein Urteil aus. Ideen zur Umgestaltung der beiden Plätze hätte ich schon, die gefallen Ma-daraa. So hoffen wir auf einen wiederkehrenden Aufenthalt von mir – nicht mehr in diesem Jahr.

Wir lachen herzhaft viel mit Madaraka. Toms Befangenheit konnte sich nicht anders als schnell legen. Er bestätigt mein Empfinden schüchtern, dass Madaraka „Einer-wie-wir“ ist. Seine Art, seine ruhige Art, sein explosiver Witz, sein versteckter Charme, den muss man mögen. Und natürlich bestätigen Madaraka und ich uns beide gegenseitig – smile – dass Löwen-Geborene halt doch die besten sind. Dann speisen wir an der Privattafel. Ich wusste schon, dass Madaraka Vegetarier ist, und fleischlos wäre absolut ok. Trotzdem finden wir für Tom und mich auf den ausland aufgetischen Platten wunderbar saftiges Rind; der weiss Reis und die verschiedenen speziell gewürzten Gemüse, schlemmerlecker. Wieviele hochrangige Persönlichkeiten sassen wohl schon an dieser langezogenen 22-plätzigen Tafel? Der Raum ist kaum ausgeschmückt; schlicht sind die hellen Vorhänge, das weisse Geschirr, der dunkle Wandschrank seitlich. Passt zu Julius und Madaraks Charakter. Und als Geschenk – wenn auch nur gedanklich spürbar: Madarakas Mutter kam auch heute an! Sie wohnt hauptsächlich in Dar-es-Salaam. Soeben macht sie ein Nickerchen nebenan. Tom flösst die Vorstellung, Julius Nyereres Witwe in solcher Nähe zu haben, ungehörig Respekt ein. Ich weiss, er würde die Mama-of-the-Nation gerne treffen, auch wenn er es nicht getraut auszusprechen. Im Nachhinein reut es ihn enorm, dass er mir den Kompromis abgenommen hat, nicht in Julius Nyereres Haus zu übernachten (ich hätte mich eigentlich darauf gefreut, in Nelson Mandelas Gästebett zu schlafen). Nach dem Lunch lädt uns Madaraka ehrvoll ein, in der privaten Bibliothek seines Vaters zu schmöckern – diese ist nicht öffentlich zugänglich. Komisches Gefühl: Madaraka knipst Fotos von mir, als ich mich ins Gästebuch eintrage! Dabei werde ich etwas nervös, was vielleicht gut ist, dass ich somit nicht all der Staatsmänner-Namen wahrnehme, die sich vor mir eingetragen haben… Gedanklich muss ich wiedere schmunzeln, Thema “VIP“? Antik verstaubt, vergilbt, über hundertjährig, modern, hochglanz, xsprachig: die 8000 Bücher über Philosophie, Religionen, Länder, gewichtige Romane und anderes – hier könnte ich ein ganz schönes Weilchen verweilen. Zeitlich knapp bringe ich Madaraka nicht mehr dazu, dabei auf seiner ersten Guitarre – die ich dort einem Eck entdeckt habe und er versuchte dies zu verneinen – zu spielen. Kesho „Morgen“, smile.

Danke für den Tag, Madaraka, es war wunderwunderschön!

Auf dem Rückweg nach Mwanza übernachten wir in Magu, eine Stunde noch bis Mwanza. Zurück in der „Realität“. Der Markt ist ansprechend mit den ausladend gefüllten Stand-gerippen. Magu selber nicht speziell. Er kommt als nicht wirklicher Muss-Ort auf unsere Touristentourliste. Auch der Strand sei zu weit weg. Als einzige Action erleben wir auf unse-rem Morgenspaziergang, wie wieder mal ein Daladala zu gaspedalig im Graben landet – die Schrammen kriegt nur das Gefährt ab, keine Gäste, gottseidank. Wir diskutieren mit Ein-heimischen (hälftig wunderbar trunken zur Morgenstunde), trinken Kaffee und bezahlen auf dem Weiterweg ein paar Strassenkindern eine Mahlzeit.

Mwanza – welcome home! Genug früh zurück in der steinernen Big-City Mwanza machen wir uns gleich auf die Suche nach einem neuen Secondhand-Fotoapparat. Mich ohne Kamera gibts seit Jugendgedenken nicht. Hier benutze ich aber das Argument, dass ich diese für meine Arbeit brauche. Ich weiss nie, wann ich auf was und wen stossen werde, wo Fotos von Vorteil sind. Mein Ego würde inzwischen apparatlos ohne Murren überleben. Doch dem allgemeinen „Verständnis“ gegenüber jammere ich natürlich auch ausgiebig über die (wieder) unvorhergesehene Investition. Tom bekommt dabei jeweils doch ansatzweise ein schlechtes Gewissen. Er ist ja „Schuld“ an meinem Unfall, ohne diesen ich noch meine beiden Kameras besässe. Fies, so nutze ich das jeweils aus, dass der Herr sich ein paar Tage zurückhält, die Wirtschaft am Laufen zu halten… Auf der heutigen Suche stossen wir auf den Radioflicker Silvain, einen immigrierten Kongolesen. Ist unerwartet herzerwärmend schön, wieder mal französisch zu quasseln. Silvain schleusst uns durch unzählige kleine Gässchen, amüsant, interessant. Und ich finde sie, die Kamera, super preisgünstig und sogar wasserfest (letzte Feststellung behalte ich preiseshalber für mich)! So werde diesmal ich noch spendierfreudig(er). Wir trinken ein Dankesbierchen in die Nacht hinein, oder zwei, drei? Mir gefällts am Makoroboi-Market-Restaurant. Ich bin sowas von heimisch hier. Dies spüren scheinbar auch andere. Wunderlich bleiben sogar die bettelnden Strassenkinder anständig zurückhaltend und sie lassen mich sogar auf dem alleinigen Weg zum Toilettenhäuschen in Ruhe. Vier Bierchen, fünf,… so stockdunkel war unser Pikipiki-Heimweg von der Stadt aus-wärts noch nie.

Noch nicht tageshell, poltert es uns aus dem Bett. Diesmal ist es wahrhaftig Josephine. „Wo bleibt die letzte Miete, wann bezahlst du, wie lange bist du überhaupt noch hier, ich habe andere Mietanwärter, …“ Habari za asubuhi. „Guten Morgen Josephine“ erwidere ich laut, „Giftspritze“ denk ich leise. Die letzte Miete. Also, um den zwanzigsten bin ich weg und ich werde eine Aufstellung machen, was ich noch investieren musste. „Du hättest gar nichts inves-tieren, sondern mich zuerst fragen müssen“. „Sei froh, Josephine, dass ich das nicht so gemacht habe. Du würdest dein Haus nicht mehr finden, es wäre wohl inzwischen wegge-spühlt. Wie du gleich hier an der Hauswand siehst, weicht sich auch diese langsam auf, ein Rohrleck inwendig wahrscheinlich. Zudem habe ich momentan nichts Bares im Haus.“ Sie fängt an zu schnauben. „Ich brauche das Geld jetzt!“ Tut mir leid Josephine, du kannst mich nicht forcieren, deswegen und sofort in die Stadt zu fahren. „Morgen bringst du mir das Geld, ich muss wieder auf Reisen“. Ich bleibe freundlich und unverbindlich, ohne mein Wissen Preis zu geben. „Andrea, ich schreibe dir eine Aufforderung, dass du das Haus verlassen musst“. „Wenn du das möchtest Josephine, bitte.“ Grusslose Kehrtwende! Ich gehe wieder schlafen, diese Dame interessiert mich kein Deut. Mary schreibt mir kurz darauffolgend eine sms, Josephine rief sie an. Ich sei äusserst unhöflich und frech gewesen (!), sie werde das Haus von der Polizei räumen lassen. Das passt, ich schmunzle. Und Polisi? Damit hätte ich kein Problem, ich hab auch so meine Beziehungen. Später bei Mary, erinnert sie sich von selber, dass Josephine uns bei Mietbeginn sagte, dass der Endmonat für mich gratis ist. Dies, weil ich volle fünf Monate auf einmal bezahlte, aber später als Monatsbeginn eingezogen bin und um einiges vor Monatsende wieder gehen werde. Danke Engel Mary! Da hat Josephine sich nun geschnitten. Und wie es der Zufall will, steht ab Übermorgen Nachmittag Toms-PPF-Haus frei. Darauf gehe ich heute nicht in die Stadt und geniesse und teile mein Heim „protzend“ (tut das innerliche Grinsen gut)…

Tagsdarauf am Samstag schlafen wir aus und geniessen einen weiteren Tag. Diese klare Luft, keine Josephine in Sicht.

Gegen abend bügeln wir uns glatt. Misses und Mister Tom sind eingeladen: Hochzeitsfeier von Revocatus (Manyama) und Annastazia. Blau-Violett sind die Dekofarben. Im Raum sind die kleine Bühne für das Brautpaar hübsch mit plasternen Blumenbouquets geschmückt und mit kitschigen Neonlichterketten beleuchtet. Rechts und links davon befinden sich je die langgezogenen Tische getrennt für die Familien der Braut und des Bräutigam. Es ist alles zum Zentrum gerichtet, wo bereits die dreistöckige Hochzeitstorte auf einem Tischchen gespannt aus dem Klarsichtpapier guckt. Wir warten auch – für die Freunde ist das Eck zuschliessend vierreihig gestuhlt. Das dauert… Vorwitzig ich, kann ich es mir natürlich nicht verkneifen, mit Tom auf die Hoheitsstühle für das Brautpaar zu sitzen; applausapplaus unserer Freunde… Dann endlich. Die Zeremonien beginnen mit dem angekündigten Einlaufen der beiden Familien. Es folgt das Brautpaar, welches die rosa Türschleife unter lautem Zugejauchze durchschneiden darf. Dann füttern sich die beiden gegenseitig mit der Hochzeitstorte. Dann reden die Glückwünsche, dann knistern die Geschenke, dann umarmt das einzeln persönliche gratulieren und dann drei Stunden später duftet das Diner (endlich). Annastazia ist eine wunderschöne Braut im rückenfreien, kurzärmligen weisse Brautkleid. In Zanzibar erfuhr ich von den Frauen, dass der Mann für Henna-Tattoos aufkommen muss. Manyama liebt Annastazia wohl sehr, ihre kunstvollen Hennablumen müssen ein Vermögen gekostet haben. Ich sollte eigentlich ehrenhaft den Hochzeits-Champagner köpfen, aber das überlasse ich gerne der energisch alten Dame, die sich dafür aufdrängt. Gut so, ich hätte kläglich versagt: Es ist üblich, diesen ganz lange tanzend ganz wild zu schütteln – der Knall ist entgegen meiner erwarteten Befürchtung dumpf und gar nicht spritzigschäumend. Der ganze Abend ist strikt durchorganisiert und um Punkt Mitternacht ist die Show Schlag-auf-Schlag vorbei! Und alle sind mysteriös verschwunden – wie scheinbar auch eine handvoll Handys der Hochzeitsgäste…

Vorsorglich haben wir ein Zimmer im Majani-Beach reserviert. Dort celebrieren wir weiter. Ich bin wieder mal nicht nur die einzige Mzungu, sondern auch die einzige Frau. Ich amüsiere und unterhalte mich prächtig. Da wird’s zwischen zwei Herren ganz schön streitig laut, keiner vermag die beiden zu dämpfen, der Lärmpegel steigt. Da klettere ich auf den Tisch, ein Fingerpfiff – verblüffte Stille. Ich halte eine Schämt-euch-Rede, es gibt Leute, welche nebenan schlafen wollen und überhaupt, was für eine unerzogene Saubande, smilesmile. Sie hält ein Weilchen (meine Rede), aber nur für Weilchen. Ich mache dann jeweils Anstalten, wieder auf den Tisch zu steigen, das genügt zur verschmitzten Verstummung…

Wehmut, das ist wahrscheinlich meine letzte Nacht im Majani; wie auch das letzte feine Chapati-Supu-Frühstück! Es wird mir immer präsenter, dass meine Zeit in Mwanza zu Ende geht – vorerst erstmal. Jetzt wartet aber Kiseke noch auf mich. Obwohl wir packen müssen, das Haus und für Bukoba. Tom ist nicht gerade eine Hilfe. Ich kann es ihm nicht verdenken, er kennt das nicht „richtig packen“; bisher hatten seine persönlichen Habseligkeiten in einer Tüte Platz. Aber jetzt, da hat sich in den letzten Monaten doch einiges angesammelt. Wie von Zauberhand stehen Gertrud und ihre Schwester Jessica vor der Türe. Klar, sie helfen beim Hausputz, danke ihr himmlischen Wesen! Im eigenen Zuhause waschen sie unzerbrechliches Geschirr und Kleider vor dem Haus, inside gibt es nur den gestampften Boden zu wischen. So fangen sie auch hier mit der Bodenwäsche an und müssen x-mal durch. Denn durch (mein) Reinigen der Fenster, meiner Kreidenmalerei an den Küchenwänden, der wenigen Flächen und dem Kühlschrank, wird dieser fortwährend wieder schmutzig.

Ich erinnere mich schmunzlend: Gertrud und Shem machen bei uns Pause. Zum frischen Chai (oder der heissen Schokolade) genehmigen sie sich eine Zigarette. Die Asche wie die Stummel landen wie selbstverständlich auf den Plattenboden. Tom hatte sich über den fehlenden Anstand geärgert. Ich nicht. Sie kennen doch sowas wie ein Aschenbecher gar nicht und machen es wie bei sich zuhause: alles auf den Boden werfen und danach wegfegen. Ich habe mich folgend in Mwanza-Town auf eine fast unendliche Suche nach etwas aschenbecherar-tigem gemacht (meine Kokosschale dafür war noch nicht genug getrocknet). Et voilà, ein kleines blickzwinkerndes Hinstellen vor dem nächsten Aschenfall – es klappt wunderbar!

Heute gibt Tom Gertrud etwas Geld fürs Reinigen. Sie besteht folglich darauf, bei ihr zu lun-chen. Sie geht voraus, wir folgen zwei Stunden später. Das Essen ist noch nicht soweit. Ich lache mit Gertrud, Tom diskutiert mit Shem. Dann werde ich aufgezogen „Tom hat reklamiert, dass es letzte Nacht kein sticky-sticky gab!“ Ha, gehts noch! „Also mein liebster Shem, das ist so: No Konyaki means sticky-sticky, but Konyaki means no sticky-sticky!“ Shem und Gertrud lachen Tom aus, dieser schmollt.

Nach den leckeren, knusprig gebratenen Keine-Ahnung-was-für-welche-Innereien, fährt Tom in die Stadt; Besorgung der Fährentickets, zeitlich wirds eng. Ich mache einen letzten sauberen Schlussstrich unter Josephines-Mietverhältnis. Und siehe da, geht doch, Tom ist zeitlich und nüchtern retour! Wir haben flugs noch Zeit, unsere Ware im neuen Haus zu deponieren, wenn wir denn dieses ausgemacht haben unter den 800 Häusern. Ein lachträchtiges Bild: der Pikipikidriver wie auch Tom sind vom Gepäck erdrückt und balancieren je noch ein offenes Becken mit Ware auf dem Kopf – wenn das nur gut geht…geht es! Und dann geht es nochmal: zur Nachtfähre. Meine letzte Reise innerhalb der Rock-Zone Lake Victoria. Ich will gar nicht daran denken. Anfangen Abschied zu nehmen tut weh. Aber zuerst geniesse ich noch jeden Tag, nein, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde auf afrikanischem Terrain!

Übrigens ist es Nsajigwa, welcher ausgezogen ist – aus Toms Haus. Mittsommerlich informierte er Mary, er müsse irgendwann im September für ein/zwei Monate nach Dar, seinen „anderen“ Projekte nachgehen. Hat er tatsächlich welche? Beim Haus entdecke ich in seiner (nun in unserer) Abfallgrube lauter grosser Fetzen Alufolien – ich schaue nicht genauer hin, geht mich ja nichts an. Erst im Nachhinein, zu spät, werde ich wunderlich. Suspekt. Der erste Gedanke, es könnten eingepackte Mahlzeiten gewesen sein, geht nicht auf, dafür werden doch die schwarzen Robby-Dogs gebraucht. Aber eben, geht mich ja nichts an. Mary ist froh, dass wir Nsajigwa durch seine eigen innizierte Reise loswerden. Wenn er denn anruft, dass er wieder zurückkommen kann – wovon wir mal nicht ausgehen, dass er das tut – wird sie ihm sagen, dass der Job an andere vergeben ist. Echt fies. Nein, es stimmt sogar: Wir haben zwei junge motivierte Männer gefunden, Leonce und Sifuni, die sich im Gegensatz zu Nsajigwa willkommen professionell ins Business stürzen.

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Legal! Endlich habe ich sie dann doch, nach vier Monaten „fighten“: meine Aufenthaltsbe-willigung Permition C – ab dem 2.8.2010! Ich Nachhinein kommt mir der Gedanke, ob es vielleicht einen Tick schneller gegangen wäre, wenn ich in die Tasche gegriffen hätte. Aber hat ja auch genützt, jeden Tag vor Ort zu nerven… Ich war also nur vier Wochen Sans-Papier. Und ausgerechnet Buchhalterin haben sie als meinen Job ausgesucht – das mir weltfremdeste Gebiet; dafür dürfte ich bis November bleiben – mal sehen 😉

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Da hauts mich vom Hocher, buchstäblich, wortwörtlich! Für die, die es noch nicht wissen. Oder besser es hat mich vom Hocker gehauen. „Lahalala – Eine die fliegt“ . Und ich weiss nicht mal was davon. Wie das? Zwei Tage nach Arusha. Aber zuerst kommt nochmals Kageye.

Also, wir sind am Dienstag zurück. Nach dem Flughafenhighlight freue ich mich, jegliche feuchte Ware in der Sonne auszulegen. Das Arusha-Wetter war wirklich eine Herausforderung für mich. Aber jetzt ist ja wieder gut! Am Mittwoch werden wir von Professor James Spillane, Father George und Delphine aufgeladen. Nsajigwa ist auch dabei. Ich ärgere mich ziemlich, dass er so tut, als wäre er zum ersten Mal bei den nun folgenden Ausflugszielen. Man müsste halt Geschichtliches nicht vergessen aufzuschreiben. Zuerst halten wir in Kayenze. Winfried Huber, ein scheinbar bisschen eigenbrödlerischer Missionar (was in dieser Abgeschiedenheit kein Wunder ist), lebt seit drei Jahren in diesem Parish. Er hat uns vergessen, darum noch nicht geluncht. Wir schlendern zwischenzeitlich zum Fischerhafen. Diesmal sind wir later dran, die Hafenaufseher sind bereits weg und ich kann ein paar Pics aufnehmen. Tom dealt dabei gerade unser Nachtessen aus, welches nun den ganzen Tag auf der Ladefläche unseres Pickup stumm vor sich hin glotzt (für CHF 2.- ein armlanges fettes Fischchen). Weiter nach Kageye. Nochmals zurück zu den Spuren Sir Henry Stanleys. Es ist interessant, was Winfried Historisches und Aktuelles ergänzt. Vorallem, dass der momentane Hüter des Areals wie-die-Made-im-Speck lebt. Es kostet Winfried einige Mühe, das historische Areal vor unnötigen Abholzungen und anderen krummen Geschäften zu bewahren. Ich werde ihm unsere glücksbringende Adresse von Dar-es-Salam nachreichen, damit dieser Platz offiziell unter Denkmalschutz gestellt werden kann, vielleicht kann er was erreichen. Es soll auffhören, dass die beiden Grenzbezirke so lange Staatsgelder hin-und her schieben, bis niemand mehr (offiziell) weiss, wo diese denn jetzt sind. Der Tag vergeht wieder viel zu schnell. Später die Restrückfahrt auf den Pikipiki ist recht illuster und amüsant: Ein Pikipiki für mich, eines für Tom und eines für den Fisch – VIPs! Zuhause in der Dämmerung zerlegt Tom den Blubber, frittiert die Filets und brodelt eine wunderbare Fischsuppe; dazu gibts obligates Ugali und jede Menge meiner geliebten Gemüsesorten, lecker. Toms Art mir danke zu sagen.

Ausschlafen und durch die Stadt touren. Shopping: Kleider für Tom, Küchenequipment, Bluetooth-Stick und etwas frische Marktware für mich und uns. Zum Zmittag zeigt mir Tom den Restaurantcorner in der Mitte des Marktes. Ich würde schätzen, von den fünfzehn offenen und gedeckten Essstätten sind Zweidrittel besetzt, die sehen teilweise schön schäbig aus. Tom stellt mir Mama Robi vor. In ihrem betonen Abteil gibts schmackhaften dunklen Ugali – quasi die gesunde Ausgabe des weissgeschroteten Originals. Die schlanke Mama Robi gefällt mir, sie strahlt etwas mütterliches und zugleich jugendlich freundinnenhaftes aus. Sie und ihre Mitfrauen an den Kochtöpfen lachen und staunen nicht schlecht, wie meine Anwesenheit Laufkundschaft auslöst „Eine Mzungu, eine Mzungu hier drin!“ Auf dem Heimweg stossen wir auf Rastamann Probster, ein Freund von Tom aus Bukoba. So bleiben wir noch ein wasserlang in der City. Probster ist 25 Jahre jung und zum ersten mal richtig verliebt. Er erzählt mir enthusiastisch bis in die allerkleinsten Details (auch diejenigen, die ich nicht gar hören will und die mich schon gar nichts angehen) von seinem Zusammenkommen mit Emily aus Dänemark; in drei Wochen fliegt er zu ihr.

Beim Eindunkeln entscheiden Tom und ich spontan im Villapark zu dinieren und etwas Musik reinzuziehen. Nach dem zarten Kuku mit ganz viel feinem und feinen Kohl, realisiere ich auf dem Grossbildschirm die WM-Eröffnungshow des FIFA-Worldcup. Wie ich diese geniesse – mit meinen persönlichen Stars wie beispielsweise Angélique Kidjo und Ahmadu&Mariem. Schon während der Show, danach definitiv, friere ich – bin mit kurzarm-T-Shirt und leichter Jeans nicht für die kühlen Nächte gekleidet. Auch hab ich mich nicht spirituosenmässig warmgehalten wie in Arusha. Nach der Übertragung möchte ich nach Hause. Tom will noch noch etwas Abtanzen, nur zu. Es ist sein letzter Abend in der Grossstadt, morgen geht es zurück zur Arbeit nach Bukoba. Er begleitet mich nach draussen. Zuerst beharrt er erfolglos auf einer überteuerten Taxi, dann notiert er sich zumindest die Mofa-Nummer, ein ganz junger Driver. Es ist bei weitem nicht das erste Mal, dass ich nächtens ein Pikipiki nehme, Autotaxen will und kann ich mir nicht leisten. Und dann, der Pikipiki ist der je langsamste. Die Asphaltstrasse ist unendlich und nach der Abzweigung spürt man nicht mal, dass es nur noch unebene Buckelpisten sind. Und dann… Dann…Wie lautet dieser Kapiteltitel…?…!…

…Und dann dümpeln wir so die Strecke entlang… Und… Und dann sind da aus dem Nichts die beiden hohen Scheinwerfer in Front! Ein Auto. Egal. Ooh, aber etwas sehr schnell. Auch egal. Aber oohhooo, auf unserer Seite!! Der Pikipiki versucht Richtung Gras auszuweichen und ich denke emotionslos „Zu spät“. Gleichdarauf ein Knall. Das Vehikel wischt uns mit voller Wucht weg. Einfach so, ohne zu Fragen! Eben, es haut uns vom Hocker. Ich erinnere mich nicht mehr daran.

Ich bin angeblich eine Viertelstunde komplett weggetreten. Beim Erwachen realisiere ich eine schattenhafte grössere Gestalt. Sie schüttelt mich. Liege ich, sitze ich? Ein männliches Gesicht auf english „Are you ok“? He? Pardon? „Are you ok?“ „Are you ok?“ Ich frage irritiert „Bist du schwarz oder scheint es durch die Nacht so? Ist es Nacht?“. Ich sehe nur unscharfe Grautöne. Wo bin ich? In Kiseke, hee? In Mwanza, heee, in Tanzania, wie bitte? Aha in Afrika, so. Ja was mache ich denn in Afrika? Mein Gegenüber kriegt langsam Panik; ich wieder Bodenhaftung. Keine Ahnung, was ich hier tue, warum ich hier bin. Meinen Namen kann ich ihm auch nicht sagen. Ich weiss, dass ich den Begriff „Name“ kenne, jedoch anfangen kann ich gerade nichts damit. Doch ein Gefühl sagt mir, ich muss hier sein, alles ist richtig so, ich gehöre hierher. Komisch. Ich bin auch ganz gelassen, vielleicht ein Schock.

Der Pikipiki-Driver liegt etwa zehn Meter von mir entfernt. Wimmernd wird er gerade auf eine Autoladefläche gehieft. Ich erinnere mich nicht, mit ihm (bis) hierhergekommen zu sein. Ich auf einem Pikipiki, was ist das überhaupt? Das davorne ist ein fremder Film. Und woher ich komme, mit wem ich unterwegs war? Frage mich bitte etwas, was ich beantworten kann – keine Ahnung, da ist … warte, da ist… Nichts. Einfach nichts. Andere Männer aus dem Dorf erklären Umar, dass ich seit zwei Monaten bei den PPF-Häusern wohne. Sie haben meine Sachen eingesammelt. Umar begleitet mich zu seinem Auto, wir wollen mein Daheim wiedererkennen (versuchen). Da weiss ich natürlich nicht mehr, dass die Siedlung aus ein paar hundert Häusern besteht, die alle gleich ausschauen und es ausser dem Himmelszelt kein Licht gibt. Im Scheinwerferlicht studiere ich teilnahmlos meinen Unterschenkelknochen. Umar siehts, „Eher Zeit fürs Spital.“ Warum, das ist doch interessant, schau mal. Umar verwirft die Hände. Er fragt zum xtem mal, woher ich den komme, mit wem ich unterwegs war, wer meine Bezugspersonen sind. Keine Ahnung, da ist eine Leere, wirklich, pole sana, sorry. Jemandes Idee ist gut, ich schaue im Natel auf meine letzten Anrufe. „Tom“ – und wer ist das bitteschön? Ich kann keinen in meinem Gedächtnis hervorkramen. Umar ruft ihn an, er ist gerade auf dem Nachhauseweg – mit einem Pikipiki. Er wird auf Halbweg aufgeladen.

Ich taxiere Tom aus den Augenwinkeln als einen, den ich vielleicht vom Sehen her kennen könnte, aber nicht als mehr, persönlich scheint er mir fremd. Umar hat ihn wohl von weitem über meinen Unwissensstand informiert. Tom steigt wortlos ein ohne mich zu bedrängen. Weiterfahrt Richtung City. Ich friere und bin orientierungslos. Aussteigen. Zwischenstation. Unbekanntes Gebiet. Wir müssen zur Polizei, denn ohne offizielle Meldung werde ich im Spital scheinbar nicht behandelt. Rein ins Revier. Kurz sehe ich nebenan eine humpelnde gestützte Gestalt. Oje, die Arme. Wie in einem Film ist sie: Sternenförmig blutüberströmt der Kopf, fleckig die Kleider, nicht gerade hübsch anzusehen. – Uiii, dämmerts mir später, das war ja ich in einem Sicherheitsspiegel Eingangs Polizeistation! Entgegen der bildlichen Annahme hat sie, also demnach ich, keine Schmerzen. Die Polizei diskutiert den Protokollpreis, den ich bezahlen soll. Umar erklärt, ich sei die Ehefrau von Tom und der Satz auf dem Papier „Andrea Claudia hatte am 11.6.2010, 01:00 Uhr einen Carcrash“ kostet mich: Nichts – wenigstens das ist Etwas!

Auf dem Weg in die Notaufnahme vom Bugandohospital kehrt mein Bewusstsein vollum-fänglich zurück. Ich werde so was von wach und stabil und realisiere für mein eigenes Ego froh, dass ich an diesem Tag keinen einzigen Tropfen Alkohol getrunken habe. Der blankge-legte Knochen sehe ich jetzt auch genauer, weh tuts immer noch nicht. Bereits weit vor dem Spitaleingang werde ich rührend in einen Rollstuhl verfrachtet und ab gehts in und durch die menschenleeren Gänge. Im Emergencyroom werde ich mütterlich umsorgt und von den anderen Notfallpatienten kritisch beäugt. Unzimperlich werde ich zuerst staub-, stein-, gras- und blutfrei gewaschen, eher geschrubbt. Ich kriege eine, nehm ich mal an, Entkrampfungs-spritze in den Oberarm. Ich denke sogar daran, vorher zu erwähnen, dass ich eine Penizillen-Allergie habe. Tom aber – Rollen vertauscht – der steht unter Schock, der kriegt gar nichts, kein Wort, kein Pieps heraus. Dafür sehe ich Tränen rollen. Mechanisch läuft er vermehrt zur Kasse und bezahlt vorgängig die anstehenden Prozedere. Ich möchte, dass er ein paar Fotos von mir macht, vielleicht brauche ich die für die Schweizer Versicherung. Er ist unfähig dazu, rührt sich nicht – bis auf die Weigerung, mir den Fotoapparat zu geben.

Ich friere saumässig, verlange nach einer Decke und kriege ein weisses Bettleinentuch zu-geworfen, immerhin. Dann werden mein Bein und Kopf geröngt, soweit hätte ich nicht ge-dacht. – Mann, ist das arschkalt im Röntgensaal. Ich denke, wenn ich sterbe, dann wohl der Kälte wegen. Ich bin eher in der Leichenhalle (das Tuch dazu hab ich ja schon). Ein Arzt nimmt sich die Röntgenbilder vor und ich sehe, wie ihm der Kiefer runterfällt. Er dreht und wendet und biegt die Bilder und weiss nicht, wie er sich verhalten soll. Was ist wohl los? Also dran ist der Kopf ja noch. Darf ich mal sehen? Nein! Aber es ist doch mein Kopf. Nein! Dem Arzt in sichtlich unwohl, als er mir schliesslich zögerlich die Bilder reicht: Mein Kopf hat zwei trop-fenförmige schneeweisse Kleckse anfangs Hals! Hahaha, Herr Doktor, dont Panic, das sind nur meine beiden Silberohrringe!

Vor dem Röntgensaal frage ich Tom, wo er das kleine Kamera- und Kartenetui hat; er ist immer noch nicht ansprechbar. Eine Nachtschwester kommt gelaufen und ich frage, ob ir-gendwas in der Notaufnahme liegengeblieben ist. „Nein“, kommt es aus der Kanone ge-schossen. Kein „was“ oder „ich werde nachschauen“. Nichts zu machen. Ich werde zurück in die Notaufnahme gerollt. Ich verlange von der Ärztin, dass ich beim Nähen nichts spüren will. Sie stüpft mich ganz schön unsanft oft ums Knie herum. Ich sitze auf einem Stuhl. Die Ärztin links, ein Arzt rechts, diskutieren sie vornübergebeugt, wie man mein Loch am Besten zunäht. Ich bemerke, ob ich vielleicht mein Bein auf die Liege vor mir legen soll. „Ndjio, ja, die Mzungu ist clever“. Gemächlich fangen sie mit zunähen an und legen mir die herausgeschnippselten Fleischfetzchen auf den Schoss. „Hey, Im not hungry. Und wehe, ihr näht nicht makellos, ich habe nächstens einen Termin als Schönheitsanwärterin zu bestehen, hihi…“. Mein Mundwerk funktioniert noch, also geht es mir gut. Zudem fühle ich mich gerade vollkommen relaxt. Am Kopf wird nicht getackert, ich kriege einfach einen hässlich freissen jodgetränkten Wattebausch draufgedrückt.

Während meiner Operation wird nebenan dem armen Pikipikidriver sein Bein gerichtet: Mittels einhämmernden Eisenstangen. Autsch! Umar läuft neugierig zwischen uns Hin und Her und Her und Hin und macht ein paar Mobilepics. Ich muss stillsitzend agieren: Tom ist aus seiner Letargie erwacht. Er will umgehend Mary anrufen. Es sei seine Pflicht. Sie müsse wissen, dass er versagt habe, mich zu beschützen. Ich muss ihn zurückhalten. Nein, du hast nichts falsch gemacht! Nein, nicht jetzt. Nein, morgen genügt auch noch. Das ist ein Kampf!! Nein Tom, lasse Mary schlafen! Nein Tom, du bist nicht schuld!!

Nebenbei finde ich das Prozedere beziehungsweise die Ausstattung der Notaufnahme sehr interessant. Schon etwas sehr antik die blechernen Utensilien und OP-Bestecke. Etwas unstabil scheint die Patientenliege vor mir. Und ich übersehe grinsend das krabbelnde Dingsda dem Wandboden entlang: eine fettes Spinnchen Fünflibergross. Das wundert mich nicht. Die Stockwerke des Bugondohospital sind vom Eingang aus gleichermassen nach unten und nach oben gebaut. Das Gebäude lehnt quasi an den Hügel an. Und dieser ist pflanzenmässig nicht gerade kahl… Ich nehme alles ganz wach und entspannt wahr. Tom murmelt nun un-unterbrochen „Es ist meine Schuld, meine Schuld“. Im Nachhinein glaube ich, hat diese Nacht einiges für seine eigene Zukunft ausgelöst. Das ganze Spitalspektakel in drei Akten dauert vier Stunden und beläuft sich auf umgerechnet enorme 32.- Schweizer Franken!!

Während der Rückfahrt genehmigen sich Umar und Tom ein Konyakchen. Ich brauch das nicht, ich schlafe zuhause auch ohne-mit sofort wunderbar tief ein. Tom läuft ohne meines Wissens zu Mary. Dafür nimmt er Soxs mit; der Hund habe ihn geradewegs zu ihrem Haus geführt. Merkwürdig, weder Hund noch Tom kannten den Standort. Mary und Pura und Jadida stehen um acht Uhr früh an meinem Bett. Ich rede da im Halbschlaf schon von mögli-cher Arbeit-von-Zuhause-aus und gebe Mary meine Statemantes für die heutige Sitzung mit. Mary geht’s nicht so gut, schliesslich meint sie, sie habe auf eine Weise die Verantwortung für mich zu tragen. Später erzählt sie den Leuten immer wieder, wie stark diese Mzungu ist, wird halb totgefahren, denkt nur ans Arbeiten und lacht weiter in die Tage hinein – „this incredible, taff and jolly one“.

Merkwürdig finde ich, dass ich bis jetzt und überhaupt auch inskünftig keine einzige Schmerztablette brauche; keine Kopfschmerzen, keine (Stich-)Nahtwehen, keine blauen Flecken-Auas, nicht mal die Schrammen-all-over mucksen Pain. Nicht dass ich Nichts fühle, dochdoch, es arbeitet schon, aber eben schmerzfrei. Einzig die ersten beiden Male für in die Stadt schlucke ich eine Halbe derjenigen Tablettchen, welche ich als Zugemüse bei Malaria nicht brauchte: sie entspannen die Muskeln. Ich denke, so in der Hitze lange zu Fuss unter-wegs schadet das nicht; mein Knie legt ganz schön an Volumen zu. Mein emotionales Gefühl: absolut stabil, habe enorm festen Boden unter den Füssen wie schon lange nicht mehr oder vielleicht sogar wie noch nie (bewusst). Nur der „Sinn“ des Ganzen, der ist mir nicht klar. Vielleicht soll ich aufhören, so viel Umherzurennen und zu Wollen, aber wenn Arbeiten doch nun mal Spass macht…!! Oder soll ich zurück in die Schweiz? Nein, dieser Gedanke kommt mir selber keinen einzigen Moment – auf diese Idee kamen nur die Anderen. Es ist wie es ist. Ich gehöre momentan einfach hier hin, dieses Gefühl trügt nicht.

Der Unfallverursacher: es war nicht Umar! Nein, er ist mein „Engel“, kam gerade vom Dart-spiel nach Hause und sieht da zwei Personen vor seinem Haus liegen… Wie wir später überall erfahren, ist der Übeltäter etlichen Leuten aufgefallen, so wie sein weisser Landrover durchs Village gepoltert sei. Leider meinen sie auch, dass es ein Auswärtiger war, wir ihn also nie „Wiedersehen“ werden. Dass er nicht angehalten hat (wenn er überhaupt was realisiert hat) ist sein Glück, er würde sonst– selfjustice – nicht mehr leben. Und als ich mal meine, jetzt werde der Pikipiki wohl seinen Job wechseln, heisst es chormässig „Vergiss es, jetzt erst Recht nicht mehr, jetzt ist er ein Professioneller!“. An der Unfallstelle, übrigens gleich nebem Greenpark, keinen Kilometer von mir Zuhause entfernt, hatten die Helfer mir mein Material eingesammelt. Bei der Neuware habe ich scheinbar nein gesagt „Gehört nicht mir“, die persönlichen Sachen habe ich bestätigt. Einzig wirklicher Verlust ist die Ricoh-Kamera, shit, die war leider nicht fallresistent. Gut hatte ich mich mit meinen Laptop so abgemüht, bis er (unter anderem) weiterhin die tägliche Übertragung der Pics auf einen externen Speicher akzeptierte, sonst hiesse es enormer Bilderverlust – unvorstellbares Disaster für mich! Ebenfalls weg ist das Kleinetui mit meinen Bankkarten und der Kleindigitalkamera. Toms liess es sich im Spital stehlen – ich tippe auf die Krankenschwester…

Den Unfall muss ich der Versicherung in der Schweiz melden. Meine Familie will ich infor-mieren, nachdem die Fäden raus sind und ich nach der Ruhephase spüren kann, wie es mir geht. Am 11. geschieht der Unfall, am 18. ist meines Vaters Geburtstag. Ich weiss, es sind alle meine Lieben versammelt, also anrufen und noch nichts erzählen. Während dem Num-merwählen klingelt es bei mir, meine Schwester. „Mambo, wie geht’s?“ Als Antwort höre ich nur Geschluchze! „Du hattest einen Unfall, dein Gesicht ist zerschnitten und zerstellt, du warst tagelang im Spital im Koma, …!“ Das ist ein gefühlter Peitschenhieb! Krass. Wie kann ich das bügeln? Nebendem, das der Inhalt nicht stimmt. Das tut weh, meine Schwester so weinen zu hören. Ich kann sie beruhigen, bleibe selber ruhig; Tom drückt still meine Hand. Meine Mutter will die Rega anheuern, mein Vater bleibt gelassen. Nach dem Telefon weine ich eine Runde. Also so war das ganz und gar nicht gedacht! Und zudem, was ist das für eine doofe Kuh, welche durch eine Bekannte aus meiner Grossfirma etwas erfahren hat und meiner ahnungslosen Schwester unvorbereitet eine sms schreibt, ungefähr so „Geht es deiner Schwester nach dem Horror-Unfall wieder gut?“

Spannend sind all die (fremden) Menschen die tags- und nachtsdarauf Zuhause vorbei-schauen. Als Krankengeschenke gibt’s hier Fanta und Gemüse. Luxusmässig bekomme ich sogar eine Tasse Milch – und das von einer jungen Familie, welche mich gar nicht kennt und selber alles andere als auf Rosen gebettet ist. Es sind Gertrud und Laurien, sie giessen täglich den Garten rund um das Haus. Eine andere junge Unbekannte wäscht mir alle Kleider – auch die, welche nicht nötig sind. Die Solidarität ist gewaltig und reicht von Kiseke bis in den 200‘000-Seelen-Mwanzastadtkern, wo mich Fremde ansprechen und ich Genesungswünsche bekomme! Und merkwürdig, Victa wie auch Hendry sagen mir später, sie hätten mich in diversen Spitältern gesucht, es hiess, ich sei stationär. Durch mein handicapiert-sein habe ich diese Tage das Glück, Klein-Mary unendlich anzuschauen. Jadida und Dixton, meine ken-yanischen Hausnachbarn, sind gerade Eltern geworden. Wunderschön vollkommen, dieses drei Tage alte Gottes-Geschöpf. Die friedliche Ruhe (mit sich selbst) gibt mir viel gesunde Gelassenheit. Abgesehen davon ist Jadida eine junge resolute Krankenschwester und hält meine Wunden nüchtern unter Kontrolle.

Der einzige Besuch der nicht kommt – obwohl wieder mal ein paar Tage anwesend – das ist Josephine, wen wunderts. Sie meidet jegliche Begegnung. Mir egal, ich weiss, sie weiss, dass ich sie menschlich schnell durchschaut habe. Sie ist eine, welche Leute zu ihren Zwecken manipuliert. Reden kann sie und blitzschnell neue Einwände zu ihren Gunsten drehen. Einen unserer Zusammenstösse war, als die Elektrizität nach meinen ersten drei Wochen nicht mehr lief (definitiv ein Leck). Sie weigert sich einen Fundi zu organisieren. „Du wohnst jetzt da und bist dafür verantwortlich“. „Nein Josephine, dein Vertrauenselektriker kam schon vor einer Woche, also sind das Garantiearbeiten“. Ohne das anstandsmässige „Hodi“ holt sie mich dann tagsdarauf laut an die Tür hämmernd aus dem Bett. Sie jammert, dass sie jetzt extra wegen mir x Termine absagen musste, nur um den Handwerker um vier Uhr morgens in Nyegezyi abholen zu können – wer es denn glauben will. Ich sage nichts und lasse den Typen werkeln. Eine halbe Stunde nur dauert die Reparatur, Josephine steht rum, ich arbeite am gechargten PC. Am Schluss meint sie zu mir, ich hätte ihr zugesagt, die offenen Monatsmieten August und September allenfalls mit solchen Reparaturen zu verrechnen. „Pole Josephine, ich habe bis und mit August bezahlt.“ Auf dem Absatz kehrt verlässt sie wortlos und türeschletzend das Haus.

Und dann „mein“ Tom: Dankeschön ehrlich, er bleibt orerst bei mir. Er geht nicht wie geplant zurück nach Bukoba. Ich darf – „muss“- das ist ein Befehl – mich verwöhnen lassen. Heute wäscht er mir draussen im Garten die Haare (wie ich das liebe), er massiert mir die Füsse und mästet mich nebenbei. Ich werde langsam richtig fett, der kocht aber auch zu gut, ideen- und erlebnisreich. Wie freitags als Beispiel, als ich bockte, jetzt will ich aber mal kochen: mir schwebte eine Bolognese vor (doch mal eine erste Pasta in Tanzania), aber Gehacktes gibt es nicht, dann also mit Pouletbrüstchen. Ja, ich warte an der Bushaltestelle (plaudere rechts und links), während Tom weiss, wo er die Filets her kriegt. Typisch – eine Stunde vergeht, und er kommt mit einem noch gackernden Huhn zurück! „Filets sind ausverkauft“. Ich meine, dann hätten wir auch fleischlos kochen können. „Nichts da, du hast Lust auf Pouletplätzchen, also kriegst du sie!“. Wohl versehentlich hat er hier ein Legehuhn ergattert: ein vollständiges Ei liegt in der legebereiten Startbahn und fünf immer kleiner werdende Eigelbe zur Vollendung bereit dahinter… Tom verwöhnt mich wirklich ganz schön; für mich ist es manchmal schwierig das anzunehmen – sonst bin immer ich diejenige, die für andere rumkurvt.

Diese Tage fällt mir an Tom etwas Eigenartiges auf: er kontrolliert in der Nacht lieber einmal zuviel, ob auch beide Haupttüren abgeschlossen und alle Fenster verriegelt sind. Und unter die Matratze legt er ein gefürchiges Stellmesser.

Einige meiner neuen Bekanntschaften hätte ich ohne diese dumme Unfallnacht nicht gemacht. Und es sind welche darunter, die mich in meinen Projekten super willkommen weiterbringen (demnach doch nicht kürzer treten?). Wunderschön ist, dass Gertrud und ihr Clan auch „meine Familie“ werden. Toll ist zudem die Entdeckung des Bananenblatthäuschen, wo man für vierzehn Rappen die WM-Fussballspiele sehen kann. Die Mzungu aus irgendwoher ist allbekannt, aber jetzt bin ich auch noch alleinige Frau unter den Fussballverrückten. „Mein Retter“ Umar ist ebenfalls ein Goldstück, wir treffen uns öfters auf eine Soda, zwei Bierchen, drei Konyagis, vier Zigarettchen, … in der Stadt oder im Greenpark.

Meine Schürfwunden all-over sind soweit schon recht schön verheilt. Auch die kleinen Risse rund um den Schritt – wie spagatmässig bin ich wohl geflogen… Und morgen sollen die Wundfäden raus – zwischen zwei Sitzungen mit Mary&Co bei SNV will ich kurz ins Bugando flitzen – flitzen, so schnell wie es halt eben geht. Andrea freut sich, dann langsam aber sicher wieder anfangen Tanzen zu können.

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in moshi, der cheibe kili-löli wollte sich einfach nicht persönlich vorstellen….bzw. die fiesen winterwolken liessen es nicht zu. jänu, war spassig, sozusagen „nur“ zum brunch nach moshi (zwei stunden hin, dreieinhalb zurück) zu fahren….

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The best souvenirs – no weight, no place to take with; but to spend and get happiest moments…

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Fights…fangen wir bei einem an, der vielleicht keiner war. An mary geburtstag dinnierten wir in der tunza-lodge, einem wunderbaren plätzchen am see gelegen für einen wunderbaren sonnenuntergang (wenn wir denn nichzt zu spät gewesen wären)… mary, pura, jadida und ich genossen ein znacht mit einem, nur einem glas rotwein, sodass mary als gewohnte biertrinkerin schläfrig geworden mitten auf dem nachhauseweg anhält und ich über die buckelpiste nach hause rumpelte. Ich weiss nicht, ob es ein kampf war, nicht einzuschlafen und mir das vertrauen zu schenken, alle drei schliefen seelig…
Dann genoss ich den himmlischen kampf am tag darauf: wenn sich wo der himmel zerfetzt, dann wohl in kiseke! Das donnern ist kein donnern mehr, der blitz muss auch neu benennt werden. Ich erwache durch herannahendes aufbauschen, horche und geniesse! Ich setze mich in die mitte des hauses und schaue auf allen vier seiten dem spektaktel zu. Die spektakel steht in keinem bisher gekannten vergleich. Das donnergrollen eine herrliche quadrophonie; die blitze so grellgelb, das ganze quartier ist erleuchtet, als hätte jedes haus tausend glühbirnen brennen, du musst die augen schliessen, solange leuchtet es!

dann, lege dich nicht mit polizistinnen an! Friedlich im dala-dala-sitzend richtung city „kontrolle“. Wie das, der „busguide“ hievt leute rein und kassiert irgendwann mal während der fahrt mittels handzeichen (250 schilingi, 18 rp, egal ob für eine minute oder eine halbe stunde fahrt), quittung gibts keine. Aha, nicht wir sind die schwarzfahrer, sondern der busfahrer. Er ist nicht für diese strecke vorgesehen, er hat in anderem hoheitsgebiet gefischt! So müssen wir uns alle einen anderen dala-dala suchen und die polizistinnen fahren mit dem ganzen sünderbus zur station…
herrlich amüsant war der daraus resultierende kampf zwischen zwei busguides, welche die mwzungu unbedingt in ihrem gefährt haben wollten. Echt wie zwei kleine jungs haben sie sich im gras gerauft – und als ich mich entschieden hatte, gingen die partie parolenmässig lautstark an den immer zeitgleich frequentierten halteplätzen zwischen den beiden weiter…

Dem scheinbar nicht genug, werde ich „opfer“ eines verrückten. In der einen strasse, wo schon der dieb hinter mir her war, nahm ich rechts von mir wohl unbewusst aber doch richtig eine total schwarz gekleidete, vollbartige, wuschelhaarige kreatur war. Und reflexrichtig duckte ich mich, als die faust kam! Eeehh, klingt es aus den marktfrauenmünder. Ich laufe etwas im zickzack über die ausgelegte ware und merke, wie er mir folgt und schattenboxmässig auf mich einprügelt! Komisches gefühl, auf diese art von fights kann ich verzichten… mein innerer kampf wird nun sein, diese strasse zu meiden, zwei winks sollten genügen…

Dann ist da der kaum begonnene schon gewonnene kampf –zumindest die erste runde. Mary und ich haben bei der tour mit father georgy ein bijou entdeckt, welches sich hervorragend als museum eignen würde – auch etwas, das mzwanza nicht hat. Nach unseren erkundigen hiess es, das gebäude aus der deutschen kolonialzeit sei verkauft, werde verkauft, soll abgerissen werden, wir hätten so oder so keine chance, blablabla. Ich packte mary, als wir mal ein meeting ausgefallen ist, um beim city council vorzusprechen. Der war ganz „offen“, und schickte uns an eine weitere adresse. Dort stiessen wir auch auf offene ohren und erhielten eine adresse für unser gesuch. Ich machte mary eine laaange liste, mit „warum-ein-museum“ und schrieb auch punkte auf, die als gegenargumente kommen könnten und meinte, wir müssen vorbereitet sein und dürfen nicht gleich alle pluspunkte darlegen. Durch dies kam ihr die idee, bei jemandem bekannten anzufragen, was dagegen sprechen könnte. Ha, sie wurde von ort zu ort verwiesen und jetzt wird das gebäude auf unser gesuch hin offiziell von dar-es-salam aus unter denkmalschutz gestellt werden!!! Neben dem, dass die nutzung für ein museum greifbar nahe ist!! Ha, so macht kämpfen spass!!!

Der bevorstehende ist der, wie schaffe ich es, den gewissen herren meinen brand für mwanza zu verkaufen – aber da bin ich zuversichtlich, wie auch, dass es wohl „bald“ die ersten postkarten von dieser wunderschönen gegend geben wird…! …Ich habe noch fünf monate runden zeit……….
Und heute abend? der definitiv schwerste kampf für eine frau überhaupt: gehe clubben ins villapark – also, was ziehe ich an??????

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